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Wie Mainstream-Medien noch immer soziale Veränderungen bewirken

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Präsident Donald Trump hat seinen Kampf gegen die Nachrichten auf eine neue Ebene gebracht, als er ein bearbeitetes Video getwittert hat, in dem er jemandem gegenüber handgreiflich wird, dessen Gesicht mit dem Logo von CNN überblendet wurde. Der Sender wurde von „Cable News Network” in „FNN“ umbenannt – das „Fake News Network“.

Während es in den „postfaktischen“ Zeiten wie diesen und in einer Umgebung, die von einigen wenigen Medienkonglomeraten dominiert wird, viel an den Medien zu kritisieren gibt, brauchen wir die Presse doch, um unsere Anführer und Institutionen rechenschaftspflichtig halten zu können.

Wenn jedoch die Gelegenheit gegeben ist, sollten wir die Presse auch ab und zu loben. Die Serie “Unfounded“ der kanadischen Zeitung Globe and Mail ist ein Beispiel dafür. Die Macht der Presse sollte nicht unterschätzt werden – das gilt sowohl für den positiven als auch für den negativen Einfluss der Berichterstattung. Die “Unfounded”-Serie der Globe and Mail arbeitet in einer fortschrittlichen Art und Weise, um Themen ans Licht zu bringen, über die zu wenig berichtet wird. Die Serie konzentriert sich auf Fälle von sexuellen Übergriffen, die von der Polizei nicht verfolgt werden und demonstriert so die Macht der Presse, soziale Veränderung hervorzurufen.

Basierend auf polizeilichen Aufzeichnungen über 20 Monate hinweg hat die Serie unter der Leitung der Journalistin Robyn Doolittle herausgefunden, dass einer von fünf angezeigten Fällen bei der Polizei als unbegründet zu den Akten gelegt wird. Doolittle war in der Lage, die Daten zu sammeln, nachdem sie hunderte Anfragen zur Informationsfreiheit an Polizeidirektionen im ganzen Land verschickt hatte. Was sie zusammenstellte, ist mehr als nur eine schockierende Statistik solcher Fälle.

Daten und persönliche Geschichten = eine machtvolle Verbindung

Die Serie, die erst kürzlich den Data Journalism Award 2017 gewann, weil hier Datennutzung zur Aufdeckung von Systemversagen stattfand, stellt ein leuchtendes Beispiel für investigativen Journalismus dar. Doolittle bettete die statistische Analyse in eine Berichterstattung ein, die sie direkt von Frauen erhalten hat, die Opfer sexueller Übergriffe wurden und deren Aussagen von der Polizei schlichtweg abgetan wurden.

Allerdings sind die Berichterstattung der Serie und ihre Präsentation in den darauffolgenden Monaten nach der Untersuchung ebenfalls bemerkenswert. Anstatt die Story irgendwo auf den letzten Seiten der Zeitung zu vergraben, druckte man diese auf der Titelseite aus. Und das nicht nur einmal, sondern regelmäßig.

Ich habe jahrelang die kanadische Medienlandschaft verfolgt und glaube, dass dies im starken Gegensatz zur gewöhnlichen Berichterstattung anderer berichtenswerter Geschehnisse steht. Generell erscheinen diese ein- oder zweimal oder werden irgendwo in der restlichen Berichterstattung eingebettet. Sie verschwinden nicht nur aus den Zeitungen, sondern auch aus dem kollektiven Gedächtnis der Leser. Hier funktioniert Wiederholung, um die Story in der öffentlichen Wahrnehmung und in den Köpfen der Gesetzgebung am Leben zu halten.

Zusätzlich gab die Globe and Mail eine zwingende und persönliche Perspektive zur Berichterstattung vor. Das Blatt gab jeden Tag Neuigkeiten zu einem Fall einer Bürgerin heraus, deren Fall von der Polizei als haltlos eingestuft und zu den Akten gelegt wurde. Dieser Einschub sorgte für eine Vermenschlichung der Story. Dazu kommt, dass die tägliche Veröffentlichung derlei Berichte auch bewirkt hat, dass sie den Lesern im Gedächtnis bleiben.

Die Regelmäßigkeit der Veröffentlichungen und die strukturierte Perspektive, die sowohl durch die einzelnen Geschichten als auch durch das Bild im Ganzen gestärkt wurde, fingen die Komplexität und die Vielschichtigkeit des Themas besonders effektiv ein.

Die Gesetzgebung kümmert sich

Es war keine Überraschung, die grundlegenden Veränderungen nach der Veröffentlichung der Serie zu beobachten. Nicht nur haben verschiedene Polizeikräfte versprochen, die als haltlos eingestuften und zu den Akten gelegten Fälle neu aufzurollen, auch das Statistikamt Kanadas verpflichtete sich dazu, Daten aus den verschiedenen Teilen des Landes über dieses Thema zu sammeln. Politiker versprachen, ebenfalls mehr Geld für die Ermittlung von geschlechterbasierender Gewalt bereitzustellen und neue Strategien zum Umgang mit Fällen sexueller Übergriffe zu entwickeln. Erst vor Kurzem konnte die Polizei von Ottawa eine Person aufgrund der Informationen, die sich durch die Serie ergeben hatten, festsetzen.

Die Serie “Unfounded” von der Mail and Globe zeigt die wahre Macht des investigativen Journalismus. Die aktuelle Serie der Zeitung über den Missbrauch des Gesundheitssystems durch doppelte Zahlungen verspricht genauso aufklärend zu sein und hoffentlich genauso bahnbrechend. Falls die Zeitung auch Themen wie Rassismus, Islamophobie und andere Formen der Gewalt in diesem Stil behandeln würde, würde sie auch die wahre Rolle der Nachrichten erfüllen: Die Bevölkerung zu informieren und aufzuklären.

Jedoch kann man der Realität der heutigen Medienlandschaft nicht entkommen. Mit der zunehmenden Vorherrschaft der sozialen Medien als Mittel, mit denen Nachrichten konsumiert werden, bekommen Serien wie „Unfounded“ oft nicht die Ausstrahlungszeit, die sie verdienen. Stattdessen überwiegt die häppchenartige Berichterstattung – und eine ausführliche Berichterstattung bleibt nur als Zeitvertreib einiger Weniger.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


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Warum in naher Zukunft spielende Science-Fiction so beängstigend ist

Binär (adapted) (Image by geralt [CC0 Public Domain] via pixabay)

Von Humans bis Westworld, von Her bis Ex Machina, und von Agents of S.H.I.E.L.D bis Black Mirror – Science-Fiction, die in der nahen Zukunft spielt, gab dem Publikum in den letzten Jahren einige unangenehme und prophetische Visionen der Zukunft. Laut diesen alternativen oder ausgedachten Zukunftsszenarien steht uns eine posthumane Realität bevor, in der die eigenen Geschöpfe gegen die Menschen ankämpfen oder sie gar ersetzen. Diese Geschichten zeigen eine Zukunft, in der unsere Leben durch Wissenschaft und Technologie verändert werden, sodass der Mensch neu definiert wird.

