Kinder und Jugendliche verbringen immer mehr Zeit im Internet. Ob auf Social Media, Messenger Diensten oder in Videospielen, der Alltag der Jugend verlagert sich zunehmend in die digitale Welt.
Dabei bieten gerade diese Plattformen mit Chatfunktionen einen Nährboden für Cybergrooming. Beim Cybergrooming kontaktieren erwachsene Täter auf der Suche nach sexuellem Kontakt Minderjährige im Internet. Der Wortzusatz cyber bezieht sich dabei auf den virtuellen Raum. Grooming beschreibt eben diese Kontaktaufnahme mit Missbrauchsabsicht und ist ein anderes Wort für Pädokriminalität.
Die Täter gehen dabei sehr manipulativ vor, erschleichen sich das Vertrauen von Kindern mit Geschenken oder Komplimenten und nutzen dieses dann schamlos aus. Da Kinder sich als Opfer von Cybergrooming oft schämen oder nicht trauen gegen den Erwachsenen vorzugehen, ist es wichtig sich besonders als Eltern dieser Gefahr bewusst zu werden.
Konfrontationsrisiken im Internet beziehen sich mittlerweile nicht eben nicht nur auf die Inhalte der Plattformen, sondern auch vor allem auf deren Interaktionsmöglichkeiten. Obwohl das Internet auch viele Möglichkeiten zur individuellen Entwicklung und persönlichen Informationsbeschaffung bietet, stellt eben diese ständige Vernetzung ein zunehmend bedeutendes Risiko dar.
Wir erklären euch was dahinter steckt und wie ihr eure Kinder im Netz besser schützen könnt. Vorab möchten wir allerdings eine Triggerwarnung aussprechen, da im Folgenden sexualisierte Gewalt an Minderjährigen thematisiert wird. Wendet euch bei Redebedarf an Anlaufstellen wie das Hilfetelefon oder das Kinder- und Jugendtelefon der Nummer gegen Kummer.
Die ständige Bedrohung
Marek Brunner leitet die Prüfverfahren für Videospiele die bei der USK mit Altersfreigaben versehen werden. In unserem Podcast erzählte er, dass dieser Prozess neben spieleigenen Inhalten – wie Gewalt, Sex oder Drogen – auch immer mehr von dem Schutz der persönlichen Integrität beeinflusst wird. Gerade Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme in unmoderierten Chaträumen stellen ein großes Risiko dar.
Ist ein Spiel etwa Free-to-Play, besonders kinderaffin, offen und mit wenig Einschränkungen – besonders zur Kontaktaufnahme – gestaltet, gilt es für ihn als risikoreich. Aber nicht nur Videospiele schaffen eine Grundlage für Cybergrooming, auch auf sozialen Medien ist diese Gefahr omnipräsent. Mittlerweile besitzen über 90% der 12- bis 19-Jährigen ein eigenes Smartphone, der Großteil der Befragten gibt an das erste schon mit neun bis zwölf Jahren bekommen zu haben. In dem Alter verbringen Kinder rund zwei bis drei Stunden täglich im Internet, ein Großteil der Zeit wird Social Media. Über 70% der Befragten der JIM-Studie von 2025 geben zudem an mehrmals die Woche Zeit in Videospielen zu verbringen, kostenlose Online-Spiele wie Roblox, Fortnite oder Clash of Clans sind besonders beliebt. Der Alltag Kinder und Jugendlicher verschiebt sich immer mehr in die digitale Welt.
In dieser stellen Chat- und Kommentarfunktionen ein Risiko dar, das nicht unterschätzt werden darf. Denn jede Person kann – unabhängig vom Bekanntenkreis, Alter oder Aufenthaltsort und ohne jegliche Kontrollinstanz – Kontakt zu Minderjährigen aufnehmen. Dieser beginnt meist ganz harmlos, mit einem Geschenk im Lieblingsvideospiel oder Kompliment unter dem neuesten Beitrag. Schnell wollen die Täter, oder Groomer, die Interaktion von der Kommentarspalte in den unmoderierten privaten Chatraum verlegen. Hier werden die Gespräche privater, persönlicher und intimer. Täter fragen nach Hobbies, dem Namen der Schule und mit der Zeit auch nach Fotos. Vertrauen aufbauen ist dabei ein wichtiger Faktor bei der Manipulation der Minderjährigen.
