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Wie man sich vor Kreditkartenbetrug schützen kann

kreditkarte (adapted) (image by mastersenaiper [CC0] via pixabay)

Wer eine Kredit- oder einer Debitkarte besitzt, unterliegt einem nicht zu vernachlässigenden Risiko, dass er betrogen werden könnte – genau wie Millionen andere Menschen auf der ganzen Welt.

Die bemerkenswerte Zunahme der weltweiten von Kredit-, Debit- und Prepaid-Karten begann in den 1980er Jahren. Laut einem Nilson-Report aus dem Oktober 2016 wurden im Jahr 2015 mehr als 31 Milliarden US-Dollar weltweit mit diesem Zahlungssystem umgesetzt, dies ist ein Anstieg um 7,3 Prozent im Vergleich zum Jahr 2014. Im Jahr 2015 wurden sieben von acht Einkäufen in Europa elektronisch getätigt.

Durch neue Online-Geldtransfersysteme wie Paypal und der Verbreitung von E-Commerce weltweit dürfte sich dieser Trend fortsetzen. Die Online-Transfers werden auch immer öfter in den Entwicklungsländern genutzt.

Dank führender Unternehmen wie Flipkart, Snapdeal und Amazon India (die gemeinsam etwa 80 Prozent des indischen E-Commerce Marktanteils im Jahr 2015 besaßen) sowie Alibaba und JingDong, die im Jahr 2016 insgesamt 70 Prozent des chinesischen Marktanteils innehatten, erreichen elektronische Zahlungen neue Verbrauchergruppen.

Das ist ein Paradies für Cyberkriminelle. Nach dem Nilson-Report stiegen die weltweiten Verluste durch Kreditkartenbetrug von etwa acht Milliarden US-Dollar im Jahr 2010 auf 21 Milliarden US-Dollar im Jahr 2015. Bis 2020 dürfte sich dieser Wert auf 31 Milliarden erhöht haben.

Diese Kosten beinhalten unter anderem die Erstattungen, die Banken und Kreditkartenunternehmen für die betrogenen Kunden bereithalten. Viele Banken am Westkap übernehmen eine Verbraucherhaftung bis 50 US-Dollar, wenn das Verbrechen bei Kreditkarten innerhalb von 30 Tagen und bei Debitkarten innerhalb von zwei Tagen gemeldet wird. Banken stecken so erhebliche Summen in die Bekämpfung der Betrugsversuche.

Cyberkriminalität verursacht für die Anbieter der Kreditkarten auch weitere Kosten. Sie müssen ein hohes Maß an Sicherheit bereitstellen. Verletzen sie diese Pflicht fahrlässig, so können Kreditkartenunternehmen ihnen die Kosten für die Erstattung eines Betrugs in Rechnung stellen.

Viele Arten von Betrug

Es gibt viele Arten von Kreditkartenbetrug und sie ändern sich so häufig. Neue Technologien ermöglichen neue Formen der Cyberkriminalität und es ist fast unmöglich, alle aufzulisten.

Es gibt zwei Hauptkategorien:

  • Wenn die Karte vorhanden ist (Card-present-Fraud): Das ist die häufigste Art von Betrug, wenn die Daten des Karteninhabers gestohlen wurden und diese illegal und ohne die Karte vor Ort verwendet werden. Diese Art von Betrug tritt in der Regel online auf und kann das Ergebnis von so genannten „Phishing„-E-Mails sein. Die Kriminellen stellen sich als glaubwürdiger Absender dar, um persönliche oder finanzielle Informationen über einen kontaminierten Link zu stehlen.

  • Wenn die Karte nicht vorhanden ist (Card-non-present-Fraud): Heute weniger weit verbreitet, lohnt sich aber immer noch. Hierbei handelt es sich um eine Form von Betrug, bei der ein Verkäufer die Kreditkarte eines Kunden in ein Gerät schiebt, das die Informationen speichert. Sobald diese Daten verwendet werden, um einen Kauf zu tätigen, wird das Konto des Verbrauchers belastet.

Wie eine Kreditkarten-Transaktion funktioniert

Der Kreditkartenbetrug wird dadurch erleichtert, dass eine Transaktion mit einer Kreditkarte ein einfacher zweistufiger Prozess ist: Genehmigung und Abwicklung. Zu Beginn haben die Personen, die an der Transaktion beteiligt sind (Kunde, Kartenaussteller, Händler und Händlerbank), Informationen zur Genehmigung oder Ablehnung eines Kaufs. Ist der Kauf genehmigt, erfolgt der Geldtransfer. In der Regel findet dieser mehrere Tage nach der Ermächtigung statt. Sobald der Kauf genehmigt worden ist, gibt es kein Zurück mehr. Das bedeutet, dass alle Maßnahmen zur Erkennung eines Betrugs, im ersten Schritt einer Transaktion durchgeführt werden müssen. Und so funktioniert es:

Sobald Unternehmen wie Visa oder Mastercard ihre Marken beim Kartenaussteller – ein Kreditgeber wie beispielsweise der Barclays Bank und bei der Händlerbank – lizenziert hat, werden die Bedingungen der Transaktionsvereinbarung festgelegt.

Dann wird die Kreditkarte physisch vom Kartenaussteller an den Verbraucher geliefert. Um einen Kauf zu tätigen, gibt der Karteninhaber seine Karte einem Verkäufer (oder online, manuell seine Karteninformationen ein). Der Verkäufer leitet die Daten über den Verbraucher und den gewünschten Kauf an die Bank des Händlers weiter. Die Bank wiederum leitet die erforderlichen Informationen zur Analyse und Genehmigung oder Ablehnung an den Kartenaussteller. Die endgültige Entscheidung des Kartenausstellers wird sowohl der Bank des Verkäufers wie auch an den Verkäufer gesendet.

Die Ablehnung kann nur in zwei Situationen erfolgen: Wenn der Saldo auf dem Konto des Karteninhabers unzureichend ist oder wenn auf Grundlage der von der Bank des Händlers bereitgestellten Daten, ein Betrug vorliegt. Ein falscher Verdacht auf Betrug, ist für den Verbraucher unpraktisch, da der Erwerb verweigert wurde und dessen Karte vom Kartenaussteller blockiert werden kann. Für den Verkäufer stellt ein falscher Verdacht auf Betrug einen Reputationsschaden dar.

Wie erkenne ich den Betrug?

Basierend auf meinen Untersuchungen, wie fortgeschrittene Statistiken und probabilistische Techniken einen Betrug besser erkennen können, ist eine sequentielle Analyse – gepaart mit neuer Technologie – der Schlüssel.

Dank der kontinuierlichen Überwachung der Karteninhaber und der Informationen – einschließlich der Zeit, der Menge und der geografischen Koordinaten eines jeden Kaufs – sollte es möglich sein, ein Computermodell zu entwickeln, das die Wahrscheinlichkeit berechnet, dass ein Kauf mit Betrugsabsichten geschieht. Wenn diese Wahrscheinlichkeit einen bestimmten Schwellenwert überschreitet, würde der Kartenaussteller einen Alarm auslösen. Das Unternehmen könnte dann entscheiden, ob es die Karte direkt blockiert oder weitere Untersuchungen, wie zum Beispiel einen Anruf beim Verbraucher durchführen.

Das Besondere an diesem Modell, das eine bekannte mathematische Theorie anwendet, die als optimal für die Betrugserkennung gilt, ist, dass sie entweder eine Maximierung einer erwarteten Auszahlung oder eine Minimierung der erwarteten Kosten anstrebt. Mit anderen Worten, alle Berechnungen zielen darauf ab, dass die Häufigkeit von Fehlmeldungen begrenzt wird. Meine Forschung ist hier noch nicht abgeschlossen. Aber in der Zwischenzeit soll das Risiko, Opfer eines Kreditkartenbetrugs zu werden, deutlich reduziert werden. Hier also einige goldene Regeln.

    1. Niemals einfach auf Links in E-Mails klicken, die Sie bitten, persönliche Informationen zu übermitteln, auch wenn der Absender bekannt scheint.
    2. Bevor Sie etwas online von einem unbekannten Verkäufer kaufen, googlen sie den Namen des Anbieters, um zu sehen, ob das Feedback der Verbraucher überwiegend positiv ist.
    3. Wenn Sie Onlinezahlungen tätigen, überprüfen Sie, ob die Website mit dem Kürzel ‚https://‘ beginnt. Hierbei handelt es sich um ein Kommunikationsprotokoll für sichere Datenübermittlung. Kontrollieren Sie, ob der Inhalt der Website grammatische Fehler oder seltsame Worte enthält. Dies würde daraufhin deuten, dass es sich um eine Fälschung handelt, die ihre Daten abgreifen will.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Kreditkarte“ by mastersenaiper (CC0 Public Domain)


The Conversation

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FollowUs – Die Netzpiloten-Tipps aus Blogs & Mags

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  • KI heise: „Das größte Risiko für unsere Zivilisation“: Elon Musk warnt erneut vor KI: Ohne die richtigen Gesetze sei die KI eine Bedrohung für die Zivilisation, dessen ist sich Elon Musk sicher und trägt seine Bedenken vor Gouverneuren der USA vor. Denn der Zeitpunkt, an dem die KI alles besser könne als der Mensch, werde kommen. Zurzeit seien die Bedenken zu wenig ernst genommen worden, doch Vorsorge ist besser als Nachsorge. Die Angst, dass sich bei einer Einmischung in die Wirtschaft wichtige Unternehmen aus der USA absetzen würden, wiegelt Musk ab, denn nach ihm würden die Vorgaben allen helfen, auch den Wirtschaftsriesen.

