PS5 und Xbox Series X – Konsolen bestimmen die Zukunft des Gamings

Ich bin ein PC-Mensch. Zwar besitze ich vermutlich mehr Konsolen als der Durchschnittsgamer, aber auf PlayStation 5 und Xbox Series X verzichte ich vorerst, da mir das Upgrade meines PCs wichtiger war. Trotz aller Liebe zum PC, bin ich aber auch Realist: Die Konsolen bestimmen die Zukunft des Gamings.

Das ist jetzt keine bahnbrechend-neue Erkenntnis. Spiele werden schon seit mehreren Konsolengenerationen vor allem mit Augenmerk auf die Konsolen produziert. Interface und Steuerung sind darauf ausgelegt, auch ohne Maus und Tastatur zu funktionieren. Außerdem haben auf einer Konsole Millionen Spieler die selbe Hardware-Basis. Beim PC hat jeder ein anderes Setup und nur eine Randgruppe wirkliche High-End-Geräte.  

Dennoch gibt die neue Konsolengeneration auch PC-Spielern Grund zur Hoffnung. In den Konsolen steckt nämlich eine ganze Menge Power und neue Technologien, die einen größeren Schritt nach vorne bedeuten können, als bei der letzten Generation. Dass sich PlayStation 5 und Xbox Series X in vielen Punkten ähneln, ist dabei sogar ein Vorteil.

Das volle Potential der SSD dank Direct Storage

SSDs gibt es jetzt schon eine ganze Zeit. Der noch immer deutlich teurere Nachfolger der HDD-Festplatte ist zumindest für das Betriebssystem mittlerweile kaum wegzudenken. Die Zeit bis der Desktop da ist, scheint bei einem PC ohne SSD quälend lang, wenn man es selbst nicht mehr gewohnt ist.

Was Gaming angeht, so hält sich der Erfolg noch in Grenzen. Die kürzeren Ladezeiten sind cool, aber selten weltbewegend. Manche Spiele profitieren trotz gleicher FPS aber auch in der Spielqualität. Am stärksten fiel mir das im MMORPG Black Desert Online auf, da Charaktere in Städten nicht mehr erst aufploppen, wenn ich schon an ihnen vorbeigerannt bin. Trotzdem sind die Unterschiede meist sehr gering und rechtfertigen nur für wenige Spieler den Aufpreises zur alten HDD-Lösung.

Die neuen Konsolen können das ändern. Deren ultraschnelle SSDs reduzieren die Ladezeit um ein Vielfaches und haben noch stärkeren Einfluss darauf, wie schnell Daten im Spiel nachgeladen werden. Dadurch sind mitunter auch viel schnellere Bewegungsgeschwindigkeiten in Open World-Spielen denkbar, weil die SSD die Daten einfach viel schneller zur Verfügung stellt.

Möglich macht das weniger die Geschwindigkeit der SSDs selbst, sondern der direktere Zugriff. Der Speicherzugriff erfolgt mit weniger Umwegen und lässt mehrere parallele Ladeaktionen zu. Das kann in der Theorie auch der PC leisten, wenn auch nur mit neuen m.2-Karten und PCIe 4-unterstützenden Mainboards. Dieses Jahr hat Microsoft angekündigt, dass Direct Storage 2021 auch für Windows kommen soll und ich bin mir sicher, dass wir das den Konsolen verdanken, die das Feature endlich massentauglich machen.

Mit dem Direct Storage und dem Kampfpreis der Konsolen, könnten SSDs auf lange Sicht auch erschwinglicher werden. PC-Enthusiasten sollten die Konsolen also nicht komplett verteufeln.

Raytracing und DLSS und mehr

Auch wenn die SSD die größte Konsolen-Innovation ist, ist die Grafikkarte nicht weniger relevant. Konsolen bestimmen die Zukunft des Gamings auch, weil sie den Grafikstandard vorgeben. Und auch die Grafikkarten der neuen Konsolen haben es gewaltig in sich.

Die Grafikkarte der PlayStation 5 wirft  mehr als 10 TeraFLOPs in den Ring. Das ist eine Einheit für Rechenoperationen pro Sekunde. Damit schafft die neue Konsole fünf mal so viele Rechenoperationen, wie die PlayStation 4 und mehr als doppelt so viele wie die PlayStation 4 Pro. Die Xbox Series X kann sogar noch mehr Grafikpower für sich verbuchen. Damit befindet sich die Leistung im unteren High-End-Bereich, was beim Preis der Konsolen echt stark ist.