Das Teilgenre der Science-Fiction in naher Zukunft umfasst eine Zukunft, die sich nicht weit vom Zeitpunkt der Entstehung der Geschichten befindet.

Die Serie Humans von Channel 4 AMC stellt sich eine nahe Zukunft oder alternative Welt vor, in der fortgeschrittene Technologie zur Entwicklung von anthropomorphischen Robotern geführt hat, die Syths genannt werden und schließlich ein Bewusstsein erlangen. Als die Syths immer weniger von den Menschen unterschieden werden können, ergründet die Serie Standpunkte darüber, was den Menschen ausmacht, und zwar gesellschaftlich, kulturell und psychologisch.

Die zweite Staffel beschäftigte sich vor allem mit den Rechten in Bezug auf die Fähigkeit, zu denken und zu fühlen – und das Recht auf ein faires Gerichtsverfahren. Odi, ein Syth des längst überholten NHS-Pflegesystems aus Großbritannien, der in beiden Staffeln mitspielt, wählt eine Form von Suizid (indem er in seine Werkseinstellungen zurückkehrt und ein Bewusstsein ablehnt), da er mit seinem neuen Leben nicht zurechtkommt.

Die Roboter, die den Zukunftsthemenpark in Westworld bewohnen, werden auch als Spielzeug der Superreichen vorgestellt. In beiden Fällen kreieren die fiktionalen Wissenschaftler David Elster (in Humans) und Robert Ford (bei Westworld), die diese Androiden geschaffen haben, Möglichkeiten für ihre Kreationen, so dass diese „menschlich werden“, und tun dies mit einer Vielzahl an Beweggründen und sowohl utopischen als auch schrecklichen Möglichkeiten. Beide Serien stellen die Unterscheidung zwischen „realem“ und „künstlichem“ Bewusstsein und die Schwierigkeiten einer Kreation, die zum Leben erwacht, in Frage.

Zu glaubwürdig

Die Herausforderung für Science-Fiction der nahen Zukunft liegt darin, dass sie sich nach den neuesten Entwicklungen in Wissenschaft und Technologie richten muss, um glaubwürdig zu sein. Dies bedeutet, dass es passieren kann, dass die Geschichte obsolet wird oder sich sogar zu Lebzeiten des Erschaffers abspielen kann. Nachrichtenübertragungen und Kommentare von Wissenschaftlern wie Stephen Hawking über die Gefahren von künstlicher Intelligenz und Bedenken, dass „die Menschheit der Architekt ihrer eigenen Zerstörung ist, wenn es eine Superintelligenz mit eigenem Willen schafft“, machen die Ängste in Filmen und Serien noch realistischer und furchteinflößender.

Einige der beliebtesten Werke der Science-Fiction heutzutage nehmen die Wissenschaftler der echten Welt als Grundlage und führen diese bis zu einem möglichen Ausgang weiter, was zeigt, dass sie einen direkten Einfluss auf unser Leben haben kann und nicht nur auf globale und intergalaktische Ereignisse in ferner Zukunft. Geschichten über die nahe Zukunft haben deutlich zugenommen, da sie beim Publikum und bei Filmemachern gleichermaßen beliebt sind. Sie bieten Raum für Diskussionen über die Auswirkungen von glaubwürdigen Veränderungen wie dem Betriebssystem mit künstlicher Intelligenz Samantha (gesprochen von Scarlett Johansson) im Film Her oder den Kontaktlinsen, die durch Gedanken gesteuert sind, die in verschiedenen Formen in Folgen von Charlie Brookers Black Mirror vorkommen.

Diese Fiktion in der nahen Zukunft bietet vorhersehende Alternativen zu anderer Science-Fiction, die in ferner Zukunft spielt. Man denke nur an die beängstigende Bedeutsamkeit von ‚The Handmaid’s Tale‘ (zu deutsch: ‚Der Report der Magd‘). Der Roman von Margaret Atwood wurde für das Fernsehen verfilmt und wird Ende April ausgestrahlt. Es spielt in einer getrenntgeschlechtlichen, theokratischen Republik, die auf Wohlstand und Klasse fixiert ist. Frauen werden nach ihrer Fähigkeit, zu gebären bewertet, in einer nahen Zukunft, in der Umweltkatastrophen und zahllose Geschlechtskrankheiten die Mehrheit der Bevölkerung unfruchtbar gemacht haben.

Inmitten von wachsender Angst vor religiösem Konservatismus in Amerika im Trump-Zeitalter bemerkt Samira Wiley, einer der Stars der neuen Verfilmung, dass es “uns die Atmosphäre zeigt, in der wir leben und besonders in Bezug auf Frauen und ihre Körper und wer darüber die Kontrolle hat“.

Die alternativen Welten und ausgedachte Zukunft von Science-Fiction, egal ob schrecklich oder utopisch, zwingt das Publikum, seine eigene Realität zu betrachten und zu bedenken, wie Veränderungen unserer Gesellschaften, Technologien und sogar unserer eigenen Körper aussehen und unsere eigene Zukunft direkt beeinflussen könnten. Ob sie eine positive oder negative Zukunft zeigt, Science-Fiction zielt auf eine Reaktion und betont Themen, die jeden einzelnen betreffen – nicht nur Wissenschaftler und Regierungen.

Vergangenheitsschock

In gewisser Wiese hat die Science-Fiction uns eingeholt. Die Idee, dass wir Androide als Diener oder eine persönliche Beziehung zu unseren Computern haben, hat sich durch den persönlichen Assistenten Siri von Apple herausgestellt. Die Forschung von selbstheilenden Implantaten hat die Aussicht eröffnet, dass unsere Körper übermenschliche Fähigkeiten annehmen.

Die Zukunft ist nicht so weit hergeholt, wie sie es einmal war – und oft fühlen sich Zukunftsszenarien, die wir auf den Bildschirmen sehen, so an, als müssten sie bereits da sein oder als seien sie bereits da, obwohl sie es nicht sind. Wir wechseln womöglich von einem „Zukunftsschock“, wie es der Futurologe Alvin Toffer nennt, zu einer Art „Vergangenheitsschock“.

