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Willkommen im Coworking Space der Zukunft: Zu Besuch im Epicenter Stockholm

Epicenter (Image by Epicenter)

„Willkommen im Epicenter, dem Büro der Zukunft!“ Mit einem breiten Lachen begrüßt Patrick Mesterton neue Besucher in Schwedens angesagtestem Coworking Space mitten in Stockholm. Man merkt, dass er eigentlich noch hinzufügen möchte: „Willkommen im besten Coworking Space der Welt!“ Als einer der drei Gründer des Epicenters ist Patrick Mesterton sichtlich stolz auf das, was er und seine Mitstreiter in zwei Jahren auf die Beine gestellt haben.

Transformation, Erneuerung, Zukunft

Schwedens erstes „Digital House of Innovation“ nennen sie ihren Coworking-Space. Tatsächlich verwandelten die Gründer, inspiriert vom Silicon Valley, in kürzester Zeit ein marodes Bankgebäude in einem ehemaligen Rotlichtviertel in einen modernen Hub für Startups, führende Tech-Firmen sowie Freelancer und digitale Nomaden aus aller Welt. Transformation, Erneuerung und Zukunft sind die Grundpfeiler der Epicenter-Philosophie und sollen so dazu beitragen, dass Schweden zur „Kreativhauptstadt der Welt“ wird.

Innenhof (Image by Marinela Potor)
Innenhof des Epicenters (Credit by Marinela Potor)

„Als wir das Epicenter im Januar 2015 eröffnet haben, waren wir innerhalb von zwei Wochen komplett ausgebucht“, erzählt Patrick Mesterton beim Netzpiloten-Besuch vor Ort. Und das will schon etwas heißen. Immerhin erstreckt sich das Epicenter auf rund 30.000 Quadratmeter und bietet Büroräume auf einer Fläche von 12.000 Quadratmeter. Aktuell hat das Epicenter mehr als 3.000 Mitglieder. Denn Miete zahlt hier keiner, die Räume werden über Mitgliedschaftsraten verrechnet. Es gibt von offenen Lounges bis zu 3.000 Quadratmeter großen Privatbüros viele verschiedene Arbeitsmöglichkeiten. Im Prinzip ist dabei jeder, der hier von seinem Laptop aus arbeiten möchte, willkommen.

Nun ja, fast jeder. Denn für Unternehmen ist es mittlerweile schwierig geworden, im heiß umschwärmten Epicenter noch Büroräume zu bekommen. Das liegt auch ein wenig daran, dass es für Unternehmen einfach als „cool“ gilt, hier ein Büro zu haben – und als Wettbewerbsvorteil beim heißen Kampf um die klügsten Köpfe gesehen wird. So müssen Mitglieder sich tatsächlich bewerben – und vom Epicenter angenommen werden.

„So wollen wir sicherstellen, dass wir wirklich nur den besten Mix aus Startups und etablierten Konzernen unter einem Dach haben. Denn es bringt ja nichts, wenn du nur Gründer in einem Coworking Space hast, die zwar tolle Ideen haben, aber sich finanziell nicht helfen können. Oder nur große Konzerne, denen die frischen Ideen ausgehen“, erklärt Patrick Mesterton den Bewerbungsprozess.

Das Rezept scheint aufzugehen, im Epicenter sitzen Unternehmen wie Spotify, Google und Microsoft, aber auch junge Startups wie das Smart-Lock-Unternehmen Glue oder Zoundio, eine Gitarrenapp, die auf künstlicher Intelligenz basiert, oder auch Splay, Schwedens größtes YouTube-Netzwerk.

Motto (Image by Marinela Potor)
Motto (Credit by Marinela Potor)

Innovation an jeder Ecke

Doch es sind nicht nur die Unternehmen, die für das kreative Ambiente sorgen. Es ist auch die Aufmachung des Coworking Spaces, die an jeder Ecke beinahe aufdringlich „Innovation“ schreit. Der 24-Stunden-Zugang zum Space oder die schicken Tablets, die als Türschilder dienen, sind dabei noch das Langweiligste, was man hier sieht.

