Google Pixel 4 im Test: Winken und Lächeln

Googles Pixel-Modelle sind stets ein Schaufenster dafür, was sich der Tech-Konzern als optimale Android-Hardware vorstellt. Im Google Pixel 4 (XL) setzt er erstmals auf einen Radar-Chip, der die Bedienung durch Winke-Gesten erleichtern soll. Die Liebsten mit guten Fotos zum Lächeln zu bringen, spielt auch eine große Rolle. Diesbezüglich bricht Google mit alten Denkmustern und vertraut nun auch lieber auf eine Dual-Kamera statt einer einäugigen Aufnahmeeinheit. Gezoomte Bilder und Porträts sollen dadurch besser aussehen. Trotz neuer Hardware spielt Künstliche Intelligenz weiterhin eine große Rolle, unter anderem bei einer automatischen Verschriftlichung von Audio-Aufzeichnungen. Ist Googles Vorzeige-Modell damit eine Android-Referenz für andere Smartphone-Hersteller? Das wollte ich wissen und hatte daher das Google Pixel 4 im Test.

Design: Purist mit Denkerstirn

Als Freund puristischen Designs spricht mich die Optik des Google Pixel 4 im Test an. Statt einer zweifarbigen Rückseite wie noch beim Pixel 3a (Test), setzt Google nun auf eine ebenmäßige Oberfläche. Sie wird nur vom Kamera-Modul unterbrochen. Abgesehen vom weißen Power-Knopf wirkt das schwarze Gehäuse meines Testexemplars fast wie ein monolithischer Block. Einziger Dorn im Auge: Anders als bei der weißen und orangen Variante ist die Glasrückseite nicht matt, sondern macht Fingerabdrücke und anderen Schmutz leicht sichtbar. Wasser und Staub lässt das Gehäuse dank des IP68-Schutzes aber nicht durch.

Mit zierlichen Maßen von 68,8 x 147,1 x 8,2 mm und einem moderaten Gewicht von 162 g erweist sich das Google Pixel 4 im Test als Handschmeichler. So kompakte Smartphones gibt es kaum noch. Es hätte sogar noch kleiner ausfallen können, wenn Google dem Gerät nicht eine derart hohe Denkerstirn über das Display modelliert hätte.

Google Pixel 4 Design
Die Rückseite ist ebenmäßig, nur die Kamera unterbricht das Design. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Display: Geschmeidiger scrollen mit 90 Hz

Insbesondere wegen des breiteren oberen Rands erweckt das 5,7 Zoll große Display des Google Pixel 4 im Test nicht diesen grenzenlos anmutenden Eindruck der aktuellen Android-Geräte von Samsung und Huawei. Abgesehen davon, ist rein gar nichts an der Darstellungsqualität auszusetzen. Mit Full HD+ und einer Pixeldichte von 444 ppi bildet der Monitor das Geschehen knackscharf ab. Das OLED-Panel sorgt für kräftige, aber nicht zu übertriebene Farben. Zwar ist es nicht das hellste unter den Top-Geräten im Android-Lager, lässt einen Außeneinsatz aber mühelos zu.

Von der Masse hebt das Google Pixel 4 im Test die besonders hohe Bildwiederholungsfrequenz von bis zu 90 Hertz ab. „Smooth Display“ nennt Google die Technik, die ein deutlich geschmeidigeres Scrollen durchs Menü und Web ermöglicht. Wer seinen Augen etwas Gutes tun möchte, aktiviert diese Funktion in den erweiterten Displayeinstellungen. Standardmäßig ist sie nämlich ausgeschaltet, weil sie mehr Energie verbraucht.

Google Pixel 4 Display
Scharf, brillant und hell genug ist das Display des Google Pixel 4 im Test. Angenehm beim Scrollen ist die Bildwiederholungsfrequenz von 90 Hertz. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Kamera: Viel Künstliche Intelligenz und ein bisschen mehr Optik

Ohne gute Software wäre aus der miniaturhaften Kamera-Hardware moderner Smartphones nicht eine immer bessere Bildqualität herauszuholen. Google ist in Sachen Foto-Software ganz weit vorn, verlässt sich aber nicht mehr allein darauf. Dem Trend zu Multi-Kamera-Einheiten folgend, stecken auf der Rückseite des Google Pixel 4 nun zwei Sensoren und Objektive und damit doppelt so viele wie in Vorgängermodellen.

