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Wie der Google-Algorithmus und seine Suchergebnisse zu Verschwörungstheorien führen kann

anonymous-438427_1920 (Image by SplitShire [CC0 Public Domain], via pixabay

Wer eine Frage hat, wendet sich meist an Google. Man erwartet hier durchaus hochwertige, treffende Antworten. Gab man Ende letzten Jahres bei Google die Frage Ist der Holocaust passiert? ein, wurde man auf eine von Neonazis und Anhängern der Überlegenheit der Weißen geprägte, den Holocaust leugnende Seite geführt. Der Protest, der daraufhin folgte, war enorm. Bei Google Ads wurden zugleich Werbeanzeigen für das U.S. Holocaust Memorial Museum eingekauft, sodass es ebenfalls bei den obersten Suchergebnissen erscheint. Nach anfänglichem Widerstand korrigierte Google seinen Algorithmus – aber nur insofern, dass die falschen und voreingenommenen Informationen etwas weiter unten bei  den Ergebnissen erscheinen.

Diese Reaktionen jedoch lassen jedoch einen wichtigen Zusammenhang zwischen den Methoden der Holocaustleugner (und den Verschwörungstheoretikern generell) und dem Suchalgorithmus von Google vermissen. Google möchte Fragen beantworten und erfüllt diese Aufgabe oft sehr gut. Wenn die Frage selbst mit einem verborgenen oder implizierten Unterton gestellt wird – wenn historische Fakten angezweifelt werden – wird die Dringlichkeit der reinen, inhaltlichen Beantwortung dieser Frage schwächer und rückt im Kontext in den Hintergrund.

Das wichtigste Anliegen der Holocaustleugner und jeglicher Verschwörungstheorien ist es, historische Aufzeichnungen anzuzweifeln. Betreiber von Verschwörungsseiten geben an, dass sie schlichtweg neugierig, dabei aber unschuldig seien und in Bezug auf historische Ereignisse und weit verbreitete Ansichten ‚nur Fragen stellen würden. Entgegen ihrer Behauptung, unschuldig zu sein, versuchen sie jedoch zugleich, Antisemitismus und rechten Hass zu verbreiten.

Als Soziologe und Holocaustforscher ist es für mich klar, dass Seiten, die bewusst falsche Informationen und Propaganda präsentieren, das Bestreben Googles, Fragen zu beantworten, ausnutzen. Diese Seiten, auf denen die sogenannten „Fake-News“ verbreitet werden, schlagen Kapital aus der Tendenz, dass diese Fragen direkt bei Google eingegeben werden. Dies ist ein wichtiges Beispiel für Algorithmen und ihre Auswirkungen. Programmierer müssen sich bewusst sein, dass es wirklich und tiefgreifende Konsequenzen nach sich ziehen kann, wenn sie eine Anfrage an das System einfach nüchtern herunter programmieren.

Viele Seiten beantworten die Frage nicht

Zuerst muss beachtet werden: Natürlich gab es den Holocaust. Es gibt tonnenweise Beweismaterial, die belegen, dass es passiert ist. Die Täter haben es zugegeben. Es gibt Dokumente, die den Transport und die Vernichtung darstellen. Es gibt forensische Beweise von den Orten der Vernichtung und reichlich Aussagen von Augenzeugen. Aber hier zählt nur der Code: Googles Suchalgorithmus nutzt mehr als 200 Faktoren, um festzustellen,  wie Ergebnisse priorisiert werden, damit die Nutzer die Informationen erhalten, die sie suchen. Eines  der wichtigsten Dinge, die beachtet werden, ist, inwiefern der Inhalt der Seite mit der speziellen Anfrage übereinstimmt.

Wenn zum Beispiel eine Person nach „Laufschuhen” sucht, weiß Google durch die reine Abfrage nicht, was genau die Person über Laufschuhe wissen möchte. Demnach werden Ergebnisse angezeigt, die von Bewertungen von Laufschuhen bis zu Läden, die Laufschuhe verkaufen, reichen.

Die Lage verändert sich, wenn man bedenkt, dass jemand die Frage stellen könnte, ob es den Holocaust tatsächlich gab, oder als Äquivalent dazu, die Frage „Ist der Zweite Weltkrieg passiert?“. Normalerweise geht niemand bei einer ernstzunehmenden Quelle davon aus, dass der Zweite Weltkrieg unter Umständen nicht passiert sei. Neben ausführlichen Diskussionen über das Was, Warum und Wie stellen die glaubwürdigen Seiten, die den Holocaust faktenbasiert thematisieren, eben nicht die eine Frage heraus, ob es überhaupt passiert sei. Sie wissen, dass es so war. Sie setzen dieses Wissen schlicht voraus.