  • PAYPAL golem: Mit Paypal tanken: Die Tankstelle Shell arbeitet jetzt mit Paypal zusammen, sodass mobiles Zahlen via Smartphone für Kunden möglich wird. Die ersten Tankstellen mit diesem neuen Service sollen in Hamburg und Berlin starten, bis Ende 2017 soll dies jedoch auch deutschlandweit gehen. Bereits im Februar 2017 stellte Jaguar diesen Dienst für seine Kunden bereit, das aber nur in Großbritannien. So konnten Kunden ohne Kreditkarte einfach und schnell mit der Shell-App über den Bildschirm ihres Fahrzeuges die gewünschte Literanzahl Benzin bestellen. p>

  • APPLE wired: Warum Apple die Fitnessdaten seiner Mitarbeiter überwacht: Apple hat auf seinem Firmengelände in Cupertino ein eingenes Fitnesslabor entworfen, indem Angestellte Sport treiben dürfen. Nebenbei werden jedoch Daten über ihre Leistungen gemessen. Eine kleine Einschränkung bei dieser Vermessung gibt es derzeit noch im Bereich des Schwimmens, da es der Software nicht möglich ist die Schwimmarten wie Kraulen oder Brustschwimmen auseinanderzuhalten. Derzeit arbeitet Apple an der watchOS 4, sodass die Apple Watch direkt mit den Fitnessgeräten verbunden werden kann.

  • NETFLIX horizont: Starkes Wachstum bei Netflix: Netflix ist auf der Überholspur. Der Gewinn, der sich durch den Streamingdienst machen ließ, erhöhte sich um ein knappes Drittel und die Aktie stieg am Montag auf neun Prozent. Somit können die finanziell eher aufwendigeren Eigenproduktionen wie “The Crown” weiterhin gerechtfertigt werden. Auch global ist Netflix nach wie vor erfolgreich, über 4 Millionen neue Kunden konnte Netflix kurz zuvor noch gewinnen. Eine Leistung, mit der niemand gerechnet hätte.

  • ALEXA curved: HTC U11: Alexa erscheint in Kürze für die deutsche Version: Mit dem HTC U11 ist es jetzt erstmals in Deutschland möglich auch ohne Berührung auf Alexa zugreifen zu können, selbst im Sleep-Modus kann Alexa zukünftig Befehle ausführen. Was mit Alexa alles möglich ist? Rund 12.000 verschiedene Fähigkeiten besitzt sie, darunter das Abspielen von Musik, das Verwalten von Einkaufslisten, oder aber die Vorhersage des Wetters.

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Staatstrojaner auch bei Alltagskriminalität?

Handschellen (adapted) (image by 3839153 [CC0] via pixabay)

Das neue Staatstrojaner-Gesetz – wieder einmal mit möglichst wenig öffentlicher Aufmerksamkeit durch die Gremien gewunken – ist ein höchst bedenklicher Eingriff in die Grundrechte. Der Einsatz invasiver und potentiell gefährlicher Schadsoftware soll demnach auch bei einer ganzen Reihe alltäglicher Straftaten zulässig sein, nicht mehr nur bei schwerer und schwerster Kriminalität. Dieses Vorgehen ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Überwachungsmaßnahmen erst mit Verweis auf Ausnahmesituationen und schwere Verbrechen eingeführt und dann “durch die Hintertür” ausgeweitet werden.

Ein weiteres problematisches Überwachungsgesetz

Die aktuelle schwarz-rote Bundesregierung hat mit der Vorratsdatenspeicherung und dem BND-Gesetz bereits zwei extrem problematische Überwachungsgesetze verabschiedet. Nun, kurz vor dem Ende der Legislaturperiode, kommt ein drittes hinzu. Es soll den flächendeckenden Einsatz sogenannter Staatstrojaner erlauben. Darunter versteht man Schadsoftware, die von den Behörden gezielt auf den Geräten Verdächtiger installiert wird, um dort Daten abzugreifen.

Mit dem neuen Gesetz soll der Staatstrojaner-Einsatz immer dann erlaubt werden, wenn auch eine reguläre Telekommunikationsüberwachung – also beispielsweise ein Abhören des Telefons – zulässig wäre. Der Straftatenkatalog für diese Maßnahme ist sehr groß und umfasst unter anderem Betrug, Hehlerei und Bestechung.

Beschluss im stillen Kämmerlein

Die Verabschiedung des neuen Gesetzes fand weitgehend ohne öffentliche Diskussion statt. Das ist von der Regierung offensichtlich so gewollt. Die neue Regelung wurde erst diskret in einem vollkommen anderen Gesetzesentwurf versteckt und auch später kaum öffentlich diskutiert. Wie so oft bei derartigen Überwachungsgesetzen will sich die Bundesregierung offenbar keiner kontroversen Diskussion stellen.

Ein doppeltes Risiko für die Privatsphäre

Ein Staatstrojaner-Einsetz ist ein großer Eingriff in die Privatsphäre. Diese wird nicht nur durch die Ermittlungsbehörden kompromittiert. Das Installieren einer Schadsoftware auf dem betreffenden Gerät – meist entweder ein Computer oder ein Mobilgerät wie Smartphone oder Tablet – reißt zudem potentiell gefährliche Sicherheitslücken auf, durch die auch unbefugte Dritte leichter Zugriff auf private Daten haben. Das gilt auch, wenn die Schadsoftware keine gespeicherten Daten auf dem Gerät abgreift, sondern „nur“ im Rahmen einer sogenannten Quellen-Telekommunikationsüberwachung eingesetzt wird. Bei dieser Überwachungs-Variante wird der Staatstrojaner dazu eingesetzt, Anrufe und Textnachrichten des oder der Verdächtigen direkt auf deren Gerät mitzulesen, bevor diese übertragen und dabei verschlüsselt werden.

Untergraben der Grundrechte durch scheinbaren Ausnahmezustand

Das Vorgehen der Bundesregierung beim Staatstrojaner ist ein weiteres Beispiel dafür, wie Überwachungsmaßnahmen schrittweise und über den Umweg eines scheinbaren Ausnahmezustands eingeführt werden. Zunächst sollte diese Maßnahme laut Gesetz lediglich der Bekämpfung von schwerer und schwerster Kriminalität, beispielsweise von Terrorismus, dienen. Selbst, wenn dies nötig und effektiv gewesen wäre – worüber sich sicher streiten lässt – wäre der verantwortungsvolle Kurs gewesen, die Maßnahme immer wieder transparent zu überprüfen, um festzustellen, ob diese Notwendigkeit nach wie vor besteht, und sie abzuschaffen, sobald die Überwachung sich als überflüssig oder unverhältnismäßig herausstellt.

Stattdessen geschah – wieder einmal – das Gegenteil. Eine ursprünglich für den Notfall vorgesehene, äußerst invasive Überwachungsmaßnahme wurde stillschweigend auf eine ganze Reihe von Verbrechen, darunter auch eher alltäglicher Missetaten, ausgeweitet. Nicht nur steht dabei die Verhältnismäßigkeit der Maßnahme massiv in Zweifel. Es ist auch davon auszugehen, dass eine externe Prüfung und Kontrolle (etwa durch eine Richterin oder einen Richter) bei solchen Fällen angesichts von deren Häufung flüchtiger ausfällt als bei wenigen Einzelfällen, was wiederum die Gefahr eines Missbrauchs erhöht.

Schon seit Jahren ist dieser Trend in Deutschland – wie auch vielfach im Rest Europas und in den USA – zu beobachten. Problematische Sicherheitsmaßnahmen werden mit Verweis auf Ausnahmesituationen eingeführt, aber niemals zurückgenommen, sondern schrittweise und häufig ohne öffentliche Diskussion auf weitaus alltäglichere Situationen ausgeweitet.

In der Summe sorgt dieser ständige Ausnahmezustand für eine schrittweise Einschränkung der Grundrechte. Aufgrund der mangelnden öffentlichen Diskussion und des graduellen Charakters wird dies häufig kaum wahrgenommen. Mitunter werden sogar diejenigen, die davor warnen, als panische Bedenkenträger diffamiert. Doch die Gefahr ist real und sollte, beim Staatstrojaner wie bei ähnlichen Maßnahmen, entschlossen bekämpft werden.


Image (adapted) „Handschellen“ by 3839153 (CC0 Public Domain)


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„Irgendwann kommen die ganz Großen auch aus Deutschland.“ – Gespräch mit Dr. Alex von Frankenberg

Titelbild_Dr.Alex von Frankenberg

Gründen ist schick. Viele junge Unternehmer entscheiden sich zu gründen, während sich der digitale Wandel zunehmend beschleunigt. Deswegen ist es besonders für Investoren wichtig, disruptive Innovationen rechtzeitig zu erkennen. Dr. Alex von Frankenberg, Geschäftsführer des High-Tech Gründerfonds (HTGF), finanziert mit seinem Team seit über zehn Jahren junge Startups in der Startphase der Gründung. Das Portfolio zeigt eine Vielzahl erfolgreicher Exits auf, unter anderem das Berliner Startup 6 Wunderkinder, das 2015 für eine dreistellige Millionensumme von Microsoft übernommen wurde.

In Bonn hat Frankenberg im Rahmen des Family Day 2017 vor mehr als 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Wirtschaft, Politik und Startup-Szene das First Closing des HTGF III mit einem Volumen von 245 Millionen Euro verkündet. Zu den Investoren gehören neben öffentlichen Partnern wie dem Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) und der KfW derzeit 26 Unternehmen aus Industrie und Wirtschaft. Der High-Tech Gründerfonds III investiert damit ab Herbst 2017 bis zu drei Millionen Euro, in Ausnahmefällen auch mehr Risikokapital, pro Unternehmen.

Wie schwer es ist, erfolgreiche Innovationen zu erkennen, die richtigen Unternehmen zu finanzieren und wie es um die deutsche Startup-Szene steht, erzählt er im Interview.

Melina Mork: Sie haben mit 6 Wunderkinder und ihrer App „Wunderlist“ eines der populärsten deutschen Startups finanziert. Wann finden Sie das nächste „Wunderlist“?