Das perfide Vorgehen
Für gesendete Fotos bekommen Kinder dann Belohnungen, wie Punkte oder Geld in der spieleigenen Währung. Was mit Selfies beginnt, entwickelt sich schnell zu dem Drängen nach immer freizügigeren Fotos, bis hin zu Nacktfotos. Nicht selten schicken Groomer hier selbst intime Bilder, um die Kinder noch mehr unter Druck zu setzen. Ist ein solches Foto einmal verschickt, benutzen Täter es um das Kind kontrollieren und erpressen zu können. Sie drohen damit die Fotos zu veröffentlichen sollte ihr Opfer keine weiteren schicken oder den Kontakt abbrechen. In einigen Fällen drängen Täter Kinder auch zu persönlichen Treffen, bei denen sie diese zu sexuellen Handlungen zwingen. Ist die Wohnadresse oder Schule einmal preisgegeben, drohen Täter auch mit Hausbesuchen und Stalking.
So auch im Fall von der damals 14-jährigen Jennifer Köhn.
Sie wusste, dass sie nicht mit Fremden in Kontakt treten, Bilder schicken oder sich treffen durfte, trotzdem wurde auch sie Opfer von Cybergrooming. Die Angst etwas falsch gemacht zu haben hemmt viele betroffene Minderjährige davor Hilfe bei ihren Eltern zu suchen. Jennifer ist es wichtig ihren Kindern zu erzählen was ihr passiert ist. Sie will ihre Kinder so schützen und ihnen klar machen, dass so etwas jedem passieren kann.
Der Fall stammt aus dem Jahr 2005 und zeigt wie präsent diese Bedrohung seit Einführung des Internets ist – und wie erfolglos gegen sie vorgegangen wird. Denn Jennifer ist bei weitem kein Einzelfall: fast ein Viertel der Kinder und Jugendlichen war nach eigenen Angaben schon Opfer von Cybergrooming, fast jede*r siebte Minderjährige wurden schonmal von einem unbekannten Erwachsenen zu einem Treffen aufgefordert. Dabei geben diese sich oft als Fotografen, Talentscouts oder Modelagenten aus um an Fotos oder Verabredungen zu kommen.
Was tun Plattformen und Politik?
Das größte Problem beim Cybergrooming ist die einfache Kontaktaufnahme von Erwachsenen zu Minderjährigen. Aus diesem Grund soll es von Plattformbetreibern erschwert werden.
Marek Brunner spricht bei Chatfunktionen in Videospielen von dem Einsatz einer KI, die Verhaltensmuster die zu Grooming führen können früher erkennt. Zudem sollen Chats generell mehr moderiert werden.
Auch Meta, Betreiber von den Social-Media-Giganten Instagram und Facebook, versucht mit KI-Tools problematische Konten und Bilder zu erkennen. Nachrichten dieser Konten werden automatisch nicht direkt angezeigt. In bestimmten Fällen, wenn die Accounts eine bestimmte Anzahl an Warnsignalen aufweisen, werden diese gesperrt.
Außerdem sind neue Accounts von Jugendlichen automatisch privat und in ihren Kontaktmöglichkeiten eingeschränkt. Konkret blockiert Instagram Chats zwischen Personen über und unter 18 Jahren, die sich nicht gegenseitig folgen.
