D&D Beyond – Rollenspiel vom Tisch ins Internet

Auch 2019 gibt es noch kein Computerspiel, dass einem nur annähernd die Freiheiten gibt, wie ein Pen & Paper-Rollenspiel. Dungeons & Dragons, einer der ältesten Vertreter dieser Zunft, hat mittlerweile auch das Internet für sich entdeckt. D&D Beyond heißt das digitale Toolset, das nicht nur die Bücher digitalisiert, sondern auch den Charakterbogen ersetzen kann. Aber keine Angst, wir holen euch ganz am Anfang ab und erklären euch, was Dungeons & Dragons überhaupt ist.

Was ist eigentlich Dungeons & Dragons?

Das Grundprinzip des 1974 von Gary Gygax und Dave Arneson erschaffenen Rollenspiel-Systems ist bis heute noch immer das gleiche. Man trifft sich als Gruppe von mehreren Spielern, die jeweils einen Charakter in einer fiktiven Welt verkörpern. Das kann ein Krieger, ein Magier, ein Schurke oder ein anderer Archetyp sein. Welche Zauber und Fähigkeiten der Charakter hat, steht auf dem Charakterbogen – daher auch die Bezeichnung „Pen & Paper“ – Stift & Papier. Mit 4- bis 20-seitigen Würfeln wird bestimmt, ob eine Aktion gelingt oder nicht. 

Neben den Spielern gibt es noch den Spielleiter. Dieser führt die Spieler durch die Geschichte. Er verkörpert alle Charaktere die nicht von den Spielern gespielt werden, sowie die komplette Welt. Er versucht die Spieler so gut es geht am roten Faden der Geschichte zu halten, stellt ihnen Monster und Fallen in den Weg und bestimmt, wann eine Fähigkeitsprobe für einen Charakter ausgewürfelt werden muss. Generell könnt ihr aber so ziemlich alles mit eurem Charakter versuchen, was ich euch vorstellen könnt. Im Raum hängt ein Kronleuchter? Lasst ihn runterstürzen oder schwingt euch waghalsig von einer Seite der Balustrade zur anderen.

Im Endeffekt ist es Improvisationstheater am Tisch mit einem Spielsystem als Rahmen. Dabei ist die aktuelle Version von Dungeons & Dragons sehr einsteigerfreundlich ausgelegt und die Regeln vergleichsweise schnell verinnerlicht. Nicht zuletzt deshalb und wegen einigen Pen & Paper-Formaten auf YouTube, erlebt Dungeons & Dragons eine kleine Renaissance.

D&D Beyond – Kostenlose Basisregeln

Ich spiele schon seit einiger Zeit Pen & Paper Rollenspiele. Angefangen bei „Das schwarze Auge“ und über „Splittermond“, ist meine Runde mittlerweile bei Dungeons & Dragons hängen geblieben. Auch wenn ich die Komplexität der vorher genannten Systeme vermisse, ist D&D der klare Spitzenreiter wenn es um Komfort geht. Dafür sorgt das offizielle Toolset D&D Beyond. Allerdings ist dieses bislang nur auf Englisch verfügbar.

Ihr könnt jede Klasse und Rasse in einer übersichlichen Ansicht anschauen. Das enthält eine Beschreibung der Klasse mit ihren Besonderheiten, aber auch Spielwerte und Fähigkeiten. Ebenso gut sortiert sind auch Zauber, Monster und Items zu finden. Dabei sind die Inhalte aus den Basis-Regelwerken kostenlos verfügbar. Diese Regelbücher lassen sich auch in ihrer ursprünglichen Form mit einigen Zusatzinformationen zu Mechaniken lesen. Das Basisregelwerk ist kostenlos, alle Erweiterungen lassen sich sowohl komplett, als auch Abschnittsweise erstehen, falls man etwa nur an einem bestimmten Volk aus dem Buch interessiert ist.