Alexander von Frankenberg: Ich glaube, wir haben ganz viele „Wunderlists“ im Portfolio. Das kann man an verschiedenen Dingen festmachen. Zum Beispiel mit den Bewertungen im dreistelligen Millionenbereich, wie Mister Spex, Outfittery und vielen anderen. Ich glaube die Zeiten sind so, dass sich immer mehr neue Wunderkinder zur Gründung entscheiden und ein erfolgreiches Unternehmen aufbauen.

Startups gelten besonders dann als erfolgreich, wenn sie eine Branche nicht nur ein kleines bisschen, sondern gleich fundamental durchschütteln. Wie erkennt man eine solche disruptive Innovation?

Ich würde sagen, Startups sind auch erfolgreich, wenn sie eine inkrementelle Innovation haben, die den Markt nicht komplett durchschüttelt oder verändert. Es gibt auch viele tolle Beispiele, wie disruptive Innovationen erst Jahre danach als solche erkannt wurden. Mein Lieblingsbeispiel ist der Strategiechef von Nokia, der Ende 2009 gesagt hat, dass das iPhone, ähnlich wie der Macintosh, irgendwo in einer Nische hängen bleiben wird. Er hat die disruptive Innovation damals nicht erkannt. Wie erkennt man diese Situationen also als Investor?

Mein Geheimnis ist: Man denkt, es sei vielleicht Quatsch. Dann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder es ist wirklich Quatsch oder es ist eine disruptive Innovation. Man denkt nur, dass es Quatsch ist, weil es etwas komplett Neues ist, das nicht in unser Weltbild passt. Oft erkennt man die Innovation erst Jahre danach.

30 bis 50 Prozent von geförderten Startups scheitern. Warum können selbst Profis wie Sie nicht immer die Spreu vom Weizen trennen?

Das ist eine gute Frage. Hierbei gibt es viele Sollbruchstellen und Punkte, an denen ein Startup scheitern kann. Erstens, das Team hat noch keine Betriebserfahrung, hat noch nie zusammengearbeitet oder hat noch nie ein Produkt verkauft. Zweitens, die Technologie ist noch nicht fertig und der Markt ist den Gründern noch unklar.

Auf dem Weg von der Gründung bis zum erfolgreichen Unternehmen gibt es so viele Dinge, die schief gehen können. Auch die besten Gründer schaffen es nicht immer, alle Sollbruchstellen erfolgreich zu passieren. Und dann scheitern auch Unternehmen, die eigentlich gut aussehen, weil es durch ein Risiko doch nicht klappt.

Haben Sie Fehlervermeidungsvorschläge für Gründer?

Man kann zum einen schauen, an welchen Dingen andere Unternehmen gescheitert sind. Das ist zu allererst Streit. Das ist natürlich, man ist sich nicht immer einig. Man streitet, aber man muss auch irgendwann damit aufhören. Ansonsten ist das Unternehmen zum Scheitern verurteilt. Die zweite Fehlerquelle ist die Gefahr, zu viel Geld auszugeben. Man ist optimistisch und plant auch die Umsätze zuerst sehr optimistisch. Das Geld geht allerdings ganz schnell aus, wenn die eingeplanten Umsätze erst später eintreffen. 

Ein weiterer Fehler ist, dass man etwas macht, von dem man nicht zu hundert Prozent überzeugt ist. Heutzutage ist es einfach schick zu gründen – meine Freunde haben gegründet, jetzt muss ich auch gründen. Das ist schwierig, weil dann die Innovation des Unternehmens so gering ist, dass es zu nichts führt. Man muss von seiner Idee auch wirklich überzeugt sein. Erst dann kann man auch andere davon überzeugen.

Auf dem dem PIV-Branchentalk haben Sie Bitcoin, KI (Watson) und Carsharing (Uber) als drei Bereiche mit besonders großem Disruptions-Potenzial bezeichnet. Warum empfehlen Sie in diese Bereiche zu investieren?

Ich glaube, diese Bereiche sind nicht die einzigen Felder, die man beobachten sollte. Aber sie sind mögliche Beispiele für disruptive Innovationen, für die ich mich durchaus auch aus dem Fenster lehnen würde. Ich glaube, Bitcoin und Blockchain kann unser System von Grund auf verändern, es kann aber auch scheitern. Es kann sein, dass wir in zwei Jahren gar nicht mehr davon reden. Wer weiß schon, was die Zukunft bringt. Und das Schöne an Innovation und an der Zukunft ist, ist dass wir sie nicht kennen. Es ist nicht klar, was sie uns bringt – im Positiven wie im Negativen. Was bedeutet, dass es noch viele Möglichkeiten geben wird.

Die genannten Beispiele für Trends und Startups kommen nach wie vor aus den USA. Wird die deutsche Startup-Szene jemals aus dem Schatten des Silicon Valley treten können?

In der Tat kommen viele Innovationen aus den USA. Es gibt aber auch mehr Amerikaner, die offener sind, neue Dinge auszuprobieren. Das liegt an der Innovationsfreudigkeit, die dort höher ist als in Deutschland. Kommen diese Sachen irgendwann mal aus Deutschland? Mit Sicherheit. Ich glaube wir haben so eine derartige Dynamik, dass Unternehmer, die auch zum zweiten oder zum dritten Mal gründen, mehr Mut haben werden, neue Sachen auf den Markt zu bringen.

Tolles Beispiel ist Frank Thelen mit seiner Investition in ein fliegendes Auto. Noch ist unklar, ob es was wird. Es gibt positive Anzeichen, es gibt aber auch Skeptiker – aber Frank ist jemand, bei dem man merkt, wie er sich emanzipiert und den Mut hat, etwas ganz großes zu machen. Deswegen bin ich mir sicher, irgendwann kommen die ganz Großen auch aus Deutschland. Wir brauchen uns auch nicht vor der Geschichte verstecken, weil die großen Marken historisch aus Deutschland kommen. Auto erfunden, Computer erfunden – es gibt ganz viele Sachen, die aus Deutschland kommen und das wird wieder so sein.

Sie sagen, wie wichtig die Unterstützung von Startups ist, die Auslandstandorte aufbauen wollen. Heißt das, der deutsche Markt ist Ihrer Meinung nach gesättigt?

Wir reden ja immer vom deutschsprachigen Raum, der ist ja sehr groß. Es gibt 100 Millionen Menschen, die dort leben, was ein unheimlich großer Markt ist. Man kann auch sehr erfolgreich sein, wenn man sich nur in diesem Markt bewegt. 

Um wirklich richtig groß zu werden, um Weltmarktführer zu werden, oder in die Weltspitze vorzudringen, muss man natürlich aus Deutschland, wahrscheinlich sogar aus Europa raus. Es gibt DAX-Unternehmen, die Auslandsumsatzanteile von um die 80 Prozent haben, das ist heutzutage nichts Besonderes mehr. Eigentlich steht es in der Tradition der deutschen Firmen, dass die Wirtschaft von hier kommt, und dass wir aber auch sehr erfolgreich im Ausland sind.

Nach Nokia und Kodak haben ja viele große Technologie-Firmen Angst davor, von disruptiven Startups aus dem Spiel genommen zu werden. Inwiefern könnte die Zusammenarbeit mit Startups auch innerhalb von großen Firmen Innovationen fördern? Welche Möglichkeiten haben Corporates dafür?

Die meisten Innovationen sind inkrementell. Und genau da ist das Potential für Zusammenarbeit. Firmen können davon profitieren. Durch die Startups haben sie Zugang zu Innovation und die Startups bekommen im Gegenzug Zugang zu Ressourcen, zu Know-How und die Möglichkeiten, Partnerschaften einzugehen. Aber es gab auch schon Fälle, in denen die Innovationen der Startups so stark waren, dass eine Firma vom Markt verdrängt wird. Aber der Normalfall ist, dass man sehr gut zusammenarbeiten kann.

Sie können über Startups alles im Netz recherchieren: Inwiefern bleibt das persönliche Beschnuppern auf Gründer-Konferenzen wie dem Family Day 17 weiterhin wichtig?

Solche Termine sind definitiv noch wichtig! Das persönliche Treffen, das Bild, das man sich durch das Treffen in einem Raum macht, ist gerade am Anfang einer Beziehung super wichtig. Auch mit vielen jungen Unternehmern, die auf mich zukommen, sage ich immer wieder, dass ich sie persönlich kennenlernen möchte, egal ob am Anfang oder auch zwischendrin bei Vertragsverhandlungen oder Kooperationen. Natürlich muss man nicht alles persönlich machen, man kann in den Arbeitsphasen den Kontakt per E-Mail oder Telefon halten. Aber ganz ohne persönlichen Kontakt wird es sehr schnell sehr schwer.

Nehmen wir an, ich bin Entrepreneurin mit einer bahnbrechenden Idee. Wo genau kann ich Sie antreffen und meine Idee vorstellen?

Den High-Tech Gründerfond kann man überall antreffen. Zum einen über die Investmentmanager, zum anderen sind wir, die Geschäftsführer Michael Brandkamp und ich, auch viel unterwegs. Wir geben viele Vorträge, sind auf Messen und Wettbewerben. Und wir sind auch immer bereit dafür, wenn uns junge Unternehmer ansprechen und sagen: „Hallo hier bin ich, das ist meine Idee, was haltet ihr davon?“. Wir schauen uns alle Unterlagen an, die wir bekommen. Und durch unseren neuen Fond, haben wir nicht nur mehr Partner aus der Wirtschaft und Industrie, sondern auch mehr Mittel zur Verfügung, um Unternehmen zu finanzieren, die bis zu drei Jahre alt sein können. 

Haben Sie auch schon Unternehmen finanziert, die neben einer guten Idee noch keine ausgereiften Pläne vorzuweisen hatten?

Ja, in der Tat.  Manche kommen schon mit kleinen Umsätzen, aber manche haben auch nur einen groben Businessplan. Natürlich ist es leichter zu finanzieren, wenn ein Unternehmen schon Umsätze hat, weil dann ein paar Risiken und Sollbruchstellen wegfallen. Aber als Seed-Investor muss man sich auch auf sehr unreife Konzepte freuen. Und wir haben auch schon Unternehmen finanziert, die noch nichts vorzuweisen hatten, außer einer sehr guten Idee und einem motivierten Team.