So steht im großen Innenhof des Epicenters eine von Samsung entwickelte ADHS-Box, in der Coworker selbst erleben können, wie Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung die Welt erleben. „Eine Störung, die übrigens sehr viele Gründer haben“, sagt Patrick Mesterton und meint das ganz ernst. Dann gibt es auch noch Telepräsenz-Roboter, mit denen Anrufe entgegengenommen werden können und ein robotischer Automat verkauft Smoothies auf Bestellung.

Seit Kurzem können Nutzer mit unter der Haut implantierten RFID-Chips Türen öffnen und Getränkeautomaten bedienen.

Biochip (Image by Marinela Potor)
Patrick Mesterton ordert ein Getränk per Chipimplantat: Credit by Marinela Potor

Menschen, die zu Cyborgs werden? Im Epicenter liegt das, was viele als Biohacker-Spinnerei abtun, voll im Trend. So kommen viele Epicenter-Mitglieder begeistert zu den regelmäßigen „Chip n‘ Beer After Work“ Sessisons.

Gesunde Körpern und rege Geister

Es ist aber nicht nur die Technologie, die für neue Ideen bei den Coworkern sorgen soll. Das Epicenter scheint eine ausgeprägte „mens sana in corpore sano“ Mentalität zu haben. Tatsächlich sehen alle Coworker hier erstaunlich fit und gesund aus. Das mag eben auch an den vielfältigen Gesundheits-, Fitness- und Sportangeboten liegen.

Es gibt Yoga-Klassen, Massageexperten, ein Fitnessstudio und das – selbstredend gesundheitsbewusste – Restaurant im Coworking-Space wird von Jens Dolk geleitet, einem der bekanntesten kulinarischen Experten des Landes, der sich aktuell stark gegen die Verschwendung von Essen einsetzt.

Die Epicenter-Gründer sind mit jeder Erneuerung stets bemüht, dem futuristischen Ansatz ihres Coworking Spaces treu zu bleiben. So wird gerade in der „Orangerie“ ein weiteres Restaurant gebaut, zu dem auch Nicht-Mitglieder Zutritt bekommen sollen.

Dahinter steckt aber mehr als lediglich eine neue Einnahmequelle, erklärt Mesterton. „Diese Gäste können unseren Coworkern und Unternehmen sozusagen als Quelle für Konsumerforschung nutzen.“ Marketingforschung an lebenden Laborratten sozusagen. Wer sich Chipimplantate unter die Haut stechen lässt und Biohacker-Frühstücke schmeißt, findet das natürlich gar nicht seltsam.

Der Erfolg spricht fürs Epicenter. Bereits im kommenden Jahr möchten die Gründer expandieren. Im September 2018 soll das nächste Epicenter in Helsinki eröffnet werden.


Image „Epicenter“ by Epicenter


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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

Follow me
  • WHATSAPP spiegel: Whatsapp wird Snapchat ähnlicher: Imitation ist die höchste Form der Schmeichelei, so wohl auch zwischen App-Entwicklern. So sollen jetzt auch die Grenzen zwischen Whatsapp und Snapchat verwischen. Nach dem Status-Update ist es dem Whatsapp-Nutzer möglich, Bilder und Videos mit mit einer Lebensdauer von 24 Stunden an ihre Kontakte zu verschicken. Whatsapp scheint immer mehr den Weg vom Messenger zum sozialen Netzwerk zu gehen.

  • TRUMP merkur: #lastnightinsweden: Trumps Fox-Bericht war voller Fehler: Es ist wirklich tragisch was da letzte Woche in Schweden geschehen ist – nur, was denn eigentlich? Über solche Aussagen wie Trumps #LastNightInSweden kann man mittlerweile nur noch schmunzeln. Auch das Internet beweist mal wieder seinen Galgenhumor und nimmt die Aussage des US-Präsidenten grandios aufs Korn. Auch die schwedischen Medien lassen diese Farce nicht auf sich sitzen und berichtigen einige der Fehler in dem Fox-News-Bericht, den Trump gesehen hatte.