In Snapchats Family Center können Eltern beaufsichtigen mit wem ihre Kinder chatten, aber nicht was sie schreiben. So wird ihre Privatsphäre und Integrität zugleich geschützt. Auch WhatsApp bezieht Eltern mit ein. Mit Eltern-Konten, die mit dem Konto ihres Kindes verknüpft werden können. Die Eltern können bestimmen wer ihr Kind anschreiben darf – denn das Kinder-Konto kann nur kontaktieren wer im Adressbuch eingespeichert ist. Alle Anderen landen in einem versteckten Ordner den nur die Eltern mit ihrer vorher festgelegten PIN öffnen können.
Die Vorsichtsmaßnahmen von Instagram, Snapchat und Co. sind nach der Gesetzesreform des Jugendschutzgesetz (JuSchG) von 2021 verpflichtend. Bei der Reform wurden auch Kinder und Jugendliche in den Prozess mit einbezogen, um ihre Mediennutzung realistisch einschätzen zu können. In ihr wurden das erste Mal neben potenziell gefährlichen Inhalten auch Interaktionsrisiken, wie Cybergrooming, aufgegriffen. Die Maßnahmen der Politik sollen Risiken im Vorfeld minimieren und richten sich auch an Plattformbetreiber. Zusätzlich zieht der europäische Digital Services Act (DSA) Plattformen mehr in die Verantwortung. Sie müssen etwa die Risiken für Minderjährige genau analysieren und im Zuge dessen Schutzmaßnahmen und transparente Beschwerdesysteme einführen.
Cybergrooming erkennen
Täter haben im Netz deutlich weniger Angst vor Strafverfolgung. Und das, obwohl nach § 176 StGB schon die Kontaktaufnahme zu Kindern mit sexueller Absicht eine Straftat ist und angezeigt werden kann. Es muss also nicht erst zum Austausch von Fotos oder einem Treffen kommen, um Täter anzeigen zu können.
Da Kinder die in Kontakt mit Groomern stehen sich anders verhalten als sonst, rät Kinderpsychologin Jarmila Tomkova Eltern das Verhalten ihres Kindes zu beobachten. Ein auffälliges Zurückziehen oder Verstecken von Textnachrichten sind für sie Szenarien bei denen Eltern aufmerksam werden sollten. Auch wenn euer Kind in seinem Videospiel einen Haufen Geschenke von einem anderen User bekommt, lohnt es sich genauer hinzuschauen wer dahinter steckt.
Wichtig ist vor allem mit eurem Kind deutlich darüber zu sprechen, wenn ihr die Vermutung habt, dass es im Internet belästigt wird. Dabei solltet ihr darauf achten ihm Vertrauen entgegenzubringen und klar zu machen, dass in solch einem Fall niemals das Kind und immer der Täter die Schuld trägt. Tomkova empfiehlt Eltern dafür zusammen mit ihren Kindern etwa Aufklärungsvideos anzuschauen, die eine gemeinsame Basis für Gespräche bieten können.
Gleichzeitig solltet ihr euer Kind bei Gesprächen nicht unter Druck setzen, gerade da es Kindern oft schwerfällt über solche Themen zu sprechen – oder sie zu verstehen. Erst wenn Kinder und Jugendliche ein Bewusstsein für Cybergrooming entwickelt haben, können sie besser einschätzen wann ihnen etwas komisch vorkommt.
Hilfreich kann dabei sein ihnen bewusst zu machen, dass jeder Cybergrooming zum Opfer fallen kann. Je nach Kind kann es auch helfen einer anderen, dritten Person die Rolle des Betroffenen zuzuschreiben. Das schafft eine gewisse Distanz und die Ratschläge, die an den vermeintlichen Freund gehen, kann euer Kind genauso gut auffassen.
Vor allem sollten Kinder darüber aufklären werden welche persönlichen Daten sie auf keinen Fall teilen und bei welchen Nachrichten die Alarmglocken klingeln sollten. Komplimente, Geschenke und das Fragen nach Fotos oder sogar Treffen in der analogen Welt sind Anzeichen von Cybergrooming.
Was kann ich als Elternteil tun?