Toffler definiert den Zukunftsschock als “zu viel Veränderung in einem zu kurzen Zeitraum“ – ein überwältigender psychologischer Zustand, der sowohl Gesellschaften als auch Individuen betrifft, die mit der Geschwindigkeit von technologischen Veränderungen, die scheinbar stetig die Auffassungen von sich selbst und der Gesellschaft verändern, nicht mithalten oder diese nicht verstehen können. Wir betreten nun aber möglicherweise ein Zeitalter des ‚Vergangenheitsschocks‘, in dem wir uns technologische Veränderungen vorstellen und diese akzeptieren können, bevor sie entwickelt oder gar patentiert wurden. Der Schock besteht nicht mehr aufgrund der Geschwindigkeit des technologischen Wandels, sondern eher aufgrund der scheinbaren Verlangsamung, da Wissenschaftler nicht mit unseren vorgestellten Zukunftsszenarien mithalten können. Wenn die Grenze zwischen der realen Welt und Science-Fiction schwammiger wird, fühlt sich die Zukunft näher an als je zuvor.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


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Privatsphäre nicht nur für Donald Trump

Video (adapted) (Image by endus3r [CC0 Public Domain] via pixabay)

US-Präsident Donald Trump beschuldigt seine demokratischen Widersacher, ihn während des Wahlkampfs abgehört zu haben. Damit reiht er sich in die Reihe von Politikern ein, die rechtswidrige Überwachung nur dann als Problem anerkennen, wenn sie selbst betroffen sind. Dabei hilft gegen derartige Bespitzelung nur eines: eine Gesellschaft, in der es nicht an der Tagesordnung ist, Menschen ohne den Nachweis eines konkreten Verdachts zu überwachen.

Überwachung auf Watergate-Niveau?

Donald Trumps Twitter-Account ist berüchtigt für spektakuläre Angriffe, Ausfälle und Rants. Anfang März erhob Trump auf dem Kurznachrichtendienst einen Vorwurf gegen die Vorgängerregierung unter Barack Obama, der für Aufsehen (nicht nur) bei Datenschützern sorgte: Obama, so Trump, habe sein Team und ihn während des Wahlkampfs abgehört. Trump verglich die Geschehnisse sogar mit dem Watergate-Skandal in den 1970er Jahren, der durch massiven Machtmissbrauch des damaligen Präsidenten Richard Nixon und unter anderem das Abhören von Journalisten gekennzeichnet war.

Einen Beweis für seine Vorwürfe blieb Trump bislang schuldig. So ist schwer zu sagen, ob es sich um die Wahrheit oder eher um eine der für Trump typischen „postfaktischen“ Aussagen – also Halbwahrheiten, Übertreibungen oder schlichte Lügen – handelt. Kritiker haben zurecht angemerkt, dass angesichts der vermeintlichen Schwere der Vergehen – der Watergate-Skandal, mit dem Trump den Vorfall vergleicht, führte immerhin zum Rücktritt der damaligen US-Regierung – bislang sehr wenig Taten gefolgt sind, was die Glaubwürdigkeit der Vorwürfe nicht gerade erhöht. Der bloße Vorwurf und die Diskussion darum allerdings sind in gewisser Hinsicht schon interessant.

Mit zweierlei Maß gemessen

Wie viele Politikerinnen und Politiker vor ihm scheint Trump der Ansicht zu sein, dass Überwachung nur dann ein Problem darstellt, wenn sie die Mächtigen selbst betrifft. Den Deutschen ist diese Argumentation wohl am besten vertraut von Angela Merkel, deren abgehörtes Mobiltelefon der einzige Teil des NSA-Skandals zu sein schien, der die Bundesregierung und auch Teile der deutschen Presse wirklich zu interessieren schien. Aber auch im Umfeld anderer Hacking- und Überwachungsvorfälle waren es stets die Angriffe gegen Politikerinnen und Politiker, insbesondere Regierungsangehörige, die als Skandal dargestellt wurden, während die Überwachung anderer Bürgerinnen und Bürger oftmals bagatellisiert wurde.

Nun ist das vermeintliche Opfer also Donald Trump. Nur geht es ihm, selbst wenn an seinen Vorwürfen etwas Wahres ist, nicht anders als einer Vielzahl anderer Menschen in den USA und andernorts, die anlasslos oder mit fadenscheinigen Begründungen zum Ziel der NSA wurden und deren Telekommunikation überwacht und bespitzelt wurde.

Grundrechte müssen uns alle schützen

Ob Donald Trump im Recht damit ist, der Obama-Regierung illegale Überwachung vorzuwerfen, muss sich noch herausstellen. Zweifellos ist er im Recht damit, zu fordern, dass sein Team und er nicht in dieser Weise überwacht werden. Um das zu gewährleisten, gibt es allerdings – wie auch NSA-Whistleblower Edward Snowden bemerkt – nur einen überzeugenden Weg: es muss eine Gesellschaft geschaffen werden, in der die Privatsphäre aller Menschen ebenso respektiert wird wie ihre sonstigen Grundrechte und in der die Geheimdienste nicht im Verborgenen, beinahe unkontrolliert und ohne Rechenschaft abzulegen, agieren können.

Wenn Donald Trump will, dass wir das hier ernst nehmen, muss er das Problem beheben, dass die Kommunikation von jedem Menschen in Amerika aktuell gesammelt wird, ohne Richterbeschluss, und in einen großen Eimer kommt und die Menschen nur durch sehr lasche interne Vorschriften geschützt sind, die einfach nicht ausreichen,“ erklärte Snowden zu diesem Thema, „Das Problem ist nicht ‚Oh, armer Donald Trump.‘ Sie sind der Präsident. Sie sollten Fragen stellen wie, ‚Warum war das überhaupt möglich?‘ und ‚Warum habe ich es nicht behoben?'“

Der Whistleblower trifft den Nagel auf den Kopf: Politiker, die ihre eigene Kommunikation schützen wollen, müssen das Problem grundsätzlich angehen. Ein teures Krypto-Handy – das wahrscheinlich die Mehrheit der Politikerinnen und Politiker angesichts ihrer bisherigen Kompetenz in diesen Dingen nicht oder falsch nutzen würde – ist keine Lösung. Die einzige Lösung, die uns langfristig weiter bringt, ist eine Gesellschaft, in der die Grundrechte weitaus effektiver als bisher geschützt werden. Wenn ausgerechnet Donald Trump diese Gesellschaft voran brächte, wäre dies zwar angesichts seines autoritären Verhaltens zutiefst ironisch, doch wäre es eine Ironie, aus der immerhin etwas Gutes erwächst. Wer weiß – in der Geschichte sind schon merkwürdigere Dinge geschehen.


