Papierzeitungen sind von gestern, heutzutage wird sich im Netz informiert. Vor allem die Jugend nutzt dafür zunehmend soziale Netzwerke, wie die chinesische Plattform TikTok. Das Leibniz-Institut für Medienforschung hat sich das im vergangenen Jahr in einer Studie genauer angeschaut. Denn wie wir uns informieren, beeinflusst unsere politische Orientierung und damit auch unsere Demokratie. Gerade deshalb ist es wichtig sich eine Meinung bilden zu können, die auf harten Fakten beruht.
Über einen Zeitraum von drei Monaten wurden 31 Personen von 16 bis 24 Jahren zu ihrem Nutzungsverhalten auf TikTok befragt. Die Forschenden interessierte dabei ob und wie die Teilnehmenden über die App an Informationen kommen, und was sie überhaupt über deren algorithmus-gesteuerte Funktionsweise wissen. Dazu sollten diese zuvor ihre TikTok-Daten anfordern, mitbringen und schließlich gemeinsam in Gruppen analysieren und besprechen.
Obwohl die meisten Teilnehmenden etwas mit dem Algorithmus-Begriff anfangen konnten/können, waren sie sich sehr unsicher wie dieser eigentlich arbeitet – und welche persönlichen Daten er sammelt. Vielmehr kristallisiert er sich für ein Großteil als ein Hauptgrund für ihre TikTok-Nutzung heraus. Datenschutzbedenken stehen bei vielen Nutzer*innen hinten an, nach einem optimierten personalisierten Nutzungserlebnis.
In diesem Artikel beleuchten wir die wichtigsten Erkenntnisse der Studie und erklären, wie dieser Algorithmus eigentlich funktioniert.
Politischer Content auf TikTok
TikTok gewinnt als Zugangsquelle für Nachrichten und Politik immer mehr an Relevanz, für Anbietende sowie Konsumierende. Für die Ersteller*innen politischer Inhalte, wie etwa Parteien, ist die App längst zu einem wichtigen Medium geworden auf dem sie ihre Interessen, Anliegen und Weltbilder vermitteln können. In angenehme, ansprechende und unterhaltende Häppchen verpackt, treffen sie über Social Media auf eine ganze Bandbreite an Nutzer*innen, für die Apps wie TikTok mittlerweile zu zentralen Informationsquellen geworden sind. Und das weltweit.
Gerade jüngere Personen sind in ihrer Entwicklung besonders anfällig/zugänglich für solchen Content – problematisch wird es dann, wenn die Inhalte aber nicht auf Fakten basieren. Das Aufwachsen mit ständigem Zugang zu Fake News kann zu einem Vertrauensverlust in die Gesellschaft führen.
Und auch wenn sich nicht alle Nutzer*innen digital in politischen Kreisen bewegen, werden sie doch mit entsprechenden Inhalten konfrontiert. Wie etwa im Zuge der letzten Bundestagswahl, die eine Woche vor dem Start der Studie stattfand und den Teilnehmenden währenddessen noch in den Köpfen rumschwirrte – vor allem wegen der Videos auf TikTok.
Unabhängig von Alter, Interessen und politischem Engagement, erinnerte sich ein Großteil der Befragten an entsprechende Inhalte auf ihrer For You-Page, der personalisierten Startseite TikToks.
Zwar wird TikTok beim Thema Politik letztlich nur selten vertraut, anders sieht es jedoch bei aktuellen Nachrichten aus. Einfach und schnell auf dem neusten Stand bleiben, das schätzen viele Nutzer*innen an der Kurzvideoplattform. Aus diesem Nährboden sprießen Newsfluencer hervor, die typische kurzweilige TikTok-Videos mit politischer Aufklärung verbinden. In unserem Podcast haben wir mit der Forscherin Dr. Katja Muñoz über dieses Phänomen gesprochen.