Dual-Kamera für hybriden Zoom

Die verdoppelte Hardware-Basis soll die Bildqualität beim Zoomen verbessern. Bisher wirkte Google Schärfeverlusten allein durch Bildverbesserungsalgorithmen entgegen. Hingegen das Google Pixel 4 kombiniert optischen und digitalen Zoom. Dafür stellt Google der Standardweitwinkel-Kamera (F1.7, 16 MP) eine leichte Tele-Kamera (F2.4, 12,2 MP) mit zweifacher Vergrößerung zur Seite. Gezielt auswählen kann ich es beim Google Pixel 4 im Test nicht. Stattdessen verkleinere ich den Bildausschnitt mit der Fingerzangengeste oder mit einem Schieberegler maximal um den Faktor 8. Der Regler erscheint nur, wenn ich das Display einmal antippe. Das Fotografieren soll möglichst wenig technisch anmuten. Daher nimmt Google Nutzern vieles aus der Hand.

Google Pixel 4 im Test Dual-Kamera
Statt einer sind jetzt zwei Kameras auf der Rückseite eingebaut. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Und wie sehen die Ergebnisse aus? Trotz hybriden Zooms ist die Schärfe bei bis zu dreifacher Vergrößerung außerordentlich gut. Darüber hinaus kann sie aber mit einem optischen Zoom nicht mithalten. Das Fünffach-Tele beispielsweise des Huawei P30 Pro ist überlegen. Dennoch ist die Dual-Kamera ein Gewinn.

Auch für den Porträtmodus bietet sie Vorteile. Weil nun zwei Einheiten den Abstand zum Motiv messen, lässt es sich präziser mit künstlicher Unschärfe freistellen. Dadurch gelingt es der Software, Objekte auch auf größerer Entfernung vom Hintergrund zu unterscheiden. Umgekehrt ist die Nahdistanz im Porträtmodus auf etwa zehn Zentimeter geschrumpft. Dadurch lässt sich die Bokeh-Simulation auch bei Makroaufnahmen von Blumen anwenden. Bei anderen Geräten ist die Reichweite, in der die Software Bokeh errechnen kann, viel eingeschränkter. Generell ist die Bokeh-Simulation sehr gut und kommt auch mit schwierigen Fällen wie Haar und Fell klar.

Leichter manuell belichten und nachts fotografieren

An anderer Stelle bohrt Google die Kamera-App nicht mit Hardware, sondern rein mit Software auf. Praktisch sind die neuen dualen Regler zur Belichtungskorrektur. Dadurch lassen sich die Helligkeit des gesamten Bildes und der Schatten getrennt regulieren. Das ist prima in Hochkontrastsituationen. Dort gelingt es der automatischen Belichtung, Details in dunklen Bildbereichen besser zu bewahren als in hellen. Darum empfiehlt es sich, die Belichtung zu verringern und die Tiefen aufzuhellen. Insgesamt aber kommt das Google Pixel 4 im Test mit extremen Helligkeitsunterschieden gut klar. Wie das fertige Foto aussieht, erkennen Nutzer jetzt sofort und nicht erst nach der internen Bearbeitung. Live HDR+ nennt Google diese Technik.

Ein Update gibt es auch für Googles Nachtmodus, der ohnehin schon einen guten Ruf hat. Indem er mehrere Bilder aufnimmt und intern verrechnet, ermöglicht dieser Betriebsmodus auch bei sehr wenig Licht noch scharfe Aufnahmen. Dafür braucht man das Gerät nicht auf ein Stativ zu stellen. Tut man es doch, merkt der Bewegungssensor des Google Pixel 4 das und verlängert die Belichtungszeit im Nachtmodus auf bis zu vier Minuten. Das erleichtert die Astrofotografie, bei der Sterne am Nachthimmel klar und ohne Nachleuchtspuren abgebildet werden. In der Praxis nachvollziehen konnte ich das im wolkenverhangenen Stadthimmel über Hannover aber noch nicht.