Image (adapted) by Alexander von Frankenberg

Image (adapted)“Gedanken“ by TeroVesalainen (CC0 Public Domain)


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Warum Gefahr aufregend ist – allerdings nur für manche Leute

Fallschirmspringen (image by skeeze [CC0] via Pixabay)

Der letzte Sommer war der bislang tödlichste für Wingsuit-Flieger. Aber was bringt manche Leute dazu, von einer Klippe basejumpen zu wollen, sich bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken oder bei Fremden per Anhalter mitzufahren, während andere nicht mal an einer Achterbahnfahrt Freude haben? Gibt es so etwas wie ein Angsthasen-Gen oder eine Draufgänger-Hirnstruktur? Oder ist der Grad, in dem wir uns von Gefahr angezogen fühlen, davon abhängig wie beschützerisch unsere Eltern waren?

Ob unsere Schwächen nun Extremsport, zu schnelles Fahren, Drogen oder andere gefährliche Verhaltensweisen sind, es ist typischerweise eine Mischung aus Risiko und neuen Erfahrungen, die uns zu etwas antreibt. Was Psychologen „novelty seeking“ nennen, ist die Vorliebe für das Unerwartete oder Neue. Leute mit dieser Eigenschaft sind oft impulsiv und schnell gelangweilt – aber neue Erfahrungen setzen eine Welle von Chemikalien im Gehirn frei, die bei ihnen ein Lustempfinden auslösen.

Für eine Ratte oder ein Menschen mit einer Vorliebe für das Neue besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, Drogen zu nehmen und bis zur Besinnungslosigkeit zu trinken. Die Konzepte von Risiko und Neuem sind in gewissem Maß miteinander verknüpft: Ein neuer Reiz ist grundsätzlich riskanter im Hinblick darauf, dass irgendeine damit verbundene Konsequenz unbekannt ist. Allerdings können wir diese beiden Aspekte im Labor voneinander trennen.

Es geht immer um Dopamin

Dopamin, von Neuronen dazu verwendet, Nachrichten an andere Neuronen zu übermitteln, wird oft als das „Glückshormon“ des Gehirns beschrieben. Dopaminzellen befinden sich im Mittelhirn, tief im Stammhirn, und senden „Projektionen“ an Hirnregionen wo das Dopaminmolekül freigesetzt wird – wie zum Beispiel jene, die bei der Kontrolle des Handelns, der Wahrnehmung und Belohnung beteiligt sind.

Studien haben gezeigt, dass das Dopaminsystem von lohnenden Erfahrungen wie der Nahrungsaufnahme, Sex oder der Einnahme von Drogen aktiviert werden kann. In einer Studie mit Parkinson-Patienten, die Medikamente einnahmen, die die Dopaminrezeptoren stimulieren, um deren motorische Symptome zu behandeln, entwickelten 17 Prozent höchst unerwartet ein Suchtverhalten im Bezug auf Glücksspiel oder zwanghaftes sexuelles Verhalten sowie das Kauf- und Essverhalten. Diese Patienten suchten außerdem eher das Risikound zeigten in den Labortests eine Vorliebe für Neues. Es hat also den Anschein, dass ein aktives Dopaminsystem uns dazu bringt, mehr Risiken einzugehen. Eine Studie zur Risikoeinschätzung hat gezeigt, dass ein erwarteter Sieg mit einem Anstieg an Hirnaktivität in Dopaminregionen verbunden ist, wohingegen eine erwartete Niederlage mit einer Abnahme solcher Aktivität verbunden ist. Beide treiben uns dazu, Risiken einzugehen.

Wingsuit-Fliegen oder Achterbahnfahren sind aus einer Belohnung heraus motiviert – ein Nervenkitzel – aber Wingsuit-Fliegen könnte auch von einem Drang getrieben sein, einen Verlust zu vermeiden (in diesem Fall den Tod). Die Wahrscheinlichkeit eines Nervenkitzels durch Base Jumping oder eine Achterbahn liegt nahezu bei 100 Prozent.

Aber während die Wahrscheinlichkeit, bei einer Achterbahnfahrt umzukommen, bei nahezu Null Prozent liegt, ist die Chance, beim Base Jumping zu sterben, erheblich höher. Je näher die Extreme zusammenliegen, bei null Prozent oder bei den vollen Hundert, desto sicherer, aber je näher sie bei den 50 Prozent lagen, desto unsicherer. Viele, aber nicht alle Studien haben gezeigt, dass Leute mit einem bestimmten Dopaminrezeptor wahrscheinlicher den Nervenkitzel suchen. Diese Genvariante steht auch in Verbindung mit einem größeren Ansprechen auf unerwartete Belohnung im Gehirn, was den unerwarteten Nervenkitzel noch prickelnder macht. Die genetische Verdrahtung könnte deshalb auch die Tendenz zum Base Jumping erklären in Verbindung mit der Vorliebe für Neues und möglicherweise auch für Risiko und Belohnung.

Wie wir aufgezogen werden, hat allerdings auch einen Einfluss. Jugendliche sind im Allgemeinen risikofreudiger, teilweise auch deshalb, weil sich ihr Gehirn noch in der Entwicklung befindet und sie anfälliger für Gruppenzwang sind. Und es gibt natürlich auch weitere Gründe, warum wir uns an Bungee Jumping oder Alkoholexzessen erfreuen, als die Affinität zum Risiko und dem Reiz des Neuen. Zum Beispiel kann das in gesellschaftlichen Situationen eintreten, in denen wir einem Gruppenzwang gerecht werden müssen oder wenn wir uns niedergeschlagen oder gestresst fühlen.

Warum sind wir inkonsistent?

Wenn unsere Gene beeinflussen können, ob wir mutig oder ängstlich sind, wie kommt es dann dazu, dass wir so ein wechselhaftes Verhalten zeigen? Zum Beispiel gehen wir im Urlaub skydiven, schließen aber eine Reiseversicherung ab. Wir verhalten uns unterschiedlich, abhängig davon, ob das Risiko als das Erlangen einer Belohnung oder das Vermeiden eines Verlusts wahrgenommen wird – ein Effekt, der als Framing bekannt ist.

Die meisten von uns tendieren dazu, riskante Belohnungen zu vermeiden. Wir gehen dann wohl eher nicht skydiven, aber im Fall eines unwahrscheinlichen Ereignisses mit hohem Gewinn – wie einem Lotterieticket – sind wir gerne bereit, das Risiko einzugehen. Außerdem suchen wir normalerweise das Risiko, um große Verluste zu vermeiden. Dies ist davon abhängig, wie wahrscheinlich es ist, dass eine Folge eintritt. Im Fall eines unwahrscheinlichen, aber möglicherweise besonders schlechten Ausgangs wie dem Risiko, in massive Schulden zu geraten, während man im Ausland in einer medizinischen Einrichtung versorgt wird, wollen wir kein Risiko eingehen und schließen eine Reiseversicherung ab. Menschen, die sich an Gefahr erfreuen, oder die an Suchtstörungen leiden, haben andere Risikotendenzen. Pathologische Konsumenten illegaler Drogen, Alkohol oder Lebensmittel suchen alle das Risiko im Angesicht einer Belohnung – indem sie nach dem Rausch streben. Aber die Konsumenten illegaler Drogen werden von riskanteren, höheren Belohnungen getrieben, wohingegen pathologisch von Alkohol oder Lebensmitteln Abhängige von weniger riskanten, geringeren Belohnungen getrieben sind.

Wie wahrscheinlich es ist, dass wir ein Risiko eingehen, kann auch beeinflusst werden. Eine Studie mit Ratten hat gezeigt, dass Risikobereitschaft reduziert werden kann, indem das Dopaminsignal nachgeahmt wird, welches die Informationen über vorherige negative Auswirkungen früherer riskanter Entscheidungen liefert – wie einen Schlag auf den Fuß oder wie es ist, keine Nahrung zu erhalten. Die Risikobereitschaft bei exzessiven Trinkern kann auch reduziert werden, wenn sie explizit einem Verlustergebnis ausgesetzt sind – wie die Erfahrung, Geld zu verlieren, anstatt dies nur zu erwarten. Eine Nacht in einer Notaufnahme könnte deshalb schon ausreichen um deren Verhalten zu ändern. Außerdem kann ein neuer und unerwarteter Kontext risikobereites Verhalten steigern, was erklären könnte, warum wir im Urlaub mit höherer Wahrscheinlichkeit Risiken eingehen. In einer kürzlich erfolgten Studie haben meine Kollegen und ich Teilnehmern eine Reihe bekannter und unbekannter Gesichter gezeigt und sie gebeten, zwischen einem riskanten Wagnis und einer sicheren Entscheidung zu wählen. Wenn den Versuchspersonen ein neues Gesicht gezeigt wurde, waren sie eher bereit, das riskante Wagnis einzugehen.

Die Studie zeigte, dass Teilnehmer mit höherer Hirnaktivität im Striatum, einer Region, die an der Freisetzung von Dopamin beteiligt ist, im Kontext des unbekannten Gesichts Entscheidungen mit höherem Risiko trafen. Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass Neues die Ausschüttung von Dopamin in dieser Hirnregion erhöht, was dann möglicherweise die Erwartung einer Belohnung steigert.

Von Gefahr angezogen zu werden, ist allerdings nicht unbedingt etwas Schlechtes. Unsere Gesellschaft benötigt sowohl Risikoträger als auch Risikovermeider, um zu funktionieren. Wir brauchen Leute, die Grenzen sprengen, um eine Station auf dem Mars zu errichten oder Leute aus einem Feuer zu retten und wir brauchen die, die Regeln festschreiben und Vorschriften durchsetzen, um unsere Gesellschaft funktionsfähig zu halten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „Fallschirmspringen“ by skeeze (CCO Public Domain)


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Gefährden Altmedien den Digitalstandort Deutschland?

