Kinder begeistern für IT und Programmierung – Julia Freudenberg von der Hacker School im Interview

Als CEO der Hacker School steht Julia Freudenberg an vorderster Front, wenn es um die Bildung von Kindern und Jugendlichen im Bereich Software Programmierung geht. Gemeinsam mit ihrem Team und Experten von außerhalb stellt sie Workshops und Lernprogramme für junge Menschen auf die Beine, um sie für die Welt der Programmiersprachen zu begeistern. Dabei geht es nicht nur um das Wecken von Interesse für das Fachgebiet, sondern um das Entfachen von Begeisterung und die Schulung medialer Kompetenzen bei der nächsten Generation von Usern. Ganz nach unserem Geschmack!

Hallo Julia, danke dass du dir die Zeit für ein Interview mit uns nimmst. Du bist CEO der Hacker School. Was ist die Hacker School und welche Idee steckt dahinter?

Sehr gern! Als erste hauptamtliche Mitarbeiterin und Geschäftsführerin der Hacker School durfte ich viele Prozesse anstoßen, die das heutige Wachstum überhaupt erst ermöglicht haben. Die großartige Idee der Hacker School als solches ist aber bereits 2014 entstanden, also drei Jahre, bevor ich die Leitung übernommen habe.

In der Hacker School begeistern wir junge Menschen für das Programmieren und zwar durch den direkten Einbezug von Unternehmen, die uns Räumlichkeiten und Kontakte zu IT-Fachleuten zur Verfügung stellen. Dort nehmen wir dann zwei ITler und 10 Kinder und lassen sie ein Wochenende lang – darf ich das so sagen?- „geilen Scheiß“ machen. Es geht nicht darum, ein bestimmtes Curriculum zu erfüllen, sondern viel mehr darum, dass die Augen der Kinder leuchten. Dass sie begreifen, „dass kann ich auch“ und ihre eigene Selbstwirksamkeit erleben können. Unsere Vision ist es, dass jedes Kind einmal programmiert haben soll, bevor es sich für einen Beruf entscheidet – und, dass es ein Verständnis davon kriegt, was eigentlich die DNA der digitalen Welt ist und wie die Steuerungsmechanismen funktionieren. Damit kann es sich viel besser orientieren und zu einem mündigen jungen Menschen heranwachsen.

Euch gibt es jetzt seit 2014. Was hat sich bis heute verändert? Wo habt ihr dazu gelernt?

Oh, wir lernen jeden Tag dazu, ohne Frage. Einer der wichtigsten Punkte überhaupt war und ist, dass man sich selber wirklich klar darüber sein muss, was man genau erreichen möchte – und wenn wir unsere Vision, dass wirklich jedes Kind einmal programmiert haben soll, wirklich ernst nehmen, brauchen wir auch Sonderprogramme wie die GIRLS Hacker School um Mädchen und Frauen sowie die Hacker School PLUS für sozioökonomisch benachteiligte junge Menschen. Trotzdem müssen wir immer darauf achten, dass wir alles handlebar halten, wir sind ja bisher noch ein sehr kleines Team. Wir haben gelernt, dass wir unser klares Alleinstellungsmerkmal des Brückenbauens zwischen Unternehmen und jungen Menschen für deren informatorische Grundbildung immer und überall in den Mittelpunkt stellen müssen – damit können wir wirklich viel erreichen.

Werden Informatik, Programmieren und technisches Verständnis nicht auch in den Schulen unterrichtet? Woran fehlt es im Schulunterricht deiner Meinung nach?

Nun ja. Es gibt sicher erste gute Ansätze, die aber weder schulform- noch jahrgangsübergreifend angeboten werden. Die Schule hat hier u.a. die große Herausforderung, dass es wenig überzeugende Argumente für ITler gibt, statt in die Wirtschaft eben in den Schuldienst zu gehen. Laut einer aktuellen Studie der Telekom-Stiftung liegt die Bedarferfüllungsquote in NRW für IT-LehrerInnen bei mageren 25%. Da ist noch ne Menge Luft. Schwierig ist aber hier inbesondere, dass wir die Zeit nicht mehr haben. Wenn wir unsere Jugend zu auch digital mündigen Mitbürgern erziehen wollen, haben wir nicht die Zeit, auf das Schulsystem zu warten. Ein Tablet im Unterricht allein ist kein Garant für ein weitergehendes Verständnis digitaler Zusammenhänge. Daher sind wir meines Erachtens nach notwendigerweise auf die Unterstützung der Unternehmen angewiesen, um hier unsere Jugend mit dem notwendigen Wissen, auch für eine potentielle Arbeitsmarktteilnahme zu versorgen.

