Nach dem Cebit-Debakel eine deutschlandweit wirksame Plattform für die digitale Gesellschaft schaffen

Folgt man den Recherchen der Wirtschaftswoche, wirkt die Beerdigung der einst größten Computermesse Cebit „wie Selbstmord aus Angst vor dem Tod“. Und das Ende kam überraschend. In meinen Analysen aus den vergangenen Jahren kritisierte ich den Niedergang dieser einst so wegweisenden Veranstaltung als Vertriebsspektakel auf dem Niveau von IT-Heizdeckenverkäufern. Da wurden Prozesse optimiert, CRM-Kanäle strukturiert, Effizienzpotenziale aufpoliert und die IT-Sicherheit fokussiert. Immer stand der Kunde im Mittelpunkt als König, Kaiser oder Papst. Am Ende des Messetages wurden dann noch die Lead-Champions in Corporate-wir-sind-die-Größten-Songs abgefeiert, um danach dem Fachpublikum wieder dümmliche IT-Weisheiten aus den 1990er Jahren an den Kopf zu feuern. Alles natürlich in disruptiv-digital-transformatischer Verpackung, schließlich sah man sich als Avantgarde der kommenden Gigabit-Gesellschaft. Durch den schleppenden Breitbandausbau, wird diese allerdings erst in einigen hundert Jahren zum Vorschein kommen.

Die peinliche Absage der Cebit

So habe ich das in meiner Kolumne skizziert und gefordert, dass die Cebit bunter, offener, kontroverser und digitaler werden muss – ohne IT-Prozess-Schwafelei. In diesem Jahr beim Cebit Business-Festival sah man einen radikalen Wechsel in die richtige Richtung. Jetzt den Stecker zu ziehen, ist peinlich und falsch. Oder in den Worten von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier: „Wo wir überall reden über die größte Herausforderung unserer Generation wäre es eine Dummheit sondergleichen, wenn wir die Cebit nicht bewahren.“ Die Dummheit ist nun Realität geworden. Die niedersächsische Landesregierung, die Bundesregierung und auch Spitzenverbände wie Bitkom sollten sich fragen, ob das Ziehen des Steckers nicht einer falschen und alten Messelogik entspricht.

Kassensturz-Logik nach Kennzahlen des 20. Jahrhunderts

Das Geld würde die Messegesellschaft nur in der Fläche verdienen und da verzeichneten die Macher erhebliche Rückgänge, die das Gesamtprojekt deutlich ins Minus gezogen hätten. Selbst für 2020 gab es keine Perspektive mehr, um die Schieflache zu beseitigen. Das wäre nur durch erheblichen Flächenzuwachs gelungen. Beton und Fläche sind wichtiger als eine durchdachte Strategie für die Positionierung von Digitalthemen. Hausgemachte und künstlich geschaffene Probleme nach dem Diktat des Controllings. Kennzahlen, die ein Fossil aus dem 20. Jahrhundert sind. Nach dieser Kassensturz-Logik würde es Firmen wie Amazon gar nicht geben, kontert Winfried Felser von der Diskussionsplattform Next Act: „Hier sind an einem Tag immaterielle Werte zerstört worden. Ein schmerzlicher Imageverlust für die Digitalisierung.

Verheerender Imageschaden

Für Andreas Gebhard, Mitgründer und Geschäftsführer der Digitalkonferenz re:publica sind die Folgen höchst unangenehm. „Die Absage schadet der Veranstaltungsbranche. Wer soll denn Verlautbarungen von Events noch glauben schenken? Zur Erinnerung: Nach der Cebit 2018 haben sich deren Sprecher mit Erfolgsmeldungen übertroffen. Alle Ziele seien erreicht worden. Und jetzt folgt die Absage. Das ist nicht glaubwürdig“, kritisiert Gebhard im Gespräch mit dem CIO-Kurator Stefan Pfeiffer und dem Autor der Notizamt-Kolumne.

Für alle Beteiligten fühle sich das komisch an. So auch für die Aussteller und Partner, die wohl erst aus der Presse von der Hauruck-Aktion erfahren haben.

„In den vergangenen Jahren gab es auf der Cebit ständige Kurswechsel und Experimente, die aber nie selbstkritisch hinterfragt wurden. Zumindest nicht öffentlich. Man saß auf einem hohen Roß. Neuerungen, die in einem Jahr ganz großartig präsentiert wurden, verschwanden in den Folgejahren in der hintersten Ecke einer Halle. Man hat nie Rückgrat bewiesen, ein Scheitern einzugestehen.“ Da werde halt im stillen Kämmerlein entschieden. Keine Transparenz, keine Kultur der Beteiligung, keine Weisheit der Vielen. „Irgendwann geht die Glaubwürdigkeit verloren und Aussteller sowie Besucher bleiben aus“, moniert Gebhard.

Cebit als Wirtschaftsdrama

Wenn man ein Wirtschaftsdrama auf die Bühne bringen wolle, könnte man Versatzstücke aus dem Niedergang der Cebit verwenden. „Man hat die digitale Transformation der kompletten Messe schlichtweg verschlafen. Es dominierte bis zuletzt eine Prospektsammel-Mentalität“, sagt Pfeiffer. Und die Ausreden am Ende kommen halt aus der klassischen Form der weltweit führenden Unternehmenskommunikation. PR-Wortschwall, wie die bizarre Formulierung von neuen spitzen Fachmessen für die digitale Wirtschaft. „Das ist Satire“, bemerkt Gebhard.

re:publica statt Cebit?

Die re:publica kann die Cebit nicht ersetzen. Aber sie ist durchaus geeignet, die digitale Agenda für unterschiedliche Akteure aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft erlebbar zu machen.

„Wir bringen die Leute aus unterschiedlichen Sektoren zusammen, diskutieren über Politik-, Wirtschafts- und Wissenschaftsthemen. Wir zeigen, wie Innovationen entstehen, und fragen, wie sich das alles auf die Gesellschaft auswirkt. Wir probieren neue Formate wie das Netzfest aus, um nicht nur mit Fachleuten ins Gespräch zu kommen, sondern alle gesellschaftlichen Gruppen zu erreichen“, so Gebhard. Und das würde auch der Cebit-Klientel guttun.

Das Areal am Gleisdreieck ist erweiterbar. Man kann vieles an den Kernbestand der re:publica-Konferenz koppeln – vor, während und nach der dreitägigen Hauptveranstaltung, die jedes Jahr Anfang Mai über die Bühne geht. Der scheidende Cebit-Vorstand Oliver Frese wollte ein Business-Festival mit mehr Musik, mehr guter Laune schaffen – weniger Schlipsträger-Messe. „Ein Viertel unserer Besucher waren in diesem Jahr Frauen“, sagte Frese im FAZ-Gespräch vor ein paar Wochen. Das zum Beispiel sei in der männerdominierten Technikbranche ein großer Erfolg. „Denn in den Vorjahren sind es vielleicht 15 bis 18 Prozent Frauen gewesen.“, sagt Frese.

Außerdem sei das Durchschnittsalter der Besucher deutlich gesunken, auf rund 35 Jahre von zuvor deutlich über 40 Jahren. All das kann die re:publica schon lange vorweisen. Bei den erfolgreich eingereichten Sessions lag der Frauenanteil diesmal bei 50 Prozent. Davon können andere Events nur träumen. Bauen wir doch die re:publica zur deutschlandweiten Dialogplattform für die digitale Gesellschaft aus – in allen Facetten und mit zentralen und dezentralen Dialogformaten.


Artikel per E-Mail verschicken
Schlagwörter: , , , ,