Mit Kunst und KI entspannen und fokussieren: die App ENDEL

Digitale Einschlafhilfen mit Gezeiten-Sound oder Walgesängen gibt es wie Sand am Meer. Manchen hilft’s ja sogar. Auch fokussierende und produktivitätsfördernde Apps sind in endloser Zahl in den App-Stores vertreten. Jetzt stürmt ENDEL die Charts. Über 2 Millionen Downloads verzeichnet die App bereits nach kurzer Zeit. Täglich kommen laut Hersteller 50.000 Downloads dazu. Die New York Times widmet dem hippem Upper/Downer soeben eine ausführliche Besprechung. Ein besonderer Coup ist den Machern mit der Zusammenarbeit mit der Künstlerin Grimes gelungen. Sie hat ein exklusives „AI Lullaby“ produziert zum Einlullen für Babies und Erwachsene. Ihr Lebensgefährte Elon Musk komplettiert diesen Coup mit einem Tweet: „Future AI will appreciate this“

Wie funktioniert Endel?

Tatsächlich wählen die Macher hinter der App Endel einen innovativen Ansatz, wie sie mit Technologie auf die Reizüberflutung unserer Körper reagieren wollen. Die App erschafft mittels Künstlicher Intelligenz personalisierte Klangwelten. Sie soll uns dabei helfen, besser zu schlafen, uns zu entspannen und zu konzentrieren. Die Musikerin Grimes ist selbst Fan der App und hat in Kooperation mit Endel einen Sound produziert, der Babys und Erwachsenen gleichermaßen beim Einschlafen helfen soll.

In Wahrheit ist dieser Sound aber vielmehr als bloß ein Klangteppich in einer Entspannungsapp. Er ist eine gelungene Kollaboration von Mensch und KI.  Die App ist zwar auf technischer Ebene sehr anspruchsvoll, doch ihre Wirkungsweise ist einfach zu verstehen. Im Wesentlichen geht sie auf zwei Zyklen ein, die uns Menschen in unserem Leben bestimmen: Den Aktivitäts-Ruhe-Zyklus und den Schlaf-Wach-Zyklus. Ersterer ist ein sogenannter ultradianer Rythmus und beschreibt den Wechsel zwischen Energiehochs und Phasen, in denen wir wieder Energie tanken müssen. Letzterer ist ein zyrkadianer Rythmus und beschreibt den Wechsel zwischen dem Schlafen und dem Wachsein. Diese beiden Zyklen bestimmen die menschliche Leistungsfähigkeit und sind bei jedem Menschen vorhanden. Die Klangwelten der Endel-App unterstützen die entsprechenden Phasen dieser Zyklen. Sie sollen uns in den Momenten, in denen wir Energie tanken sollten, helfen, zu entspannen sowie während Energiehochs bei der Konzentration unterstützen. Auch den Schlaf unterstützt die App durch seine Klangwelten.

Neben den definierten Zyklen, greift sie auch auf Daten der Geräte zu, die viele von uns bei sich tragen. Die Herzfrequenz, die Fitnesstracker messen, die Lichteinwirkung, unsere Bewegung und das Wetter in unserer Region. All diese Faktoren nehmen Einfluss auf unseren täglichen Rythmus und unsere Leistungsfähigkeit. Die KI hinter Endel passt die Klangwelten dann dementsprechend an.

Wie sind die Klangwelten aufgebaut?

Interessant an der App ist die Art, in der die Klangwelten entstehen. Es handelt sich hierbei nämlich keineswegs um vordefinierte Sounds, die je nach Zyklus und Zustand abgespielt werden. Vielmehr bestehen sie aus drei Elementen, sogenannte Klangschichten, also kleinen Musikhäppchen sowie Modulationen und Effekten, die auf diese Häppchen angewendet werden. Die KI hinter Endel nimmt sich diese Bausteine und baut daraus die entsprechenden Klangwelten, die auf Basis der Nutzerdaten angepasst werden. 

Kunst und Künstliche Intelligenz

Die Künstlerin Grimes äußert in dem Interview mit der New York Times einige spannende Gedanken zu der Rolle von KI in der Kunst. So beschreibt sie unter anderem wie KI vorgeht, um Kunst zu produzieren: Zuerst muss sie die Werke vieler Künstler erfassen und stellt neuronale Verbindungen her. Diese Verbindungen kann sie dann nutzen, um eigene Werke zu schaffen, die dadurch natürlich alle auf dem basieren, was Künstler geschaffen haben. Nichts anderes tun nach Ansicht von Grimes auch die menschlichen Künstler. Auch sie nehmen die Werke anderer auf, lassen sich inspirieren und bilden Verknüpfungen. Gepaart mit eigenen Erfahrungen entsteht daraus eigene Kunst. 