Push und Pull von Informationen
Die Leibniz-Studie unterscheidet dabei zwei verschiedene Arten der Informationsaufnahme. Push und Pull, beschreiben die aktive – oder passive – Wahrnehmung von Informationen auf Social Media. Der Großteil der Befragten informiert sich auf TikTok überwiegend passiv. Sie würden die Plattform zwar nicht als eine verlässliche Quelle bezeichnen, finden es zugleich aber praktisch durch sie auf dem Laufenden zu bleiben.
Beim passiven Push werden politische oder themenaktuelle Videos auf die Startseite gespült, die sich Nutzer*innen dann anschauen. Viele schätzen den niedrigschwelligen Zugang zu Informationen und das Gefühl in kurzer Zeit auf den aktuellen Stand gebracht zu werden.
Weniger Teilnehmende nutzen die Plattform um sich tatsächlich aktiv zu informieren. Die Pull-Variante beschreibt das gezielte Interagieren mit Videos oder Accounts, um mehr Inhalte in diese Richtung angezeigt zu bekommen. Das kann durch Liken, Kommentieren, Speichern oder Teilen passieren. Natürlich zählt auch das Nutzen der Suchfunktion dazu.
Dass die Mehrheit die passive Methode bevorzugt, mag auch daran liegen, dass das Auseinandersetzen mit News und Politik gegen das Eskapismus- und Unterhaltungsbedürfnis geht, welches auf den sozialen Medien zu stillen versucht wird. Das Nutzungsmotiv ist Unterhaltung, nicht politische Bildung.
Außerdem beeinflusst eine algorithmisch-geprägte Informationsaufnahme natürlich auch wer welche Art von Nachrichten angezeigt bekommt – und wer primär mit Fake News berieselt wird.
#UseTheNews
Um jungen Personen im Umgang mit dieser Flut an Informationen zur Seite zu stehen gründete sich 2020 die Initiative #UseTheNews. Das Langzeitprojekt erforscht, wie Menschen im digitalen Zeitalter up to date bleiben. Im Fokus steht dabei eine zeitgemäße Nachrichtenkompetenz und –nutzung. Das Ziel der Initiative ist, dass künftig alle Mitglieder unserer Gesellschaft in der Lage sind, sich eine faktenbasierte Meinung bilden zu können, unabhängig vom Alter oder Bildungsstand. So soll die Demokratie nachhaltig gestärkt werden.
Im Zuge dessen gibt es bundesweite Angebote zum Umgang mit und der Einschätzung von Informationen. Die Entwicklung weiterer Informations- und Bildungsangebote ist in Planung. Dafür arbeiten mehrere deutsche Institutionen zusammen. Darunter die Hamburger Behörde für Kultur und Medien, die Deutsche Presse-Agentur dpa und auch das Leibniz-Institut. Auch die Leibniz-Studie, um die sich dieser Artikel dreht, ist eine #UseTheNews-Studie.
Außerdem wird die Initiative auch von einigen bekannten Internet Stars und Newsfluencern unterstützt. Einer davon ist der unter dem Namen Herr Anwalt bekannte Tim Walter, ein Rechtsanwalt der auf Social Media über sieben Millionen Follower*innen aufklärt, berät und unterhält.
Den Algorithmus verstehen
Was dabei gerade von Nutzer*innen oft außer Acht gelassen wird, ist die algorithmische Funktionsweise der Plattform. Sie orientiert sich eng an den individuellen Interessen und passt ihre Videovorschläge entsprechend an.
#UseTheNews und das Leibniz-Institut möchten gegen die Beeinflussung durch den Algorithmus arbeiten. Nutzer*innen sollen verstehen warum sie was angezeigt bekommen – und wie sie es steuern können. Doch wie der Algorithmus funktioniert, ist nicht unbedingt das, wofür sich junge Personen interessieren. Vielmehr akzeptieren sie ihn intuitiv als festen TikTok-Bestandteil, der ihr Nutzererlebnis und ihre For You-Page optimiert und individualisiert.