Eltern sind im Internet oft außen vor gelassen, macht eurem Kind daher klar, dass ihr euch für seine Interessen – wie etwa das Videospielen – interessiert. Es kann helfen das eigene Kind prophylaktisch im Internet zu begleiten, Plattformen gemeinsam mit ihm kennenzulernen, Warnsignale zu besprechen und Regeln festzulegen. Das Internet sollte nicht per se verboten werden, vielmehr sollte eine Aufklärung über die Gefahren erfolgen und die Eltern sich als vertrauenswürdige Anlaufstelle präsentieren. Da etwa die Hälfte der Minderjährigen den Begriff Cybergrooming nicht kennen, sollte auch dieser definiert und erklärt werden.
So fällt es ihm gegebenenfalls leichter sich bei Bedenken an euch zu wenden, es ist für Kinder wichtig zu wissen an wen sie sich wenden können wenn sie ein ungutes Gefühl bekommen.. Denn genau diese elterliche Abwesenheit kommt Tätern im Netz sehr gelegen.
Ist euer Kind Opfer von Cybergrooming hilft eine konkrete Ansprache bei dem ihr deutlich macht, dass es keine Schuld trägt. Außerdem solltet ihr unbedingt die Chatverläufe dokumentieren. Dabei ist wichtig dem Kind klar zu machen, dass der Blick in den Chat keine Bestrafung ist.
Da der Besitz von kinderpornografischen Inhalten in Deutschland strafbar ist, empfiehlt sich hier allerdings mit der Polizei abzuklären wie dabei mit verschickten Bildern umgegangen wird. Auch als Eltern solltet ihr sie nicht einfach herunterladen.
Da ihr mit einer Anzeige womöglich mehr als nur euer Kind schützt, solltet ihr euch unbedingt an die Polizei, oder zumindest an den Plattformbetreiber, wenden und den Vorfall melden. Dafür gibt auch Internetbeschwerdestellen wie auf Jugendschutz.net oder die Internet Beschwerdestelle.
Manchmal wollen Kinder auch einfach nicht mit ihren Eltern sprechen, auch dafür gibt es Anlaufstellen. Dazu gehören das Hilfeportal sexueller Missbrauch, die Nummer gegen Kummer oder fragZEBRA.
Medienkompetenz stärken
Schutzmechanismen und ein digitales Bewusstsein werden mit der voranschreitenden Digitalisierung immer wichtiger. Neben dem Schutz der Kinder, ist auch die Förderung ihrer medialen Kompetenzen ein wichtiger Faktor. Es ist wichtig zukunftsorientiert zu handeln und Kinder und Jugendliche an unsere heutige, sehr digitale Realität anzupassen.
Die Medienkompetenz stärken – oder erstmal auch einfach entwickeln – ermöglicht Kindern sich freier, unbeschwerter und mit weniger Risiko im Internet bewegen, informieren und entfalten zu können. Wenn Kinder in der online Welt stattfinden, müssen sie unbedingt in der Lage sein Bedrohungen wie Cybergrooming erkennen und verstehen zu können. Dabei ist es umso wichtiger Kindern bewusst zu machen wie sie mit ihren sensiblen persönlichen Daten – wie ihrem Name, ihrer Adresse und Erscheinungsbild – umgehen sollen und dass diese niemals an Fremde geraten dürfen. Nur so können sie die Chancen nutzen die es bereithält. Was uns konträr dazu ein Social Media Verbot, wie Australien es eingeführt hat, bringen könnte, haben wir hier diskutiert.
Stärkt auch als Eltern eure Medienkompetenz und geht sensibel mit den Daten eurer Kinder um. Denn das Internet vergisst nie. Gerade sogenannte Momfluencer posten gerne ihre Kinder – nicht selten unverpixelt und mit vollem Namen. Im diesem Fall entscheidet das Elternteil über sensible Daten der Kinder und setzt sie damit, wenn auch teils unbewusst, dieser Gefahr aus. Kinder von Momfluencern berichten nicht selten über Fälle von Cybergrooming.
Image by Craig Adderley via pexels
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