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Wie Pokémon GO künftig unseren Blick für die Natur schärfen könnte

Pokemon Gym at the peak of Zion Observation Point (adapted) (Image by Tydence Davis [CC BY 2.0] via flickr)

Jeder, der sich in den letzten Monaten im Freien aufgehalten hat, wird den großen Erfolg von Pokémon GO mitbekommen haben, das die Spitze der Spiele-Charts erobert hat. Seit zwei Jahrzehnten haben Menschen eifrig Pokémon-Kreaturen über verschiedene Medienformate gesammelt, daher war es ein logischer Schritt, die Smartphone-Technologie zu verwenden, um das Franchise in eine „Mobile Augmented Reality“ (MAR)-Spieleapp umzuwandeln. Es wurde zu einem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Phänomen, der Marktwert des Besitzers Nintendo stieg auf knapp 40 Milliarden US-Dollar. Das Spiel wurde aber nicht wirklich von Nintendo entwickelt, es wurde von dem Google-Spin-Off Niantic erstellt, das auch Ingress, den beliebten Augmented Reality-Vorgänger von Pokémon GO, entwickelt hatte. Ähnlich wie Pokémon GO ist Ingress ein in die Realität eingebettetes Sci-Fi-Spiel, in dem Spieler unter Verwendung von Smartphone-Kameras mit Objekten aus der realen Welt interagieren können, die von bestimmten, spielrelevanten, simulierten Eigenschaften überlagert werden. In einer Veröffentlichung des Journals Restoration Ecology haben wir besprochen, dass MAR-Spiele wie diese viel für das Umweltbewusstsein tun können – im Gegensatz zu den Argumenten von Anderen, die darin einen Grund zur Sorge sehen. Der Schlüssel liegt nicht darin, sich über die Beliebtheit von Spielen oder Augmented Reality an sich zu beklagen oder dagegen zu argumentieren, sondern darin, zu erkennen, was diese so erfolgreich macht. Sie begreifen die Gefühle der Menschen, sie machen Spaß, sie beleben den Konkurrenzkampf und treiben Menschen in die freie Natur – all die guten Gründe, wieso die Leute die Natur lieben.

Das Problem

Das Wachstum unserer modernen Gesellschaft, das durch technische Innovationen vorangetrieben wurde, wird durch die Ausbeutung der Natur gestützt. Heute ist ein großer Teil der Welt, der früher Wildnis war, durch Menschen umgestaltet. Die Population von Pflanzen und Tieren ist zurückgegangen, was zu lokalen Verlusten und globalem Aussterben geführt hat, als Folge der Zerstörung der Lebensräume, Ernte, invasiver Tier- und Pflanzenarten und Umweltverschmutzung. Doch obwohl die direkten Ursachen des Verlustes der Tier- und Pflanzenwelt klar genug sind, ist es weniger offensichtlich, warum es viele Menschen nicht zu interessieren scheint. Der Umweltaktivist und Schriftsteller George Monbiot hat die laufende Zerstörung der Umwelt durch die Gesellschaft der Tatsache zugeschrieben, dass nicht mehr genügend Leute die Natur und Wildnis schätzen. Diese „Öko-Gleichgültigkeit“ hat sich als Synonym unserer modernisierten, urbanisierten Welt eingestellt, in welcher neue Technologien gleichzeitig die Interessen der Gesellschaft dominieren und die Fähigkeiten erhöhen, der Umwelt zu schädigen. Aber was wäre, wenn Augmented Reality, von MAR-Apps auf Smartphone bis hin zu HoloLenses, auf positive und proaktive Weise nutzbar gemacht werden könnten, um die breite Öffentlichkeit mit der Natur zu verbinden und dadurch Ihre angeborene Naturliebe zu aktivieren? Was, wenn ein Handyspiel entwickelt werden könnte, das sich nicht nur auf die Merkmale des Stadtbildes konzentriert, sondern sich spielerisch auf Natur, Pflanzen- und Tierwelt und menschliche Interaktion in einem natürlichem Umfeld konzentriert? Ein solches Spiel würde seine Spieler dazu bringen, aktiv die Natur zu erleben. Sie würden sich mit ihr zusammentun, sie beschützen (das könnte man als Belohnungs-Feature im Spiel verstehen) und damit ihren Wert verinnerlichen. Einen größeren Teil der Gesellschaft mit der Natur zu verbinden, ist seit langem ein Traum von Umweltschützern, der leider schwer erreichbar ist. Vor mehr als einem Jahrzehnt fand eine Gruppe von führenden Naturschutzbiologen heraus, dass Kinder besser Pokémon-Figuren erkennen als bestimmte Gruppen von Tieren identifizieren konnten. Das Problem ist nicht die Entdeckung der „Spezies“ an sich – es liegt mehr daran, dass sie hauptsächlich den elektronischen Lebewesen ausgesetzt sind, statt mit echten Tieren zu tun zu haben. Worin Menschen ihre Aufmerksamkeit investieren, ist ein Problem von entscheidender Bedeutung. Ingress hat aktuell mehr als sieben Millionen aktive Spieler und wurde von 12 Millionen Menschen heruntergeladen, seit es 2012 veröffentlicht wurde. Der Umstand, dass man bei dem Spiel das Haus verlassen muss, ermutigt Spieler dazu, etwas zu finden, zu erkennen und sich mit einer Reihe von kulturellen Symbolen zu identifizieren, die sie ansonsten ignorieren würden.