Image (adapted) „Video“ by endus3r (CC0 Public Domain)


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Apple, China und die New York Times: Geld über Prinzipien

not-found (Image by xiaoxinghai [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Apple hat die New-York-Times-App aus dem chinesischen AppStore entfernt, da sie angeblich dortigen Vorschriften widerspricht. Vorangegangen war eine Kontroverse um einen Artikel über Ex-Staatschef Wen Jiaobao. Der Spagat zwischen den Werten der Führungsspitze und den Gesetzen und Normen der bedienten Länder ist für internationale Konzerne oft schwierig. Apples Einlenken geht jedoch zu weit – und zeigt damit klar, welchen wirtschaftlichen und politischen Druck China ausüben kann.

China lässt New-York-Times-App entfernen

Wie viele populäre Publikationen bietet auch die New York Times Nutzerinnen und Nutzern von Mobilgeräten eine eigene App an. Unter anderem gibt es diese für Geräte mit Apples Betriebssystem iOS, namentlich das iPhone und iPad. Chinesische Apple-Nutzer allerdings können auf die App seit Kurzem nicht mehr zugreifen. Apple hat sie nämlich auf Aufforderung der chinesischen Regierung aus dem AppStore, über den Software heruntergeladen werden kann, entfernt. Davon war sowohl die englischsprachige als auch die ins Chinesische übersetzte Version der App betroffen. Dieser Schritt erfolgte bereits am 23. Dezember 2016. Die Hintergründe waren jedoch lange unklar.

Apples chinesische Pressesprecherin Carolyn Wu erklärte auf Nachfrage, die App verstoße gegen lokale Vorschriften und habe deswegen aus dem AppStore entfernt werden müssen. Welche Vorschriften die App genau verletzt, erläuterte Wu allerdings nicht. Ebenso wenig äußerte sie sich dazu, wie die chinesische Regierung an Apple herangetreten ist. Die New York Times bat Apple nach eigenen Angaben darum, die App auch in China wieder freizugeben, blieb damit allerdings bislang erfolglos.

Verbotene Informationen

China ist dafür bekannt, umfassend das Internet zu zensieren. Umgangssprachlich werden die extremen Zensurmaßnahmen auch ‚Great Firewall of China‘ genannt. Auch die Website der New York Times unterliegt schon lange dieser Zensur. Sie ist für chinesische Nutzerinnen und Nutzer bereits seit 2012 blockiert. Damals hatte die Zeitung einen Artikel veröffentlicht, der kritisch die Vermögensverhältnisse von Chinas Ex-Staatschef Wen Jiabao und dessen Familie durchleuchtete.

Seit der Blockierung der NYT-Website durch die Regierung griffen immer mehr Chinesinnen und Chinesen zur App der Zeitung, um die Artikel trotzdem lesen zu können. Die allermeisten Menschen in China besitzen ein Smartphone. Dieser Strategie, die behördliche Zensur zu umgehen, wollte die chinesische Regierung nun mit der Entfernung der NYT-App wohl einen Riegel vorschieben. Nach chinesischem Recht dürfen Apps keine „verbotenen Informationen oder Inhalte publizieren oder analysieren“. Verbotene Inhalte sind unter anderem solche, die beispielsweise „die nationale Sicherheit gefährden, die gesellschaftliche Ordnung stören und die legitimen Rechte und Interessen anderer Menschen verletzen.“denn auch

Allerdings ist die Zensur der App nur effektiv gegen diejenigen, die sich erst jetzt für die Zeitung zu interessieren beginnen, ein neues Mobilgerät gekauft beziehungsweise ihr altes zurückgesetzt oder ein neues Benutzerkonto bei Apple angelegt haben. Wer die App nämlich bereits heruntergeladen hat, kann sie weiterhin nutzen. Lediglich downloaden lässt sie sich nicht mehr.

Die Macht Chinas und die Profitgier Apples

Auch internationale Unternehmen, die Inhalte im Internet anbieten, können nicht losgelöst von nationalen Gesetzen agieren. So viel steht fest. So zeigt beispielsweise Googles Transparenzbericht, dass immer wieder Inhalte aus den Suchergebnissen deutscher Nutzer entfernt werden, die gegen die vergleichsweise strenge deutsche Gesetzgebung zur Volksverhetzung verstoßen. Innerhalb gewisser, sinnvoller Grenzen hat diese Vorgehensweise ja auch ihre guten Seiten – schließlich soll das Internet, um einmal eine beliebte Phrase der Konservativen zu zitieren, die hier ausnahmsweise zutrifft, ja kein rechtsfreier Raum sein.

Im Falle Chinas allerdings bezweifelt wohl kaum jemand, dass die Regierung autoritär und die Zensur von Internet-Inhalten rigoros sind. Apples Einlenken dürfte also weder politisch noch ethisch, sondern vielmehr rein wirtschaftlich motiviert sein. Immerhin ist China – trotz zunehmender Konkurrenz von chinesischen Anbietern – Apples drittstärkster Absatzmarkt. Diesen will der Elektronik-Gigant aus dem kalifornischen Cupertino offensichtlich nicht durch das Beharren auf politischen Werten gefährden.

So bleibt ein negativer Beigeschmack bei der Betrachtung dieses Falles. Apple kann sich an anderer Stelle noch so als Hüter von Freiheit und Bürgerrechten zu präsentieren versuchen – letztendlich werden diese anscheinend dem Profit komplett untergeordnet. Das muss auf lange Sicht keine sinnvolle Geschäftsstrategie sein, denn auch die Verteidigung solcher Werte kann durch erhöhtes Vertrauen der Nutzer in die Marke langfristig bares Geld bringen – ist aber kurzfristig bestimmt der einfachere und profitablere Weg.

Neben den mangelnden Prinzipien Apples wird durch die Vorgänge rund um die NYT-App auch wieder einmal offen gelegt, welchen enormen wirtschaftlichen Druck China ausüben kann. Es ist schließlich kein Zufall, dass nicht nur Apple, sondern auch zahlreiche andere wirtschaftliche Akteure – nicht zuletzt die deutsche Bundesregierung – vor der Wirtschaftsmacht Chinas immer wieder einknicken. Und das ist angesichts des Verhältnisses der chinesischen Regierung zu den Menschenrechten eine ausgesprochen beunruhigende Erkenntnis.


