Lohnt sich Neverness to Everness (für Gacha-Anfänger)?

Ich kann Gacha-Spielen eigentlich nichts abgewinnen. Allerdings kann ich auch nicht sagen, dass ich ihnen bislang eine Chance gegeben hätte. Bei den guten Wertungen zu Genshin Impact wurde ich schon fast schwach und die Gacha-Elemente in Xenoblade Chronicles 2 gefielen mir sogar. Doch lohnt sich Neverness to Everness für Gacha-Anfänger wie mich?

Ein Trailer zu Neverness to Everness (NTE) wurde mir zufällig in meine Timeline gespült und machte mich direkt neugierig. Da war nicht nur eine tolle Anime-Grafik, sondern auch eine Stadt, die mich direkt an das moderne Japan erinnert. Diese lässt sich als moderne Open World nicht nur zu Fuß, sondern auch mit Fahrzeugen erkunden.

Meine Liebe zu Japan und das nahende Forza Horizon 6, das ebenfalls in Japan spielt schlugen zu. Doch begeisterte mich NTE auch über den Trailer hinaus? Begleitet mich bei meinen ersten Schritten als Gutachter*in der Stadt Hethereau.

Ein beeindruckender Einstand mit schlechtem Einführungskampf

Dass die ersten Schritte beeindrucken, liegt mehr in der Präsentation, als in den eigentlichen Tutorial-Fähigkeiten des Spiels. Das Spiel startet nämlich zunächst mit dem Kampf eines Charakter-Trios, der zunächst losgelöst der eigenen Charakterriege ist.

Ein Kampf mit fortgeschrittenen Charakteren zum Einstieg ist bei JRPGs ziemlich gängig. Meist dient dazu, die Bedrohung einzuführen und dient zugleich als Tutorial. Ersteres funktioniert ganz okay, letzteres aber so gar nicht. Ich mag es zwar, wenn einem Spiele nicht alles vorkauen, aber grundlegende Kampfmechaniken hätte ich schon gerne erklärt bekommen. Zumindest sieht man auf dem Bildschirm auf welchen Tasten überhaupt irgendwelche Aktionen liegen und kann entsprechend rumprobieren. Vermutlich ist die Kampfmechanik Genre-Standard – doch ich bin nicht mit dem Genre vertraut. Tatsächlich hat das Spiel aber für jeden Charakter auch ein eigenes Tutorial, dass die Fähigkeiten etwas besser erklärt.

Zunächst fängt mich aber vor allem die besagte Präsentation ein. Denn bald darauf starten wir mit dem eigentlichen Hauptcharakter ins Spiel. Dieser weiß ähnlich wenig über sich und die Welt wie wir und kommt auch ganz frisch in der Stadt an.

Diese fühlt sich wirklich verdammt lebendig an. Bereits auf dem Weg zum Eibon, einem Antiquitätengeschäft, das mein künftiger Arbeitsplatz und Wohnsitz ist, sehe ich überall interessante Elemente und Händler verschiedenster Art, die mich bereits locken später angesprochen zu werden. Doch erst einmal möchte ich ganz in der Story ankommen, ehe die beeindruckende Welt erkundet wird.

Angekommen im Eibon lerne ich schnell eine ganze Reihe neuer Charaktere kennen. Ebenso lerne ich auch, dass das Geschäft sein Geld vor allem mit dem bekämpfen lokaler Annomalien verdient. Der Hauptcharakter ist dabei das fehlende Puzzle-Stück, da er oder sie eine übernatürliche Intuition für diese Anomalien besitzt.

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Animation & Regie bringt AAA-Spiele in Verlegenheit

Die bunte Charakterriege ist es auch, die manche AAA-Produktionen geradezu in Verlegenheit bringen sollte. Natürlich versammeln sich hier geradezu alle gängigen Anime-Tropes mit dezentem Hang zum Harem, doch die Animationen und deren Dynamik unter den Figuren ist einfach beeindruckend. Die Charaktere haben verschiedenste Körpergrößen oder auch andere Besonderheiten, doch zumindest in den Storyquests sind die gemeinsamen Animationen wie aus einem Guss. Jede Figur zeigt dabei vielfältige Animationen und Gesichtsausdrücke, die nochmal perfekt die Persönlichkeit unterstreichen.

Viele westliche Studios scheitern bereits mit einheitlicheren Charaktermodellen, nicht steif zu wirken. Zugegeben spielt der vereinfachte Anime-Look NTE in die Hände und viele westliche Studios sind mehr damit beschäftigt, bloß keine attraktiven Charaktere erschaffen. Die wehenden Röcke und teils üppigen Oberweiten von Neverness to Everness sind damit der komplette Gegenentwurf.