Egress – Aussteigen!

Hier ist also die besondere Herausforderung: Man sollte eine neue Version von Ingress erstellen (nennen wir es doch einfach „Egress“), die lehrreich und überzeugend sein sollte und zudem auch beliebt. Sie könnte auch Augmented Reality verwenden, um bestimmte  Umweltveränderungen zu zeigen – seien es gute Veränderungen, wie bei Instandhaltungen der Umgebung, oder schlechte, wie bei Anzeichen von Beschädigung. Um ein Hit zu werden, muss sie ein Publikum erfassen und eine Gemeinschaft fordern. Und sie könnte auch Daten für wissenschaftliche Projekte generieren. Es gibt viele Möglichkeiten, wie eine solche App funktionieren könnte. Möglicherweise beinhaltet es die Verwendung von Handys zum Fotografieren, Lokalisieren und automatisiertem Zuordnen von „Tags“ zu Spezies innerhalb einer Landschaft, das Identifizieren von seltenen Pflanzen oder Insekten oder woran man erkennt, dass an einem bestimmten Ort Tiere leben (wie beispielsweise Erdlöcher, Überreste von Ausscheidungen oder anderem, und so weiter). Der entscheidende Punkt ist, dass, obwohl die Konzentration auf Ökologie und Natur liegt, es auch ein Spaßelement geben muss – vielleicht wie eine Art High-Tech-Version dieser alten Vogelbeobachtungs-Handbücher, aber eines, das mehr Anerkennung für das Auffinden seltener Arten bietet. Ein aktueller Leitartikel in der Zeitschrift Nature hebt einige der möglichen Anwendungen von Pokémon GO, Ingress und anderer hervor, die darauf hindeuten, dass MAR-Spiele auch verwendet werden könnten, um neue Spezies zu entdecken und zu beschreiben. Wer möchte nicht, dass ein neues Tier oder eine neue Pflanze nach ihm benannt wird? Solche wissenschaftliche Aktivitäten würden die Verbindungen zwischen Forschung, Erhaltung und der Gemeinschaft stärken. Was Ingress und Pokémon GO gezeigt haben, ist, dass es möglich ist, Millionen von technisch versierten Menschen aus ihren Wohnzimmern und Kellern zu bekommen und sich aktiv mit der übrigen Welt zu engagieren. Während es unmöglich zu garantieren ist, dass jedes Projekt viral wird, zeigen die jüngsten Erfahrungen mit der Augmented Reality auf den Telefonen, dass große Menschenmassen wirklich überzeugt werden können, das Haus zu verlassen und die Welt zu erkunden. Das ist sicherlich der erste und notwendigste Schritt, um Menschen wieder zu verbinden und sich um die Natur im digitalem Zeitalter zu kümmern. Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Pokemon Gym at the peak of Zion Observation Point“ by Tydence Davis (CC BY 2.0)


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Erfolgreich und engagiert: Das neue Geschäftsmodell junger Startups

Vision (image by Unsplash [CC0 Public Domain] via Pixabay)new

Die Generation Y erobert mit ihren Startups die Onlinewelt. Ihr Erfolgsmodell: Umsatz machen mit Umweltbewusstsein. Während Entrepreneure vor 30 Jahren vor allem wirtschaftlich erfolgreich sein wollten, geht es den Jungunternehmern der Generation Y um vieles mehr. Mit ihren kreativen Geschäftsmodellen erobern sie derzeit den Onlinemarkt – mit großem finanziellen Erfolg. Doch den jungen Unternehmern geht es dabei nicht nur ums Geldverdienen, sie wollen mit ihren Businessmodellen die Welt verbessern.

