Wikibeast

Es dürfte inzwischen jedem mehr oder minder eifrigen Nachrichtenrezipienten nicht entgangen sein, dass das aktuelle Schreckgespenst der US-amerikanischen Aussen- und Informationspolitik einen prominenten Namen trägt: WIKILEAKS.

Den einen mag die Plattform als gekonnte Umsetzung des Robin Hood‘schen Prinzips der strategischen Umverteilung machtrelevanter Werkzeuge (früher: Besitz, jetzt: Information) erscheinen. Für die anderen ist es schlicht ein erschreckend unreflektiertes, politisch kurzsichtiges Portal, dass jedem ernstzunehmenden Versuch von investigativem Journalismus die Schamesröte ins Gesicht treiben muss.

Seit Tagen nun rauscht Wikileaks also im Dokumentengewand durch die Schlossruine der US-Diplomatie. Und offenbart der Weltöffentlichkeit, was hinter dem aussenpolitischem Verhandlungsgeschick der United States of America tatsächlich verborgen liegt: nämlich dass der nette Onkel USA in seiner politischen Gesamtheit ein hinterhältiger Heuchler ist. Aha…

Die Liste der hehren Ziele, die Wikileaks mit seiner Veröffentlichungsplattform zu verfolgen sucht, liest sich wie ein rebellisches Flugblatt in einer medienzensierten Realität: Die Publikation delikater Informationen von „ethischer, politischer und historischer Bedeutung“ soll den geneigten Leser aus seiner real-politischen Unmündigkeit und Unwissenheit befreien. Oh ha.

Dass dies mehr als heiter werden kann, sieht man am aktuellen informationspolitischen Supergau der US-Regierung, kurz „Cablegate“.

Und wie das so ist, wenn man den Wald vor lauter Depeschen nicht mehr sehen kann, wird eine der dringlichsten Frage in diesem Zusammenhang immer noch nicht laut und beharrlich genug gestellt:
Die Frage nach den zu befürchtenden Konsequenzen für das globalpolitisch unabdingbare Konzept der Diplomatie.

Denn konsequenterweise hat Wikileaks nicht nur dem US-Regierungs-Onkel die Hosen runtergezogen, sondern in einem Rutsch auch noch das Notwendigste der Diplomatie gleich mit in die Tonne getreten: die Möglichkeit, durch Verhandlungsgeschick und der Zurückhaltung persönlichen Werturteile und Wesenseinschätzungen delikate Gleichgewichtsverhältnisse aufrechtzuerhalten.

Genützt haben die Veröffentlichungen in der öffentlichen Diskussion vor allem einem: Hui-Buh respektive Wikileaks. Denn das Netzwerk um Julian Assange, dessen zweifelhafter Lebenswandel hier nicht zur Debatte steht, hat sich vom medialen „Emporkömmling mit unklarem Antrieb“ zu einem ernstzunehmenden Politikgespenst gemausert.
Denn fest steht: die „durch Wikileaks geöffnete Material-Fundgrube (…) wirft Licht auf die Art und Weise, wie innerhalb und zwischen politischen Organisationen und Institutionen kommuniziert worden ist.

Es bleiben allerdings begründete Zweifel, ob es tatsächlich diese kritische Ausleuchtung politischer Hinterzimmer ist, die Wikileaks im Sinn hat. Denn sowohl die Art der Aufbereitung, als auch die Ankündigung, die delikaten Dokumente schrittweise zu veröffentlichen, sprechen eher für einen öffentlichkeitswirksam zelebrierten Akt des Tratschens, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen.

Und derer bleibt es abzuwarten. Sorgenvoll.

Julia Malz

 lebt als freie Journalistin in Hamburg. Nach ihrem Studium der Deutschen Sprache und Literatur und der Politischen Wissenschaft an der Uni Hamburg widmet sie sich dem freien Schreiben und ungewöhnlichen Gedanken. Privat auch in ihrem Blog FREISTIL.