Dennoch scheint es so, dass der Google-Algorithmus diese Art Seiten nicht als Quellen  anerkennt, die die wertvollsten Informationen besitzen, um die spezielle Frage des Fragestellers zu beantworten. Dieses Problem wird noch erweitert, denn der Google-Algorithmus versucht, die Glaubwürdigkeit der Seiten zu bewerten. Die Reihenfolge, in der sie in den Ergebnissen auftauchen, ist ebenso mitbestimmend. Wenn die glaubwürdigen Seiten die Antwort nicht zu liefern scheinen, ist die Chance größer, dass die weniger vertrauenswürdigen Seiten, die die direkte – aber eben falsche – Antwort geben, weiter oben in den Suchergebnissen erscheinen.

Hinzu kommt, dass der Algorithmus maschinelles Lernen nutzt, um verwandte Vorschläge anzuzeigen, selbst, wenn nicht die genauen Suchbegriffe verwendet werden. Eine anfängliche Abfrage, die mit der Holocaustleugnung begann, wird das System dazu bringen, dass es mehrere Optionen anbietet.

Eine Lösungsmöglichkeit für Experten?

Alles in allem führt die Art, auf die Leugner Fragen formulieren und die Art, auf die Google-Algorithmen versuchen, spezifische Fragen zu beantworten dazu, dass sich Verschwörungstheorien im Internet verbreiten. Jedoch bedeutet die Betonung der Glaubwürdigkeit Googles, dass Experten viele Möglichkeiten haben, diese Themen anzusprechen: offene Briefe, Blogs und Verlinkungen zu faktenbasierten, inhaltlich angemessenen Arbeiten.

Würde auf der Homepage des Holocaust-Museums ein Artikel mit dem Titel “Gab es den Holocaust?“ erscheinen und einige grundlegende Fakten darlegen, würden der Inhalt und die Glaubwürdigkeit der Seite an die Spitze der Suchergebnisse springen. Die aktuelle Seite, die sich mit der Leugnung des Holocausts auseinandersetzt, könnte  mit einem Satz wie „Oft kommt die Leugnung in Form der Frage, ob es den Holocaust tatsächlich gegeben hat“, ganz einfach angepasst werden. Dies würde die entsprechenden Keywords einführen, die die Relevanz der existierenden Seite in Bezug auf Googles Algorithmus fördern. (Und ob dies nun durch permanentes Auf-den-Wecker-Fallen bei Google oder die Einstellung der Beantwortung des Algorithmusgewesen sein mag, ist der Content der Seite des US-Holocaust-Museums mittlerweile sehr viel einfacher bei Google auffndbar.)

Sicherlich wird man dadurch nicht alle Seiten, die den Holocaust leugnen, aus den Suchergebnissen von Google ausklammern, und vielleicht verschwinden diese noch nicht einmal von der ersten Seite der Suchergebnisse. Auch werden engagierte Leugner davon nicht abgehalten, Informationen zu finden, die ihre vorgefertigten Ansichten über Geschichte unterstützen. Die Leugnung des Holocausts basiert auf einer selektiven Interpretation der historischen Aufzeichnung und einer tiefsitzenden antisemitischen Auffassung. Keine Internetseite wird diese Auffassungen auf einen Schlag korrigieren oder ausrotten können.

Trotzdem könnte das Anbieten von faktenbasierten Ergebnissen, die man den „kritischen  Fragestellungen“ der Populisten gegenüberstellt, einige Personen zum Nachdenken anregen. Diejenigen, die die Wahrheit und die Fakten im Angesicht von Leugnung und Verschwörungstheorien verbreiten wollen, können hierdurch vielleicht auch auf einen neuen Weg geführt werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „anonymous“ SplitShire(CC0 Public Domain)


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Lesen zum neuen Jahr: Was uns ‚Herr der Fliegen‘ über 2016 erzählt

Lord of the Flies (adapted) (Image by Alaina Buzas [CC BY 20] via flickr)

Es ist die Geschichte einer Gesellschaft, in der sich die Demokratie in einer Art Stammesdenken und Tyrannei auflöst. Die Geschichte einer Zivilisation, die von den Redlichen nach Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit aufgebaut wurde, die sich dann aber gegeneinander aufhetzten und die Schwachen und Ausgestoßenen zu Sündenböcken erklärten. Letztlich ist es eine Erinnerung an die menschliche Barbarei, die unter der zerbrechlichen Fassade des Anstands lauert.

