Netflix ante portas: Der Streaming-Star in 7 Punkten erklärt

Der Start des US-Streaming-Dienstes wird im deutschsprachigen Raum mit Spannung erwartet – aber wird er den Markt auch im Sturm erobern können? // von Jakob Steinschaden

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Binge-Watching – dieser Trend-Begriff, der das stundenlange Sehen von Serien beschreibt, ist kaum mehr ohne den Bezug zu Netflix zu erwähnen. Ab September wird der US-Dienst seine Online-Pforten auch in Deutschland und Österreich eröffnen und zum pauschalierten Koma-Glotzen einladen. Doch wie funktioniert das Streaming überhaupt, und an welche Grenzen könnte die Firma aus Los Altos stoßen?


Warum ist das wichtig? Schon jetzt fiebern viele Menschen dem Start von Netflix in Deutschland und Österreich entgegen. Wir klären die sieben drängendsten Fragen.

  • Netflix investiert 2014 etwa 400 Mio. US-Dollar in seine Technologien sowie drei Milliarden US-Dollar in seinen Content.
  • Zum Start im deutschsprachigen Raum wird Netflix eigene Produktionen aufbieten, doch der Katalog hat auch einige große Löcher.
  • Sky, ProSiebenSat.1, Amazon oder Vivendi haben bereits rivalisierende Streaming-Aboangebote in Stellung gebracht.

1. Technische Voraussetzungen:

Netflix, große Überraschung, streamt seine Inhalte via Internet. Man kann auf Computern einfach via Browser auf der Webseite schauen und auf Vollbild schalten (Voraussetzung ist Microsofts „Silverlight“, das man wie Adobes Flash installieren muss), oder man greift auf den Dienst via Apps zu, die es nicht nur für Smartphones und Tablets, sondern auch auf Spielkonsolen, Smart-TVs, neuen Blue-ray-Playern, Heimkinoanlagen oder Settopboxen gibt (Übersicht der unterstützten Geräte). Um Filme oder Serien in HD zu sehen, empfiehlt die Firma eine Verbindung von 5 Megabit/Sekunde, ansonsten kann es sein, dass auf SD zurückgeschaltet wird oder das Video ruckelt. Die wenigen Ultra-HD-Streams brauchen einen Internetverbindung von etwa 25 Megabit/Sekunde. Insgesamt darf man maximal sechs Geräte mit einem Account verknüpfen. Beim Standard-Abo kann man auf zwei Screens gleichzeitig schauen, gegen einen Aufpreis von etwa 4 Euro auf bis zu vier, was für den Einsatz in Familien interessant ist. Netflix gibt an, dass man 2014 etwa 400 Millionen US-Dollar in die zugrunde liegenden Technologien investiert.

2. Der Content und seine Lücken:

Das Um und Auf jedes Streaming-Dienstes ist sein Katalog, und Netflix investiert 2014 satte drei Milliarden US-Dollar in diese Inhalte. Berühmt ist der Dienst mittlerweile für seine Eigenproduktionen wie „House Of Cards“, „Orange Is The New Black“, „Arrested Development“, „Lillyhammer“ oder „Hemlock Grove“. Ironischerweise hat Netflix im deutschsprachigen Raum allerdings die Rechte der hauseigenen Politthriller-Serie „House Of Cards“ an Sky verkauft. Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe an sehr guten Filmen und Blockbustern, die die Firma nicht zeigt – eine Liste gibt es hier. Dem gegenüber steht aber eine ständig erweiterte Bibliothek an tollen Serien (z.B. „Breaking Bad“, „New Girl“, „Futurama“, „Louie“, „Sons Of Anarchy“, „Mad Men“ oder „Dexter“) und Filmen, unter denen man vor allem ausgezeichnete Indie-Filme (z.B. „Mud“, „Sightseers“, „Short Term 12“, „City Of God“) und Dokumentationen (etwa „The Act Of Killing“, „Dirty Wars“, „Exit Through The Gift Shop“, „Terms And Conditions May Apply“, „A Band Called Death“) findet.

3. Der Empfehlungs-Algorithmus:

Damit der User möglichst einfach möglichst viele neue Inhalte entdeckt, werkt im Hintergrund ein Algorithmus, der ihm auf der Startseite Filme und Serien empfiehlt. Er berücksichtigt den eigenen angegebenen Geschmack nach dem ersten Login, die bereits angesehenen Inhalte sowie die abgegebenen Bewertungen (5-Sterne-Prinzip) und vergleicht die eigenen Sehgewohnheiten außerdem mit Nutzern, die ähnlichen Content angesehen und gut bewertet haben. In den Algorithmus investiert Netflix übrigens viel Geld: Im Jahr 2009 hat die Firma den mit einer Million Dollar dotierten „Netflix Prize“ ausgeschrieben, den ein Team, dem die österreichische Firma Commendo angehörte, gewonnen hat. Sie verbesserten die Treffgenauigkeit der Empfehlungsformel um 10,09 Prozent.

