Alles wird umgekrempelt! – Phil Libin über die Transformation der Video-Calls

Wie viele Stunden pro Tag hängt ihr so in Videokonferenzen? Wir haben uns ja alle gewöhnt an die mehr oder weniger gute Kommunikationsform – für die wir in diesen Zeiten natürlich superdankbar sind. Deshalb könnte der Unternehmer Phil Libin (u.a. ehemaliger CEO der Notiz-App Evernote) gerade wie gerufen kommen: Der Mann will mit seiner Software mmhmm Videoanrufe professioneller und gleichzeitig spaßiger gestalten. Wir wollen alles darüber wissen!

Moritz (M): Hey Phil, was nervt dich an den gängigen Videocalls?

Phil Libin (P): Ich glaube, in erster Linie fällt auf, wie langweilig es in Videocalls oft zugeht. Ich denke, das liegt daran, dass die meisten Leute zwar im Offline-Leben in Gesprächen ganz gut überzeugen können, aber dies nicht auf Videocalls übertragen können. Ich denke einfach, es benötigt andere Fähigkeiten, um in einem Video charismatisch zu wirken. Wir haben mit mmhmm versucht, wieder etwas Persönlichkeit und Charakter in Videos und Videocalls einzubringen.

M: Was genau geht verloren in der Video-Präsenz?

P: Ich denke, zum größten Teil geht die Persönlichkeit verloren. Die meisten Menschen, die einigermaßen gut in ihrem Job sind, haben ja bereits herausgefunden, wie sie sympathisch und überzeugend im persönlichen Gespräch wirken können. Und das eigentlich unabhängig davon, um welchen Job es sich handelt. Wer ausdruckslos auftritt und andere ständig langweilt, kann in nichts erfolgreich sein. Ich glaube aber auch nicht, dass die meisten Menschen das, was sie da ganz natürlich tun, als Performance betrachten. Sie haben einfach ihr ganzes Leben lang gelernt, wie man lächelt, wie man Körpersprache einsetzt und wie man Aufmerksamkeit vermittelt. 

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Auf  Video funktioniert das anders und ich denke, das Wichtigste, was hier fehlt, ist dieser gewachsene Sinn für Kommunikation. Denn das alles zusammen macht am Ende die Persönlichkeit aus. Wenn man nicht weiß, wie man seine Persönlichkeit in einem Videocall transportieren kann, wird das einfach nicht funktionieren. In Videocalls und auf Videoaufnahmen fehlen einfach eine Menge Dinge, die im persönlichen Gespräch ganz natürlich vorhanden sind. 

M: Warum geben sich bisher so viele Menschen mit den Unzulänglichkeiten von Videocalls zufrieden? 

P: Ich denke, weil sie nicht wirklich eine Wahl hatten. Vor der Pandemie musste man nicht oft Videokonferenzen machen. In den meisten Situationen wurde die Teilnahme an Meetings über Video viel schlechter bewertet und ich habe deswegen auch oft aktiv davon abgeraten. Bei Evernote hatte ich zum Beispiel die Regel, dass man nicht online an einer Vorstandssitzung teilnehmen konnte. Vorstandssitzungen mussten persönlich stattfinden. Für mich waren Videoanrufe definitiv die schlechtere Form von Konferenzen und Kommunikation. Mit dem Beginn der Pandemie, hatten wir aber keine Wahl mehr. 

M: Wie kann mmhmm Videokonferenzen verbessern? 

P: Wir dachten uns, es gibt doch viele Leute, die sehr gut vor der Kamera funktionieren: Schauspieler, Musiker und Sportler zum Beispiel. Sie wissen, wie sie vor der Kamera sympathisch und fesselnd rüberkommen. Wir wollten herausfinden: „Was wissen sie darüber?“, „Was machen sie anders?“ und „Wie können wir einige dieser Fähigkeiten an Menschen weitergeben, die weder ein Fernsehteam noch einen Schnittplatz zur Verfügung haben?“. Es ging also darum, wie wir Menschen auf Videos überzeugender machen können.

M: Welche Kniffe habt ihr übertragen?

P: Wir haben zum Beispiel diesen typischen Nachrichten-Style ausprobiert, bei dem eine Person mit einem Bildschirm im Hintergrund zu sehen ist. So ist es deutlich einfacher, etwas zu zeigen und darüber zu sprechen. Das Publikum muss so nicht seine Aufmerksamkeit zwischen dir und deinen Folien aufteilen. Mit mmhmm ist es möglich, Folien zu präsentieren und sich selbst vor ihnen zu bewegen und auf Dinge zu zeigen, um sie zu erklären. Man kann sogar verschiedene virtuelle Orte und Räume einstellen – je nachdem, welche Stimmung man damit erzeugen will. Mit solchen Tools sollen sich die Leute wirkungsvoll und charismatisch auf Video präsentieren können – nicht nur beim Präsentieren, sondern auch generell beim persönlichen Auftreten in einem Meeting. Wir fügen ständig neue „fuseful“ Tools hinzu. – Also eine Kombination aus „fun“ und „useful“. Uns ist es wichtig, dass nützliche Tools eine wichtige Funktionen haben, aber in der Benutzung einfach Spaß machen. 

M: Kann mmhmm noch mehr als unsere Calls verbessern?

P:  Die ganze Welt wird umgekrempelt. Die Art, wie Schulunterricht stattfindet, wie Arzttermine ablaufen oder wie man eine Vorstandssitzung abhält. All diese Dinge werden neu gestaltet. Das bedeutet, die Grenzen zwischen einer Performance, einer Präsentation, live und aufgezeichnet werden verschwinden. Ich glaube, wenn das reibungslos funktioniert, wird das eine Multi-Billionen-Dollar-Industrie sein. Eine weltweite Multi-Billionen-Dollar-Transformation, bei der wir von Anfang an dabei sind. Im Moment gibt es also die zwei großen Anwendungen: Entweder ist es ein Meeting oder ich mache eine vorab aufgezeichnete Präsentation und verschicke sie. Aber ich denke, in der Zukunft werden diese beiden Dinge stark miteinander vermischt.

