Videokolumne vom 16. Februar 2014

In der Videokolumne geht es heute um Menschen, die ihren Vater suchen und einen blinden Jungen der die Liebe sucht. Antworten auf die großen Fragen der Menschheit scheinen die Kreationisten gefunden zu haben. // von Hannes Richter

Wenn man erfährt, dass der eigene Vater nicht der biologische Vater ist, bricht eine Welt zusammen. Mit einer spannenden Reportage mit den Geschichten Betroffener und dem herausragenden Dokumentarfilm eines jungen Filmemachers bringt 3Sat einen Schwerpunkt über das oft vergessene Thema Kuckuckskinder. Ein anderes Thema scheint zumindest in den USA immer weiter auf dem Vormarsch: Der Kreationismus stützt sich auf die wörtliche Auslegung der Bibel. Ein bekannter Wissenschaftler diskutiert dagegen an. Die Berlinale verabschieden wir mit einem Kurzfilmhighlight: The Way He Looks aus Brasilien.


KURZE EINBLICKE: Was mir fehlt

AUS DER MEDIATHEK – arte +++ Serie: Oft kommt bei der Diskussion um Migration und Einwanderung vor lauter Schlagzeilen das Schicksal der Betroffenen zu kurz. Und wenn wünschenswerter Weise aus den Erlebnissen einer nigerianischen Familie auf dem Weg in eine Flüchtlingsunterkunft in der bayerischen Provinz berichtet wird oder über die Hürden für rumänische Ingenieure, die sich mit gutem Recht in Deutschland niederlassen wollen, dann finden sich die Protagonisten oft genug in der Opferrolle oder in der Position von Bittstellern wieder. Dabei ist der Wechsel der Lebensumstände durch Ansiedlung in einem anderen Land, um es einmal ganz neutral auszudrücken, ein uraltes menschliches Phänomen. Oft gezwungen, aber auch oft (und viel akzeptierter) freiwillig: aus Interesse, Lebenshunger, Liebe. Was alle Migranten dabei gemein haben, ist eine Geschichte. Nicht nur die ihrer Reise, sondern die ihres Lebens vor dem entscheidenden Aufbruch. Und alle lassen sie etwas zurück. In dieser charmanten Serie von Clips, die arte ab und zu ins Programm streut, berichtet unter anderem der Türke Cahit Pamokoglu über den Samowar, den er zurück lassen musste. Und Manuel de Santos Ferreira aus Portugal fehlt die Tomatenmarmelade, die seine Schwester immer gemacht hat. Die liebevoll zusammengestellten Filmchen sind alle nur etwas über eine Minute lang und bringen einen in ihrer Fülle doch die Menschen hinter dem großen Thema näher.


SCHWIERIGE SUCHE: Alias – Wer ist mein Vater?

AUS DER MEDIATHEK – 3Sat +++ Sendung vom 12. Februar: Eine spannende Geschichte hat auch der junge Filmemacher Jens Junker, nur weiß er davon lange nichts. Bis er bei einem Streit erfährt, dass sein Vater nicht sein Vater ist, und sich auf die Suche macht. Stück für Stück ergibt sich eine komplexe Familiengeschichte, hartnäckig bleibt der Suchende auf der Spur, trotz des anfänglichen Widerstands seiner Mutter, und hält alles fest. Es entsteht ein sehenswerter Dokumentarfilm bei dem die Grenzen zwischen Gut und Böse, zwischen Verständnis und Urteil verschwimmen.


SCHWIERIGES THEMA: Kuckuckskinder

AUS DER MEDIATHEK – 3Sat +++ Sendung vom 12. Februar: Dass es manchmal nicht so einfach und viele Urteile zu schnell gefällt sind, wird auch in dem schweizerischen Doku „Kuckuckuskinder“ deutlich. hier kommen alle Seiten zu Wort: Menschen, die erfahren haben, dass sie einen anderen biologischer Vater haben, aber auch Mütter, die eine schwierige Entscheidung treffen mussten. Gemeinsam mit seiner Frau an einem Tisch sitzt ein Mann, dessen Welt zusammengebrochen ist, als er erfuhr, dass eines seiner drei Kinder nicht von ihm ist. Er bleibt trotzdem mit ihr zusammen und beide unterstützen den Sohn bei der Suche nach dem richtigen Vater. Der Film handelt so auch von Vergebung und Akzeptanz und davon, dass das Leben manchmal komplizierter ist, als Gut und Böse.


