Forschendes Lernen fördert Startup-Kultur

An der  Zeppelin Universität in Friedrichhafen am Bodensee beschäftigen sich Studierende ungewöhnlich früh mit Forschungsfragen. Dies ist auch im deutschlandweiten Vergleich ungewöhnlich. Denn es ist hierzulande eben durchaus nicht üblich, dass studentische Forschung ein doch sehr hoher Stellenwert eingeräumt wird. Die mithin dazu führen kann und soll, dass die Studierenden sich wie im PioneerPort, dem Gründerzentrum der ZU, im Laufe ihres Studiums engagieren können und sollen.

Forschendes Lernen im Studium – einzigartig in der deutschen Universitätslandschaft

In diesem Zusammenhang weist Sascha Schmidt, Sprecher des Leitungsteams PioneerPort – sozusagen die ZU-Startup-Schmiede – auf „das hochschuldidaktische Konzept des forschenden Lernens im Studium“ hin. Und wie die ZU dieses besondere Lernen entwickelt und vertieft hat, dürfte in der deutschen Universitätslandschaft tatsächlich unique sein. Denn dadurch wird mithin ein Unternehmertum gefördert, „das Lösungen für gesellschaftliche Problemstellungen unter marktwirtschaftlichen Bedingungen bereitstellt“, so Sascha Schmidt weiter.

Sascha Schmidt – Image by Samuel Groesch

Denn plötzlich steht eine soziale, kulturelle oder eine ökologische Wertschöpfung im Vordergrund. Dass die Prämisse eines sich tragenden Businessplanes eine Rolle dabei spielt, versteht sich von selbst. Professor Josef Wieland – der den ZU-Lehrstuhl für Institutional Economics inne hat fühlt sich sehr nachhaltigen Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft verpflichtet. Er sieht die ZU dem Leitbild der Liberal Arts verpflichtet. Aus der Komplementarität von Lehre/Forschung folge, dass das Lehrangebot sowohl an die Forschungstätigkeit der Lehrenden anknüpfe als auch die unabhängige Forschungstätigkeit der Studierenden nachdrücklich fördere.

Schon Humboldt lebte die Einheit von Forschung und Lehre

Das passt alles gut zum Humboldtjahr – in 2019 jährt sich der 250. Geburtstag des großen Naturforschers und Universalgelehrten Alexander von Humboldt, der die Einheit von Forschung und Lehre stets (vor-) lebte. Das Spannende am forschenden Studium an der ZU: Die Studierenden sollen eben vor dem Hintergrund eines eigenen Erkenntnisinteresses den ganzen Forschungsprozess durchlaufen. Angefangen bei der Formulierung der Fragestellung, über die Ausarbeitung des Forschungsdesigns, bis zur Anwendung wissenschaftlicher Methoden und der Interpretation der Ergebnisse

Dadurch profitieren die Studierenden in diverser Hinsicht. So wird etwa die Entwicklung eigener Forschungsideen ebenso befördert wie die Realisierung des individuellen Projekts. Präsentiert wird auf dem jährlichen Student Research Day, auf dem auch externe Gäste willkommen sind.

Zu unterscheiden gilt es zwei verschiedene Ansätze des forschenden Lernens an der ZU: Zum einen gibt es das Zeppelin-Projekt, das sich an Studierende im 1. und 2. Semester richtet und immer unter einem Rahmenthema steht – etwa „Region und Globalisierung“ oder „Social Media“. Die Projektgruppe „Selbstdarstellung von Parteien in den Medien“ hat z.B. recherchiert, ob die AfD sich in ihrem medialen Auftritt von anderen Parteien unterscheidet. Dabei ergaben sich sowohl Gemeinsamkeiten wie Unterschiede mit Blick etwa auf Emotionalität und das allgemeine Sprachniveau. Oder das Zeppelin Projekt mit der Headline „Verantwortung“ – jeweils unter einer soziologischen, politikwissenschaftlichen, einer ökonomischen oder einer kulturwissenschaftlichen Perspektive betrachtet.

Zum anderen das Humboldt-Projekt, das im 6. und 7. Semester läuft – mit Themen wie etwa die mit dem Student Research Award ausgezeichneten Arbeit „Podcast – vom Trend zum Qualitätsmedium“. Oder eine seinerzeit hochaktuelle Fragestellung: „Wie können netzpolitische Themen in das Agenda-Setting der Bundesrepublik Deutschland einfließen und die Gesetzgebung nachhaltig beeinflussen?“, anlässlich der Berichterstattung über den NSA-Skandal. Oder ein Stoff, der derzeit unmittelbar viele Menschen bewegt: „New Work – Zwischen Selbsterfüllung und Risiko, Einblick in ein berufliches Entscheidungskalkül“.

Der PioneerPort – das Gründerzentrum der ZU

Die Themenbandbreite ist mithin besonders breit gefächert – ebenso wie beim PioneerPort, dem Gründerzentrum der ZU, sozusagen der praktische Arm des forschenden Lernens und einer modernen, universtitären Startup-Kultur. Die Dauer der Förderung durch die Universität beträgt zwölf Monate. Anschließend können „die Gründerteams ihre Ideen bei Kooperationspartnern und Innovationszentren in der Bodensee-Region weiterverfolgen“, erläutert Sascha Schmidt. (Mehr zum Konzept des PioneerPort hier im Interview mit Insa Sjurts). Diesmal sind etwa folgende Startups im PioneerPort: Das Projekt Wohnraum, eine Mehrgenerationen-Wohnraumvermittlung, das Management-Tool Lean & Green für die Fischerei,  die NePals, ein Sozialunternehmen für Entwicklungsarbeit in Nepal und Sightscan die Bilderkennungs-App für Tourismusanbieter.

So ergibt die spezielle Unterstützung der ZU-Studierenden in Form von Beratung, forschender Lehre, Netzwerken, Veranstaltungen oder Workshops einen Mix kontemporärer Forschung und Lehre, die Hochschüler mit Gründerimpuls für sich nutzen können. Oder wie Phil Libin, CEO von Evernote, es einer jeder Gründerin und einem jeden Gründer ins Stammbuch schreibt: „There’s lots of bad reasons to start a company. But there’s only one good, legitimate reason, and I think you know what it is: it’s to change the world.”


Images by Samuel Groesch

Andreas Wrede

war unter anderem Chefredakteur von Max, Spiegel Spezial, GQ, Programmdirektor von Premiere und Korrespondent für den Axel-Springer-Verlag in New York City. Er ist heute Dozent an der Hamburg Media School und arbeitet als Autor.


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