  • FACEBOOK netzpolitik: Mark Zuckerberg stellt die Machtfrage und antwortet mit: „Mehr Facebook“: Angesichts Trump oder dem Brexit und dem Hehl um Dinge wie Fake News braucht es in der globalen Gesellschaft Lösungen für solche neuen Probleme. Ansätze für Lösungen im Bereich Kommunikation machte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg letzte Woche in einer Art „Manifest“ klar. Ausgangspunkt ist die Rolle der Facebook-Plattform in der Bildung einer globalen Gesellschaft. Zuckerbergs Aussage ist klar: Mehr Facebook zur Bildung einer digitalen Gesellschaft.

  • SNAPCHAT computerbild: Snapchat-Brille: Regulärer Verkauf gestartet: Wo Google Glass scheiterten wittert Snapchat mit ihren Spectacles eine Chance. Das Wearable ist in der Lage zehn Sekunden lange Snaps aufzunehmen, dadurch muss die Brille einfach an der Seite angetippt werden. Die Kamera nimmt die Umgebung in einem Winkel von 115 Grad auf und schickt die Videos per Bluetooth ans Smartphone. Nachdem der Verkauf bereits mit einem fahrenden Verkaufsautomaten und einem temporären Verkaufsstand in New York startete, wird die Brille ab sofort auch online vertrieben.

  • COPYRIGHT heise: Kim Dotcom darf in die USA ausgeliefert werden: Neues im Fall Megaupload und dessen Gründer Kim Dotcom. Im neuseeländischen Recht wurde jetzt eine Lücke im Fall Dotcom gefunden, demnach könne der deutsche Internetunternehmer in die USA ausgeliefert werden. Die US-Ankläger hatten dem Gründer der Internet-Tauschplattform Megaupload und seinen Mitarbeitern ursprünglich Copyright-Betrug im großen Stil vorgeworfen. Dadurch ist für die Copyright-Besitzer ein Schaden von rund einer halben Milliarde US-Dollar entstanden.

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Piter calling – Nach Schweden hat nun Russland eine eigene Rufnummer

Phone Booths - Carl Marx square, Bryansk, Russia (Imagy by Wesha CC BY SA 3.0], vie Wikimedia Commons____123456.v01

Viele Menschen riefen kürzlich in Schweden an, auch viele Journalisten – einfach so. Mitschnitte sind im Netz zu finden und machen gute Laune. Auch jetzt noch. Sie sind, was von dem Projekt „The Swedish Number“ zum Nachhören übrig bleibt. „The Swedish Number“ – das war eine einheitliche Rufnummer, die in Schweden eingerichtet wurde und unter der Anrufer aus der ganzen Welt mit einem per Zufall ausgewählten Schweden sprechen konnten, übers Wetter, Reiseziele oder gute Musik. Wer diese Nummer jedoch für künftige Vielleicht-Reisen in den Norden vorsorglich bereits eingespeichert hat, dem sei gesagt, dass er sie wieder löschen kann. Denn das Projekt ging schnell vorbei, war von vornherein auf einen Zeitraum von zwei Monaten begrenzt – als eine Aktion des schwedischen Tourismusverbandes. Jetzt läuft nur noch eine automatische Ansage: „Thank you for calling Sweden. The Swedish number is now closed.“

Dafür war die Idee für andere inspirierend und lebt nun fort, ebenfalls oben im Norden, um die 1.000 Kilometer weiter östlich, in Russland. Die 30-jährige Viktoria Jewdokimowa war von der schwedischen Aktion so begeistert, schreibt sie per Email, dass sie sich direkt rangesetzt und ein Projekt für ihre Heimatstadt entwickelt hat, und zwar für St. Petersburg oder „Piter“, wie die Russen liebevoll sagen. Die Stadt an der Newa hat rund fünf Millionen Einwohner und ist ein absoluter Touristenliebling. Nach zwei Monaten Arbeit und einer kurzen Testphase sei das Projekt vor wenigen Tagen offiziell gestartet, heißt es von Jewdokimowa.