Image „not-found“ by xiaoxinghai (CC0 Public Domain)


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Top-Manager und die dunklen Hinterzimmer der Macht

Secret (adapted) (Image by Sebastiano Terreni [CC BY 2.0] via Flickr)

Die großen Konzerne in Deutschland sind nach Auffassung des FDP-Politikers und früheren Top-Managers Thomas Sattelberger selbstherrliche Parallelgesellschaften: „Und innerhalb der großen Konzerne sind Leitungsgremien noch mal eigene Parallelwelten, die umgeben sind von einem Hofstaat ähnlich wie bei Ludwig XIV. Das ist aber ein Spiegelbild der Gesellschaft.“ Die Folgen dieser abgeschotteten Machtblöcke kann man bei VW wie in einem Brennglas beobachten. „Ein altes System versucht verzweifelt, alte Macht und alte Technologie zu verteidigen – zuerst in Grauzonen und dann illegal“, kritisiert er weiter.

Aggressive Konzernziele

Generell setzen sich diese Organisationen extreme ökonomische Marktziele mit aberwitzigen Renditeerwartungen. Und das gilt nicht nur für VW. Diese aggressiven Ziele sind häufig mit nicht-innovativen Strukturen gekoppelt und einem strengen Regime des Gehorsams. Wer nicht spurt, wird bestraft. „Da hocken dann die verängstigten oberen und mittleren Manager sowie Vorstände in ihren Büros und stellen sich die Frage, wer als Nächstes geköpft wird. Ihre gesamte Welt ist die Konzernwelt. Sie sind mit ihrer Rolle total verschmolzen, die sogar bis zum Suizid führt“, erläutert Sattelberger im ichsagmal.com-Sommerinterview.

Der entrückte Wolfsburger Kosmos

Wer sich die jüngsten Kommunikationsdesaster von VW anschaut, erkennt schnell, wie entrückt Wolfsburg von der realen Welt ist. Es ist der anmaßende Glaube, dass nichts schief gehen kann. Das war nach Meinung von Sattelberger auch lange Zeit so:

„Der Lopez-Skandal ging durch, der Skandal mit dem bezahlten niedersächsischen SPD-Bundestagsabgeordneten ging durch, die 13.000 Euro von Kanzler Schröder für den Wiener Opernball gingen durch, die Brasilien-Exkursion von Peter Hartz ging durch. Piech wurde dadurch nicht beschädigt. Der Druck auf Kunden und Partner, den VfL Wolfsburg zu sponsern, ging durch. Das ist ein System der Omnipotenz.“

Da werde despotisch durchregiert und der Vorstandschef bekommt nur das zu hören, was er hören will. Vonnöten wären Checks and Balances, um diesem Treiben ein Ende zu bereiten. Also ein Regelwerk, das es unfähigen und machtbesessenen Managern sowie Unternehmern erschwert, allzu großen Schaden anzurichten. Die Mütter und Väter des Grundgesetzes haben das für die Politik sehr gut hinbekommen.

Die Täter des alten Systems können nicht sanieren

Für die Wirtschaft gilt das nicht. Die Machtsysteme von Konzernen und großen mittelständischen Unternehmen benötigen Störungen. VW hingegen holt die Täter des alten Systems an die Macht, um die Sünden der Vergangenheit zu bewältigen. Das könne nicht gutgehen, moniert Sattelberger und findet sich in guter Gesellschaft. So spricht der US-Staatsanwalt Eric Schneiderman in seiner Anklageschrift gegen VW von einer reuelosen Firmenkultur, die zu dem systematischen Abgasbetrug geführt habe. Mitten im Zentrum der Vorwürfe steht nicht nur der abgelöste VW-Boss Winterkorn, sondern auch sein Nachfolger Matthias Müller. Als Chef des Audi-Produktmanagements wird ihm vorgeworfen, schon 2006 von der unzureichenden Abgasbehandlung gewusst zu haben. „Man darf nicht den Bock zum Gärtner machen“, moniert Sattelberger und fordert härtere Corporate Governance-Regeln, die in der angelsächsischen Welt schon vor Jahrzehnten öffentlich debattiert und eingeführt worden sind.

Aufsichtsrat ohne Aufsicht

Auch in Skandinavien gibt es gute Modelle. So wird der Nominierungsausschuss für Vorstandsposten nicht vom Aufsichtsrat gebildet, sondern von der Hauptversammlung bestimmt. Wer sich hingegen Aufsichtsräte wie bei VW näher anschaut, weiß, warum es keine richtige Aufsicht gibt. „Da sitzen die Familienmitglieder Piech und Porsche, da sitzen zwei ruhige Vertreter aus Katar, da sitzt eine Bankerin aus der befreundeten Wallenberg-Familie, das Land Niedersachsen und die wohlgestimmte Arbeitnehmerseite. Wir alle wissen, was da passiert. Das ist eine Konstruktion, um als Arbeitsbeschäftigungsmaschine für Niedersachsen zu dienen“, führt Sattelberger aus. Von wirklicher Kontrolle könne da nicht gesprochen werden.

Habitus statt Qualifikation

Nominierungen für Vorstandsposten würden leider im Verborgenen laufen. Die Entscheidung der Telekom, ihn als Personalvorstand an Bord zu holen, sei klandestin auf einem Schloss in der Nähe von Berlin abgelaufen. Oben zähle nur noch der Eindruck im Gespräch. Habitus sei dabei wichtiger als die Qualifikation. „Das ist nur ein kleines Referenzsystem. Unterhalb der Top-Etage sieht das anders aus. Da kommt eine ausgefeilte und sehr valide psychologische Eignungsdiagnostik zum Einsatz“, weiß Sattelberger. Würde man dieses Verfahren auch bei Top-Managern als Hürde setzen, könnte man schnell erkennen, das viele von denen einen Schatten in der Birne haben – neurotisch, aggressiv, machiavellistisch und teilweise auch psychopathisch. „In einer guten Eignungsdiagnostik kommt man an solche Themen ran. Aber oben wird die nicht mehr angewandt. Das wissenschaftliche Auswahlverfahren gibt es für das gemeine Volk. An der Unternehmensspitze zählt nur noch der Habitus“, so Sattelberger. Um das zu ändern, fordert er eine Corporate Governance, die ein strengeres Regelwerk erstellt und Fehlverhalten sanktioniert. Man brauche Störenfriede im Vorstand und eine Graswurzelbewegung im Unternehmen. Es müsse eine Personalfunktion geben, die souveräner agiert. Sattelberger fordert eine konsistente kritische Medienbranche als Kompass für gutes Unternehmertum und gutes Management. Fehlentwicklungen und Korruption müssten kontinuierlich angeprangert werden. Zudem brauche man analog zu Politikern eine ManagerWatch-Plattform und eine digitale APO, um den zivilgesellschaftlichen Druck zu erhöhen. Das Notiz-Amt ist gespannt, ob sich der Neu-Politiker mit seinen Forderungen durchsetzt.


