Wie ich Reaction-Videos lieben lernte

Wie ich Reaction-Videos lieben lernte? Es war ganz gewiss nicht Liebe auf den ersten Klick. Anderen dabei zuschauen, wie sie selbst ein Video schauen? Einfach lächerlich! Erst nach und nach halfen mir Musik-Videos, mich mit dem ursprünglich verhassten Genre auf YouTube zu versöhnen.

Nehmt euch einen kleinen Moment Zeit und ich erzähle euch, wie sich meine Meinung zu Reaction-Videos änderte. Vielleicht entdeckt ihr am Ende auch das Potential oder ihr seid mir schon lange voraus und wollt nur wissen, warum ich erst so spät eines Besseren belehrt wurde. Gerade im Lockdown bedienen Reaction-Videos zudem auch ein soziales Bedürfnis. 

Keine Liebe auf den ersten Klick

Lange Zeit waren mir Reaction-Videos ein echtes Rätsel. YouTuber filmen sich dabei, wie sie ein anderes Video anschauen. Das ist schon das ganze „Geheimnis“ hinter den Videos. Diese Videos haben nicht selten hunderttausende Klicks. Es gibt sogar Kanäle, die sich komplett auf diese Reaktionen spezialisiert haben. Meist läuft dabei auch in einem kleinen Bildschirmausschnitt das jeweilige Video inklusive Sound mit. Sie bewegen sich damit also oft am dunkelgrauen Rand der Copyrights.

Für mich waren Reaction-Videos lange Zeit ein Buch mit sieben Siegeln. Ich ärgerte mich sogar regelrecht, dass Leute erfolgreich Geld damit verdienen, wie sie sich einfach nur ein Video anschauen. Derweil flüsterte mir eine Stimme ins Ohr, dass Let’s Plays, die ich auch schon selbst gemacht habe, keine kreativere Eigenleistung darstellen. Trotzdem triggerten mich diese Videos, vor allem durch die meist offensichtlichen völlig übertriebenen Gefühlsregungen der Protagonisten.

Dieses völlige Unverständnis sollte sich allerdings ändern.

Wie ich Reaction-Videos lieben lernte – durch Musik

Reaction-Video ist aber nicht gleich Reaction-Video. Wie in vielen YouTube-Genres, werden auch hier mehrere Geschmäcker bedient. Oft muss man sich dafür halt nur abseits der trendenden Videos bewegen.

Meine „Liebe“ zu Reaction-Videos begann aber zumindest mit einer Empfehlung durch den YouTube-Algorithmus. Ich bin ohnehin immer wieder erstaunt, wie YouTube manchmal die absurdesten Videos weiß, die ich schauen möchte, noch bevor ich es selbst weiß. In diesem Fall war es aber gar nicht so absurd. Ich schau mir nämlich gerne Musik-Videos auf YouTube an. Das können Live-Auftritte meiner Lieblingskünstler sein, aber auch Musiker, die vornehmlich überhaupt auf YouTube selbst bekannt sind mit Parodien und ähnlichem.

Irgendwann schlug mir YouTube dann ein Video von Sam Johnson vor, einem professionellem Vocal Coach, der Reactions zu Musikvideos macht. Ich gab ihm eine Chance und war erstaunt. Endlich mal ehrlich wirkende Reaktionen ohne große Übertreibungen. Darüber hinaus erläutert Sam immer wieder, was ihm an einer Stimme fasziniert und erklärt hier und da auch Details über Gesang an sich. Dieser Mehrwert sorgte dafür, dass ich Reaction-Videos lieben lernte.

Noch mehr Musik-Reactions

Mittlerweile ist es nicht nur Sam Johnson. Ich suche jetzt auch manchmal gezielt nach Reactions zu bestimmten Künstlern. Das sind in der Regel Musiker, bei denen ich weiß, dass sie überraschen oder die YouTuber einfach umhauen. Am Anfang war es mein Hang zur japanischen Pop-Kultur. Da gibt es beispielsweise den Drummer Nyango-Star. Dieser ist eigentlich ein Werbe-Gag für seine Heimatregion, die bekannt für Äpfel ist. Als Nyango-Star spielt er Schlagzeug kostümiert als Mischung aus Apfel und Katze. Sein bekanntestes Video lässt ein harmloses Kinderlied vermuten, bis er plötzlich zeigt, dass er dafür eigentlich völlig überqualifiziert ist. Aber seht doch einfach selbst.