Call St Petersburg (Screenshot via CallStPetersburg.ru)
Ein Anruf um die Welt: Call St Petersburg bringt Menschen zusammen. (Screenshot via CallStPetersburg.ru)

Dieses sieht dem schwedischen Vorbild tatsächlich sehr ähnlich: Auf der Webseite, die auf Englisch den Titel „Call St Petersburg“ trägt, prangt die Nummer ganz groß, darunter gibt es alle Infos. Sie sind auf Russisch und Englisch verfügbar, zum Beispiel der nicht unwichtige Hinweis, dass die Tarife des jeweiligen Telefonanbieters gelten. Die dazugehörige App nennt sich „Callrussians“ und funktioniert auf die gleiche Weise. Beim Testanruf per Telefonfunktion von Skype lande ich bei Kirill, 32 Jahre. Ich erwische ihn, kurz bevor er zum Sport los will. Er hat Boxtraining. Warum er mitmacht? „Die Idee hat mir gefallen und ich dachte, das könnte interessant werden.“ Wir plaudern entspannt über das Wetter („Gerade regnet es, aber vor kurzem waren die weißen Nächte, sie sind immer sehr schön“), über Sprachen („Ich hoffe, durch das Projekt ein wenig Englisch zu sprechen“) und Berlin („Bestimmt eine tolle Stadt, da müsste man mal hin“). Kirill ist einer von mehr als 20.000 Petersburgern, die sich bisher registriert haben, um Fragen rund um ihre Stadt und Russland zu beantworten oder um einfach miteinander ins Gespräch zu kommen. Ich bin sein erster Anrufer.

Viktoria Jewdokimowa fand mit der Tourismusbehörde von Petersburg und dem russischen Telefonkonzern Megafon ihre Partner. Bislang sind in den knapp drei Testwochen laut Webseite mehr als 2.000 Anrufe aus 24 Ländern eingegangen, mehr als 15.000 Anrufe gab es innerhalb Russlands nach Petersburg. „Das Projekt zielt auch auf die russische Bevölkerung“, erklärt Jewdokimowa. Tatsächlich gibt es unzählige Menschen im größten Flächenland der Erde, die noch nie in St. Petersburg waren – auch wenn Russland ihre Heimat ist. Die erstreckt sich immerhin über elf Zeitzonen. Tourist im eigenen Land zu sein, heißt da oft, tausende Kilometer zu reisen. Zudem ist das sehr teuer.

In Schweden waren innerhalb der freigeschalteten zwei Monate übrigens mehr als 183.000 Anrufe eingegangen. „Total überraschend! Unser Ziel lag bei 30.000“, schreibt Jenny Engström vom schwedischen Tourismusverband ebenfalls per Mail. Nun werde es interessant zu sehen, ob als Effekt bald mehr Touristen kommen. Ob es in Zukunft noch eine Runde geben könnte, ließ sie offen. Währendessen geht das Projekt in Russland erst so richtig los. Auch für andere Städte sollen im Laufe des Jahres Nummern freigeschaltet werden, kündigt Initiatorin Jewdokimowa an, darunter für Moskau, Metropole mit mehr als zehn Millionen Einwohnern, für das beschauliche Irkutsk am Baikalsee, den Millionenstädten Perm und Tscheljabinsk am Ural sowie für das westsibirische Nowosibirsk und die Hafenstadt Wladiwostok im Fernen Osten. Die Durchwahlen soll es dann auch per Callrussians.ru geben. St. Petersburg kann man sich jetzt schon einspeichern: Einfach +78129301703 wählen und nette Leute treffen!