Digitale Medien sind omnipräsent, gerade in den jüngeren Generationen. Haben jüngere Generationen deshalb automatisch eine höhere Medienkompetenz oder siehst du Mängel?

Ein Gerät zu benutzen ist bei weitem nicht das Gleiche wie ein Gerät zu beherrschen. Ja, im Anwenden sind die jüngeren Generationen große Klasse – aber im technischen Verständnis sowie in notwendigen Problemlösestrategien gibt es sehr große Lücken und teilweise leider auch große Berührungsängste.

In der Hacker School geht es ums Lernen, was ist deiner Meinung nach das wichtigste beim Lernen von neuen Dingen?

Oh, das ist eigentlich meine Lieblingsfrage. Für mich ist der Schlüssel zum Lernen immer Begeisterung und Neugier. Wenn wir sehen, wie Kinder die Welt entdecken, kommen wir Erwachsenen immer wieder ins Staunen. Es heißt ja, dass man die Welt durch die Augen seines Kindes neu entdeckt. Wir sehen das auch bei unseren Inspirieren, wie wir die ITler immer nennen: dadurch, dass sie Kindern und Jugendlichen Zugang zu einer für sie neuen Welt gewähren, erhalten sie wiederum Zugang zur kreativen Kraft und Begeisterung der Teilnehmenden. Wir sehen am Ende von Hacker School Wochenenden immer leuchtende Augen – sowohl bei den Kids als auch bei den Erwachsenen. Ein Kind beim begeisterten Lernen begleiten zu dürfen ist ein großes Geschenk.

Was war die letzte Sache, die du ganz neu gelernt hast? Wie gehst du an das Lernen neuer Dinge heran?

Die letzte Sache? Ich hatte heute wieder ein Gespräch, in dem ich bestätigt bekommen habe, dass man „NEIN“ nie als Antwort akzeptieren sollte. Neben den ganzen inhaltichen Punkten, die ich neu lernen darf, die das Funktionieren des Stiftungsmarktes oder die politischen Zusammenhänge auf unterschiedlichen Ebenen, lässt sich mein größtes Learning der letzten Jahre ganz gut in einem etwas unsauber zitierten Zitat wiedergeben: wenn eine Aufgabe nicht so groß ist, dass Du nicht wenigstens ein bisschen Angst davor hast, dann lass es sein – die Aufgabe ist dann nicht groß genug. Go big or go home. Das erfordert immer wieder Mut, auch unsichere Phasen auszuhalten. Aber wenn man weiß, wofür, dann lohnt es sich unbedingt.

Wir finden die Idee der Hacker School toll. Wie kann man sich beteiligen? Als Unternehmen oder auch als Privatperson?

Wir können jede Unterstützung, sei es mit Zeit oder fiananziell, sehr sehr gut brauchen. Wir suchen immer Unternehmen und Inspirer, welche sich für unsere Mission begeistern und ebenfalls junge Menschen für die Welt der IT begeistern wollen. Um unser Ziel zu erreichen, dass wir spätestens 2023 in der Lage sind, über 100.000 Kids pro Jahr Deutschlandweit zu erreichen, sind wir aber auch dringend auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Damit können wir unser kleines Team erweitern und weitere Unternehmen darin unterstützen, ihren Beitrag zur digitalen Bildung unserer Jugend zu leisten.

Und wie kann man als Teilnehmer bei euch mitmachen?

Einfach auf die Website gehen (www.hacker-school.de), einen Kurs aussuchen und sich dort einen Platz buchen. Gern auch die beste Freundin mit bringen und weitererzählen. Sollte es in der Stadt, wo Ihr mitmachen wollt, noch keine Hacker Schools geben, meldet Euch bei uns – dann versuchen wir, zeitnah zu Euch zu kommen. Sobald wir ein Unternehmen gefunden haben, dass sich engagieren möchte, geht’s los.

Danke Julia für das tolle Interview ;) Dir und der Hacker School wünschen wir auch weiterhin viel Erfolg!

Moritz Stoll

studiert Medieninformatik an der HAW und ist Teil der Netzpiloten-Redaktion. Nebenbei arbeitet er als freiberuflicher Programmierer. Die Digitale Welt ist für ihn ein Ort voller Möglichkeiten und spannender Technologien, um damit Neues zu erschaffen und ganz viel auszuprobieren.


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