Kaum ist der von der Bundesregierung angekündigte „Digitalpakt“ Gegenstand der (veröffentlichten) öffentlichen Diskussion, schon finden sich die üblichen KulturpessimistInnen und bemühen sich um die altbekannten Gefahrennarrative der Förderung des „Häppchenwissens“ und der digitalen Überforderung der jüngeren Generationen dieses Landes.

Pensionierte Lehrer in einflussreichen Positionen meinen, immer noch auf der Höhe der Pädagogik zu sein, und verbauen mit ihrer Ignoranz gegenüber aktuellen Entwicklungen den Schülerinnen und Schülern die Chancen auf dem globalisierten Arbeitsmarkt. Die Gewerkschaften möchten sowieso lieber Schul-Klos repariert wissen, obwohl nicht zuletzt die aktuelle Studie der Initiative D21 zum Stand der Digitalisierung in deutschen Schulen große Defizite identifiziert hat.

Rückwärtsgewandtheit der Entscheiderinnen ist ein Problem für Deutschland

Damit fügt sich die aktuelle Debatte in eine lange Kette von Drohszenarien, die digital nicht aktive Menschen, die in Deutschland in EntscheiderInnenpositionen sitzen, gegenüber dem Internet aufbauen. Pokémon Go trackt Jugendliche und erhöht das Risiko, im Straßenverkehr unter die Räder zu kommen. Ein altbekanntes Printmedium spricht vom „Feind in meiner Hand“ und meint das Smartphone. Lehrer können sich in diesem Medium mit der Meinung breitmachen, dass Eltern Schuld an der „Internetsucht“ der Kinder seien.

Das Morgenmagazin von ARD und ZDF stellt die Teilnehmerinnen der Gamescom als der Kindheit verhaftete Deppen dar und warnt vor der – natürlich – übermäßigen Nutzung von Videospielen. Ebenfalls im Morgenmagazin wird vor den Gefahren der VR-Brillen gewarnt („Auswirkungen auf das Gehirn“). Während IBM verkündet, dass IBM-Watson nun auch im Kampf gegen den Krebs helfen wird, warnen deutsche Altmedien vor der Nutzung von Gesundheits-Apps.

Wissen die VertreterInnen der Altmedien eigentlich, was sie mit diesem Kampf gegen das Netz und gegen das Digitale indirekt auch unseren Kindern antun? Kinder und Eltern sind in einer rückwärtsgewandten Meinungs-Bubble gefangen, die sie davon abhält, sich offensiv und frühzeitig mit den Gefahren und den Chancen des Netzes zu befassen. Unsere Kinder werden, wenn sie nicht rechtzeitig digitale Kompetenzen erwerben, von den gleichaltrigen Jugendlichen und Berufsanfängern aus den USA, Asien und Russland übertrumpft.

Wir als Eltern entlassen sie aber auch gleichzeitig ungeschützt in eine Welt, in der es natürlich Risiken und Gefahren gibt; da wir sie aber nicht darauf vorbereitet haben (außer der Strategie: schaltet den PC am besten aus), werden sie unvorbereitet auf die digitale Welt außerhalb von Deutschland treffen.

Beispiel Pokémon Go: Gefahren und Chancen der Augmented Reality

Spätestens seit der Verfilmung der Stephen King-Kurzgeschichte über den Rasenmähermann im Jahr 1992 kann eine breite Masse etwas mit der Idee der Virtual Reality anfangen. Auch wenn eine Umsetzung mittels Brille und Kopfhörer vorerst weit hinter dem angepeilten Ziel der startrekschen Holdecks zurückbleibt, sind in den vergangenen 20 Jahren alle Versuche, einen komfortablen Einstieg zu schaffen, mehr oder weniger grandios gescheitert.

Letztendlich scheint es, als habe es das Jahr 2016 gebraucht – in dem alle technischen Errungenschaften wie Prozessorminiaturisierung, Grafikleistung, Rechenpower zur Erfassung des Raums und die Vorarbeit der Konsolenhersteller mit Sonys Play und Microsofts Move sowie der Druck durch den Occulus-Rift-Kickstarter zusammentrafen – um der Virtual Reality im Konsumentenmarkt zum Durchbruch zu verhelfen. Wobei bei den abgerufenenen Preisen eine schnelle Marktdurchdringung zumindest für das kommende Weihnachtsgeschäft noch fraglich bleibt.

Umso erstaunlicher erscheint es, dass diesem zukunftsträchtigen Vorstoß zumindest in der breiten öffentlichen Wahrnehmung der Rang durch eine weitere visionäre Technik abgelaufen wurde. Der Erfolg des Smartphonespiels Pokémon Go hat der Augmented Reality den Einzug auf die Endgeräte und in die Presse beschert. Der Entwickler Niantic stellte mit dem Spiel Ingress bereits seit Ende 2013 eine Augmented Reality App zur Verfügung. Auch hierbei bewegen sich die Spieler durch den öffentlichen Raum, das Kartenmaterial basiert auf Daten von Google Maps und die Bewegungen der Spieler werden zur Auswertung an die Server des Spiels zurückgemeldet.

Schon Ingress konnte in den vergangenen Jahren eine große und äußerst aktive (vornehmlich erwachsene) Spielergemeinde gewinnen. Der wirkliche Durchbruch erfolgte aber durch die Zusammenführung der Spielprinzipien von Ingress gepaart mit der Pokémon Lizenz von Nintendo.

Seit der Veröffentlichung von Pokémon Go im Juli diesen Jahres sind insbesondere in den Ballungsräumen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene der Aufforderung der Eltern gefolgt, doch endlich mal wieder rauszugehen, und fangen die Taschenmonster mit dem Blick durch die Bildschirme und Kameras ihrer Smartphones. Hierbei werden die Pokémon vom Spiel in die Abbildung der den Spieler umgebenden Realität projiziert.

Eine äußerst erfreuliche Folge des Pokémon-Go-Hypes war die Rückeroberung des öffentlichen Raums durch spielende Menschen aller Altersklassen bis zu Kindern, welche Ihr erstes Smartphone daran ausprobierten. Schon in der Woche vor dem Deutschlandstart aber machten Meldungen aus den USA über Verkehrsunfälle und Überfälle in hiesigen Medien schnell die Runde.

Das Gefährdungspotential für junge Spieler wird bei genauer Betrachtung schnell offensichtlich: Hand in Hand mit dem Austritt der Onlinespieler in die reale Welt erfolgt, zusätzlich zu den Gefahren des Straßenverkehrs, eine Übertragung der virtuellen Risiken. Was eben noch Grooming in einem Chatroom war, kann jetzt schnell eine persönliche Kontaktaufnahme werden. Hierbei ist insbesondere die schnelle Erkennbarkeit der Spieler und das gemeinsame Thema, über welches ein Kontakt hergestellt werden kann, eine nicht zu unterschätzende Komponente.

Panikmache vor Medien hat noch nie etwas gebracht

Die logische Schlussfolgerung kann aber eben nicht mediale Panikmache und pauschalisierte Warnung vor der Nutzung des Spiels sein, sondern muss eine Aufklärung der Spieler über die mit dem Spiel verbundenen Risiken sein – auch wenn die althergebrachten Grundsätze des Jugendschutzes in Bezug auf Medien hierzulande am ehesten in einer Verbotsdebatte gipfeln. Aufbauend auf dem „Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften“ von 1926 verfestigte sich die Debatte um eine moralisch-sittliche Gefährdung der Jugend in den 50er-Jahren mit der pädagogisch wie feuilletonistisch vorgetragenen Kritik an Groschenromanen und Comics.

Sie wurde in den folgenden Jahrzehnten auf Videofilme erweitert und gipfelt seit den 80ern in der Diskussion um Computerspiele. Die konsequente Aberkennung des Kunstbegriffs, welcher unabhängig vom Inhalt nur bestimmten Medien vorbehalten bleibt, sagt schon viel über den Stellenwert neuartiger Technologien aus.

In Zeiten, in denen die moralisch-sittliche Verfestigung der Kinder und Jugendlich allenthalben bestritten wird, ist wohl mit deren Bedrohung kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Folglich stürzen sich die Altmedien auf die „reale“ Gefährdung von Kindern, und die Reaktion von Eltern und Pädagogen folgt – wie auch in vorhergehenden Generationen – auf dem Fuße. Unsere Eltern haben Comics und Groschenromane genauso gelesen, wie wir Videofilme sahen und Computerspiele spielten und immer noch spielen. Heute vertreiben sich die Kinder und Jugendlichen die Zeit auf Youtube, in Chaträumen und eben mit Pokémon Go. Und morgen in der Virtual Reality der Spielekonsolen und Augmented Reality der Smartphones.

Die Gründe für den rückwärtsgewandten Blick in deutschen Altmedien sind vielfältig:

  1. Wir leben in dem Land mit der zweitältesten Bevölkerung weltweit. Da kann man keine EntscheiderInnen erwarten, die in der Mehrzahl jünger und innovativer sind.
  2. „Bildung“ ist in Deutschland eine Attitüde, die man vor sich herträgt. Das Buch noch „riechen zu wollen“ und das gefüllte Bücherregal im heimischen Wohnzimmer gelten nach wie vor als Ausdruck von Belesenheit. Wobei dies letztlich auf dem Missverständnis beruht, „digital“ und „Lesen“ würden sich gegenseitig ausschließen.
  3. Ohne vorherige Studien und konsensual abgesegnete Standards wagen wir nichts (s.a. Tesla-Debatte).
  4. Die derzeit in den Schulen befindlichen LehrerInnen gehören vor allem der technikskeptischen Baby-Boomer-Generation an, die in den 1970ern in die Laufbahnen eingetreten ist. Erinnert sich jemand noch an die damalig dominierende Debatte um die sogenannte „Technikfolgenabschätzung“? Auf Basis dieser Sozialisation kann man nicht wirklich Offenheit gegenüber den Internetfirmen des Silicon Valleys erwarten.