Klingt das bekannt? Allerdings: Es handelt sich um den Plot von ‚Herr der Fliegen‘, einem Roman über ein paar Jungs aus England, die einen Flugzeugabsturz überleben und auf einer Insel im Südpazifik gestrandet sind. Nach einer kurzen Zeit der Harmonie bewirkt ein Machtkampf zwischen den beiden Anführern Ralph und Jack die Spaltung der Gruppe. Jack gewinnt, indem er verspricht, einen gemeinsamen Feind zu jagen und zu töten – er meint das seltsame Phantom, das im Dschungel lebt und nur als ‚das Monster‘ bekannt ist. Es ist ein erfolgreicher Kampf, der die Angst benutzt, um die Gruppe zu spalten.

Der ‚Herr der Fliegen‘ wurde zuerst im Jahr 1954 veröffentlicht, hauptsächlich als Reaktion auf den Aufstieg des Nationalsozialismus und die Schrecken des Zweiten Weltkriegs. Und doch hat das Buch in vielerlei Hinsicht eine direkte Gültigkeit für die Welt von 2016, da Sparmaßnahmen, die Flüchtlingskrise, der Brexit und der Aufstieg Donald Trumps den nationalistischen Eifer ermutigt und die gesellschaftliche Zersplitterung geschürt haben.

Die rassistisch motivierte Sprache der Stammes-„Wildheit“ im Roman lässt zeitgenössische Leser zu Recht innehalten. Hier zeigt sich die Unfähigkeit des Autors William Golding, über eine grundsätzlich eurozentrische und kolonialistische Weltanschauung hinauszudenken. Letztendlich jedoch ist die Botschaft des Buches, dass eine „Wildheit“ quasi allgemeingültig ist. Sie ist weder rassisch noch anhand von Landesgrenzen definiert. Es ist eine Botschaft, die uns darüber nachdenken lässt, dass der Rechtsextremismus erneut in die Mainstream-Politik in ganz Europa und den USA eingekehrt ist.

Im Fahrwasser einer populistischen Sprache unter Betonung nationaler Zugehörigkeit gelingt es den Rechtsextremen, Rassismus zu legitimieren. Amerikas sogenannte alt-right-Bewegung, der Front National in Frankreich, UKIP und die fremdenfeindlichen ‚Leavers‘ in Großbritannien – sie alle nutzen die Unzufriedenheit, die mit der Globalisierung einherging, um im Innern Feindschaften zu schüren. Die Lösung komplexer wirtschaftlicher und politischer Wirklichkeiten ist für diese Gruppen so einfach wie die Jagd auf ‚das Monster‘. Der Anführer Jack gibt sein Erbe weiter an Figuren wie Trump, Marine Le Pen und Nigel Farage.

Die Stimme der Vernunft

Als Gegenstück zu Jacks Agitation und Angstmacherei stellt uns ‚Herr der Fliegen‘ die beiden Freunde Piggy und Simon vor. Piggy glaubt an den wissenschaftlichen Fortschritt, ist sich aber auch bewusst, dass eine Weiterentwicklung der Menschheit aufgehalten wird, wenn „wir Angst vor Menschen bekommen“. Piggy wird geschwächt, wenn die Jungen seine Brille stehlen – sein Symbol von Vision und Klarheit – und sie benutzen, um ein Feuer zu entzünden. Das Feuer gerät außer Kontrolle, was zur Zerstörung eines Teils ihres neuen Zuhauses führt. Statt den ersten Akt einer vereinten Zivilisation zu repräsentieren, signalisiert die Entstehung des Feuers die Uneinigkeit, die die Gruppe spaltet und schließlich unter Jacks Verantwortungs als Stammesoberhaupt zum Tode von Piggy führt.

Wie Piggy den Fortschritt repräsentiert, so steht Simon für die Vernunft. Er weiß, dass ‚das Monster‘ nicht real ist und durch die Angst der Jungen erschaffen wird. „Wann immer Simon an ‚das Monster‘ dachte“, so heißt es, „stand vor seinem inneren Auge das Bild eines Menschen, der heroisch und krank zugleich war.“ Trotz dieser Einsicht wird Simon als schwach angesehen und gemieden.