SPANNENDER SCHLAGABTAUSCH: Kreationismus-Debatte in den USA

Schon immer hat es in den USA einen starken christlichen Fundamentalismus gegeben. Bei dem Eifer, mit dem Vertreter dieser Strömungen auch die Founding Fathers und Verfasser der Unabhängigkeitserklärung im Nachhinein zu Heiligen machen, scheint es eigentlich verwunderlich, dass die Trennung von Staat und Religion in dem Land derart fest verankert ist (in Wirklichkeit hingen viele der tonangebenden Vertreter der Unabhängigkeitsbewegung, wie Benjamin Franklin oder Thomas Jefferson, eher den Gedanken der europäischen Aufklärung an). Doch wie weit her ist es mit diesem Prinzip, wenn in einer wachsenden Anzahl Schulbücher in den südlichen Bundesstaaten neben der Evolutionstheorie auch das sogenannte „Intelligent Design“ gelehrt wird? So nennen die Kreationisten ihre alternative Vorstellung von der Entstehung der Erde: streng nach der Heiligen Schrift meinen sie, sei die Erde von Gott in sechs Tagen erschaffen worden, vor etwa 6000 Jahren. Was in den meisten Teilen der Welt und selbst bei den meisten Christen nur ungläubiges Staunen hervorruft, formiert sich in den USA zu einer Bewegung, die immer größeren Einfluss auf das Bildungssystem ausübt. Aber die angelsächsische Kultur ist auch berühmt für ihre Debatten. Und so hat der Kreationist und Gründer des Creation Museums in Kentucky, Ken Ham, nun einen der profiliertesten Wissenschaftler der USA zum Schlagabtausch eingeladen. Bill Nye ist vor allem durch populäre Wissenschaftssendungen im Fernsehen bekannt, Nye the Science Guy ist jedem Kind ein Begriff. Schon vor der Debatte in der letzten Woche wurde er dafür kritisiert, sich mit den irren Ideen der Kreationisten überhaupt auseinanderzusetzen, aber er wagte sich trotzdem in die Höhle des Löwen. Tatsächlich arbeitet sich Ney auffallend an dem überzeugten Ham ab. Schnell wird klar, dass dieser für kein Argument offen ist, wenn schon die Grundlagen der modernen Wissenschaft in Zweifel gezogen werden und wichtige aufgeworfene Fragen mit „There is a book out there…“ beantwortet werden, in der Bibel würden sich ja alle Antworten finden. Die ganze Debatte wurde bereits über zwei Millionen mal auf Youtube abgerufen und geht über mehr als zweieinhalb Stunden, richtig spannend wird es aber erst nach den Einführungsvorträgen. Ab etwa einer Stunde und 30 Minuten kommt es zum Schlagabtausch.


ABSCHIED VON DER BERLINALE MIT EINEM FILM: The Way He Looks

Die 64. Berlinale ist zu Ende. Das quirlige Filmfest ist nicht nur für den in den Medien viel beachteten Wettbewerb bekannt, wo große Produktionen um den Goldenen Bären konkurrieren. Es sind besonders die Nebenreihen, in denen Filmemacher aus aller Welt ihre neuesten Werke vorstellen, die das Festival ausmachen. Sie ziehen den Großteil der in diesem Jahr wohl erstmals über 330.000 Zuschauer an und sorgen für internationales Flair auch ohne roten Teppich. Im Panorama konnte man Filme über mexikanische Studenten auf Sinnsuche und indische Freiheitskämpfer sehen, eine äthiopische Anwältin kämpft um Gerechtigkeit für ein bedrohtes Mädchen und ein blinder Junge entdeckt seine Liebe zu einem Mitschüler. Dieser Film entwickelte sich schnell zu einem Geheimtipp auf dem Festival. Er wurde mit dem Preis der Filmkritikervereinigung ausgezeichnet und gewann auch den Teddy Award, der jedes Jahr an den besten Film im Berlinale-Programm mit einer schwulen, lesbischen oder sonstwie queeren Thematik vergeben wird. The Way He Looks hat dabei eine besondere Geschichte: 2010 entstand zunächst ein Kurzfilm, mit dem Regisseur Daniel Ribeiro erfolgreich über mehrere Filmfestivals getourt ist. Beim Berlinale Talent Campus, einer Art Werkstatt für junge Filmemacher, die angeleitet von Profis an Workshops teilnehmen, wurde dann die Idee geboren, daraus einen Spielfilm zu machen. Dabei griff Ribeiro auf dieselben Darsteller zurück und schaffte es, den Zauber und die Leichtigkeit aus der kurzen Version zu bewahren. In diesem Jahr kehrte er mit dem fertigen Film zurück nach Berlin. Nach der erfolgreichen Weltpremiere erwarten Fans sehnsüchtig den Kinostart in der Heimat und auch ein deutscher Kinostart steht bevor. Vorher sollte man sich zur Einstimmung unbedingt den Kurzfilm auf Youtube anschauen (englische Untertitel lassen sich in dem Video einblenden).


Teaser by Paulae (CC BY 3.0)

Image Screenshot (http://www.youtube.com/watch?v=z6kgvhG3AkI#t=1211)


wanderte schon früh zwischen den Welten, on- und offline. Der studierte Kulturarbeiter arbeitete in der Redaktion eines schwulen Nachrichtenmagazins im Kabelfernsehen, produzierte Netzvideos und stellte eine Weile Produktionen im Cabaret-Theater Bar jeder Vernunft auf die Beine, bevor er als waschechter Berliner nach Wiesbaden zog, um dort am Staatstheater Erfahrungen im Kulturmarketing zu sammeln. Er baute später die Social-Media-Kanäle der Bayreuther Festspiele mit auf und schoss dabei das erste Instagram-Bild und verfasste den ersten Tweet des damals in der Online-Welt noch fremden Festivals. Seitdem arbeitete er als Online-Referent des Deutschen Bühnenvereins und in anderen Projekten an der Verbindung von Kultur und Netz. 


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