Aufatmen? Green City Solutions entwickeln den smarten Baum für die Stadt der Zukunft

Wir Menschen waren schon immer kreativ, wenn es darum geht, sich den Untergang der Zivilisation vorzustellen. Neben dem biblischen Dauerbrenner der sieben Plagen oder einer sich seit einigen Jahren immer größerer Beliebtheit erfreuenden Zombie-Apokalypse wird eines der wohl schwerwiegendste Probleme unserer Zeit oft übersehen: Die Luftverschmutzung durch den Menschen. Denn diese gilt laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als eines der größten ökologischen Gesundheitsrisiken überhaupt, von der nicht nur wir Menschen, sondern die gesamten Lebenwesen auf unserem Planeten abhängig sind.

In modernen Großstädten ist die Luftverschmutzung in den vergangenen Jahrzehnten enorm angestiegen. Die US-amerikanische Umweltschutzbehörde EPA führte daher im Jahr 1987 den „National Air Quality-Standard for Particulate Matter“ ein, der die Feinstaubbelastung in der Luft misst. Doch erst, seit immer öfter Bilder von völlig vernebelten Millionenstädten wie Peking oder Mumbai, aber auch in den USA durch die Medien gehen, wird den Menschen bewusst, welche Auswirkungen sie selbst seit der Industriellen Revolution auf die Umwelt und die Atmosphäre haben.

Luftverschmutzung ist kein sexy Thema für Werber

Zhengliang Wu (CIO) (adapted) (Image by Green City Solutions)
Zhengliang Wu (CIO) (Image by Green City Solutions)

Themen, die die Umwelt betreffen, haben es naturgemäß schwer, ihr Publikum zu finden – vor allem bei Luftverschmutzung. „Das Problem ist auch, dass es sich um Luft handelt. Luft ist immer um uns herum und für uns total selbstverständlich. Man kann sie nicht anfassen, man kann nichts sehen, sondern höchstens riechen – und das auch nur, wenn es schon wirklich schlimm um die Luftqualität bestellt ist.“ , meint Liang Wu, CIO und einer der Mitgründer des Start-ups Green City Solutions, der Anfang des Jahres auf der Green Tech Challenge sein Projekt vorstellte.

Er und seine Kollegen wollen mit ihrem Projekt ein Zeichen für Nachhaltigkeit und Umweltschutz setzen: „Wir wollen vor allem für Aufklärungsarbeit sorgen. Bisher haben sich die Wenigsten konkret Gedanken darum gemacht, was in der eigenen Stadt und der Umwelt passiert. Unser Projekt ist also wortwörtlich ein Mahnmal, das mitten in der Stadt steht und ständig weiter wächst.“

Das Mahnmal, das Liang Wu meint, haben er und seine Mitgründer auf den Namen CityTree getauft. Dabei handelt es sich um eine etwa vier Meter große, freistehende Wand, die auf gut 16 Quadratmetern beidseitig mit speziellen Mooskulturen begrünt ist. Der CityTree filtert 240 Tonnen an CO2-Äquivalenten und insgesamt so viel Feinstaub wie bis zu 275 Stadtbäume. Damit die Pflanzen gut versorgt werden, kümmert sich ein selbststeuerndes Bewässerungssystem um die nötigen Nährstoffe und spezielle Sensoren überwachen die Feuchtigkeit der Pflanzen.

Das Ganze wird mit einer Solaranlage betrieben – die Stromversorgung mit auf Wunsch integriertem Wifi-Spot ist also autark. Nebenbei sorgt ein CityTree auch für Kühlung: An heißen Tagen kann er – je nach Abstand – in seiner Umgebung eine Differenz von bis zu -17 Grad herbeiführen. Da setzt man sich doch gern auf die integrierte Sitzbank, loggt sich in den Hotspot ein und kann sich wie im Wald fühlen – oder zumindest fast. Genau das kann man derzeit schon in der Dresdner Innenstadt und in Paris tun – es sollen aber noch viel mehr Städte dazukommen.

IoT und Biotechnologie: Ohne Moos nix los

Image 2 by Green City Solutions
Image by Green City Solutions

Im Kern stecken hier zwei Technologien drin: Die Biotechnologie – das ist das Moos als Pflanzenfilter – und die IoT-Technologie zur perfekten Versorgung dieser Moose in der Vertikalen, damit sie so effizient bleiben können. Moos funktioniert hier besonders gut, weil es eine sehr große Blattoberfläche hat. So kann es mehr Feinstaub und Schadstoffe aufnehmen. Und indem wir die Konstruktion vertikal aufstellen, können die Luftströme nicht daran vorbei oder darüber hinweg fließen, wie es bei einer Wiese der Fall wäre, sondern sie treffen direkt auf die Fläche. So wird noch mehr herausgefiltert“ , erklärt Liang Wu.

Der nächste Schritt soll dann die Begleitung durch Social Media werden. Jeder CityTree soll auf der Homepage angewählt und die einzelnen Werte der Luft- und Feinstaubbelastung stündlich abgerufen werden können. Außerdem planen die Erfinder auch die Kombination mit anderen Konstruktionen wie Fahrkarten- und Parkscheinautomaten oder Paketstationen – die Nutzungsmöglichkeiten sind endlos.

Für Liang Wu und seine Kollegen ist dabei nicht nur die Luft, sondern auch der Platz in den Städten der Zukunft kostbar: „Es ist durchaus vorstellbar, dass wir den Platz irgendwann lieber zum Wohnen nutzen wollen oder müssen, als ihn für flächenintensive Parks herzugeben.“ Diese Vorstellung hat etwas Beunruhigendes – eine Stadt ohne formloses, wild bewachsenes Gelände ist für viele nur schwer vorstellbar.

Image by Green City Solutions
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Doch geht man mit offenen Augen durch die Stadt, wird man immer öfter feststellen: In manchen neu bebauten Gegenden ist kaum mehr ein Strauch oder Baum zu finden – die wilden Wucherungen, die viele noch aus ihrer Kindheit kennen, sind tatsächlich seltener geworden. Das Auge gewöhnt sich schnell an die immer gleichen, glatten Einkaufsstraßen, die jede Innenstadt zu einer Kopie der vorigen werden lassen – Bäume findet man hier nur noch vereinzelt, und den Luxus von Parks können sich manche Städte schlicht nicht mehr leisten, wenn der Wohnraum knapp ist.

Umso wichtiger ist eine Aufmerksamkeitskampagne, die auch die neuen Medien mit einbezieht. Der CityTree filtert also nicht nur die Luft von Schmutzpartikeln – sondern auch unser Bewusstsein. Smarter kann eine Pflanze eigentlich nicht werden. Jetzt müssen nur noch die Städte nachziehen – wie grün hätten Sie es gern?


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Anne Jerratsch

Anne Jerratsch

ist freischaffende Autorin und Redakteurin bei den Netzpiloten. Sie ist Historikerin, Anglistin, Kinonerd, Podcasterin und Hörspielsprecherin. Seit das erste Modem ins Elternhaus einzog, treibt sie sich in allen möglichen Ecken des Internets herum. Sie twittert als @keksmadamund bloggt beiDie Gretchenfrage. Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.

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