Bei der Bildverbesserung im Hintergrund setzt Google auf maschinelle Lernverfahren der Künstlichen Intelligenz. Die KI erledigt einen guten Job. Die Bildqualität des Google Pixel 4 überzeugt durch natürliche Farben, einen hohen Dynamikumfang und eine in der Regel gute Belichtung – sowohl bei gutem als auch bei schlechtem Licht. Zaubern kann aber selbst Google nicht. Daher schnellt das Rauschen in dunklen Bildbereichen bei Nachtaufnahmen erstaunlich rasch in die Höhe. Bei der Nachbearbeitung sollte man die Tiefen lieber nicht zu sehr aufziehen.

Galerie: Fotografieren mit dem Google Pixel 4 im Test

Bedienung: Winke, winke

Das Smartphone zu steuern, ohne es zu berühren – daran haben sich schon mehrere Hersteller vergeblich versucht. Zuletzt LG beim G8S ThinQ. Jetzt probiert Google ebenfalls eine Gestensteuerung aus. Die funktioniert, ist aber nur eingeschränkt alltagstauglich.

Handbewegungen erkennt ein Radar-Chip auf der Vorderseite des Geräts. Dafür hat Google diesen ungewöhnlich breiten Rand an der oberen Kante reserviert. Wenn ich in der Luft über dem Google Pixel 4 im Test von rechts nach links wische, aktivere ich in einer Musik-App das nächste Lied, umgekehrt das vorherige Lied. Klingelt das Telefon oder der Wecker, kann ich das Smartphone mit einem Wisch in eine beliebige Richtung stumm schalten.

Google Pixel 4 im Test Motion Sense
Motion Sense nennt Google die Technik, bei der ein Radar-Chip Wischbewegungen in der Luft erkennt und dann das Gerät steuert. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Das war’s. Mehr Funktionen hat das Radar im Pixel 4 noch nicht drauf. Klappt das zuverlässig? Ja. Verwende ich die Gesten häufig im Alltag? Nein. Insofern ist die Gestensteuerung als Ausblick auf die Zukunft zu verstehen, in der Google hoffentlich noch mehr Funktionen nachliefert.

Sicherheit: Mit Gesicht statt Finger entsperren – sogar im Schlaf

Auf einen Fingerabdrucksensor verzichtet Google im Pixel 4. Wer keine PIN eingeben will, entsperrt das Gerät per Face Unlock. Ein Infrarot-Sensor auf der Front macht dies zu einer sichereren Angelegenheit, als wenn das Gesicht nur mit einer Kamera gescannt würde. Jedenfalls kann ich das Google Pixel 4 im Test nicht mit einem Foto überlisten. Perfekt ist die Lösung aber keinesfalls. Die Software entsperrt das Gerät derzeit nämlich auch, wenn ich die Augen geschlossen habe. Diesen von der BBC entdecken Bug kann ich in der Praxis nachvollziehen. Jemand Unberechtigtes könnte mir das Gerät vors Gesicht halten, wenn ich im Zug ein Nickerchen halte. Google weist auf einer Hilfeseite darauf hin und empfiehlt, das Gerät an einem sicheren Ort aufzubewahren.

Software: Android 10 mit Audio-Transkription in Echtzeit

Als eines der ersten Smartphones erscheint das Google Pixel 4 mit Android 10. Wer zu dem Modell greift, erhält das pure Android ohne Oberfläche eines anderen Herstellers. Allerdings brät Google der neuen Pixel-Generation eine Extra-Wurst und ergänzt Software-Funktionen, die es woanders vorerst nicht gibt.

Google Pixel 4 im Test Live Transcribe
Praktisch für Uni und Business ist die Möglichkeit, Audio-Aufzeichnungen automatisch transkribieren zu lassen – aber nur auf Englisch. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Bemerkenswert ist beispielsweise die automatische Verschriftlichung von Gesprochenem. So lassen sich Videos auf YouTube und aus anderen Quellen automatisch mit Untertiteln versehen. Welche App dabei offen ist, spielt keine Rolle. Die Funktion lässt sich über die Lautstärketaste und dann im Seitenmenü aktivieren. Auch die Rekorder-App wertet diese Funktion stark auf. Was das Mikrofon hört, verschriftlicht die Software in Echtzeit. Anschließend kann ich die Aufnahmen durchsuchen – sehr praktisch.

