Bob Dylan überrascht mit interaktivem Musikvideo

Fast ein halbes Jahrhundert nach der Veröffentlichung von „Like a Rolling Stone“ weiß Bob Dylan mit einer Musikvideoinstallation zu begeistern // von Thomas Vorreyer

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Plötzlich pfeifen wieder alle „Like A Rolling Stone“: Bob Dylan überraschte diese Woche mit einem Musikvideo, nein, einer Musikvideoinstallation zu seinem vor 48 Jahren erschienen Trademark-Song. Durch ganze 16 Sparten-TV-Kanäle kann man sich dabei klicken und in allen wird der Song gesungen. Ist Dylan jetzt also im digitalen Zeitalter angekommen? Funktioniert die intendierte Medienkritik überhaupt? Und wird hier nicht die leichtfertige Verharmlosung des Songtexts vollenends auf die Spitze getrieben?

Die lange “Wartezeit” hat sich jedenfalls gelohnt: Eine Stunde und fünfzehn Minuten können der israelische Regisseur Vania Heymann und die Produktionsfirma Interlude jetzt präsentieren, eingespannt in einer einem Fernseher nachempfundenen Applikation. Es gibt eine Tennis-Liveübertragung zu sehen, einige Reality-TV-Shows, Nachrichten einen Historienkanal und manches mehr. Desserts werden zu bereitet, Handstaubsauger verkauft und immerzu der Text von “Like A Rolling Stone” synchronisiert. Mit dem Comedian Marc Maron, der Pfandleihhaus-Familien-Crew von “Pawn Stars” oder dem Brüderpaar Drew und Jonathan Scott (Vera Int-Veen und Tine Wittler als eineiige kanadische Zwillinge) stehen dabei sogar echte TV-Charaktere in ihren gewohnten Rollen vor der Kamera. Auch der Detroiter Rapper Danny Brown hat einen eigenen Kanal.

Angesichts derartiger (tatsächlich wunderbar umgesetzter) Oppulenz verstieg man sich mancher Orts sogar zu der These, das Video sei die „kreativste Hervorbringung des Internets überhaupt„. Das ist reichlich übertrieben, wenn man bedenkt, dass es bereits zuvor zahlreiche interaktive Musikvideos diverser Künstler von Arcade Fire über Olafur Arnalds bis hin zu den Pet Shop Boys gab. Auch die Idee einer mehrkanaligen Videoanwendung ist nicht neu. Schon das Berliner Independent-Label Staatsakt setzte ein ähnliches Prinzip im letzten Jahr mit minimalsten Budget um und versammelte (fast) alle zehn Interpreten eines Coveralbums in einem Raum, um sie zeitgleich ihre Versionen lip-syncen zu lassen. Eingefangen von zehn Kameras konnte man sich anschließend durch das Performancegebilde klicken.

Während es damals zehn unterschiedliche Stücke zu hören gab, bietet unser Beobachtungsobjekt nur eine einzige Audiospur, dafür allerdings gleich 16 Bilder. Erstmals gezeigt wurde das Werk auf Bob Dylans Webseite und auf Mashable. Dass der Premieren-Ort des Videos nicht die Webseite des US-Musikmagazins Rolling Stone war, zeigte bereits, dass es bei diesem Projekt vielmehr um das technisch-kreative Konzept als um die Musik geht.

Bob Dylan selbst, der noch in im letzten Jahr höchstpersönlich durch sein Video zu „Duquesne Whistle“ spazierte, taucht hier zwar auch auf – mit der historischen Aufnahme einer Performance von „Like A Rolling Stone“ –, dürfte ansonsten allerdings wenig mit dem Werk zu tun haben. Auch wird er nun wohl kaum anfangen, zu twittern oder sich in digitale Debatten einmischen. Nur ein einziges Mal, in einem Interview anno 2009, hat er sich überhaupt im erweiterten Sinn dazu geäußert und die Versessenheit junger Menschen in Smartphones und MP3-Player als „befremdlich und nervtötend“ kritisiert.

Dort setzt auch Regisseur Heymann an. „Ich nutze das Medium Fernsehen, um auf uns selbst zu blicken – man zappt sich zu Tode.„, erklärt er den Ansatz der Installation, deren Anliegen auch problemlos auf jegliche Gadget-Nutzung übertragbar ist. Um nun dessen volle Hebelwirkung auszunutzen, hätte Heymann seine Protagonisten aber vollends der Entblößung preisgeben müssen. Schließlich „zappen wir uns zu Tode„, weil es ein forwährendes Überangebot gibt, eine Sternchen-Industrie, die selbst Pfandleiher und Dauergeile noch zu nationalen Bekanntheiten formt. Doch Heymann traut sich keine Wertung zu und stellt den alten Dylan neben Quiz- und Dating-Shows, deren Mimikry so bestenfalls selbstironische Eigenpromo bleibt. Vielleicht heißt die Erkenntnis, dass alles das Gleiche ist – und das man jede noch so böse Zeile mit einem fröhlichen Grinsen daher sprechen kann.

Denn, das sollte nicht vergessen werden, in „Like A Rolling Stone“ geht Bob Dylan hart und zynisch, wenn nicht gar boshaft, mit einer nicht weiter benannten Frau ins Gericht. Ob es sich dabei um Warhol Superstar Edie Sedgwick handelt oder alles nur eine gesellschaftliche Abstraktion ist, ist dabei zweitrangig. Das Lied wurde nicht umsonst wenige Stunden vor Erscheinen des Videos von Flavorwire als einer von „10 Classic Rock Songs That Are Also Epic Mansplanations“ gelistet. Ein Kontext, der in all den Jahren der freilich absolut gerechtfertigten Verehrung dieses für die Entwicklung von Bob Dylan selbst und Pop-Musik an sich so wichtigen Liedes oft unterschlagen wurde. Aber jetzt singen eine schwebende Zeichentrick-Katze und ein Mädchen Zeilen wie: „You never understood that it ain’t no good / You shouldn’t let other people get your kicks for you„. Das wirkt dann auch irgendwie „befremdlich„.


Teaser & Image by bobdylan.com


Thomas Vorreyer

schreibt als freier Journalist vor allem über Kultur und Gesellschaft im Angesicht der Digitalisierung.


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