Sie sind jung, sie sind idealistisch und sie sind erfolgreiche Unternehmer. Wohin man in Deutschland auch auf den Start-up Markt schaut, findet man Geschäftsmodelle, die sich kein geringeres Ziel gesetzt haben als die Welt zu verbessern – und damit Geld verdienen.

Gerade Online-Unternehmen begnügen sich nicht mehr damit “nur” eine kreative Businessidee zu haben, sie verfolgen gleichzeitig einen ökologischen und sozialen Ansatz. Dabei sehen die online Startups den Umweltaspekt und das soziale Engagement nicht nur als netten Nebengedanken, den man aus PR-Gründen noch vermarkten kann, er bildet die Grundlage der Geschäftsidee.

Leben aus dem Pappkarton

So verkaufen Gerald Dissen, Lionel Palm und Christian Hilse seit April 2013 Pappmöbel. “Room in a Box” haben sie ihr Unternehmen getauft und der Name ist Programm. Sie versenden über ihre Webseite tatsächlich Möbel aus umweltfreundlicher Wellpappe. Die Pappe besteht aus 85 Prozent recycelten Fasern, die wiederum zu 100% wiederverwertet werden.

Zum Room in a Box Standard-Repertoire gehören Betten, Regale, Tische und Stühle – also im Prinzip alles, was man so für eine Wohnung braucht. Der Clou dabei: Die Möbel sind nicht nur aus Pappe, sie lassen sich auch handlich wie Kartons zusammenfalten, wiegen damit kaum etwas und sind so auch sehr einfach zu transportieren. Sie halten darüber hinaus ein Gewicht von 1,5 Tonnen aus und sind angeblich auch kinderleicht zusammenzubauen.

Praktischer geht’s kaum noch: Anstatt beim nächsten Umzug die Möbel aufwändig per LKW von einem Ort zum nächsten zu karren, schickt man sein Bett-Paket dann einfach per Post an die neue Wohnungsadresse.

Diese kreative Idee kam Gerald Dissen auf einer Messe, als er in einem sehr stabilen Sessel aus Wellpappe saß und sich, ganz der Wirtschaftswissenschaftler, der er ist, dachte: “Das müssen ja unglaublich günstige Produktionskosten sein – so etwas möchte ich auch entwickeln.” Aus dieser ersten Idee wurde schließlich ein Unternehmen, das nicht nur sehr erfolgreich ist, sondern seine umweltfreundlichen Produkte mit großer Leidenschaft entwickelt.

 

Das individuellste Bio-Müsli aller Zeiten

Auch mymuesli entstand aus einer spontanen Idee. Auf einer Autofahrt hörten ein paar Studienfreunde einen Müsli-Radiospot. Schnell waren sie sich einig: Sie könnten nicht nur einen interessanteren Spot, sondern auch viel besseres Müsli produzieren.

mymuesli2go, a tv commercial – filmed and edited on an iPhone 4 from Max Wittrock on Vimeo.

Auf der Webseite von mymuesli können User sich seit 2007 ihr ganz individuelles Müsli mischen lassen – ohne Zuckerzusätze und aus rein ökologischen Zutaten vom regionalen Biobauern. Damit hatten die Gründer das wohl individuellste Bio-Müsli aller Zeiten erfunden, wofür sie unter anderem 2007 zum Startup des Jahres gewählt wurden und den Gründerpreis der Financial Times Deutschland erhielten. Interessanterweise ist mymuesli nicht in Berlin, der Metropole aller deutschen Start-ups, ansässig, sondern in Passau. Die Gründer Hubertus Bessau, Philipp Kraiss und Max Wittrock haben sich diesen Ort ganz bewusst ausgesucht, nicht nur weil dies ihr gemeinsamer Studienort war, sondern auch, weil sie die Nähe zu den lokalen Bauern und Behörden schätzen. Mittlerweile gibt es mymuesli nicht nur online, sondern auch in Geschäften an verschiedenen Standorten in Deutschland. Neben Müsli haben die Gründer mittlerweile weitere Portale für Kaffee, Orangensaft und Tee gegründet. Mymuesli ist ein weiteres Beispiel dafür, dass ökologische Ideen von jungen Unternehmen in der Onlinewelt nicht nur gut ankommen, sondern auch wirtschaftlich sehr erfolgreich sein können.