Google Pixel 4 im Test automatische Untertitel
Egal, welches Video läuft, mit dem Google Pixel 4 lassen sich automatisch Untertitel erzeugen – bisher aber nur auf Englisch. Image by Berti Kolbow-Lehradt

Das klappt mit dem Google Pixel 4 im Test ziemlich gut, allerdings bisher nur auf Englisch. Zum Einsatz kommt dafür die interne Spracherkennung. Daher muss das Gerät nichts in die Cloud funken. Das verbessert die Privatsphäre, erfordert aber eben auch, dass Google eine Offline-Sprachdatei bereitstellt.

Ausstattung: Viel Rechenpower, wenig Speicher und Akku

Dass Googles KI so aufwendige Aufgaben ohne Verbindung zum Internet erfüllen kann, liegt auch an einer hochwertigen Rechenausstattung. Unter der Haube rechnet eine Snapdragon 855, der Vorzeigeprozessor von Qualcomm, der dieses Jahr viele Oberklasse-Geräte antreibt. Ihm stehen mit 6 GB eine ordentliche Menge Arbeitsspeicher zur Seite.

Am Nutzerdatenspeicher geizt Google jedoch. Das Pixel 4 kommt standardmäßig mit 64 GB, gegen Aufpreis mit 128 GB. Für ein Spitzen-Smartphone ist das nicht viel, zumal sich der Speicher nicht per MicroSD-Karte erweitern lässt. Selbst kostenlosen unkomprimierten Cloud-Speicher in Google Fotos erhalten Käufer des Pixel 4 nicht mehr. Anders als bei den Vorgängermodellen zahlen sie dafür extra.

Auch der Akku fällt mit einer Kapazität von 2.800 mAh verhältnismäßig klein aus. Das ist womöglich der Preis für das geringe Gewicht und die kompakten Maße. Über den Tag komme ich mit dem Google Pixel 4 im Test gut, mehr ist aber nicht drin.

Fazit zum Google Pixel 4 im Test: Ein Ausnahme-Smartphone, aber keine Referenz

Für alle, die ein gutes, schnelles, kompaktes und intuitiv bedienbares Smartphone suchen, erweist sich das Google Pixel 4 im Test als empfehlenswert. Als Fotogerät sticht es durch bemerkenswert leistungsstarke Bildverbesserungssoftware hervor, eignet sich aber nur für diejenigen, die fast alles der Automatik überlassen möchten.

Die Bildqualität des Android-Modells bewegt sich auf dem Spitzenniveau von Huawei, Samsung und OnePlus. Abgesehen von einzelnen Glanzpunkten bei der natürlichen Farbwiedergabe und der Bokeh-Simulation erkenne ich keinen deutlichen Vorsprung durch Googles Software-Kompetenz. Die Hardware hinkt sogar hinterher. Zwar hält der Tech-Konzern zu Recht große Stücke auf seine digitale Zoomverbesserung, aber an ein optisches Tele kommen Software-Tricks nicht heran. Ein Ultraweitwinkel-Objektiv können sie schon gar nicht ersetzen. Wer wert darauf legt, erhält bei der Konkurrenz mehr Gestaltungsspielraum. Und in der Regel auch mehr Nutzerdatenspeicher. Wieso geizt Google an dieser Stelle bei einem Gerät, für das saftige 749 Euro (64 GB) oder 849 Euro (128 GB) fällig werden?

Die Gestensteuerung per Radar erweist sich beim Google Pixel 4 im Test mehr als ein aufsehenerregender Bonus als ein echtes Kaufargument. Dafür kann sie einfach noch zu wenig. Wiederum die automatische Sprachtranskription ist mehr als eine Spielerei. Für Studium und Business kann sie einen echten Mehrwert bieten.

Unter dem Strich macht all dies das Google Pixel 4 zu einem Ausnahme-Smartphone, das seinesgleichen sucht. Eine Referenz fürs Android-Lager stellt es aber nicht da.

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Images by Berti Kolbow-Lehradt

Berti Kolbow-Lehradt

ist Freier Technikjournalist. Für die Netzpiloten befasst er sich mit vielen Aspekten rund ums Digitale. Dazu gehören das Smart Home, die Fotografie, Smartphones, die Apple-Welt sowie weitere Bereiche der Consumer Electronics und IT. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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