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Das Smartphone, mein Endgegner: Ein Erlebnisbericht.

Kommunikation (adapted) (image by Capri23auto [CC0] via picabay)

Seit dem Sommeranfang absolviere ich ein Praktikum bei den Netzpiloten. Meine wichtigsten Gründe waren – und sind es immer noch – mein Interesse an Neuem und natürlich meine Liebe zum Schreiben. Doch jetzt das, meine neue, ganz persönliche Herausforderung. Ich soll über meine Erfahrungen mit dem Smartphone schreiben. Spätestens an dieser Stelle wird sicherlich bei dem ein oder anderen die Frage aufkommen, ob ich denn wirklich noch nie Umgang mit einem Smartphone gehabt habe. Nein, hatte ich nicht. Ganz einfach aus dem Grund, weil ich nicht zu einem der Smartphone-abhängigen Teenager meiner Generation werden wollte.

Als mein Redakteur mir auftrug, diesen Bericht zu schreiben, fühlte ich mich wieder in die 7. Klasse zurückversetzt, in der wir in einer Biologiestunde ein Babyprojekt mit Babysimulatoren leiten mussten. Der Umgang mit der Roboterbabypuppe unterscheidet sich nämlich gar nicht so sehr vom Umgang mit einem Smartphone: Es macht urplötzlich Geräusche, man lässt es überall liegen, weil man nicht weiß, wohin damit – und die Angst, dass man es aus Versehen auf den Boden fallen lässt, schwingt immer mit. Und, ach ja: Ich bin davon genervt.

Ich will kein Smombie sein!

Selbstverständlich haben viele meiner Freunde ein Smartphone. Bei ihnen durfte ich die Euphorie beobachten, als sie endlich das neueste Modell von Samsung oder Apple in ihren Händen hielten. Doch ich war auch dabei, als sich die erste Ekstase gelegt hatte. Smartphones sind wirklich wie Babies – die meisten lieben sie, aber zugleich verfluchen sie sie auch.

Ich erlebe auch immer öfter, dass ich inmitten einer Gruppe Smartphonenutzer stehe, in der eine eigentümliche Ruhe herrscht – jeder ist mit seinen Apps beschäftigt. Das ist der sogenannte „Phubbing“- Effekt. Da fällt mir wieder auf: Smartphones schließen aus. Und zwar nicht nur hier. So wirbt die Bahn beispielsweise in einem kürzlich erschienenen Artikel mit dem Ende der Zugfahrkarte. Die Bahn sagt, dass man in Zukunft kein Bahnticket mehr bräuchte, da via Handy Signale an den Zug weitergegeben werden, wann der Gast eingestiegen sei.

Wie gut solche Vorhaben in Wirklichkeit funktionieren, kann man bei dem einen oder anderen Twitter-User lesen, der sich über die Ticket-App aufregt. Ich frage mich still: Lohnt sich der ganze Ärger wirklich? Seit es die Apps gibt, ist am Schalter ohnehin nicht mehr viel los, also kann ich auch so ans Ziel kommen.

Der kleine Quälgeist in meiner Tasche

Was ich bei meinem Praxistest schnell feststelle wird keinen hier wirklich überraschen, aber kaum jemand zugeben: Die Dinger sind echte Nervensägen. Sie melden sich andauernd, weil jemand irgendetwas wissen will oder mich über etwas informieren will. Danke, ich brauche keine Exklusive Push-Nachricht, dass Donald Trump sich die Sonnenfinsternis in den USA anschaut. Nicht mal vor dem Beantworten nerviger Nachrichten kann ich mich drücken, denn kaum wurden sie gelesen, werden sie auch schon markiert und das Gegenüber erwartet eine baldige Antwort.

Außerdem belegen mittlerweile zahlreiche Studien, dass der Griff zum Smartphone die Produktivität und die Konzentration enorm verringert. Hand aufs Herz: Wie lange halten Sie es aus, smartphonelos in der Gegend herumzustehen? In der wievielten Minute greift die Hand in die Tasche? Ab welchem Akkuladestand werden Sie nervös?