Ebenfalls praktisch: Spielleiter können ihre Kampagnen über D&D Beyond managen. Jeder Spieler erhält dann Zugriff auf die gekauften Regelwerke des Spielleiters. So kann eine Gruppe gemeinsam für neue Bücher zusammenlegen und sie in der Runde nutzen.

Charaktererstellung in Rekordzeit

Für viele Systeme gibt es mittlerweile Tools um die Charaktererstellung zu vereinfachen. Und bei vielen Systemen lohnt es sich nochmal mehr, da die Erstellung sonst oft stundenlanges Umherblättern in den Büchern bedeutet.

In Dungeons & Dragons sind Charaktere auch von Hand vergleichsweise schnell erstellt. Doch D&D Beyond bietet die bislang beste Charakter-Erstellung, die ich je erlebt habe. Und da alles mit euren gekauften Inhalten verknüpft ist, habt ihr im Editor alle Optionen zur Wahl, die euch im Rahmen eurer Inhalte zur Verfügung stehen. Der Basiscontent ist dabei für neue Spieler aber mehr als ausreichend und wirkt keinesfalls wirklich abgespeckt.

Erstellen wir einen neuen Charakter haben wir drei Auswahlmöglichkeiten: Die Standard-Erstellung ein Quick Build oder einen völlig zufälligen Charakter. Auch Anfängern empfehle ich die Standard-Erstellung – allein schon, weil ihr ein besseres Gefühl für den Charakter bekommt. Es Mit dem Quick Build müssen wir uns nur Rasse und Klasse aussuchen und man bekommt daraufhin einen fertigen Charakter erstellt. 

Character Preferences

Die abstrakteste Seite in der Charaktererstellungen, da hier ein paar Einstellungen über die Art und Weise der Erstellung getroffen werden. Im Optimalfall habt ihr einen Spielleiter, der euch sagt, welche Einstellungen für seine Runde genutzt werden. Ansonsten könnt ihr diese jedoch erstmal in Ruhe lassen.

Unter den Einstellung gibt es zusätzlichen Content, wie etwa eine Erweiterung um Inhalte der Welt vom Kartenspiel Magic: The Gathering oder Homebrew Content – von Spielern selbst erstellte Inhalte, die sich auch bei D&D Beyond einrichten lassen.

Eine weitere Einstellung ist der Advancement Type. Ist dieser auf Erfahrungspunkte (XP) eingestellt, erhalten die Helden für Kämpfe und andere Aktionen Erfahrungspunkte. Wie in vielen Computerspielen, steigt der Charakter ab einer bestimmten Punkteschwelle auf. Spielt ihr mit Meilensteinen (Milestones), bestimmt der Spielleiter, wann in der Geschichte die Helden genug erlebt haben, um aufzusteigen.

1. Race

Bei der Wahl der Rasse stehen euch schon eine ganze Reihe klassischer Fantasy-Völker zur Auswahl, viele davon sogar mit Unterrassen. Neben Menschen, Zwergen und Elfen gibt es beispielsweise auch die Tieflinge, die Teufel und Dämonen in ihrer Blutlinie haben. Bevor wir die Rasse bestätigen, bekommen wir eine Auflistung der Besonderheiten des Volkes. Besagter Tiefling erhält beispielsweise, trotz aller Verachtung die ihm auf den Straßen widerfährt, +2 Punkte auf das Attribut Charisma und +1 auf Intelligenz. Außerdem können sie im Dunkeln besser sehen, haben Resistenz gegen Feuerschaden sowie eine Hand voll angeborener Zauber, die sie mit der Zeit zu nutzen lernen.

Ein Link bringt euch außerdem zur Beschreibung der Rasse, die mehr über die Geschichte verrät und sogar Vorschläge zur Benennung der Charaktere liefert – etwas, das vielen Kopfzerbrechen bereitet. Hat die Rasse Vorteile, bei denen ich etwas auswählen kann, werden mir diese im nächsten Bildschirm markiert. Als Halbelf kann ich zum Beispiel zwei Attribute (Ability Scores) auswählen, die ich erhöhe. Außerdem wähle ich noch zwei Fähigkeiten (Skills aus), die der Charakter beherrscht und eine Sprache zusätzlich zur Gemeinsprache und Elfisch.