Die Suchmaschine, die Bäume pflanzt

Während Room in a Box und mymuesli noch sehr praktische Ideen im Netz verbreiten, müssen bei Ecosia sehr gesellschaftsbewusste Nerds am Werk gewesen sein. Ecosia verbindet Technologie mit Umweltschutz und gesellschaftlichem Engagement in einer Suchmaschine. Auch bei dieser sehr ambitionierten Suchmaschine stehen Ökologie und soziales Engagement an oberster Stelle, denn mit jeder Suchanfrage über Ecosia werden Bäume gepflanzt.

Das Prinzip dahinter klingt einfach: Nutzer durchsuchen das Web mit Ecosia. Damit werden Werbeeinnahmen generiert. Diese werden dann wiederum zum größten Teil (laut Aussage des Unternehmens 80 Prozent des Gewinns) dafür genutzt, um über ihren Partner WeForest in Burkina Faso Bäume zu pflanzen. Ecosia betont dabei, dass Bäume pflanzen das erste Glied in einer Kette für positive gesellschaftliche Entwicklung ist. Ihr Projekt hilft nicht nur dabei, einen nachhaltigen Umgang mit der Umwelt zu erzeugen, durch die gepflanzten Bäume können auch andere Nutzpflanzen wachsen. Das hilft dabei, die Luft zu filtern, weniger Krankheiten werden verbreitet und es kann mehr und gesündere Nahrung produziert werden. All diese Faktoren tragen letztendlich dazu bei, dass die Menschen in Burkina Faso bessere Einnahmequellen bekommen und es sich auch leisten können, ihre Kinder zur Schule zu schicken.

Ecosias Suchergebnisse werden mittlerweile vorwiegend über Bing generiert, Nutzer können sich aber auch Google-Ergebnisse anzeigen lassen. Neben der eigentlichen Suchmaschine kann man Ecosia auch als Add-on für Firefox oder Chrome hinzufügen. Jede Suchanfrage generiert dabei im Schnitt eine Spende von 0,4 Cent (Stand: September 2014). Als User bekommt man dabei auch gleich mit jeder Suchanfrage angezeigt, wie viele Bäume durch die eigene Nutzung von Ecosia gepflanzt wurden.

Ecosia wurde 2009 zur Klimakonferenz in Kopenhagen von Christian Kroll ins Leben gerufen. Nach einer Weltreise war Kroll bewusst geworden, wie stark unser Planet bedroht ist, und beschloss daher, seine Idee einer ökologisch bewussten Suchmaschine endlich in die Tat umzusetzen. Seitdem hat Ecosia dazu beigetragen, über 3 Millionen Bäume zu pflanzen. Erklärtes Ziel ist es, bis 2020 die 1 Milliarden-Grenze zu knacken.

Eine neue Generation von Weltverbesserern

Es ist sicher kein Zufall, dass die Gründer all dieser Unternehmen der Generation Y angehören. Diese junge Generation, die mit Internet und Smartphones aufgewachsen ist, protestiert nicht mehr wie die 68er gegen die Gesellschaft, sie versucht stattdessen die Gesellschaft aktiv zu verbessern. Die Webseite Generation Y charakterisiert sie als erfinderischer Macher, als Menschen, die es satt haben, in etablierten Unternehmen zu arbeiten. Sie wollen für progressive Firmen arbeiten, wo sich der Job nicht nur ums Geld dreht, sondern um eine mitreißende Idee. Wirtschaftlich erfolgreich sein UND sich für Umwelt und Gesellschaft einsetzen sind dabei kein Gegensatz mehr, sondern der neue Anspruch an die Arbeitssituation. Weil sich solche Stellen aber nur selten auf dem traditionellen Arbeitsmarkt finden, gründet die Generation Y eben ihre eigenen Startups und zwar genau in dem Bereich, den sie wie keine andere Generation dominiert: im Internet.


Teaser & Image “Vision”(adapted) by Unsplash (CC0 Public Domain)


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