Pokémon Go schult die neue Generation

Sollte der Umgang mit neuen Technologien und Inhalten denn nicht besser von der Betrachtung des Potentials (unter Abwägung der Risiken) getragen werden?

Online-Spiele und digitale Tools stellen die Zukunft dar; seien es Google Docs, Keynote Live-Funktion, soziale Medien, Mikro-Blogs, Snapchat oder sonstige Plattformen, auf denen sich Menschen weltweit zusammenfinden. All diesen Plattformen sind einige Merkmale gemein, die für den zukünftigen Arbeitsmarkt von übergeordneter Bedeutung sind:

1. Der Wille zum Teilen muss vorhanden sein. Ohne Teilen kann es keine nachhaltige Interaktion geben.

2. Multilingualität ist Grundvoraussetzung für alle Menschen weltweit, um sich in mehreren Meinungs- und Inhaltesphären ausreichend austauschen zu können.

3. Kommunikationsfähigkeit auf mehreren digitalen Kanälen gleichzeitig ist eine der Grundbedingungen für die Nutzung digitaler Tools und dafür, dass man überhaupt noch auf der Höhe der Zeit in seinem Beruf tätig sein kann.

4. Ohne Teamfähigkeit geht nichts mehr. Als Teammitglied muss man sich jederzeit einordnen können. Dafür kann man aber auch gezielter seine eigenen Kompetenzen einbringen. „Aufgabenteilung“ ist dabei auf gar keinen Fall mit dem altbackenen „Zuständigkeit“ zu verwechseln!

5. Der Spruch „Für die Technik ist mein Kollege zuständig“ funktioniert nicht mehr. Um zu wissen, wie ich zu Ergebnissen gelangen kann, muss ich auch die dahinter stehende Technologie ansatzweise verstehen lernen.

6. Nicht mehr das Alter ist relevant für die eigenen Relevanz, sondern mein Beitrag für das Ganze. Das eröffnet sowohl für Jung als auch Alt, aus dem „Wahrnehmungsfängnis“ und damit seiner durch das Alter selbst zugeschriebenen Rolle auszubrechen.

All diese Kompetenzen zählen wohlgemerkt sowohl für beruflich genutzte Plattformen (wie Google Docs und andere) als auch Spieleplattformen (wie beispielsweise Lol). Wenn wir also die Kinder und Jugendlichen nicht rechtzeitig auf diese digitalisierte Arbeitswelt vorbereiten und stattdessen „Internet“ und “Digital” nur kulturpessimistisch bewerten, entziehen wir unseren Kindern die zukünftige gleichberechtigte Teilhabe am globalisierten Arbeitsmarkt. Daran können wir alle kein Interesse haben.

Die Kinder vorbereiten auf eine Zukunft der Arbeit

Stattdessen sollte man aber vielleicht mal einfach seinen Kindern beim Spielen über die Schulter schauen, um zu verstehen, in welcher Weise digitale Tools und auch Spiele dazu geeignet sind, sie auf eine Zukunft der Arbeit vorzubereiten, mit der sie sich später befassen müssen. Spiele, Apps, Services, Plattformen und der gezielte Blick auf die dahinterstehende Technik sind notwendig, um zu verstehen, in welcher Weise zukünftige Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt und die Art und Weise von Bildung eigentlich schon heute zusammenhängen, ohne dass dieser Blick von den Entscheiderinnen tatsächlich auch erkannt wird.

Kinder haben einen entscheidenden Vorteil im Umgang mit neuen Technologien: sie betrachten diese nicht als „neu“. Sie werden weder von einem Gefühl zurückgehalten, dass es „früher alles besser war“, noch vom Gedanken „Wir leben in der Zukunft“ verunsichert.

Sie stehen mit beiden Beinen in der Gegenwart und es ist unfair, ihnen den Weg in Ihre Zukunft mit den sie begleitenden Technologien zu verbauen. Statt in den Medien der Vergangenheit zu verweilen, sollten wir uns als die wissensvermittelnde Generation viel mehr damit beschäftigen, wie wir die Inhalte mit den Medien der Zukunft transportieren können.


Image “girl” by nastya_gepp (CC BY 2.0)


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Uber zerstört die Share Economy mit seinen fahrerlosen Autos

Taxi Cabs vs Uber (adapted) (Image by Aaron Parecki [CC BY 20] via Flickr)

Die Ankündigung von Uber, dass das Unternehmen in Pittsburgh, USA, fahrerlose Autos einführen will, stellt nicht nur die Zukunft der Share Economy, die auch durch Ubers Hilfe etabliert wurde, sondern auch die Zukunft von Beschäftigungsverhältnissen im weiteren Sinne in Frage. Eines ist aber sicher: Obwohl sich Uber verändert, wird die Art, wie es unsere Arbeitsweise verändert hat, bestehen bleiben.

Uber ist praktisch zum Synonym für Ideen für neue Geschäftsmodelle geworden. Es ist so bekannt, dass tatsächlich sogar ein neues Wort daraus entstanden ist – „ubersation“ – das die Art von Arbeit beschreibt, die über Online-Plattformen in sogenannten Share Economies verwaltet wird. Die Firma ist in vielerlei Hinsicht ein Sinnbild des flinken Ideenreichtums, mit dem der Kapitalismus es schafft, von der Technologie gestützt Wirtschaftskrisen zu überleben, neue kreative Lösungen für alte Probleme zu finden und sich am laufenden Band selbst neu zu erfinden.

Fahrerlose Autos sind nur ein weiteres Beispiel dafür. Nachdem es 2009 gegründet wurde, ein Jahr nach Airbnb und Taskrabbit, war Uber eines der ersten Serviceunternehmen, das einen Weg fand, Investitionen großer Mengen in abwertenden Anlagen zu vermeiden, wie zum Beispiel einen Fuhrpark, spezielle Werkzeuge oder teure Immobilien. Die Lösung? Das Risiko wurde ausgelagert und die Vermögenswerte anderer Leute genutzt.

Im Original-Modell von Uber fielen die Kosten des Kaufens und Wartens der Autos den Fahrern, beziehungsweise Eigentümern, zu, nicht der Firma. Die Einstellung gegenüber Arbeitern war ähnlich: wieso in die eigene Arbeitskraft investieren, mit all der Verantwortung die damit einhergeht, ein Arbeitgeber zu sein, wenn man den Service von Menschen nutzen kann, die für ihre eigene Ausbildung, ihre Ferien und ihre Rente zahlen und die Verantwortung für ihre Ausfallzeit selbst tragen?

Onlineplattformen behaupten, dass sie keine Arbeitgeber seien – sie seien nur ein Hightech-Gesprächspartner zur Bereitstellung und Anforderung von Diensten. Sie profitieren, indem sie bei allen Transaktionen Reduzierungen durchführen. Und sie können mit minimalen Investitionen schnell in neue Märkte expandieren.

Vorteile nutzen

Einer der Gründe, warum Uber so viel mehr öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat als andere Plattformen die Arbeit auf Abruf anbieten (wie Taskrabbit, Handy, Upwork oder PeoplePerHour) ist, dass es einen Bereich betreten hat – den der Taxiservices – wo die Arbeiter bereits organisiert waren. Taxifahrer in vielen Städten haben eine lange Geschichte des Zusammenschlusses vorzuweisen, um Regeln festzulegen und mit öffentlichen Behörden über Dinge wie Standardtarife, die Standorte der Taxistände und die Bedingungen für den Erhalt einer Lizenz zu verhandeln.

Das steht im Gegensatz zu Menschen, die Dienstleistungen wie das Putzen von Fenstern, Gartenarbeit, Kinderhüten oder Möbelmontage zur Verfügung stellen, wie es andere Plattformen anbieten. Londoner Taxifahrer der „Black Cabs“ verbringen normalerweise 4 Jahre damit, sich das „Wissen“ anzueignen, also alle möglichen Routen durch die Stadt zu kennen. Dies ist eine Voraussetzung für den Erhalt einer Lizenz. Es ist daher nicht überraschend, dass der Einstieg von Uber in ihren Markt einen Proteststurm hervorrief.

Der Erfolg von GPS machte vieles von dem hart erarbeiteten Wissen obsolet und öffnete das zuvor wohlgehütete Gebiet des Taxifahrens jedem Menschen mit einem Auto und einem Smartphone, der sich etwas dazuverdienen wollte. Niedrigere Preise machten private Fahrten außerdem für die Menschen erschwinglich, die früher eine Taxifahrt als gelegentlichen Luxus angesehen haben.

Diese Vorteile konnten aber nicht für immer anhalten. Wettbewerber erschienen auf der Bühne. Öffentliche Behörden wurden für die Notwendigkeit, diese neue Art von Taxiservice zu reglementieren, sensibilisiert – was, wenn es einen tödlichen Unfall gäbe? Was, wenn der Fahrer oder der Fahrgast angegriffen würden? Wer wäre für die Versicherung zuständig? Auch die Fahrer fingen bald an, sich wie ausgebeutete Arbeiter zu fühlen, statt unbeschwerte Unternehmer sein zu können.

Wenn Uber schon die Gebühren festlegte und vorschrieb, wie sie zu arbeiten hatten, sollten sie dann nicht auch anfangen, die Verantwortungen eines Arbeitgebers zu übernehmen? Uber war deshalb sowohl in den USA als auch in Großbritannien mit gerichtlichen Verfahren konfrontiert. Manche der Uber-Fahrer aus den USA haben sogar als Alternative ihre eigene Kooperation mit Fahrern von Lyft, einem ähnlichen Service, aufgebaut.