Meine ersten Phantomschmerzen

Und dann ist es passiert: Ich bekam ein Dienstsmartphone, das ich immer mit mir herumtragen sollte. Irgendwann in dieser Zeit habe ich es allerdings zuhause vergessen – und genau an diesem Tag hätte ich es wirklich dringend gebraucht. Ich habe, trotz kurzer Eingewöhnungszeit, meinen kleinen Helfer schon schmerzlich vermisst. Dieser historische Tag wird zwar nicht in die Geschichte eingehen, für mich jedoch ewig auf meiner Festplatte gespeichert sein. Unabhängig, jung und dynamisch – und jetzt war ich es doch: abhängig von einer elektronischen Fußfessel.

Die Situation war folgende: Ich stand am Frankfurter Hauptbahnhof und wollte in meinen Zug steigen – leider zu spät. Ich konnte gerade noch die Rücklichter meines Zuges erkennen. Nun musste ich also eine Ausweichstrecke fahren und mit der quälenden Ungewissheit weiterreisen, ob ich den Anschluss anderswo erreichen würde oder nicht. Mit einem Smartphone hätte ich eine der zahlreichen Verkehrsapps mit Live-Funktion abrufen können und die nächste Verbindung schon längst gecheckt.

Entspannt und schnell: das Smartphone macht’s möglich

Ich bin viel mit dem Zug unterwegs, und mir gefällt das eigentlich ganz gut. Hier kann ich mich dem Luxus hingeben, nur aus dem Fenster zu starren und meinen Gedanken nachzuhängen. Seit ich das Smartphone habe, ist das vorbei. Ich könnte, überlege ich, die Reisezeit sinnvoll nutzen, indem ich schon auf dem Weg in unserem Redaktionssystem die anstehenden Artikel anlege. Da geht sie hin, die Ruhe in meinem Kopf. Allerdings bin ich tatsächlich früher fertig, und die ersten Recherchen sind noch vor dem offiziellen Dienstbeginn abgeschlossen.

In den kommenden Wochen bin ich zunehmend milder gestimmt. So ein Smartphone macht tatsächlich einiges leichter. Mittlerweile habe ich meine Scheu auch vor den anderen Funktionen abgelegt und nutze wie wild alles, was das smarte Gerät hergibt: Wecker, Kamera, schnell mal das Kinoprogramm heraussuchen, mit den Freunden witzige Bilder hin- und herschicken. Und, ja: es ist einfach ein prima Spielzeug.

Das Problem: Die Intoleranz der Anderen

Ich musste mir im Verlauf meines Praxistests eingestehen, dass so ein Smartphone auch für mich persönlich nützlich sein kann. Wenn man nicht aufpasst, gewöhnt man sich schnell an diesen Luxus – wie das ist, wenn man dazu keinen Zugang mehr hat, weiß jeder, der schonmal längere Zeit in einem Funkloch verbracht hat. Der wichtigere Grund, warum ich mich aber trotzdem auch zukünftig bei der Nutzung der smarten Telefone zurückhalten werde, ist die Erwartungshaltung, dass jeder eines besitzen muss.

Ich möchte mich ganz bewusst und aus mir heraus für ein Smartphone entscheiden, weil ich es so will und nicht, damit ich mir in Zukunft die skeptischen Blicke beim Telefonieren mit meinem Tasten-Handy erspare. Wann der Zeitpunkt gekommen ist, möchte ich selbst entscheiden – nicht irgendein dubioser Gruppendruck.

Das Praktikum bei den Netzpiloten hat mir insoweit geholfen, dass ich von allen Seiten Akzeptanz erfuhr. Habe ich bis dato nur aus Stolz kein Smartphone gehabt, habe ich jetzt in meiner Praktikumszeit gelernt, mich mit Dingen auseinanderzusetzen, mit denen ich mich nie auseinandersetzen wollte. Jetzt weiß, dass sich meine Skepsis nicht gegen das Smartphone im Allgemeinen richtet, sondern ganz einfach gegen die Intoleranz der Anderen. Ich bitte euch: Gebt Leuten wie mir eine Chance und seid so tolerant, wie ich es gerade lerne, zu sein.


Image (adapted) „Kommunikation“ by Capri23auto (CC0 Public Domain)


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Uber zerstört die Share Economy mit seinen fahrerlosen Autos

Taxi Cabs vs Uber (adapted) (Image by Aaron Parecki [CC BY 20] via Flickr)

Die Ankündigung von Uber, dass das Unternehmen in Pittsburgh, USA, fahrerlose Autos einführen will, stellt nicht nur die Zukunft der Share Economy, die auch durch Ubers Hilfe etabliert wurde, sondern auch die Zukunft von Beschäftigungsverhältnissen im weiteren Sinne in Frage. Eines ist aber sicher: Obwohl sich Uber verändert, wird die Art, wie es unsere Arbeitsweise verändert hat, bestehen bleiben.