Diese Leistung wird aber auch benötigt, da die neuen Konsolen am Ende auch 4K-Grafik bei 60 oder sogar 120 Bildern pro Sekunde flüssig auf den Bildschirm zaubern sollen. Dabei sollen beide Konsolen auch fähig sein, die neue Raytracing-Technologie zu nutzen. Mit dieser werden realistische Lichtstrahlenberechnung für beispielsweise Schatten, Reflektionen oder diffuse Beleuchtung genutzt. Raytracing haben wir übrigens in diesem Artikel genauer erklärt.

Die Grafikkarten punkten aber nicht nur durch ihre im Vergleich zu aktuellen PC-Modellen sehr soliden Leistung, sondern bringen auch Features mit, um die Leistung effizienter zu nutzen. Neue Technologien wie Variable Rate Shading und ein neuer Mesh-Shader sollen einige Performance-Vorteile mit sich bringen.

Grafikkarten-Hersteller AMD arbeitet außerdem auch an einem Gegenstück zu Nvidias DLSS. Damit werden Bilder in niedrigerer Auflösung gerendert und das Bild durch eine KI auf die höhere Auflösung hochgerechnet. Das funktioniert bei DLSS 2.0 mittlerweile so gut, dass oft sogar ein besseres Bild geliefert wird – bei bis zu doppelt so vielen Bildern pro Sekunde. Ein absoluter Game-Changer! Wenn AMD ein ähnlich gutes KI-Upscaling hinbekommt, könnte auch Nvidia davon profitieren, dass es immer mehr Spiele nutzen.

Das Ende des stationären Handels

Ich weiß nicht, ob es euch auch so geht. Die letzten Jahre spürte ich besonders stark, dass der stationäre Handel immer unwichtiger für Videospiele wird. Vor allem auf PC sind dank Steam, Epic Store und diverser Keyseller die Spieleabteilungen bei Elektronikhändlern richtig verkümmert. Die mittlerweile schlechte Auswahl und wenig bemühte Präsentation führte dazu, dass ich selbst noch weniger Grund sah, für meine Spiele, die ich eh alle bei Steam und Co registriere, noch in die Bahn zu steigen. Die Lust ist schon mit dem Wegfall von Anleitungen zum Schmökern nach und nach vergangen.

Mittlerweile setzen auch die Konsolen kräftig nach. Lange Zeit hatte der stationäre Handel noch den Vorteil, dass die Preise in den jeweiligen Stores der Konsolen für das rein digitale Spiel mit der UVP oft höher waren als die Version im Handel, bei der man auch noch was in der Hand hielt. Doch der Markt wandelt sich. Schon die letzte Generation profitierte stark davon, dass die kostenpflichtigen Abos für die Internetleistungen der Konsolen jeden Monat mit kostenlosen Spielen für Abonnenten lockten.

Jetzt nehmen sich die Konsolen Netflix und Co als Vorbild. Damit meine ich weniger das Streaming wie bei Google Stadia, sondern Abo-Services mit denen man im Abo eine riesige Spielebibliothek bekommt. Wir haben beispielsweise den Xbox Game Pass getestet und waren erstaunt, wie viele großartige Spiele enthalten sind und vor allem, dass sie zum Teil direkt zum Release in den Game Pass kommen. Auch Sony hat mit PlayStation Now ein gleichwertiges Angebot.

Sind in der letzten Generation das laufwerklose Konzept oder ein Always-On-Modell gescheitert, hat es nun endgültig seine Daseinsberechtigung. Selbst als Multimedia-Gerät brauchen Konsolen durch die Streaming-Dienste nicht mehr zwingend DVD und Blu-Ray. Die PlayStation 5 Digital Edition ist daher mit gleicher Leistung für 100 Euro schon sehr attraktiv geworden.

Darum könnte sich der Fortschritt noch hinziehen

Die neue Konsolengeneration klingt vielversprechend und die neuen Konsolen bestimmen die Zukunft des Gamings. Trotzdem bedeutet es nicht, dass sich ab sofort alles ändert. Der Generationenwechsel ist ein fließender Prozess und viele Spiele werden sowohl für die alte, als auch für die neue Generation erscheinen. Schließlich wollen Entwickler auch die Spieler mitnehmen, die noch keine neue Konsole haben. Und natürlich auch für PC-Spieler mit schwächerer Hardware.