He Wins The Drums!! | Costumed Person Destroys The Drums At Children’s Music Concert | REACTION

Ebenso interessant sind die Reaktionen zur Band Babymetal. Diese mischen überzuckerten japanischen Pop mit hartem Metal und haben sich damit auch abseits Japans in die Herzen vieler harter Metalheads getanzt. Es ist einfach herrlich zu sehen, wenn jemand das erste Mal auf die Band stößt und innerhalb eines Liedes die Reise von „Was zur Hölle ist das?“ über „irgendwie sind sie schon gut“ zu „Ich will meeeeehr!“ durchmachen. Aber auch Wagakki Band, die Rockmusik mit traditionellen japanischen Instrumenten mischen sind immer wieder eine Reaction wert. Oder die italienische Fun-Metal-Band „Nanowar of Steel“. Deren Lied „Valhalleluja“ lässt Odin nicht nur zum Schöpfer von Ikea werden, sondern ist ein hochwertig musikalischer Mix aus Metal und Gospel mit grenzgenialem Text.

Zuletzt habe ich Reaction-Videos zur Acapella-Gruppe VoicePlay oder ihren Basssänger Geoff Castelluci lieben gelernt. Die Lieder sind meist genial arrangierte Cover und die Stimmen durch die Bank einfach herausragend. Trotzdem ist es vor allem die Bass-Stimme, die derart tiefe Töne hervorbringt, dass es einem nicht nur beim ersten Hören einfach wegbläst. Besonders interessant sind hier Reaction-Videos von Frauen, da man echt das Gefühl bekommt, dass bei seiner Stimme biologische Funktionen plötzlich anspringen. Musik ist wirklich der Grund, warum ich Reaction-Videos lieben lernte.

Schaut am besten mal selbst nach Reactions zu euren liebsten Künstlern. Eigentlich wollte ich euch noch ein Video hier reinsetzen, aber die beste „Einstiegsdroge“ ist Musik, die ihr selbst liebt.

Next Step: Reaction-Videos zu Serien

Es sollte aber nicht nur bei den Reaction-Videos zu Musik bleiben. Schon bei Game of Thrones habe ich gerne Recaps angeschaut, also Analysen von einzelnen Folgen. Es gibt einige Kanäle die einfach enormes Hintergrundwissen haben und denen auch viele kleine Details auffallen, die mir selbst vielleicht entgangen sind. Und gerade als die Serie über die Bücher hinaus war, kam noch die Mutmaßungen hinzu, wie es denn wohl weiter geht.

Mit The Mandalorian kam nun endlich wieder eine Serie, die ich ähnlich intensiv verfolge und die nicht in einem Rutsch, sondern wöchentlich ihre Folgen veröffentlicht. Ich mag das, weil es einfach die Spannung hochhält und es mich nicht „zwingt“ die Serie möglichst schnell durchzukonsumieren.

Durch meine neugewonnene Liebe zu Reaction-Videos habe ich bei der Star Wars-Serie auch angefangen im Anschluss Reactions anzuschauen, meist von absoluten Star Wars-Fans. Es ist einfach eine Wonne zu sehen, wie die Serie gerade bei Fans der ersten Stunde die richtigen Knöpfe drückt. Das nimmt dann auch mich erneut auf die Gefühlsachterbahn mit, die diese Serie irgendwie in mir auslöst. Und es ist einfach auch interessant Leuten zuzuschauen, die noch mehr Nerdwissen über Star Wars haben als ich und jeden kleinen Verweis auf Serien, Bücher und Filme gleich zuordnen können. Oft rekapitulieren die Reactions im Anschluss auch noch das Gesehene.

Reaction-Videos als Lockdown-Unterhaltung

Es ist sicherlich kein Zufall, dass ich Reaction-Videos lieben lernte, während das Sozialleben durch Corona stark beeinträchtigt war. Schließlich sind Reaction-Videos einfach genau das richtige Format, um das soziale Loch zumindest ein wenig zu stopfen. Sie vermitteln einem das Gefühl, gemeinsam mit jemanden ein Video zu schauen.

Trotzdem sehe ich Reaction-Videos aber nicht nur als Lockdown-Unterhaltung. Gerade wenn man eine Serie nicht in Gesellschaft schaut, ist es eine tolle Möglichkeit zu schauen, wie andere bestimmte Momente wahrgenommen haben. Außerdem freut es mich, wenn die eigenen Lieblingsmusiker auch andere begeistern oder einfach nur völlig überfordern.

Ich bleibe aber vermutlich dennoch abseits der Mainstream-Reactions. Videos in denen die Reaktionen all zu unecht und übertrieben sind, reizen mich noch immer nur bedingt. Das gilt auch für andere Videos wie Let’s Plays, wo den Spielern schon gefühlt beim Startbildschirm einer abgeht. Ich mag Emotionen, aber sie müssen für mich authentisch sein. Dann gebe ich auch gerne Genres eine Chance, die mich vorher nicht wirklich interessierten.

Auf dem Fire HD 10-Tablet (Provisionslink) lassen sich übrigens nicht nur Reaction-Videos gut schauen, sondern auch Netflix und Co. 


Image by Antonioguillem via Adobe Stock

Stefan Reismann

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, entdeckte dann aber vor allem die inhaltliche Seite für sich. Nun schreibt er für die Netzpiloten und betreibt nebenher einen Let's Play-Kanal, auf dem reichlich gedaddelt wird.


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