Image (adapted) „Secret“ by Sebastiano Terreni (CC BY 2.0) 

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Sechs Beispiele, wie Twitter die Welt verändert hat

Multiple Tweets Plain (adapted) (Image by mkhmarketing [CC BY 2.0] via Flickr)

Nach 10 Jahren des Dokumentierens der Welt in 140 Zeichen, hat Twitter heute mehr als 300 Millionen aktive Nutzer. Das mögen zwar weit weniger als die 1.5 Milliarden von Facebook sein, aber dafür hat Twitter einen unverhältnismäßig großen Einfluss auf die Welt, zum Teil, weil es eine beträchtliche Anzahl an Politikern, Journalisten und Prominenten anzieht. Unsere Expertengruppe erklärt, wie sich ihre Branchen durch einen kleinen blauen Vogel verändert haben.

Politik

Sharon Coen, Dozent für Medienpsychologie, Universität Salford

Es ist offensichtlich, dass Twitter dazu genutzt wurde, das Bewusstsein für politische Themen zu erhöhen, politische Botschaften zu verbreiten und kollektive Maßnahmen zu koordinieren. Dies wurde oft durch spezifische Kampagnen erreicht, wie beispielsweise #blacklivesmatter (Protest gegen Gewalt gegen Schwarze) und #JezWeCan (Werbung für die Kandidatur des britischen Labour-Partei-Chef Jeremy Corbyn).

 

Twitter wurde jedoch auch als Maß der öffentlichen Meinung genommen, was jedoch oft ein fehlgeleitetes Gefühl von Konsens erzeugte oder davon, wie viele Menschen eine bestimmte Meinung zu einem Thema haben (die sogenanten Twitter-Storms). Das liegt daran, dass Menschen mit ähnlichen Ansichten dazu neigen, sich zu verbinden und so seltener auf andere Themen und Meinungen stoßen. Hinzu kommt, dass Twitter Politikern geholfen hat, sie mit personifizierten Profilen, ähnlich denen von Berühmtheiten, als Prominente darzustellen, nicht als jemand, der im öffentlichen Dienst steht.

Wissenschaft

Philip James, Dozent für geografische Informationssysteme, Universität Newcastle

Twitter-Daten eröffnen Wissenschaftlern neue Horizonte. Zum einen als reiche Datenquelle an sich und auch als Möglichkeit, Informationen aus der Öffentlichkeit zu sammeln. Dies hat den zusätzlichen Vorteil, dass ihr Bewusstsein für und die direkte Teilnahme an der Wissenschaft erhöht wird. Die Datenerfassung über Twitter kann passiv (Erfassung von Tweets, die bereits veröffentlicht sind) oder aktiv (Menschen bitten, an einem Projekt teilzunehmen und Informationen einzusenden) erfolgen.

Für ein Projekt zur Simulierung von Hochwasser in Städten baten wir zum Beispiel Menschen, Informationen zu Überschwemmungen in ihrer Nähe zu twittern, um uns dabei zu helfen, das Szenario so genau wie möglich zu simulieren. Da diese Daten über einen konstanten Zeitraum erstellt wurden, konnten wir das Modell alle paar Minuten aktualisieren. Für ein anderes Projekt sammelten wir lokale Tweets aus dem ganzen Nordosten Englands und verwendeten einen Algorithmus, der sich an die Karte anpassen konnte, um die wahrscheinlichsten Routen, die Twitter-Nutzer zwischen zwei Standorten nahmen, zu berechnen. Wir verwendeten diese Daten zur Simulation, wie sich Änderungen an der Infrastruktur, wie beispielsweise Straßensperrungen, auf die Verkehrsströme auswirken würden.

Gewerbe

Aleksej Heinze, Dozent für digitale Wirtschaft, Universität Salford

Twitter hat eine Zwei-Weg-Kommunikation zwischen Unternehmen und deren Kunden eröffnet. Auf der einen Seite wird es Kunden vereinfacht, sich über ein Unternehmen zu beschweren – und das zudem öffentlich. Aber auch Unternehmen können viel schneller und einfacher darauf reagieren und so möglicherweise ein Problem beheben. Außerdem spart es dadurch möglicherweise Kosten für den Kundenservice ein.

Xbox stellte so im Jahr 2010 beispielsweise einen Guiness-Weltrekord als Marke mit “der besten Reaktionsquote bei Twitter” auf, nachdem mehr als 5.000 Anfragen pro Tag beantwortet wurden. Dies schafft einen wichtigen Indikator dafür, dass sich ein Unternehmen um seine Kunden kümmert und steigert damit das Vertrauen in die Marke. Andererseits können hohe Erwartungen auch zu Enttäuschungen führen.

 

Twitter schafft für Unternehmen auch eine Möglichkeit der Marktforschung, indem ermittelt werden kann, worüber Kunden reden, wie ihre Resonanz ist und was ihnen an den Produkten und Dienstleistungen wichtig ist. Es bietet den Firmen zudem den Service, dass treue Kunden für sie Marketing betreiben; online die Marke verteidigen, schützen und sie anderen potentziellen Käufern empfehlen. Im Falle eines Mobilfunknetzausfalls konnte sich ein Netzbetreiber mit den Kunden per Twitter auseinandersetzen und das negative Ereignis für die Marke in etwas Positives umwandeln.

Journalismus

Richard Jones, Lektor für Journalismus und Medien, Universität Huddersfield

Nachrichtenredaktionen wurden lange von Kabeln dominiert. Viele Journalisten sitzen hinter ihren Monitoren, während ihre Augen über die neuesten Kurzmeldungen in den Ecken ihrer Bildschirme fliegen. Twitter änderte das, zumindest ein wenig. Der Informationsfluss rund um die Welt wird nicht mehr nur von den Associated Press oder Reuters dominiert – es wird auch getwittert. Twitter hat mehr als 300 Millionen Nutzer und jedes Mal wenn eine Geschichte auftaucht, ist jemand da, um sie zu posten, was beinahe sofort geteilt wird. So kam zum Beispiel der erste Bericht über die Razzia, die Osama bin Laden in Pakistan tötete, nicht von einer offiziellen Quelle, sondern von einem lokalen IT-Berater.