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8 comments

  1. Aufbereitung, Ankündigung und schrittweise Veröffentlichung sind Maßnahmen zur Maximierung der Medienaufmerksamkeit.

    Vor den War-Logs haben etablierte Medien über die Enthüllungen kaum berichtet, da ohne Exklusiv-Möglichkeiten der Rechercheaufwand sich nicht lohnt. Daher in der Folge die Zusammenarbeit mit Spiegel, NYT usw.

    Das führte zwar zu Medienaufmerksamkeit, aber nur punktuell, ein zwei Tage, dann war das Thema wieder weg. Das neue Konzept der schrittweisen Veröffentlichung trägt dazu bei, die öffentliche Diskussion am laufen zu halten und das scheint ziemlich gut zu funktionieren.

    Das hat mit tratschen nix zu tun; die Nähe zum Tratsch resultiert eher aus dem Thema „diplomatische Depeschen“, die selbst in vielerlei Hinsicht „Tratsch“ sind…

  2. Huch dieser Artikel wurde von einem Bekannten als differenziert beschrieben…kleiner Tipp: Wer in seiner Güte nicht auf Gerüchte um Assanges Lebenswandel eingeht, der sollte sie weder erwähnen noch verlinken. Ansonsten sind wir nämlich beim „öffentlich wirksamen Akt des Tratschens“, allerdings nicht von WL aus.

    Und wem nur eine inhaltlich relevante Anmerkung zu der Aktion einfällt, nämlich, dass das gar nicht gut für die Diplomatie ist, der verkennt, dass genau dies wohl die Intention war: https://zunguzungu.wordpress.com/2010/11/29/julian-assange-and-the-computer-conspiracy-%E2%80%9Cto-destroy-this-invisible-government%E2%80%9D/

  3. Huch, liebe(r) Tierlieb, dies ist ein Artikel in Form eines Kommentars. Ein Meinungsstück. Bissigkeiten und Ironie, sowie die Konzentration auf einzelne relevante Kernaussagen sind erlaubt, denke ich, oder nicht?

  4. @crackpille: An der These des diplomatischen Tratsches in Depeschenform ist was dran! Aber hier ging es ja gerade um unreflektiertes Weitertratschen.

  5. Der Spiegel hier zu lande mag wohl in der Themenauswahl zu sehr auf internationale Banalitäten abzufahren aber zum Glück sind sie nicht die Einzigen und der Guardian macht da einen deutlich besseren Job. WikiLeaks liefert nur und versucht dabei im Gespräch zu bleiben auch aus Selbstschutz!

  6. cui bono – heißt die Frage, die hier zu stellen ist: Wem nützt es letztlich. Denn das Web ist eine herrliche Quellen für strategische Desinformation. Es wird weder dem saudischen Herrscher noch Assange nützen. Dem gereicht ja jetzt schon ein geplatztes Kondom zu einer Vergewaltigung (außer er ist HIV-positiv). Wenn er demnächst eine Scheibe Brot abschneidet, wird er dann wohl als Scharfrichter demaskiert.

  7. > Huch, liebe(r) Tierlieb, dies ist ein Artikel in Form eines
    > Kommentars. Ein Meinungsstück. Bissigkeiten und Ironie,
    > sowie die Konzentration auf einzelne relevante Kernaussagen
    > sind erlaubt, denke ich, oder nicht?
    >
    Mein Kommentar ist ja sogar ein Kommentar in Form eines Kommentars. Wieso also die Erklärung?

    Aber die Konzentration auf eine Kernaussage ist ein guter Trick. Funktioniert auch beim Antworten auf einen Kommentar. Also weder den Vorwurf des Tratschens zu betrachten noch den, dass die einseitige Interpretation etwas daneben gedacht sein könnte, wie ein mittlerweile ziemlich populärer Artikel darlegt.

    Gut geschopenhauert.

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