4. Voll social:

Wie könnte es auch anders sein: Netflix baut wie viele andere Internet-Dienste stark auf Facebook. Man kann sich mit seinem Facebook-Account anmelden und sieht dann, welche Filme sich die eigenen Facebook-Freunde angesehen haben. Weil aber nicht jeder will, dass andere sehen, welche peinlichen Lieblingsfilme man hat, kann man diese Funktion auch abdrehen bzw. arbeitet Netflix an einem Incognito-Modus. Ein wichtiger Teil von Netflix sind auch die Nutzer-Reviews zu den Inhalten, die man ohne Namen veröffentlichen kann. Wenn sich jemand im Ton vergreift oder Werbebotschaften in diesen Bewertungen zu verbreiten versucht, kann man das auch melden – Netflix-Mitarbeiter entscheiden dann über eine Löschung.

5. Zahlen muss man auch dafür:

Der erste Testmonat ist gratis, danach ist Netflix kostenpflichtig (und generell werbefrei). Wie hoch der Preis in Deutschland und Österreich sein wird, ist noch nicht offiziell, wird sich aber wohl zwischen 8 und 10 Euro/Monat bewegen. Stornieren kann man das Abo monatlich, gezahlt wird entweder per Kreditkarte oder PayPal (was wiederum eine Kreditkarte bzw. ein mit PayPal verknüpftes Bankkonto voraussetzt). Ein Sonderfall ist Apple TV: Wenn man mit der kleinen Settopbox einen Account anlegt, wird die Rechnung über den eigenen iTunes-Account abgewickelt.

6. Gratwanderung Netzneutralität:

Netflix hat sich als großer Verfechter der Netzneutralität positioniert: Netflix-Streams sollen wie alle anderen Daten (E-Mail, YouTube, Skype, Spotify, usw.) gleich behandelt werden und genauso schnell oder langsam beim User landen wie alle anderen. US-Internet-Anbieter wie Comcast oder Verizon jedoch verlangen von Netflix mittlerweile viel Geld, damit diese die Geschwindigkeit der Streams, die sehr belastend für ihre Netze sein sollen, nicht drosseln. Laut Sandvine-Studie soll Netflix in den USA zu Spitzenzeiten (z.B. Start einer neuen „House Of Cards“-Staffel) für bis zu einem Drittel des landesweiten Traffic verantwortlich sein. Netflix selbst bietet Netzbetreibern das so genannte „Open Connect“-Programm an. Dabei handelt es sich quasi um einen Nichtangriffspakt zwischen dem Streaming-Anbieter und dem Internetanbieter: Beide Seiten garantieren, nicht gegenseitig Gebühren voneinander zu verlangen, damit Netflix so schnell wie möglich beim Konsumenten landet. In Deutschland etwa verhandelt die Deutsche Telekom Gerüchten zufolge mit Netflix über einen Deal.

7. Die Konkurrenz ist schon da:

Nein, Netflix erfindet nicht das Fernsehen neu. In Deutschland und Österreich sind bereits einige Videostreaming-Anbieter am Markt vertreten, die Filme und Serien ebenfalls im Abo anbieten. Sky hat etwa Snap (9,90 Euro/Monat, 4,90 Euro/Monat für bestehende Sky-Kunden), die ProSiebenSat.1-Gruppe Maxdome (7,90 Euro/Monat), die französische Vivendi Watchever (8,99 Euro/Monat), oder Amazon Instant Video (im Paket für Prime-Kunden) in Stellung gebracht. Netflix hat mit seiner weltweit bekannten Marke gute Chancen, sich am Markt durchzusetzen, doch die Streaming-Rivalen sowie das im deutschsprachigen Raum sehr gut ausgebaute Free-TV werden es den Amerikanern sicher nicht leicht machen.


Teaser & Image by Netflix


Jakob Steinschaden

Jakob Steinschaden

ist seit 2006 publizistisch auf Papier und Pixel tätig. Er arbeitet in Österreich als Journalist und hat die beiden Sachbücher "Phänomen Facebook - Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt" (2010) und "Digitaler Frühling - Wer das Netz hat, hat die Macht?" (2012) veröffentlicht. In seinem Blog “Jakkse.com” und in Vorträgen schreibt und spricht er gerne über die Menschen und ihr Internet – von Social Media über Mobile Business und Netzpolitik bis zu Start-ups.

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