Phil Libin erklärt uns, wie hybride Inhalte verortet werden können.
Phil Libin erklärt uns, wie hybride Inhalte verortet werden können.

M: Klingt gut. Das würde dann hoffentlich auch Digitales Lernen endlich stark verbessern

P: Ja, im Moment ist das wirklich überall ziemlich schlecht. Du siehst die erste Generation von Online-Klassen im Stil von „Okay, früher saßen die Studenten in einem Klassenzimmer und jemand hat einen Vortrag gehalten. Wie können wir das auf Computern nachbilden?“

Der Punkt ist der, dass etwas nicht gut wird, wenn wir nur die alte Realität nachbilden. Wir müssen Dinge schaffen, die vorher nicht möglich waren. Ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass lehren und lernen online viel besser und effektiver sein kann als früher. Nicht, indem wir versuchen, die alte Realität nachzubilden, sondern indem wir neue Dinge schaffen und ich denke, die Branche versucht gerade genau das zu tun.

M: Was fasziniert dich an der Entwicklung von Produkten?

P:  Das Wichtigste sind immer – und es ist fast zu abgedroschen das so zu sagen – die Leute, mit denen man arbeitet.

Ich verbringe die meiste Zeit damit, zu überlegen, wie ich möglichst lange Zeit mit den brillanten und talentierten Personen zusammenzuarbeiten kann, die ich so treffe. Mit vielen Leuten arbeite ich bereits seit zehn, manchmal auch seit 20 Jahren zusammen. Manchmal arbeitet man zehn Jahre lang mit jemandem zusammen und dann macht man zehn Jahre lang unterschiedliche Dinge und dann arbeitet man zehn Jahre später wieder zusammen. Auch das ist in Ordnung! 

Und was die Philosophie von Produktdesign anbelangt – wir haben alle möglichen kultigen Frameworks und Philosophien darüber, wie man Dinge baut und darüber nachdenkt, welche Features man benutzen sollte. Wir könnten Stunden damit verbringen, über die Regeln zu reden, die ich für die Entwicklung der Produkte erfunden habe. Möchtest du eine höre? Eine Art gedanklicher „Hack“?

M: Kreativ-Hacks? – Lass hören!

P: Wir fokussieren uns bei den Design-Kriterien auf die Frage: „Was ist das Beste, was passieren könnte? Was ist die beste Version des Ganzen?“ Und nicht „Was passiert, wenn wir es vermasseln? Was ist, wenn wir diese Funktion hinzufügen und die Leute verstehen sie nicht?“ Sobald man anfängt, so zu denken, erreicht man nichts Gutes. Das ist eine Art rigoroser Optimismus, den man sich wirklich hart erarbeiten muss, um die bestmögliche Version zu erzielen. Meiner Meinung nach kann diese Philosophie einige wirklich gute Produkte hervorbringen.

M: Diesen Hack wendest du auch außerhalb der Arbeit an?

P: Ja, sehr oft! Ich denke, so ist das ganze Leben. Egal ob bei der Arbeit oder im Privaten: Die größten Fehler, die ich gemacht habe, basieren immer auf Entscheidungen, die ich aus Angst getroffen habe. Alle diese Fehler waren Entscheidungen, die ich getroffen habe, weil ich versucht habe, den Schaden zu begrenzen. Es hat ein paar Jahrzehnte gedauert, das für mich herauszufinden. Ich denke, ich bin von Natur aus ziemlich konservativ und das ist einfach nicht der richtige Weg. Dadurch sind mir die schlimmsten Fehler passiert. Ich habe mich gezwungen, nicht mehr so zu handeln. Produkte herzustellen, bildet einen Teil von allem ab, was man im Leben tun muss und das macht irgendwie Spaß und ist auch sehr wichtig.

M: Gibt es etwas wofür du dir neben deinen Firmen noch mehr Zeit widmen würdest?

P:  Ich tue Dinge, weil ich sie tun möchte und ich habe das Glück, dass ich diese Dinge nicht tun muss, sondern es will. Das ist es, was ich so lange wie möglich machen möchte. Deshalb habe ich eigentlich nie den Wunsch, ich hätte mehr Zeit, um etwas anderes zu tun. Wenn ich etwas anderes machen wollte, würde ich halt etwas anderes machen.

M: Noch eine letzte Frage: Stimmt es, dass du dich als Jedi-Geist in mmhmm darstellen kannst?

P: Ja, ich kann mich ein bisschen ausblenden und blau werden. Das ist eine neue Sache, die wir gerade hinzugefügt haben. Ich kann wie ein Hologramm aussehen und sogar einstellen, wie stark das Hologramm sein soll. 

Phil Libin als Jedi Geist in mmhmm
Phil Libin als Jedi Geist in mmhmm

M: Fantastisch, mein Star Wars-Herz schlägt höher! Danke Phil für das sehr interessante und nette Interview!

Moritz Stoll

kann ALLES, aber nichts so richtig. Hat außerdem Medieninformatik studiert, ist als Redakteur fester Bestandteil der Netzpiloten-Redaktion, macht den Netzpiloten-Podcast Tech und Trara und arbeitet nebenbei als freiberuflicher Programmierer. Die Digitale Welt ist für ihn ein Ort voller Möglichkeiten und spannender Technologien, um damit Neues zu erschaffen, ganz viel auszuprobieren und sich in den vielen Ideen manchmal auch etwas zu verheddern.


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