Image „Phone booths Carl Marx Square Bryansk, Russia“ by Wesha (CC BY SA 3.0)

Screenshots via callrussians.ru


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Hirnintensive Arbeit als Konjunkturmotor

Industrie-Skyline (adapted) (Image by Nico Kaiser [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Ständig wird einem von Lobbyisten und Regierungspolitikern eingetrichtert, wie wichtig die Industrie sei als Stabilitätsfaktor der Konjunktur. Länder wie Frankreich hätten es da nicht so gut.Die gallische Wirtschaft sei weitgehend deindustrialisiert, produziere nichts mehr Gescheites oder müsse wie Peugeot Citroën von chinesischen Konzernen aufgefangen werden. Was da wohl noch mit VW passiert. Ein anständiger industrieller Anteil wird als Voraussetzung für eine ausgewogene ökonomische Entwicklung gesehen. Die VWL-Berater flöten es Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel ins Ohr: Es müsse wieder mehr produziert, gebaut, geschraubt werden. Das war auch nach der Finanzkrise das Allheilmittel.

Abwrack-Politik

Abwrackprämie statt Investitionen in Wissensberufe oder den Ausbau der digitalen Infrastruktur. So konnte der Industriesektor seinen Anteil an der Wertschöpfung bei 25 bis 26 Prozent stabilisieren. Gleiches gilt für die Zahl der Industriebeschäftigten. Für die globalen Märkte hat sich Deutschland auf Luxusautos, Maschinenbau und Chemie spezialisiert – allerdings mit einer sinkenden Fertigungstiefe im eigenen Land. Wird ein großer industrieller Sektor auch künftig noch von Vorteil sein, fragt sich der Wirtschaftspublizist Henrik Müller. Diese trügerischen Stärken können sich sehr schnell und gut in Schwächen umkehren.

“Osteuropäische, später asiatische Volkswirtschaften, allen voran China, industrialisierten sich im Zeitraffer. Davon profitierte Deutschland wie kein anderes Land: Weil es hierzulande noch potente Firmen gibt, die Fabriken mit Maschinen ausstatten oder gleich ganze Fabriken errichten, weil es Infrastrukturanbieter wie Siemens gibt, die etwa ganze Bahnsysteme zu installieren in der Lage sind, weil es Luxusautohersteller gibt, die die neuen Reichen in den Schwellenländern mit Statussymbolen versorgen. Kurz: Deutschland hat all das noch im Angebot, was es anderswo längst nicht mehr gibt – weil der Strukturwandel in den 1980er und 1990er Jahren hierzulande verzögert ablief.”

Wissensintensive Dienstleistungen als Wettbewerbsfaktor

Wenn sich aber der Aufholprozess in diesen Schwellenländern abschwächt, was derzeit der Fall ist, wenn ausländische Autohersteller lernen, die Bedürfnisse der neuen Mittelschichten zu befriedigen, dann fragt sich, wer denn künftig die Kunden der deutschen Industrie sein sollen. Der Niedergang des Wolfsburger Konzern könnte das im Zeitraffer beschleunigen. Generell wird die Industrie in der Massenproduktion an Bedeutung verlieren.

“Wirtschaft und Gesellschaft wachsen über das Produzieren und Konsumieren von physischen Produkten hinaus und verlegen sich aufs Dienen und später aufs Wissen. Dienstleistungen, zunehmend auch wissensintensive Dienstleistungen dominieren heute in allen entwickelten Ländern die Wirtschaftsstrukturen. Es werden nicht mehr zuvörderst physische Güter hergestellt, viel wichtiger sind Leistungen an Mensch oder Materie”, schreibt Müller in seinem Opus “Wirtschaftsirrtümer”.

Postindustrielle Arbeitsplätze

Gesundheit, Bildung, Freizeit, Ernährung, Haushaltsservices, Vernetzungskonzepte, Apps oder Cloud-Technologien werden wichtiger.

