In der Sharing Economy steht Teilen nicht immer im Vordergrund

Die “Sharing Economy” erlaubt es uns inzwischen, durch unsere Onlinekontakte zu allen Arten von Dingen, die wir brauchen könnten, Zugang zu haben. In der winterlichen Jahreszeit könnte dies das Besorgen eines Truthahns von einer Farm in der Nähe oder das Organisieren eines Autos mit Chauffeur beinhalten, der die Verwandten einsammelt. Auch die Chance für eine Woche in der warmen Wohnung eines Fremden zu leben oder das Ausleihen eines industriestarken Lebensmittel-Mixers und einer Reihe weiterer materieller und geistiger Güter wird uns durch Onlinekontakte ermöglicht.

Manche dieser Leistungen werden kostenlos angeboten, aber viele kristallisietren sich auch als alte Geschäftsmodelle in neuer Form heraus, ausgehandelt oder verwaltet durch Online-Systeme, die für einen effektiven Nutzen und die Zuteilung von Ressourcen zwischen Menschen vermitteln. Da ein Großteil dieser Aktivität das Vermieten, Mieten und sogar Kaufen beinhaltet, haben sich viele von uns von dem Begriff “Sharing” distanziert, um diese entsehende Praktik des vernetzten Ressourcenmanagements zu beschreiben. Die “zusammenarbeitende Wirtschaft” und der “peer-to-peer-Austausch” sind beispielsweise beliebte Alternativen.

Das Neue an diesen Netzwerken ist, dass man Ressourcen, nach denen man sucht und Menschen mit dem gleichen Ziel ganz einfach finden kann. So können sie ihren Bedürfnissen auf neue Arten Abhilfe schaffen. Ein weiterer Vorteil ist, dass es möglich ist, Dinge aus einer gewissen Distanz zu erledigen. Wir müssen uns nicht persönlich kennen, um das nötige Vertrauen aufzubauen, andere in unser Leben zu lassen, sondern vertrauen auch auf Basis von Validierungswerkzeugen, indem wir vernetzte finanzielle Identifikationssysteme verwenden. Bezahlung kann ebenfalls über das Netzwerk erfolgen.

Wir können unbenutzte Räume und Autositze in Profit verwandeln. Das Aushandeln dieser Transaktionen über das Internet erlaubt es einem zudem, sich schnell an die Entstehung einer neuen Art des technologieabhängigen Geschäftswesens anzupassen. All diese Funktionen sind Qualitäten, nicht des Teilens an sich, aber der Nutzung von Netzwerken, um Menschen und Dinge zu verbinden.

Das Konzept des “Sharing” auf Dienstleistungen anzuwenden, fühlt sich falsch an. Die Frage ist: Warum ist es für kommerzielle Dienstleistungsanbieter überhaupt von Interesse, die Idee zu nutzen?

In Interviews mit Entwicklern von Plattformen (sowohl digital, beispielsweise gemeinsame Geschenk-Kauf-Services, als auch physisch, zum Beispiel einem Gemeinschaftsgarten) wurde das Teilen durch kooperative Prinzipien untermauert. Der soziale Wert und das gemeinsame Tun von Dingen wurden stark betont. Hier sind einige Beispiele dessen, was Menschen darüber denken:

Ich sehe es so, dass ich meine Fähigkeiten und meine Zeit zwar nicht für eine finanzielle Bezahlung geteilt habe, aber im Gegenzug dafür eine interessante Nachbarschaft erhalte…es geht um den Austausch von anderen Dingen als Geld.

Der Wert des Teilens ist, dass sich Menschen verbinden. Es geht um mehr als “Ich habe einen Bohrer übrig, den kannst du benutzen”. Dadurch, dass ich meinen Bohrer mit dir teile, verbinde ich mich mit dir, und durch die Verbindung bekomme ich ein potenzielles Identitätsgefühl mit einer Gemeinschaft von Menschen oder mit einer Nachbarschaft.