Nach einer Expedition, die er allein angetreten hatte, entdeckt er, dass ‚das Monster‘ lediglich ein toter Fallschirmjäger ist – ein Opfer des Krieges, der in der Ferne tobt. Sein Fallschirm hat ihn auf die Insel getragen. Simon kehrt zum Lager zurück, um die Nachricht zu überbringen, aber die Phantasie der Jungen erweckt in ihnen einen blinden Blutrausch. Sie sehen keinen Menschen mehr, sondern nur eine Bedrohung für ihre Gesellschaft. Simons Schreie werden durch das „Reißen der Zähne und Krallen“ übertönt.

Während seiner Vortragsreise an amerikanischen Universitäten im Jahr 1962 erklärte Golding die Gründe, weshalb er den ‚Herr der Fliegen‘ geschrieben hatte:

Mein Buch will sagen: Sie denken, dass jetzt der [Zweite Weltkrieg] vorbei ist und etwas Böses zerstört worden ist, und dass Sie jetzt in Sicherheit sind, weil Sie von Natur aus gut und anständig sind. Doch ich weiß, warum diese Sache in Deutschland so mächtig wurde. Ich weiß, dass es in jedem Land passieren kann.

So weit, so finster. Und dennoch – während Golding die Neigung der Menschheit zu Vorurteilen darstellt, gibt es einen kleinen Hoffnungsschimmer. Nach seiner Flucht vor den von Jack bestellten Menschenjägern trifft Ralph auf einen Marineoffizier, dessen Schiff angelegt hat, nachdem die Mannschaft den Rauch gesehen hat, der von der verwüsteten Insel aufsteigt. Als Ralph „das Ende der Unschuld“ beweint, dreht sich der Offizier um, um das Kriegsschiff in der Ferne zu betrachten. Dieses finale Bild des Buches ist ein Moment der Selbstreflexion. Inmitten der Wildheit und der Katastrophe der rudimentären Zivilisation der Jungen wird die Erwachsenenwelt mit einer Vision ihrer eigenen Torheit konfrontiert.

Die Moral von ‚Herr der Fliegen‘ ist nicht nur, dass die Barbarei keine Grenzen kennt. Die Moral besteht auch darin, dass die Barbarei verhindert werden kann, und zwar durch das Engagement für eine gemeinsame Menschheit. „Wenn die Menschheit eine Zukunft von hundert Millionen Jahren auf diesem Planeten hat“, sagte Golding in seinem Vortrag von 1962, „ist es unvorstellbar, dass sie diese Äonen in einem Gepräge von nationaler Selbstzufriedenheit und chauvinistischer Idiotie verbringen sollte.“

Der Roman mag keine sonderlich herzerwärmende Geschichte sein, aber er präsentiert uns eine erbarmungslose Darstellung einer Gesellschaft, die von Angst getrieben wird. Im neuen Jahr soll dies dem Leser eine dringende Warnung und ein Aufruf zum Handeln sein.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Lord of the Flies“ by Alaina Buzas (CC BY 2.0)


The Conversation

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Heute vor 70 Jahren: Historiker twittern Kriegsende

Von Bomben zerstörtes Magdeburg (Bundesarchiv, Bild 183-14025-0001 [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons)

Zum Jahrestag der Befreiung des KZs Auschwitz startete das Twistory-Projekt „Heute vor 70 Jahren“. Entstehen soll eine crossmediale Alltagsgeschichte. // von Dr. Erik Meyer

Von Bomben zerstörtes Magdeburg (Bundesarchiv, Bild 183-14025-0001 [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons)

Das Twitter-Profil @9nov38, unter dem die nationalsozialistischen Novemberpogrome nacherzählt wurden, bekam 2013 einige Resonanz. Nun geht es unter dem allgemeinen Namen @digitalpast weiter: Bis zum Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai werden einige Aspekte des historischen Geschehens 70 Jahre später jeweils in weniger als 140 Zeichen wiedergeben. Die Perspektive dieses historischen Echtzeitformats reflektiert der Titel des dazu erscheinenden Begleitbuchs: „Als der Krieg nach Hause kam“. Darin fokussiert Moritz Hoffmann die letzten Monate des deutschen Kriegsalltags als Kontext der Tweets.

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