Uber ist praktisch zum Synonym für Ideen für neue Geschäftsmodelle geworden. Es ist so bekannt, dass tatsächlich sogar ein neues Wort daraus entstanden ist – „ubersation“ – das die Art von Arbeit beschreibt, die über Online-Plattformen in sogenannten Share Economies verwaltet wird. Die Firma ist in vielerlei Hinsicht ein Sinnbild des flinken Ideenreichtums, mit dem der Kapitalismus es schafft, von der Technologie gestützt Wirtschaftskrisen zu überleben, neue kreative Lösungen für alte Probleme zu finden und sich am laufenden Band selbst neu zu erfinden.

Fahrerlose Autos sind nur ein weiteres Beispiel dafür. Nachdem es 2009 gegründet wurde, ein Jahr nach Airbnb und Taskrabbit, war Uber eines der ersten Serviceunternehmen, das einen Weg fand, Investitionen großer Mengen in abwertenden Anlagen zu vermeiden, wie zum Beispiel einen Fuhrpark, spezielle Werkzeuge oder teure Immobilien. Die Lösung? Das Risiko wurde ausgelagert und die Vermögenswerte anderer Leute genutzt.

Im Original-Modell von Uber fielen die Kosten des Kaufens und Wartens der Autos den Fahrern, beziehungsweise Eigentümern, zu, nicht der Firma. Die Einstellung gegenüber Arbeitern war ähnlich: wieso in die eigene Arbeitskraft investieren, mit all der Verantwortung die damit einhergeht, ein Arbeitgeber zu sein, wenn man den Service von Menschen nutzen kann, die für ihre eigene Ausbildung, ihre Ferien und ihre Rente zahlen und die Verantwortung für ihre Ausfallzeit selbst tragen?

Onlineplattformen behaupten, dass sie keine Arbeitgeber seien – sie seien nur ein Hightech-Gesprächspartner zur Bereitstellung und Anforderung von Diensten. Sie profitieren, indem sie bei allen Transaktionen Reduzierungen durchführen. Und sie können mit minimalen Investitionen schnell in neue Märkte expandieren.

Vorteile nutzen

Einer der Gründe, warum Uber so viel mehr öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat als andere Plattformen die Arbeit auf Abruf anbieten (wie Taskrabbit, Handy, Upwork oder PeoplePerHour) ist, dass es einen Bereich betreten hat – den der Taxiservices – wo die Arbeiter bereits organisiert waren. Taxifahrer in vielen Städten haben eine lange Geschichte des Zusammenschlusses vorzuweisen, um Regeln festzulegen und mit öffentlichen Behörden über Dinge wie Standardtarife, die Standorte der Taxistände und die Bedingungen für den Erhalt einer Lizenz zu verhandeln.

Das steht im Gegensatz zu Menschen, die Dienstleistungen wie das Putzen von Fenstern, Gartenarbeit, Kinderhüten oder Möbelmontage zur Verfügung stellen, wie es andere Plattformen anbieten. Londoner Taxifahrer der „Black Cabs“ verbringen normalerweise 4 Jahre damit, sich das „Wissen“ anzueignen, also alle möglichen Routen durch die Stadt zu kennen. Dies ist eine Voraussetzung für den Erhalt einer Lizenz. Es ist daher nicht überraschend, dass der Einstieg von Uber in ihren Markt einen Proteststurm hervorrief.

Der Erfolg von GPS machte vieles von dem hart erarbeiteten Wissen obsolet und öffnete das zuvor wohlgehütete Gebiet des Taxifahrens jedem Menschen mit einem Auto und einem Smartphone, der sich etwas dazuverdienen wollte. Niedrigere Preise machten private Fahrten außerdem für die Menschen erschwinglich, die früher eine Taxifahrt als gelegentlichen Luxus angesehen haben.