Das Teilen von Raum, Werkzeugen, Zeit und Fähigkeiten basiert im Wesentlichen darauf, weniger greifbare Dinge zu teilen wie Fürsorge, Verantwortung, Vorstellungen, Werte und – in jedem Fall – Vertrauen. In dieser Bedeutung ist “Sharing” mit dem verbunden, was das Leben lebenswert macht.

Und wer würde das nicht in seinem Marketing haben wollen?

Wenn Teilen lukrativ wird

Der Neologismus “share-washing” ist geprägt worden, um sich mit den Unternehmen auseinanderzusetzen, die aus unserer emotionalen Verbindung zur Sharing-Idee Kapital schlagen. Die zynische Verwendung von Gemeinschaftswerten zum Zwecke des Verkaufs bezahlter Dienstleistungen, ist überall zu finden.

Man schaue sich den Vermittlungsservice “Taskrabbit” an. Die Seitenbeschreibung fängt mit einer persönlichen Erfahrung an: einer Nacht in Boston im Jahr 2008, als die Besitzerin Lea Busque feststellte, dass sie kein Hundefutter mehr hatte und auch keine Zeit mehr, es selbst zu kaufen, weil sie mit ihrem Mann zum Essen verabredet war. Sie träumt von einem Nachbarn, der schon vor Ort im Laden ist und ihr aushilft. Die Rhetorik beinhaltet Nachbarschaftlichkeit und Fürsorge: “Es ist ein Konzept der alten Schule – Nachbarn helfen Nachbarn – neu konzipiert für die heutigen Bedingungen.”

Die Seite ermöglicht es jemandem, der Hilfe sucht, nach einer ortsansässigen arbeitssuchenden Person zu suchen und diese zum niedrigst möglichen Tarif zu beschäftigen. Ein schönes Interface und eine schwach regulierte Marktwirtschaft machen es schmerzfrei für Menschen, jemanden so auszunutzen, der wirtschaftlich wesentlich anfälliger ist. “Taskrabbit” führt Identitätschecks, Strafregisterchecks, eine Fragerunde und Trainingssitzungen durch. Dies stellt schon lange nicht mehr das Koordinieren von Aufgaben unter Nachbarn dar, um sich gegenseitig zu helfen – trotz der rhetorischen Gründergeschichte. Zusätzlich erhält Busque 20 Prozent jeder Interaktion, die auf der Seite zustande kommt, die durch 40 Millionen US-Dollar Beteiligungskapital gefördert wird.

So bleiben trotz des herrschenden Enthusiasmus gegenüber der Idee, Ressourcen effizient zu nutzen, viele Menschen unglücklich. Unglücklich darüber, dass digitale Services vom kostenlosen Couchsurfing bis zum zahlungspflichtigen AirBnB, von Online-Anlage-Plattformen bis zur Flüchtlingshilfe, alle in einen Topf geworfen werden.

Vielleicht werden die Anbieter bezahlter Dienstleistungen im Jahr 2016 ihren eigenen Begriff für vernetzte Plattformen erhalten, die diese neuen Formen von Transaktionen ermöglichen. Können wir in der Zwischenzeit aber unser Wort zurück haben, bevor wir vergessen, was es einmal bedeuten sollte?

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Teaser & Image “Life is Sharing” (adapted) by Alan Levine (CC BY 2.0)


The Conversation

Ann Light

Ann Light

ist Professorin für Design und kreative Technologien an der Universität von Sussex. Sie erforscht Beziehungen zwischen Menschen und den Einfluss von Design heute und in Zukunft. Ihre Faszination für digitale Vermittlung erlaubten ihr die Umsetzung vieler globaler Projekte in Afrika, Asien, Südamerika und Europa. Als ehemaliges Mitglied des Forschungsinstituts für Kultur, Kommunikation und Kalkulation arbeitete sie bereits mit vielen Organisationen und Einrichtungen zusammen und hat in beratenden Positionen umfangreiche Erfahrungen in verschiedenen Unternehmen gemacht.

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