Wer Parkbänke besetzt, sollte sich nicht als Revoluzzer inszenieren

Viele Konzernmanager denken nur an die gut geölte Effizienz der New Work-Belegschaft und die Bonus-Zahlungen ihrer Fünfjahres-Verträge. Ist es nicht an der Zeit, ihr leeres Geschwätz zu entlarven? Also jene Protagonisten, die uns mit Exporterfolgen, gut aufgestellten und fokussierten Sätzen benebeln oder mit New-Age-Weisheiten ins Koma reden – etwa beim Weltwirtschaftsforum in Davos, das mit ganzheitlichen Esoterikritualen in Luxushotels aufwartet, damit alte Seilschaften die Öffentlichkeit mit neuen Phrasen bedienen können.

Schon am zweiten Tag erstickt man beim Elitetreffen in den Schweizer Alpen an einer Wolke von Abhandlungen und Parolen, die alle direkt aus irgendwelchen Handbüchern für Persönlichkeitsentwicklung und positive thinking entnommen sind, bemerkt der französische Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmproduzent Emmanuel Carrère. Die inflationäre Beschwörung von positiven Floskeln und die völlige Entkopplung von jeder Alltagserfahrung sind beim Davoser Klassentreffen so penetrant, dass auch der gelassenste Beobachter am Ende zwischen revolutionärer Empörung und schwärzestem Sarkasmus hin und her schwankt.

Revolte hinter Absperr-Gittern

Man sollte das Ganze nur noch mit Gelächter begleiten angesichts dieser Kilometer von selbstgefälligen, überzogenen Kommuniqués, die dazu einladen, ‚to improve the state of the world‘, den Zustand der Welt zu verbessern, ‚to expect the unexpected‘, das Unerwartete zu erwarten – nur nicht den eigenen Niedergang. Dafür sollte man aber ‚to face the talent challenge‘, also die Talentsuche als Herausforderung annehmen und irgendwie ‚to enter the human age‘ – also Eintreten ins Zeitalter der Menschen oder so.

Wie kann man bei dieser Phrasendrescher-Rhetorik Gegenpositionen entwickeln? Sicherlich nicht mit Iglus und Jurten, die die Occupy-Bewegung mit einem kleinen Häuflein von zwanzig Schweizer Jung-Sozis vor ein paar Jahren während des Weltwirtschaftsforums aufbauten. Sie frieren sich hinter Absperrgittern den Hintern ab und verteilen brav Flugblätter, die überhaupt nichts Revolutionäres enthalten: ‚Nieder mit den Finanzgeschäften‘ oder ‚Unser Leben ist mehr als Eure Profite‘ haut nun wirklich keinen Banker vom Sockel. Am Schluss winkt dann vielleicht eine Diskussionsrunde mit dem täglich meditierenden Davos-Häuptling Klaus Schwab zum Thema ‚Warum wir Euch brauchen?‘.

Occupy ist toll, Google ist toll und Lizenzverkäufe an WalMart sind toll

Occupy war wohl ein überschätztes Ereignis, vermutet der Publizist Thomas Frank. Ihrem Namen zum Trotz besetzte die Bewegung keine Banken, sondern Parkbänke, die mit Camping-Zelten umbaut wurden. Dafür kreierten die Akteure den gelungenen Slogan ‚We are the 99%‘ und ein nettes Plakat mit der Ballerina auf dem Wall-Street-Bullen. Das war so gut, dass WallMart die Lizenz kaufte. Protest-Ikonen, wie die selbst ernannte Anarchistin Justine Tunney, sehen ‚Occupy Wall Street‘ wohl mehr unter Markenrechtsgesichtspunkten.

Noch interessanter ist die Tatsache, dass Tunney nach Auflösung der Zuccotti-Park-Besetzung von Google als Software-Ingenieurin eingestellt wurde. Ihre Rechtfertigung würde Karl Marx wohl noch nicht mal mit Verachtung bestrafen: „Zwar operiert Google innerhalb des kapitalistischen Systems, aber sie tun viel Gutes für die ganze Welt. Ich respektiere Google und würde niemals versuchen, die Firma zu sabotieren.“ Auweia.

Dass eine Aktivistin Parolen wie ‚Stomp out capitalism’ in die Welt streut und zugleich das Loblied ihres Arbeitgebers mitsingt, mag seltsam anmuten. Dabei ist sie nur konsequent; bereits während der Besetzung hatte sie ihr superkritisches Kapitalismusverständnis unter Beweis gestellt: ‚Diese Bewegung hat nichts gegen Konzerne, sie ist nur gegen Wall Street’“, schreibt Guillaume Paoli in seinem Beitrag ‚Marktkonforme Antikapitalisten‘, erschienen im Matthes & Seitz-Band ‚Zonen der Selbstoptimierung‘.

Hacktivisten-Unterwanderung für Klickverkäufe

Pharisäer sind auch im deutschen Ableger des Hacktivisten-Kollektivs Anonymous aktiv. Sie haben sich zumindest eingeschlichen. Etwa Mario Rönsch, der hinter der berühmten Guy-Fawkes-Maske nicht nur abstruse Verschwörungstheorien absondert, von Lügenpresse schwafelt und bösartige Pläne einer weltumspannenden Illuminati-Bewegung an die Wand malt, sondern sein Geld mit der Firma ‚Fandealer‘ macht. Er verkauft Klicks von Facebook-Fans und Twitter-Followern an Marken und Konzerne, die ihren Einfluss in der digitalen Welt künstlich aufbauschen wollen. „Ob es um das Politische oder um das Geschäft geht, der gelernte Bankkaufmann hat gut verstanden, wie Simulationsökonomie funktioniert“, führt Paoli aus.

Heute lesen Netzrevoluzzer wohl nicht mehr Marx oder Engels, sondern eher Robert Heinlein, der langweilige Science Fiction über futuristischen Gruppensex zu Papier bringt. Roboter, die dauergeil durch die Gegend torkeln und Marsianer wie Michael Valentine, die gerne vögeln und Erdlingen beibringen, wie Marsianer zu vögeln.

Solche Wirrköpfe werden dazu beitragen, dass die Vulgärkapitalisten auch in Zukunft in Ruhe ihren Geschäften nachgehen können. Wahrscheinlich arbeitet die Konzernfreundin Justine Tunney im Verbund mit Ray Kurzweil an einer technologischen und singulären Befreiungstheologie und will uns den Roman-Mist von Vernor Vinge als Religionsersatz überstülpen. Vorher muss natürlich noch ein Slogan und ein Logo entwickelt werden – sonst können Handelskonzerne wie WalMart keine Lizenzen kaufen. So erobert man die Welt. Das Notiz-Amt versagt sich weitere Kommentare.


Image (adapted) „revolution“ by keep_bitcoin_real (CC BY 2.0)


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Gunnar Sohn

Gunnar Sohn

ist Diplom-Volkswirt, lebt in Bonn und ist Wirtschaftsjournalist, Kolumnist, Moderator und Blogger. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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