Diese Vorteile konnten aber nicht für immer anhalten. Wettbewerber erschienen auf der Bühne. Öffentliche Behörden wurden für die Notwendigkeit, diese neue Art von Taxiservice zu reglementieren, sensibilisiert – was, wenn es einen tödlichen Unfall gäbe? Was, wenn der Fahrer oder der Fahrgast angegriffen würden? Wer wäre für die Versicherung zuständig? Auch die Fahrer fingen bald an, sich wie ausgebeutete Arbeiter zu fühlen, statt unbeschwerte Unternehmer sein zu können.

Wenn Uber schon die Gebühren festlegte und vorschrieb, wie sie zu arbeiten hatten, sollten sie dann nicht auch anfangen, die Verantwortungen eines Arbeitgebers zu übernehmen? Uber war deshalb sowohl in den USA als auch in Großbritannien mit gerichtlichen Verfahren konfrontiert. Manche der Uber-Fahrer aus den USA haben sogar als Alternative ihre eigene Kooperation mit Fahrern von Lyft, einem ähnlichen Service, aufgebaut.

Ruhig bleiben und weitermachen

In der Zwischenzeit ist Uber zu einem riesigen Unternehmen mit weltweiter Ausbreitung und einem Umsatz von 1,5 Milliarden US-Dollar im Jahr 2015 geworden. Sein letzter Versuch, sich selbst neu zu erfinden, nimmt interessanterweise eine der klassischen Strategien der Industrie aus der Vergangenheit auf, um den Profit zu steigern – die Automatisierung. Während es den Plan der Vergangenheit, die Arbeiter die Investitionen allein machen zu lassen, beiseite schiebt, steckt Uber sein eigenes Geld in eine neue Technologie: fahrerlose Autos. Wenn sich das Risiko auszahlt, wird dies wahrscheinlich mehrere Auswirkungen haben.

Die Position traditioneller Taxiunternehmen wird weiterhin unterminiert werden, indem günstigerer Service angeboten wird (möglicherweise auch die Stellen von Ubers eigenen Eigentümern oder Fahrern). Zudem werden auch Wettbewerber verdrängt werden. Neuanbieter auf diesem Markt der fahrerlosen Taxis würden in eine Flotte solcher Fahrzeuge investieren müssen. Dies könnte die Nahezu-Monopolstellung, die Uber schon in manchen Städten hat, festigen und den Namen Uber so zum Synonym für Taxiservice machen, wie es zum Beispiel Hoover für Staubsauger oder Kleenex für Taschentücher ist. Wenn uns die Geschichte eines lehrt, dann ist es, dass dies nicht zu Massenarbeitslosigkeit führen wird.

Bereits vorhandene Uber-Fahrer würden möglicherweise arbeitslos werden, aber diese Form von Restrukturierung verheißt nur, dass neue Jobs geschaffen werden, während und obwohl sie andere zerstört. Fahrerlose Autos könnten aus professionellen Fahrern das machen, was Waschmaschinen aus Wäschereiarbeitern machten. Der Kapitalismus aber, zerstörerisch wie immer, macht weiter wie zuvor.

Wenn das nun aber die Zukunft von Uber ist, was wird dann aus der Zukunft der ‚uberisation‘? Die Beweise sprechen dafür, dass es Teil eines großen Trends ist, der unaufhaltsam wächst. In allen Wirtschaftsbereichen wird Arbeit auf Abruf als neue Form für Jobs gelten, die von Aushilfslehrern über Agentur-Krankenschwestern und Supermarktkassierern bis hin zu Callcenter-Angestellten reichen.

Eine neue Studie mit 2238 Menschen, die wir an der Hertfordshire Business School durchführten, legte nahe, dass drei Prozent der erwachsenen Bevölkerung Großbritanniens „mindestens wöchentlich“ für Online-Plattformen arbeiten, während viele mehr (etwa elf Prozent) dies hin und wieder tun. Geschätzte 2,5 Prozent der Arbeitnehmer haben Null-Stunden-Verträge und sechs Prozent haben einen befristeten Vertrag.

Die letzten Statistiken der Regierung des Vereinigten Königreichs zeigen, dass mehr als eine Million Menschen einen Zweitjob haben und knapp fünf Millionen Menschen selbstständig sind. Uber mag sich verändern, solange es aber keine radikalen Veränderungen in der Arbeitsregelung und des Sozialsystems gibt, sieht es so aus, als wäre die ‚uberisation‘ gekommen, um zu bleiben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Taxi Cabs vs Uber“ by Aaron Parecki (CC BY 2.0)


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