“Auch Deutschland hat diese Entwicklung seit den 1970er Jahren durchgemacht, allerdings ist sie im Zuge der Globalisierung zum Stillstand gekommen. Um 1997 hat sich die industrielle Produktion stabilisiert. Die absolute Zahl der produzierenden Beschäftigten ist dabei in den vergangenen Jahren in etwa stabil geblieben. Die beeindruckenden deutschen Beschäftigungsgewinne haben in anderen Sektoren stattgefunden. Im Jahr 1995 waren ein Viertel der Arbeitnehmer mit Produzieren beschäftigt, heute sind es nur noch ein Fünftel. Beschäftigungszuwächse konnten vor allem die Unternehmensdienstleister verbuchen, teils durch Outsourcing von Aktivitäten aus traditionellen Industriekonzernen sowie Informations-und Kommunikationsservices”, so Müller. Er sieht keinen Grund, dass die Schwellenländer einen fundamental anderen Weg gehen werden. Wir sollten uns deshalb neue Vorbilder suchen, die besser dastehen als wir selbst. Schweden zum Beispiel.

“Das skandinavische Land genießt ein höheres Wohlstandsniveau als Deutschland (eine Differenz von 2.000 US-Dollar pro Kopf). Beschäftigungsstand, Lebenserwartung und Lebenszufriedenheit sind höher, die Einkommensverteilung gleichmäßiger. Staat und Wirtschaft geben einen größeren BIP-Anteil für Forschung und Entwicklung aus als alle anderen OECD-Länder (außer Finnland): Stabil zwischen 3 und 4 Prozent des BIP. Das Vertrauen ins politische System ist hoch. Um nur einige Wohlfahrtsindikatoren zu nennen. Man muss Schweden nicht in allen Facetten als vorbildlich ansehen, aber dass das Land ökonomisch und gesellschaftlich gegenüber Deutschland einen Vorsprung hat, ist offensichtlich. Schwedens Wirtschaft ist hochgradig wettbewerbsfähig, was sich in ähnlich hohen Leistungsbilanzüberschüssen niederschlägt, wie sie Deutschland verzeichnet”, weiß Müller. Folgt man der Litanei der Industrievertreter, dürfte es das nicht geben.

Skandinavisches Wirtschaftswunder dürfte es eigentlich nicht geben

Denn Schweden habe einen vergleichsweise kleinen industriellen Sektor: 20 Prozent trägt die Industrie noch zum BIP bei, deutlich weniger als im Jahr 2000. Die Zahl der Jobs, im produzierenden Gewerbe, ist von 19 auf 15 Prozent der Gesamtbeschäftigung gefallen.

“Aber das skandinavische Land verfügt über eine große Stärke, die Deutschland nicht hat: Es verdient sehr erfolgreich im Handel mit Dienstleistungen. Mehr als 20 Milliarden US-Dollar Überschuss erwirtschaftete Schweden 2011 mit dem Verkauf von Services, Patenten und Lizenzen – viermal so viel wie noch 2004. Deutschland hingegen machte im selben Zeitraum ein Defizit im Dienstleistungshandel von knapp 32 Milliarden US-Dollar”, führt Müller aus.

Der Handel mit hirnintensiven Dienstleistungen und der Verkauf von Wissen ersetzen in Schweden zunehmend den Handel mit physischen Produkten – postindustrielle, hochproduktive Aktivitäten mit großem Input von Wissen. Dafür sind andere Qualifikationen und ein anderes Umfeld vonnöten. Mit der dualen Berufsausbildung auf IHK-Niveau kommt man nicht mehr weit. Ralf T. Kreutzer und Karl-Heinz Land sprechen gar vom digitalen Tsunamie der “Dematerialisierung”, der selbst den so hochgelobten Maschinenbau bedrängt. Wie viel Industrie wird also noch in der Netzökonomie stecken, fragt sich das Notiz-Amt.

Mit Professor Kreutzer wird es dazu in Vorbereitung der Next Economy Open in Bonn ein Bibliotheksgespräch geben.


Image (adapted) “Industrie-Skyline” by Nico Kaiser (CC BY-SA 2.0)


 

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