Ruhig bleiben und weitermachen

In der Zwischenzeit ist Uber zu einem riesigen Unternehmen mit weltweiter Ausbreitung und einem Umsatz von 1,5 Milliarden US-Dollar im Jahr 2015 geworden. Sein letzter Versuch, sich selbst neu zu erfinden, nimmt interessanterweise eine der klassischen Strategien der Industrie aus der Vergangenheit auf, um den Profit zu steigern – die Automatisierung. Während es den Plan der Vergangenheit, die Arbeiter die Investitionen allein machen zu lassen, beiseite schiebt, steckt Uber sein eigenes Geld in eine neue Technologie: fahrerlose Autos. Wenn sich das Risiko auszahlt, wird dies wahrscheinlich mehrere Auswirkungen haben.

Die Position traditioneller Taxiunternehmen wird weiterhin unterminiert werden, indem günstigerer Service angeboten wird (möglicherweise auch die Stellen von Ubers eigenen Eigentümern oder Fahrern). Zudem werden auch Wettbewerber verdrängt werden. Neuanbieter auf diesem Markt der fahrerlosen Taxis würden in eine Flotte solcher Fahrzeuge investieren müssen. Dies könnte die Nahezu-Monopolstellung, die Uber schon in manchen Städten hat, festigen und den Namen Uber so zum Synonym für Taxiservice machen, wie es zum Beispiel Hoover für Staubsauger oder Kleenex für Taschentücher ist. Wenn uns die Geschichte eines lehrt, dann ist es, dass dies nicht zu Massenarbeitslosigkeit führen wird.

Bereits vorhandene Uber-Fahrer würden möglicherweise arbeitslos werden, aber diese Form von Restrukturierung verheißt nur, dass neue Jobs geschaffen werden, während und obwohl sie andere zerstört. Fahrerlose Autos könnten aus professionellen Fahrern das machen, was Waschmaschinen aus Wäschereiarbeitern machten. Der Kapitalismus aber, zerstörerisch wie immer, macht weiter wie zuvor.

Wenn das nun aber die Zukunft von Uber ist, was wird dann aus der Zukunft der ‚uberisation‘? Die Beweise sprechen dafür, dass es Teil eines großen Trends ist, der unaufhaltsam wächst. In allen Wirtschaftsbereichen wird Arbeit auf Abruf als neue Form für Jobs gelten, die von Aushilfslehrern über Agentur-Krankenschwestern und Supermarktkassierern bis hin zu Callcenter-Angestellten reichen.

Eine neue Studie mit 2238 Menschen, die wir an der Hertfordshire Business School durchführten, legte nahe, dass drei Prozent der erwachsenen Bevölkerung Großbritanniens „mindestens wöchentlich“ für Online-Plattformen arbeiten, während viele mehr (etwa elf Prozent) dies hin und wieder tun. Geschätzte 2,5 Prozent der Arbeitnehmer haben Null-Stunden-Verträge und sechs Prozent haben einen befristeten Vertrag.

Die letzten Statistiken der Regierung des Vereinigten Königreichs zeigen, dass mehr als eine Million Menschen einen Zweitjob haben und knapp fünf Millionen Menschen selbstständig sind. Uber mag sich verändern, solange es aber keine radikalen Veränderungen in der Arbeitsregelung und des Sozialsystems gibt, sieht es so aus, als wäre die ‚uberisation‘ gekommen, um zu bleiben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Taxi Cabs vs Uber“ by Aaron Parecki (CC BY 2.0)


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Mädchen und die Sozialen Medien: Psychodruck im Internet

code(image by JESHOOTS [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Aktuelle Forschungsergebnisse des britischen Bildungsministeriums zeigen, dass sich das geistige Wohlergehen von Mädchen im Teenageralter im Vereinigten Königreich verschlechtert hat. Die Studie, die auf den Angaben von 30 000 14-jährigen Schülern in den Jahren von 2005 bis 2014 fußt, kommt zu dem Ergebnis, dass 37 Prozent der Mädchen unter psychischen Belastungen leiden, wohingegen es im Jahr 2005 nur 34 Prozent waren. (Im Vergleich sind nur 15 Prozent der Jungen im Teenageralter betroffen, während es ein Jahrzehnt zuvor noch 17 Prozent waren). Die Autoren der Studie weisen darauf hin, dass eine Sache, die sich zwischen 2005 und 2014 geändert habe, der „Beginn des Zeitalters der sozialen Medien“ sei.

Die Jugendjahre sind eine Zeit der enormen körperlichen, kognitiven und emotionalen Entwicklungen. Teenager gehen aufeinander ein, um zu lernen, wie man ein kompetenter Erwachsener wird. In der Vergangenheit wandten sie sich an Eltern, Lehrer und andere Erwachsene in ihrem Umfeld sowie entfernte Familienangehörige und Freunde. Heute können wir zu dieser Liste der sozialen und emotionalen Entwicklungen auch die sozialen Medien hinzufügen. Doch warum sollte der Beginn des Zeitalters der sozialen Medien ein Problem darstellen?

Untersuchungen weisen darauf hin, dass Mädchen ein höheres Risiko aufweisen, die negativen Aspekte der sozialen Medien zu spüren zu bekommen, als Jungen dies tun. Junge Mädchen sind mit ihrer noch eingeschränkten Fähigkeit zur Selbstkontrolle und ihrer Anfälligkeit für Gruppenzwang gefährdet, online schlechte Erfahrungen zu machen, die ihre Entwicklung zu gesunden Erwachsenen negativ beeinflussen und zu Depressionen sowie Angststörungen führen könnten.

Im Laufe der Adoleszenz erwerben Menschen Charaktereigenschaften wie Selbstbewusstsein und Selbstkontrolle. Da jugendliche Gehirne noch nicht vollständig entwickelt sind – und es bis zum Erreichen des frühen Erwachsenenalters auch nicht sein werden – fehlt es ihnen noch an den kognitiven Fähigkeiten der eigenen Bewusstheit und Privatheit, und so kann es dazu kommen, dass sie unangebrachte Nachrichten, Bilder und Videos posten, ohne sich der Langzeitwirkungen derer bewusst zu sein. Was sie posten, bleibt möglicherweise nicht nur im kleinen Kreis ihrer Freunde, sondern kann weit und breit mit verheerenden Konsequenzen die Runde machen.

Im Gegensatz zu ihren männlichen Altersgenossen sind Mädchen eher geneigt, zu viele persönliche Informationen über sich selbst oder über andere zu teilen, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, eine negative Reaktion wie Mobbing oder abwertende Kommentare bei Altersgenossen hervorzurufen.

Falsche Ideale

Die sozialen Medien vermitteln der „Generation X-Factor“ das Streben nach Prominenten-Status und unmögliche Erwartungen. Die Social-Media-Plattformen sind voll von umwerfend aussehenden Models, denen junge Mädchen nacheifern können. Die Körperwahrnehmung der Mädchen im Teenageralter wird geprägt durch Emotionen (das Bedürfnis, gemocht zu werden), Wahrnehmungen (eine der Entwicklung angemessene Größe des Busens) und darüber hinaus von kulturellen Botschaften und gesellschaftlichen Standards. Die sozialen Medien ermöglichen es den Mädchen, sich sowohl mit Freunden als auch Prominenten zu vergleichen und liefern „Lösungen“ wie extreme Ernährungs- oder Trainingstipps gleich mit, damit die Mädchen ihre Ziele erreichen können.

Untersuchungen haben ergeben, dass heranwachsende Mädchen gefährdet sind, Essstörungen oder Dysmorphophobie zu entwickeln (der Drang, eine wahrgenommene Unvollkommenheit operativ zu beheben, z.B. zu kleine Brüste). Sorgen, die ihr Körperbild betreffen, können ihre Lebensqualität nachhaltig negativ beeinflussen, indem sie sie beispielsweise davon abhalten, gesunde Beziehungen zu pflegen. Sie könnten viel Zeit darauf verwenden, sich zu sorgen, die besser darin investiert wäre, andere Aspekte ihrer Persönlichkeit zu entwickeln.

Die sozialen Medien können sich ebenfalls negativ auf die Pubertät auswirken, indem sie junge Mädchen ermuntern, die „Welt der Erwachsenen“ zu betreten und sexuell aktiv zu sein, bevor sie reif genug sind, mit all den Konsequenzen zurechtzukommen, die dies mit sich bringen kann.  Sexting ist zu einer gewöhnlichen Erscheinung unter 20 Prozent der Jugendlichen geworden. Sie schicken dabei Bilder, auf denen sie nackt oder halbnackt sind, an Gleichaltrige. Kommt es zum Betrug, muss sich der Teenager gegen Demütigung wappnen, die er erleben kann, wenn ein anderer Mensch, dem er private Informationen anvertraut hat, ein privates Foto im Netz verbreitet. Die extremen psychischen Belastungen, denen diese Mädchen ausgesetzt sind, und ihre Auswirkungen auf die geistige Gesundheit sind weitreichend dokumentiert.

Die Adoleszenzphase ist auch eine Zeit, in der die Jugendlichen beginnen, fortgeschrittene Fähigkeiten zum logischen Denken auszubilden, und während der ihre kognitive Entwicklung vorangetrieben wird. Es ist eine Zeit, in der sie beginnen, darüber nachzudenken, wie sie von anderen wahrgenommen werden. Jugendliche Mädchen haben die Tendenz, sich in Profanes hineinzusteigern und Handlungen und Gedanken immer wieder zu analysieren, da sie bestrebt sind, sich anzupassen und die Informationen zu verarbeiten. Dies ist grundsätzlich ein gesundes Verhalten, doch Untersuchungen haben gezeigt, dass sich dieses Verhalten in Verbindung mit sozialen Medien zu einer ungesunden Aktivität steigern und so zu einem Vorboten von Depressionen und depressiven Symptomen werden kann.