2. Class

Der folgende Schritt der Klassenwahl verläuft ähnlich wie die der Rasse. Ihr dürft euch für eine Klasse entscheiden, quasi die Profession eures Charakters. Ein Kleriker (Cleric) wirkt göttliche Magie mit der er unter anderem heilen kann, ein Magier (Wizard) verfügt über den größten Fundus an Zaubern und der Kämpfer (Fighter) ist eine zuverlässige Wahl für alle, die lieber auf eine starke Rüstung und Waffen setzen.

Jede Klasse bekommt ab bestimmten Stufen neue, einzigartige Boni und Aktionen, die sie im Kampf oder auch außerhalb nutzen können. Nach Bestätigung der Klasse greift euch D&D Beyond wieder unter die Arme, wenn ihr etwas auswählen dürft.

Ihr könnt sogar einen Charakter höherer Stufe erstellen – sei es weil die Gruppe mit erfahrenen Charakteren startet oder weil ihr rumspielen wollt, wie ein Charakter am Ende aussehen könnte. Außerdem lassen sich sogar Klassen kombinieren. So kann ein Charakter als Magier anfangen, aber dann Stufen als Krieger nehmen, um ein Hybrid zwischen Kampf und Magie zu werden. Anfängern rate ich aber, lieber noch bei einer Klasse zu bleiben.

3. Ability Scores

Die Verteilung der Attribute (Ability Scores) ist eines der wichtigsten Elemente einer Charaktererstellung. Im Gegensatz zu vielen Computerspielen, haben Charaktere gleicher Klasse nämlich nicht dieselben Werte. Theoretisch darf man auch einen Magier mit wenig Intelligenz oder einen Krieger mit schwacher körperlicher Verfassung erstellen. Das macht den Charakter zwar schwächer, kann aber trotzdem Spaß machen.

Für die Bestimmung der Werte stehen drei Methoden zur Auswahl. Welche genutzt werden dürfen, fragt ihr am besten beim Spielleiter nach.

Standard Array

Euch stehen die Attributwerte 8, 10, 12, 13, 14 und 15 zur Verfügung die ihr frei auf die sechs Attribute verteilen dürft.

Point Buy

Jedes Attribut startet auf 8 und ihr habt 27 Punkte um die Werte beliebig zu steigern. Der Höchstwert beträgt dabei 15 und höhere Werte (14 und 15) kosten zwei Punkte zur Steigerung. Damit gehen hohe Werte auf Kosten von klaren Schwächen, die der Charakter an anderer Stelle hat.

Manual

Würfelt ihr die Werte aus oder verwendet ein anderes System zur Erstellung, könnt ihr die Werte auch manuell in die Felder eintragen.

4. Description

Anschließend geht es an die Beschreibung des Charakters. Neben vielen Details, die keine spielerische Auswirkung haben, wählen wir auch noch den Hintergrund aus, der kleine Vorteile mit sich bringt. Als Volksheld (Folk Hero) hat der Charakter beispielsweise geübten Umgang mit Tieren, Überlebensfähigkeiten, Fahrzeugen und einem Werkzeug-Set, dass ich selbst bestimmen kann.

Die Personal Characteristics runden den Charakter zusätzlich ab. Hier wählen wir persönliche Eigenschaften, Ideale, eine Verpflichtung und Nachteile. Aufgrund unseres Hintergrund werden Möglichkeiten vorgeschlagen, aber wir dürfen uns auch kreativ selbst austoben.

5. Equipment

Anschließend folgt das Equipment. Je nach Rasse, Klasse und Hintergrund können wir uns das die Start-Ausrüstung unseres Charakters zusammenklicken. Möchten wir es etwas komplexer, lassen wir uns Gold geben, mit dem wir unsere Ausrüstung selbst einkaufen.