Die individuelle Personalisierung der For You-Page verrät schon der Name: Für Dich-Seite. Das Aushängeschild der Plattform ist wie ein personalisierter Begleiter und ist darauf aus Nutzer*innen möglichst lange zum Verweilen einzuladen. Hinter ihr steckt ein algorithmisches Empfehlungssystem. Gefüttert wird dieses durch das Liken, Kommentieren und Teilen von Videos. Obwohl dies meist unbewusst und ohne große Hintergedanken passiert, ist vielen jungen Nutzer*innen doch klar dass sie ihren Algorithmus beeinflussen können. Gerade bei unpassenden Inhalten wird schnell weitergeswiped, um zukünftig weniger in eine solche Richtung angezeigt zu bekommen. Die Leibniz-Studie beschreibt diesen Beeinflussungsversuch als ein Autonomiestreben der Jugend.
Durch die so entstehenden Filterblasen und Echokammern werden Nutzer*innen immer mehr in die Plattform eingesogen. Der Dopamin-Kick, der mit jedem neuen, unbekannten Video wartet, wird mit dem Gefühl verstanden zu werden kombiniert. Dadurch entsteht das Bedürfnis möglichst viel Zeit auf der App zu verbringen, und es fällt umso schwerer eigenständig einen Schlussstrich für den täglichen Konsum zu ziehen.
Das fehlende technische Verständnis hängt laut der Leibniz-Studie damit zusammen, wie sich Kinder und Jugendliche ihr Wissen und ihre Kompetenzen im Alltag aneignen. Da sie primär aus ihren eigenen Erfahrungen lernen, verstehen sie das womit sie konfrontiert werden eher als die technische Funktionsweise dahinter. Wie auch, wenn es ihnen niemand verständlich erklärt?
Das Problem mit den Daten
Noch weniger als für die Funktionsweise des Algorithmus, interessieren sich Nutzer*innen für ihre Daten. Kaum fällt es auf, wenn diese gesammelt und weiterverkauft werden. Neben Nutzungsdaten – wie Likes – und Profilinformationen – wie Name, Alter und Geschlecht –, gehören dazu auch technische Gerätedaten. Dazu gehören der Standort, die IP-Adresse und der Mobilfunkanbieter. Mit all diesen Daten wird der Algorithmus gefüttert um ein “bestmögliches” Nutzererlebnis bieten zu können.
Besonders für jüngere Personen ist es schwierig nachzuvollziehen und einzuschätzen was mit ihren Daten passiert. Viele kümmert es auch einfach nicht. Sie wissen zwar, dass ihr Verhalten auf TikTok ihr Plattformerlebnis stark beeinflusst, sind sich aber in den meisten Fällen nicht bewusst welche Daten die Plattform dabei eigentlich sammelt, speichert und weiterverarbeitet. Das liegt auch an einer mangelnden Transparenz diesbezüglich.
Laut der Studie können “die Teilnehmenden [ … ] innerhalb der von der Plattform vorgegebenen Strukturen agieren und Handlungsziele durchsetzen, erleben die technischen Grenzen jedoch als kaum beeinflussbar”. Um gegen diese Grenzen vorzugehen, fehlt ihnen neben der Motivation auch schlicht das Know How.
Aus diesem Grund möchte Dr. Leonie Alatassi, Autorin der Studie und Postdoc am Leibniz-Institut, umfassende Fördermaßnahmen für mehr Aufklärung und Plattformbewusstsein angehen. Ihr ist wichtig, dass sich Nutzer*innen ihrer individuellen Handlungsmöglichkeiten bei dem Thema Datenschutz bewusst sind. So sollen sie sich im Internet sicherer und selbstbewusster bewegen können.
Die Jugend kennt und schätzt also den Algorithmus, fühlt sich ihm allerdings technisch unterlegen. Mit seiner genauen Funktionsweise und den Datenschutzbedenken wird sich trotzdem nicht wirklich beschäftigt. Dabei bringt das Alter jedoch ein wachsendes Verständnis für Datenzusammenhänge und –analysen mit sich, welches bei den jüngeren Teilnehmer*innen überwiegend auf ihren eigenen Erfahrungen beruht.
Image by Jorge Acre via pexels
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