„Vielleicht haben wir der KI ja ein bisschen fühlen beigebracht!?“ – Interview mit Endel Geschäftsführer Vladislav Pinskij

Glückwunsch Vlad, eure App ENDEL geht gerade durch die Decke. Die New York Times schreibt über euch, Elon Musk findet euch gut. Wie lange habt ihr an dem Erfolg gearbeitet?

Grimes kam im Sommer auf uns zu und schlug uns dieses tolle gemeinsame Projekt vor. Wir haben eine Collaboration zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz geschaffen, also zwischen menschlichem Talent und dem was eine Maschine von Musik und Kunst versteht. Elon Musk schrieb dazu, dass die KI in der Zukunft dafür dankbar sein wird. Vielleicht haben wir der KI ja ein bisschen fühlen beigebracht!?

Ihr sorgt dafür, dass KI uns in den Schlaf bringt oder wir uns beim Arbeiten besser konzentrieren können. Die Downloadzahlen zeigen, dass die Menschen neugierig darauf sind, wie künstliche Intelligenz unser Leben verbessern kann. Habt ihr weitere Produkte dieser Art in Planung?

Oh ja! Wir planen ähnliche Collaboration mit anderen namhaften Musikern. – Ich darf aber leider noch keine Namen nennen ;)

Wie wird ENDEL sich weiter verbreiten?

Wir sind gerade dabei mit zwei der weltweit führenden Automobilherstellern, einen Endel-Knopf ins Auto einzubauen. Auch ein populärer Lautsprecher-Anbieter wird ENDEL bald in seine Produkte integrieren.

Du bist zusammen mit Oleg Stavitsky Geschäftsführer des ENDEL-Teams,  das aus Russland nach Berlin gekommen ist. Ist Berlin ein attraktiver Ort für russische Startup Macher*innen?

Ja, Berlin ist ein super Ort dafür! Es sind nur 2,5 Stunden Flug von Moskau und einige Stunden Fahrt von Kaliningrad, wo meiner Ansicht nach, die meisten Interessenten Startups aus Russland herkommen. Berlin hat eine riesige russisch-sprachige Community. Uns hilft die professionelle Ausländerbehörde, die schnell arbeitet und die gute Infrastruktur für Familien mit Kindern. Na ja Berlin ist halt eine geile Stadt!

Du bringst auch systematisch russische Gründer*innen nach Berlin. Das ist im Moment wahrscheinlich nicht so einfach, oder?

Stimmt! Ich habe vorletztes Jahr die Startup-Relocation-Agentur Startup ABC Berlin gegründet. Vor der Grenzschließung für russische Bürger hatten wir 24 Anfragen für neue Projekte. Ich will nach der Pandemie mit einer Freundin, die eine international bekannte Filmproduzentin ist, ein Forum für russische Startuper und internationale Investoren organisieren. Dabei sollen die Startuper ihre Projekte pitchen und Investoren können die Startuper direkt kennenlernen und mit ihnen persönlich reden! 

Arbeitest du an weiteren KI-Projekten?

Ich habe gerade ABC Docs gegründet. Es wird allen Bürgern mit Hilfe von KI automatisch bei der Beantwortung von offziellen Schreiben helfen. Egal ob von der Krankenkasse, einer Behörde oder einer Firma.

Klingt spannend. Ist es schon verfügbar?

Aktuell stecken wir noch in der Entwicklung. Wir haben mitten in der Pandemie gegründet. Wir hoffen bis März 2021 eine zweite größere Investitionsrunde abschließen.

Viel Erfolg und danke fürs Gespräch, Vlad!


Titelbild von Endel

Moritz Stoll

kann ALLES, aber nichts so richtig. Hat außerdem Medieninformatik studiert, ist als Redakteur fester Bestandteil der Netzpiloten-Redaktion, macht den Netzpiloten-Podcast Tech und Trara und arbeitet nebenbei als freiberuflicher Programmierer. Die Digitale Welt ist für ihn ein Ort voller Möglichkeiten und spannender Technologien, um damit Neues zu erschaffen, ganz viel auszuprobieren und sich in den vielen Ideen manchmal auch etwas zu verheddern.


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