Mit den alten Konsolen im Gepäck können Spiele jedoch nicht das volle Potential der neuen Konsolen ausreizen. Die Basis der Spiele muss auf allen Geräten funktionieren und erst danach kommen zusätzlich Features der neuen Konsolen hinzu. Spiele können also nicht von vorn herein auf Basis von Raytracing oder schnellen SSDs entwickelt werden, sondern müssen so aufgebaut sein, dass sie auch auf einer HDD-Festplatte und ohne Raytracing funktionieren.

Wird die Xbox Series S zum Ballast?

Darum könnte auch die Xbox Series S zum Problem der neuen Generation werden. Es ist nicht unüblich, dass eine Konsole entweder eine leistunggstärkere oder leicht abgespeckte Variante bekommt. Die Xbox Series S ist jedoch signifikant langsamer als die Xbox Series X. Sollen künftige Spiele auch auf der Series S laufen, müssen auch reine Next-Gen-Titel darauf achten, dass es auch auf der Xbox Series S funktioniert.

Zwar behauptet Microsoft, dass die Xbox Series S kein Bremsklotz für die neue Konsolengeneration ist, aber einige Entwickler haben dennoch bedenken. So äußerte sich Quantic Dream-CEO David Cage gegenüber wcccftech: „Wenn ein Hersteller zwei Konsolen mit unterschiedlichen Spezifikationen anbietet, ist die Chance groß, dass die meisten Entwickler sich auf die leistungsschwächere Konsole fokusieren, um zwei unterschiedliche Versionen zu vermeiden. Ich muss gestehen, dass ich kein großer Fan dieser Situation bin. Ich denke es verwirrt Entwickler, aber auch Spieler, und obwohl ich die kommerziellen Gründe für diese Wahl verstehen kann, finde ich die Situation fragwürdig.“

Konsolen bestimmend die Zukunft des Gamings – Entwickler müssen aber mutig sein

Auf dem Papier könnte uns eine rosige Zukunft des Gamings erwarten. 2020 endet mit einem richtigen Feuerwerk was Hardware angeht. Wir haben 2 Konsolen, die überraschend stark ausgestattet sind. Beide haben eine Menge Grafikpower und setzen mit AMD auf den gleichen Hersteller. AMD ist sowieso am erstarken und kann nicht nur bei Prozessoren, sondern auch bei Grafikkarten langsam wieder Paroli gegen die Marktführer bieten. Endlich wieder eine Konkurrenzsituation, die uns als Spielern am meisten bringen sollte.

Außerdem setzen beide Konsolen auf eine leistungsstarke SSD und sind darauf aus, die Vorteile des Flash-Speichers endlich mal auszureizen. Das könnte SSD endlich zum neuen Standard machen, da wir eine riesige Spieler-Basis bekommen, die endlich die Technoligue besitzen. Ich bin auch fest der Überzeugung, dass Blu-Ray sich nicht durchgesetzt hätte, wenn die PlayStation 3 nicht dafür gesorgt hätte, dass plötzlich ganz viele kompatible Geräte existierten.

Nur leider wurde die DVD selbst jetzt noch nicht völlig verdrängt und ähnlich könnte es auch der SSD ergehen. Nur im Gegensatz zur DVD wirft es die Spiele als ganzes zurück, solange neue Spiele weiter Rücksicht auf alte Konsolen und schwächere PCs nehmen. Hier ist schlicht der Mut der Entwickler gefragt. Sicher nicht dieses und kommendes Jahr. Aber irgendwann müssen vor allem die größeren Entwickler sich trauen, neue Technologie als Basis zu nehmen. So lange die SSD nicht vom Spiel vorausgesetzt wird, wird sie nicht viel mehr bringen, als Ladezeiten zu reduzieren. Sie wird so aber keine neue Spielerfahrung ermöglichen.

Grundsätzlich sind alle Zutaten da und sie warten darauf eingesetzt zu werden. Die Konsolen bestimmen die Zukunft des Gamings, doch auch High-End-PCs haben deutlich mehr drauf, als aktuell noch zugelassen wird. So schön die neuen Boliden auch sind, die PS wollen auch auf die Straße gebracht werden.


Image by solidmaks via stock.adobe.com

Stefan Reismann

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, entdeckte dann aber vor allem die inhaltliche Seite für sich. Nun schreibt er für die Netzpiloten und betreibt nebenher einen Let's Play-Kanal, auf dem reichlich gedaddelt wird.


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