Die sozialen Medien können Freund oder Feind sein – und statt sich nur auf die negativen Aspekte zu fokussieren, sollten wir sie stattdessen als ein Mittel nutzen, das den heranwachsenden Mädchen dabei helfen kann, zu verstehen, dass die Bilder, die in den sozialen Netzwerken konstant projiziert werden, keinesfalls eine durchschnittliche Person widerspiegeln. Wir sollten ihnen auch beibringen, dass es eine enorme Vielfalt an Aussehen und Entwicklungsgeschwindigkeiten gibt. Wir sollten junge Mädchen dazu ermuntern, sich mit den sozialen Medien kritisch auseinanderzusetzen.

Heranwachsende Mädchen verbringen einen großen Teil ihrer Zeit online. Der Versuch, dieses Verhalten zu unterbinden oder zu kontrollieren, wird nur zu heimlichen Online-Aktivitäten führen.  Stattdessen sollten Eltern sich mehr engagieren, ihre Teenager beim Überwinden von Social-Media-Hindernissen zu unterstützen und ein gesundes Selbstbewusstsein vorleben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image ”Mädchen chattet” by JESHOOTS (CC LIZENZ)


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Gelegenheit schlägt Planung

Dice (adapted) (Image by Daniel Dionne [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

In der Vergangenheit getroffene Entscheidungen werden oft nachträglich rationalisiert. Statt es sich in dieser Schein-Rationalität gemütlich zu machen, sollten Organisationen lieber die Chance des Zufalls nutzen. Liebwerteste Controlling-Gichtlinge hassen Kontrollverlust und Zufall. Sie sind krampfhaft auf der Suche nach Leitplanken, Plänen und Strategien, um den schönen Schein der Berechenbarkeit ihres Daseins zu erhalten. Führungskräfte in Organisationen umgeben sich gerne mit Mythen der Rationalität und konstruierten Kausalketten, um ihre Entscheidungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Zufall, Glück und Unberechenbarkeit sind die natürlichen Feinde des allwissenden Dirigenten in Politik und Wirtschaft. Der Glaube an Kontrolle und Steuerung zählt dennoch hartnäckig zum Bullshit-Einmaleins der Positionselite, um am Ruder zu bleiben. Oder in den Worten des Philosophen Harry G. Frankfurt: Bullshitting ließe den Klugscheißer klug erscheinen und sei immer dann unvermeidlich, wenn die Umstände es erfordern zu reden, ohne zu wissen worüber. 

Der magische Glaube muss in Organisationen durch Beschwörungen, Zeremonien, Mythen und Legenden des Erfolgs gefestigt werden“, schreibt der Organisationstheoretiker Professor Günther Ortmann in seinem Opus „Kunst des Entscheidens“ (Verlag Velbrück Wissenschaft). Zweifler und Skeptiker stören die Aura pseudo-rationaler Entscheidungen – sie werden abserviert. Man klopft sich lieber gegenseitig auf die Schultern und erzählt sich nette Geschichten über die Vernunft vergangener Entscheidungen – in Wahrheit sind es billige Ex-post-Prognosen nach dem Motto: „Das musste ja so kommen.Mit der Pyrenäen-Karte durch die Alpen Der Wissenschaftler Karl Weick hat für diese Schein-Rationalität eine hübsche Allegorie auf Lager: So erzählt er vom Militärmanöver einer ungarischen Aufklärungseinheit in den Schweizer Alpen. Zwei Tage galten die Soldaten als verschollen, aber am dritten Tag kehrten sie unversehrt zurück. Wie war das möglich? „Wir waren eingeschneit und hatten uns schon aufgegeben, aber dann fand einer von uns eine Karte in seiner Tasche, und wir beruhigten uns. Wir schlugen ein Lager auf, überstanden den Schneesturm und fanden mit Hilfe der Karte den Rückweg.“ Der Vorgesetzte ließ sich das bemerkenswerte Dokument zeigen und war überrascht: Auf der Karte waren nicht die Alpen verzeichnet, sondern die Pyrenäen. Entscheidend war also nicht der Plan, sondern das situative Handeln. Viele Führungskräfte verlassen sich nach Auffassung von Ortmann auf das Falsche, den Plan, verbringen, gestützt auf diesen Irrtum, noch mehr Zeit mit Planung und weniger mit Handeln, und sind am Ende sehr erstaunt, wenn mehr Planung nichts besser macht. Besonders erfindungsreich sind die Controlling-Geister bei der Schönfärberei mit Kennzahlen: „Erst untertreibt man, was erreicht werden kann/soll, dann übertreibt man, was erreicht worden ist“, so Ortmann. Der Harvard-Ökonom Michael Jensen nennt diese Art der Erbsenzählerei auch „Paying people to lie“. Führungskräfte mit falschen Karten, vieldeutigen Plänen, Kalenderweisheiten und leeren Strategiekonzepten erinnern Ortmann an den vielzitierten nackten Kaiser und seine neuen Kleider. Es geht um das Management von Symbolen mit Placebo-Wirkung. In der digitalen Sphäre ist es sogar noch schwieriger, irgendwelche visionären Ziele zu verfolgen: „Alle Thesen und Prognosen, die wir in der Vergangenheit aufgestellt haben, sind nicht in Erfüllung gegangen“, so der ernüchternde Rückblick von Jochen Wegner, Chefredakteur von „Zeit Online“, auf seine 23-jährige Berufserfahrungen mit Internet-Trends. „Nichts von dem, was wir prognostiziert haben, ist wahr. Nur eine einzige These ist übrig geblieben und die lautet: Alle Thesen im digitalen Journalismus sind falsch.“ Dennoch gibt es eine Sehnsucht nach einfachen und allgemeingültigen Thesen, die immer wieder in die Öffentlichkeit geblasen werden – was wohl am schlechten Gedächtnis der Thesenautoren liegt. Wegner benennt einen Springer-Vorstand, der beklagte, dass es in den frühen Tagen des World Wide Web nicht gelungen sei, eine Bezahlinfrastruktur zu etablieren. Solche Leute saßen damals wohl in Meetings ihrer Kinderkrippe. Es gab ein Wettrennen zwischen AOL mit geschlossenen, kostenpflichtigen sowie exklusiven Medieninhalten und dem freien Internet. Apple: verschlossen bis zur ParanoiaDas offene Internet hat damals gewonnen. Alle Online-Verlagsmodelle dieser Zeit sind gescheitert, wenn sie Geld verlangt haben“, erläutert Wegner bei seinem Eröffnungsvortrag auf dem Besser-Online-Fachkongress des Deutschen Journalisten Verbandes in Mainz. Selbst Internet-Guru Howard Rheingold, der den Begriff der virtuellen Gemeinschaft prägte, ist grandios gescheitert. Er habe, so Wegner, für sehr viel Geld eines japanischen Risikokapitalgebers bewiesen, dass Communities kein Geschäftsmodell sind. Das Projekt hieß Electric Minds. Auch Wegner war davon überzeugt, mit Community-Projekten kein Geld machen zu können. Einige Internet-Blasen später kam dann Mark Zuckerberg mit Facebook und mittlerweile sei der Community-Redakteur wieder ein gefragter Beruf. Dann gebe es da noch Apple. „Das ist eine Firma, die nach unseren Thesen alles falsch gemacht hat – genau deswegen ist sie vielleicht so erfolgreich. Die Firma wird diktatorisch geführt, ist verschlossen bis zur Paranoia und ignoriert jegliche Marktforschung – sagen sie das mal einem Verleger. Apple betreibt eine komplett geschlossene Plattform, kultiviert einen Kontrollwahn, setzt nicht auf Open-Source-Standards. Apple ist eigentlich böse und wird dafür geliebt. Und Apple will Geld für Content“, führt Wegner weiter aus, der mittlerweile weghört, wenn sich Experten gegenseitig das Netz erklären. Er ist thesenmüde, was allerdings zu einer anderen Form von Wachheit führt. Zu einer Wachheit, die genau beobachtet, was jetzt und hier passiert. Diese Thesen-Aversion führt zur Konzentration auf das, was ist. Alle drei Monate passieren Sachen, wo man sich grundsätzlich fragt, ob der eingeschlagene Weg noch richtig ist. Deshalb hat „Zeit Online“ seinen Redaktionsbetrieb komplett auf einen zweiwöchigen Rhythmus umgestellt. Nutze den Augenblick Es ist also viel wichtiger, sich mit dem Phänomen der Kontingenz auseinanderzusetzen: Am Reißbrett lässt sich die Zukunft nicht zimmern. Kontingenz heißt: Es geht auch anders – es gibt mehrere Möglichkeiten. Statt die Zeit mit dümmlichen Visionen, Strategien und Plänen zu verschwenden, sollten sich Organisationen als Beobachter des Zufalls bewähren. Gelegenheiten erkennen, statt einer Schimäre der rationalen Entscheidung hinterherzulaufen. Ein Unternehmer ist für den Ökonomen Israel Kirzner ein Häscher des Okkasionellen – ein Chancenverwerter. Occasio ist die Göttin der Gelegenheit mit einem nach vorne fallenden Haarschopf, an dem man sie zu ergreifen hat; wer diesen Augenblick verpennt, hat keine zweite Chance, denn von hinten ist die Dame kahl.


Dieser Beitrag ist zuerst erschienen auf The European.


Image (adapted) „Dice“ by Daniel Dionne (CC BY-SA 2.0)


 

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Apples Marktkapitalisierung als Risiko

Apples Gesamtwert beläuft sich auf 700 Milliarden US-Dollar. Könnte dieser „Reichtum“ zum Verhängnis werden? // von Philipp Biel

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Mit knapp 700 Milliarden US-Dollar ist derzeit der Gesamtwert aller Apple-Aktien beziffert. Somit ist Apple mehr wert als jedes andere börsennotierte Unternehmen weltweit. Zum Vergleich: Der Zweitplatzierte Exxon Mobil ist derzeit 403 Milliarden US-Dollar wert und Platz drei belegt Microsoft mit etwa 394 Milliarden US-Dollar. Apple hat sich einen weiten Vorsprung verschafft, doch Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Steht Apple deshalb kurz vor einem Crash?

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