 

Journalisten, die sich brüsten, einen Lügner enttarnen zu können, mussten feststellen, dass dies online viel schwerer ist. Zur Übertreibung neigende Berichte und Hoaxes sind häufiger und leicht zugänglich. Informationen aus sozialen Medien zu filtern und zu verifizieren ist etwas, das Jornalisten – und der Öffentlichkeit – schwer fällt. Der tragische Fall von Sunil Tripathi, der 2013 zu Unrecht mit den Anschlägen in Boston in Verbindung gebracht wurde, ist nur eines vieler Beispiele.

 

Beziehungen

Deborah Chambers, Professorin für Medien- und Kulturwissenschaft, Universität Newcastle

Alle Social-Media-Plattformen wurden entwickelt, um eine Kultur der Preisgabe von persönlichen Daten zu fördern. Twitter ist jedoch im Gegensatz zu anderen Seiten, wie beispielsweise Facebook, anders, weil die meisten seiner Nachrichten öffentlich sind und jeder jedem folgen kann, ohne dass man dieser Person ebenfalls folgt und (in der Regel) ohne jegliche Art der Zusatimmung. Das hat eine neue Möglichkeit des Cyberstalkings geschaffen, die es Nutzern erlaubt, persönliche Informationen über private und berufliche Netzwerke hinaus zu sammeln.

Der hochöffentliche Raum von Twitter hat zur Folge, dass sich Nutzer auf dieselbe Weise wie in einer konventionellen Beziehung öffnen, was wiederum eine Offenlegung von sehr persönlichen Aspekten der Identität, des Alltages, der Kompetenzen und Wünsche beinhaltet. Nutzer entwickeln verschiendene Wege, um ihre Privatsphäre zu schützen, beispielsweies durch codierte und mehrdeutige Sprache. Jedoch hat Twitter eine ganz neue Kultur der Konnektivität erschaffen, die auf dem Prinzip des öffentlichen Teilens von persönlichen Gefühlen basiert. Indem Intimität gezwungenermaßen öffentlich gemacht wird, werden persönliche Beziehungen zu einem Konzept des öffentlichen Auftritts.

Prominenten-Kultur

Kirsty Fairclough-Isaacs, Dozent für Medien und Performance, Universität Salford

Twitter hat die Promi-Kultur bis zur Unkenntlichkeit verändert. Vereinfacht gesehen sind wir nun in der Lage, dem Alltag berühmter Personen zu folgen und, was für viele Fans noch wichtiger ist, ohne strikte Kontrolle durch Managements direkt mit ihnen zu kommunizieren. Das bedeutet, dass sich das Image von Prominenten inzwischen weniger durch einen festen Charakter auszeichnet, als durch dauerhaften Wandel und eine Performance, an der das Publikum aktiv teilnehmen kann.

 

Prominente müssen ständig das Bild einer intimen, authentischen und zugänglichen Person zeigen. In einigen Fällen bedeutet das wirklich, seine wahren Gedanken offenbaren zu können, was zuvor nicht möglich war. Für andere Prominente bedeutet es jedoch das Erstellen eines Produkts, welches speziell für den öffentlichen Gebrauch konzipiert ist, welches so streng verwaltet ist wie ein Fotoshoot für ein Magazin. Diese unscharfe Grenze zwischen Bild und Realität hat den Weg freigemacht für eine neue Art der Promi-Werbung.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


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Die Basta-Methoden von Yahoo-Chefin Mayer

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Heroische und herrische Führungskräfte im Niedergang – Yahoo-Chefin Marissa Mayer wurde vom Handelsblatt zur Absteigerin des Jahres gekürt. Das hat sie sich redlich verdient. Vor drei Jahren ist die ehemalige Google-Managerin regelrecht als Heilsbringerin gefeiert worden. Sie kam, sah – und verlor: Mayer sei es nicht gelungen, den strauchelnden Konzern aus dem kalifornischen Sunnyvale wieder auf Kurs zu bringen. Am aktuellen Desaster trägt sie Mitschuld.

“Mit ihrem machtbewussten und egozentrischen Auftreten verprellte sie Mitarbeiter und verlor wichtige Mitarbeiter aus der Führungsriege”, schreibt das Handelsblatt. Da halfen dann auch halbherzige oder wenig strategisch geplante Übernahmen von Tumblr und Co. nicht weiter. Bleibt als Hoffnung die steuerfreie Veräußerung der Anteile am chinesischen Amazon-Konkurrenten Alibaba. Was für eine unternehmerische Leistung.

Machteliten-Hacking durch Abstimmung mit den Füßen

Das Notiz-Amt hat das beim Amtsantritt von Mayer bereits vorausgesehen. Etwa die Tabula rasa-Methode bei der Abschaffung der Arbeitsmöglichkeit in den eigenen vier Wänden.

Mit Zwang erreicht man eher das Gegenteil. Es gibt sicherlich Mitarbeiter, die die Trennung von Privat- und Geschäftsleben schätzen. Es gibt aber auch Mitarbeiter, die Mischformen favorisieren und sicherlich wird es auch Angestellte bei Yahoo geben, die nur deshalb bei diesem Unternehmen sind, weil sie zu Hause arbeiten können. Die radikale Entscheidung von Mayer kann die Vertrauensbasis zerstören, prognostizierte der Harvey Nash-Personalexperte Maximilian Nobis im ichsagmal.com-Interview.

In einer Zeit mit Fachkräftemangel gehe das zu Lasten der Motivation und führt zu einer Abwanderung von Talenten. Das ist ja dann eingetreten. Machteliten-Hacking durch Abstimmung mit den Füßen.

“Yahoo ist ein Technologiekonzern und lebt von guten Arbeitskräften. Der Belegschaft so eine Maßnahme per E-Mail mitzuteilen ist kein guter Stil. Es ist wohl der verzweifelte Versuch von Mayer, ihren angeschlagenen Konzern wachzurütteln”, betont Nobis.

Hoher Preis für Hauruck-Management

Für diese Hauruck-Maßnahme musste Mayer zudem einen hohen Preis zahlen. Mitarbeit wieder in den Heimathafen der Konzernzentrale zurückzuholen, ist mit hohen Investitionen verbunden. Eine fröhliche Campus-Kultur, die Mayer bei Google kennengelernt hat, konnte sie mit der Devise “Ich möchte Dich in Deinem Büro arbeiten sehen” schon gar nicht realisieren.