Doch auch die Regie an sich überzeugt. Das betrifft die sehr dynamischen Kamerawechsel, aber auch wie sich die teils surrealen Welten transformieren. Flüssig wandeln sich Szenen in ganz neue Orte oder sind plötzlich in Negativ-Farben dargestellt. Geschrumpfte Charaktere stehen plötzlich in gigantisch wirkender Kulisse. Dadurch wirkt das Spiel in seiner Inszenierung wenig eingeschränkt vom technischen Grundgerüst.

So viel die schlucken kannst – Das Belohnungs-Pachinko

Nach dem ersten gemeinsamen Auftrag mit meiner neuen „Familie“ öffnete sich die Welt. Doch zunächst merkte ich vor allem, was sich spielerisch nun für mich öffnete. Zahlreiche Menüpunkte auf meinem Ingame-Smartphone riefen nun nach Aufmerksamkeit. Der Gacha-Irrsin begann.

Überall konnte ich mir Belohnungen holen. Verbesserte Beziehungen zu anderen Charakteren? Belohnung! Höheres Jäger-Level? Belohnungen? Tägliche Herausforderungen, Einlog-Boni und vieles mehr warteten darauf, von mir eingesackt zu werden. Neben den Würfeln für das Gacha-System gab es auch mehrere Währungen für unterschiedliche Dinge im Spiel.

Als Gacha-Neuling war das eine ähnliche Reizüberflutung, wie in eine Pachinko-Halle zu gehen. Zugleich war mir aber auch bewusst, dass es metaphorisch auch die selbe Dauerstimulation erzeugen soll wie das bunt-laute Glücksspiel. Ein bisschen kannte ich es aber auch aus Black Desert Online, das auch sehr ähnliche Belohnungs-Anreize setzt. Bei NTE fühlt sich das aber schon nach Druckbetankung an. Anderen mag es gefallen, mich schreckt es eher ab. Es fühlt sich mehr nach Arbeit, als nach Belohnung an. Zudem mangelt es noch an wirklichen Inhalten im Spiel.

Wenn man sich Reddit so anschaut, scheinen die Gachi-Mechaniken in Neverness to Everness jedoch sehr großzügig. Die Chancen auf einen neuen Charakter sind größer und fairer als bei vielen Konkurrenten. Mich graust es trotzdem, was die ständigen Kaufanreize bei weniger kontrollierten Personen auslösen. Kostenlose Spiele brauchen natürlich sei jeher Spieler*innen, die das mehrfache eines gängigen Spielepreises ausgeben, um Geizhälse wie mich zu kompensieren. Gacha-Spiele scheinen das aber trotzdem auf die Spitze zu treiben.

Das Gacha-Spielbrett von Neverness to Everness mit verlockenden Preisen.
Gacha-Veteranen sind erstaunt wie fair das System ist. Für mich wirkt das durch Echtgeld-Transaktionen befeuerte System trotzdem wie eine Abzock-Hölle.

Inhaltlich im Alpha-Status

So schön Neverness to Everness auch durch die erste Storyquest beginnt: Von diesen gibt es nur überschaubare fünf zum Start. Diese sind aber zumindest etwas umfangreicher und bis es in die eigentlichen Dungeons geht, kann man sie problemlos zwischendrin unterbrechen. Auch die Dungeons sind sehr phantasievoll und könnten problemlos Vorlage für die Persona 5-Nachfolge stehen.

Abseits dessen wird es aber auch schon dünner. Nebenquests gibt fast nur im Brückenviertel, dort wo auch das Eibon liegt. In anderen Viertel gibt es immerhin noch Sammelobjekte und Nebenbeschäftigungen, die zum Tycoon-Part des Spiels gehören. Neben den Kampffähigkeiten steigern wir nämlich auch einen Tycoon-Level, über den wir neue Tätigkeiten in der offenen Welt freischalten. Dazu gehören etwa Autorennen, das Führen eines eigenen Cafés, Angeln, Lieferaufträge und ein „Banküberfall“. Doch auch die Nebentätigkeiten sind weitgehend „nett“, doch jedes dieser Systeme für sich hat wenig Tiefgang.

Im Kampf dagegen werden die Charaktere wichtig. Die Kämpfe sind Actionlastig und mit einer überschaubaren Anzahl Aktionen. Dafür wechselt man durch seine Gruppe aus 4 Charakteren und profitiert von Synergie-Effekten, etwa wenn der DPS-Charakter Schadensbonus durch den vorigen Unterstützer erhält. Vor allem die Spezialfähigkeiten sind abwechslungsreich inszeniert, doch geht viel Charakteroptimierung am Ende über den Gacha-Grind. 