Damit ist der Charakter fertig erstellt und bereit, sein erstes Abenteuer zu erleben. Seid ihr noch nicht ganz zufrieden mit dem Charakter, könnt ihr übrigens in jeden Schritt der Erstellung nochmal reingehen, um eure Wahl zu ändern.

Der digitale Charakterbogen

Die Natur vom Pen & Paper-Rollenspiel liegt schon in seinem Namen. Ich habe Stift und meinen Charakterbogen als Papier – dazu eine Hand oder einen ganzen Sack voll Würfel. Bis vor kurzem wäre mir nie die Idee gekommen, einen Charakter nur als digitalen Charakterbogen mit mir zu führen. Mit D&D Beyond hat sich das komplett gewandelt.

Der digitale Charakterbogen ist nämlich wirklich außergewöhnlich gut gemacht. Am PC haben wir alle wichtigen Werte auf einen Blick und können uns auf der rechten Seite Aktionen, Zauber, Equipment, Features und mehr in durchschaltbaren und übersichtlichen Tabs anzeigen lassen. Fertigkeiten oder Zauber mit begrenzten Nutzungen können wir direkt tracken, Lebenspunkte über Schaden oder Heilung ändern und kleine oder lange Rasten durchführen.

Bei einem Stufenaufstieg werden alle Werte auch direkt in den Charakterbogen übernommen, sodass kein rechnen und radieren notwendig ist. Außerdem kann der Spielleiter auch drauf zugreifen. Damit kann er sehen, was der Charakter kann oder uns auch einen magischen Gegenstand zuschieben.

Leider ist der Charakterbogen noch nicht Teil der D&D Beyond App. Dafür ist die die Mobilansicht der Seite so gut optimiert, dass sie einem selbst wie eine App vorkommt. Stift und Papier haben aber zumindest für Notizen noch ihre Daseinsberechtigung. Und meine Würfel werde ich so schnell nicht digitalisieren.

 

D&D Beyond – Ein Rollenspiel-Ökosystem

Aber D&D Beyond ist nicht nur Kompendium, Charaktergenerator und digitaler Charakterbogen. Es bietet auch eine Twitch-Extension für Live-Streams und einen Encounter-Builder, mit dem Spielleiter Kampfherausforderungen für ihre Gruppe erstellen können. Ebenso ist es möglich Homebrew-Content zu erstellen, also eigene Inhalte. Diese können innerhalb der Gruppe genutzt, aber auch anderen Spieler verfügbar gemacht werden.

Der Preis ist dabei echt fair. Kostenlos bekommt ihr bereits einen gigantischen Umfang geboten. Es gibt auch ein Abo-System, doch mit der kostenlosen Mitgliedschaft seid ihr bereits gut versorgt. Die Mitgliedschaft lohnt sich, wenn man mehr als sechs aktive Charaktere erstellen, die kaum wahrnehmbare Werbung ausschalten oder neue Beta-Features vorzeitig nutzen möchte.

D&D Beyond ist die digitale Revolution des Rollenspiels. Hier trifft ein zugängliches Rollenspielsystem auf die Möglichkeiten der Onlinewelt und zeigt sich in einem extrem übersichtlichen und modernen Gewand. Es holt nicht nur alte Rollenspiel-Hasen ab, sondern auch Neueinsteiger, die sonst von dicken Wälzern abgeschreckt werden. D&D Beyond holt das Rollenspiel aus der Nische und macht es sexy. Es gab nie bessere Voraussetzungen mit diesem tollen Hobby anzufangen und ich bin mir sicher, dass das Portal weiter um immer mehr Features ausgebaut wird.

Wer trotzdem etwas handfestes mag, bekommt mit dem Starter-Set alles was er braucht (Provisionslink)


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Stefan Reismann

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, entdeckte dann aber vor allem die inhaltliche Seite für sich. Nun schreibt er für die Netzpiloten und betreibt nebenher einen Let's Play-Kanal, auf dem reichlich gedaddelt wird.


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