Nach einem intensiven Wochenende oder einer Woche kommt man so schon an einen Punkt, wo man mehr für diesen Grind zockt, als Inhalte, die wirklich Spaß machen. Da es ein Gacha-Spiel ist und man bereits eine Art Disney-Land in der Ferne sieht, dürfte die Welt aber künftig noch mit vielen zusätzlichen Inhalten gefüllt werden. Derzeit lohnt sich Neverness to Everness aber nur eingeschränkt, wenn man nicht bewusst den Gacha-Grind sucht. Dieser ist aber relativ fair gehalten und belohnt mit garantierten Charaktere nach einer bestimmten Anzahl „Pulls“. Ohne einen Cent auszugeben habe ich auch schon 10 Charaktere angesammelt.

Roadmap: Neue Inhalte bereits erschienen

Neue Inhalte sind sogar kurz nach Release schon auf dem Weg. Ein neuer Charakter kam mit Hotori sogar schon am 13. Mai, nur zwei Wochen nach Release des Spiels. Da Hotori in der Story als Chefin des Eibon bereits eine wichtige Rolle spielte, ist sie allerdings auch keine wirklich große Neuheit gewesen.

Mit der Version 1.1 gab es am 3. Juni jedoch ein wirklich großes Inhalts-Update. Dieses erweitert die Welt um Sunward Island, die ihr nicht direkt mit per Auto ansteuern könnt. Direkt vor der Stadt Hethereau gelegen scheint sie mit einem kleinen Küstendorf allerdings mehr einen sehr ruhigen und idyllischen Vibe auszustrahlen. Dann gibt es allerdings noch den Corridor of Echoes. Das soll eine neue Standort-Anomalie sein, die dem Update seinen Namen gibt und wohl auch Fokus der Story ist.

Auch zwei neue Charaktere sind für 1.1 angekündigt. Besonders beliebt ist bereits die Tomatensaft-liebende Lacrimosa, die Spieler bereits in der Intro-Sequenz kurzzeitig spielen konnten. Weniger ist zum Charakter Chaos bekannt, außer dass er dem Esper-Typ Lakshana angehört.

Mit dem Fight Club und dem Underground Circuit finden zudem zwei neue Modi ins Spiel. Letzteres ist ein neuer Rennmodus mit bewaffneten Fahrzeugen, der bestimmt einen neuen Twist ins Racing bringt. Autofans dürfen sich zudem über eine Kooperation mit Porsche freuen. Der Porsche 918 Spyder scheint allerdings nur in einem begrenzten Zeitraum erhältlich zu sein. Auch dieser erscheint in einem neuen Content-Typ aus immer teurer werdenden Überraschungs-Boxen, die für die zeitlich begrenzte Aktion ebenfalls zur Mikro-Transaktion verführen.

Fazit: Lohnt sich Neverness to Everness für Gacha-Anfänger?

Neverness to Everness ist ein kleines Kuriosum für mich. Kaum ein Spiel hat mich in letzter Zeit so überrascht. Die Welt mag nicht die größte sein, sieht aber wunderschön aus und bringt die Essenz Japans trotz weiterer Einflüsse besser auf den Punkt als das fahrbare Postkartenmotiv Forza Horizon 6. Auch in Sachen Animationen oder der Begehbarkeit einer Open World können sich viele große Studios eine Scheibe von Abschneiden. NTE misst sich hier nicht nur mit kostenlosen Spielen, sondern mit der Spielebranche als ganzes.

Trotzdem kommt das ganze auch zu einem Preis – und der liegt in seinen Gacha-Mechaniken. Gegen einzelne dieser Mechaniken habe ich nichts einzuwenden. Nur wenn ein Spiel sich damit finanziert, nehmen sie doch ein absurdes Maß an. Man klickt sich von einem Belohnungsbildschirm zum nächsten und am Ende hat man gefühlt mehr Währung als wirklich interessante Ausrüstungsgegenstände. Alles um am Ende über die eigentliche Gacha-Mechanik ein paar neue Spielfiguren zu bekommen oder um sich einige der wenigen Items zu kaufen, die visuell sichtbar oder spielerisch nutzbar sind.

Dafür dass Gacha-Spiele einen sehr lange an das Spiel binden sollen ist das Spiel zum Start trotzdem ziemlich leer. Es gibt 5 größere Story-Quests und einige Nebenaufträge. Letztere beschränken sich dafür weitgehend auf einen Bezirk der Stadt. In den anderen gibt es hauptsächlich Sammelobjekte zu erbeuten. Zumindest die vorhandenen Viertel hätte man doch noch etwas gleichmäßiger vor Release füllen dürfen.

Bereits die erste große Erweiterung bringt jedoch an allen Fronten neue Inhalte. Neben neuer Charaktere wird auch die Geschichte in kommenden Updates vorangetrieben. Mit einem Disneyland-ähnlichen Park ist zudem ein bislang noch nicht begehbares Gebiet bereits sichtbar. Auch wenn der Dauer-Grind nichts für mich ist, werde ich garantiert immer mal wieder reinschauen, was es so neues gibt – und die Atmosphäre der Spielwelt genießen.


Image by Hotta Studio

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, schreibt nun aber lieber Artikel als Code.


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