Mayer hätte smarter vorgehen können: Es gibt verschiedenste Formen bei den Arbeitszeiten: Vertrauensarbeitszeit, Kernzeiten, Kombination von Präsenztagen im Büro und Möglichkeiten für das Arbeiten zu Hause sowie Coworking-Spaces. “Da hat sich eine Menge getan – auch bei den technologischen Möglichkeiten, an fast jedem Ort der Welt arbeiten zu können. Einen Rückfall in alte 9 to 5-Zeiten wird es nicht geben”, hofft Nobis.

Zentralistisch geprägte Organisationen passen nicht mehr in eine Landschaft, die von Vernetzung und Mobilität geprägt ist. Es fällt zunehmend schwerer, die besten Talente an einem Ort zu gewinnen. Die Rekrutierung von Mitarbeitern muss sich mit Verlegenheitslösungen über Wasser halten. Mitarbeiter stehen in Großraum-Büros unter einem enormen Leistungsdruck und reagieren häufig mit Ellbogen-Mentalität gegenüber Kollegen. Die Teamarbeit und der Wissensaustausch bleiben auf der Strecke – auch wenn in der Öffentlichkeit das Gegenteil behauptet wird.

Netzökonomie entlarvt rüde Führungskräfte

Mit dem Niedergang von rüden Führungskräften wie Mayer, Winterkorn und Co. wird deutlich: Heroischen und herrischen Unternehmensführern geht es so langsam an den Kragen. “Das heroische Unternehmen ist auf Hierarchie angewiesen, denn Helden können nur oben stehen”, so der Soziologe Dirk Baecker.

Das funktioniert wunderbar in stabilen Umwelten der Massenproduktions-Ära. In der Netzökonomie werden diese hierarchischen Top-Manager auffällig und als störende Verzerrer wahrgenommen.


Image “Daumen” by geralt  (CC0 Public Domain).


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5 Lesetipps für den 31. Oktober

In unseren Lesetipps geht gleich zweimal um Überwachung, Meinung im Journalismus und wie Facebook diesen verändert, sowie Macht durch Digitalisierung. Ergänzungen erwünscht.

  • ÜBERWACHUNG NDR: Sascha Lobo und die Überwachung im Netz: Am Mittwochabend hat Sascha Lobo in Hannover über das Netz und die digitale Kluft gesprochen. Zentrale Punkte der Rede waren die Überwachung im Internet und der Umgang mit Daten, auch im Anschluss ging es in der vom stellvetretenden c’t-Chefredakteur Jürgen Kuri moderierten Diskussion um die Überwachung. Der NDR hat die Rede und Debatte aufgezeichnet und veröffentlicht. Die über zwei Stunden lange Aufzeichnung lohnt sich anzuschauen, wenn sicher auch nicht heute Morgen, aber vielleicht am Wochenende, wenn nichts im Fernsehen, z.B. im NDR, läuft.

  • FACEBOOK Social Media Watchblog: Eine neue Ära von Journalismus auf Facebook?: „Facebook ist wie ein riesiger Hund. Du weißt nie genau, ob er einfach nur spielen oder Dich fressen will – am Ende leckt er Dich womöglich tot.“ So beschreibt David Carr in der New York Times in einem viel beachteten Artikel die Beziehung von Journalismus und Facebook und wird von Martin Giesler in einem lesenswerten Beitrag auf dem SocialMediaWatch-Blog zitiert, wo Giesler die Meldung kommentiert, dass Facebook bald selbst journalistische Inhalte anbieten könnte.

  • DIGITALISIERUNG The Huffington Post: Wem nützen digitale Technologien und Geschäftsmodelle?: In einem leider wenig beachteten Blogpost auf der deutschen Huffington Post (13 Shares, really?) hat Ayad Al-Ani vom „Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft“ geschrieben, dass es an der Zeit ist, bei der Bewertung der Digitalisierung, nicht nur auf technologische Aspekte zu achten, sondern auch die politischen und ökonomischen Dimensionen genauer zu untersuchen. Seiner Meinung nach haben sich nämlich nicht immer die effizientesten Technologien und Organisationsformen durchgesetzt, „sondern jene, die den politischen Machtverhältnissen am besten entsprachen (Might makes right!)“.

  • JOURNALISMUS The Conversation: Journalists need a point of view if they want to stay relevant: Zum US-Start des akademischen Journalismus-Blogs „The Conversation“ hat sich Jay Rosen Gedanken über die Haltung von Journalisten gemacht und ist zu dem Fazit gekommen, dass es in unserer komplexen Welt heutzutage nicht mehr ausreicht, nur die Gewinner und Verlierer einer Geschichte zu benennen, Strategien und Taktiken von beiden Seiten offenzulegen und dann sein Kürzel unter einen Artikel zu setzen. Journalisten müssen lernen einen Standpunkt einzunehmen und ihn zu begründen. Meiner Meinung nicht nur in den USA, auch hierzulande würde das unserer Gesellschaft gut tun.

  • MAUT Heise Online: Mehr Überwachung statt Mehreinnahmen?: Auf Heise.de hat Technology Review-Redakteur Gregor Hensel den aktuellen Maut-Vorschlag von Verkehrsminister Alexander Dobrindt kommentiert und sich neben dem Aspekt, dass die Verwaltungskosten des Projekts wohl gerade einmal durch die Einnahme gedeckt sind, es also finanziell gar nichts bringt, auf den Punkt der Datenerhebung konzentriert: „Surveillance by Design“, denn die (wieder einmal) massenhafte Erhebung von Daten zur Erhebung der Maut-Daten kann nach den Snowden-Leaks nicht mehr als sicher angesehen werden, egal wie sehr die Politik das beteuert.

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5 Lesetipps für den 23. Juni

In den Lesetipps geht es um Geld verdienen im Journalismus, das Leistungsschutzrecht, Google und Macht, White Space und Social Media-Fahndungen der Polizei. Ergänzungen erwünscht.

  • JOURNALISMUS Journalist: Srechen wir übers Geschäft: Wie freie Journalisten über die Runden kommen, beschäftigt auch die Medienwissenschaft. Zwei Studentinnen der Hochschule Darmstadt haben für ihre Bachelorarbeit acht von ihnen interviewt – und sind auf ganz unterschiedliche Geschäftsmodelle gestoßen. journalist ONLINE dokumentiert die Interviewsammlung.
  • LEISTUNGSSCHUTZRECHT Lummaland: Die Sache mit der vermeintlichen Umverteilung für Verlage und Springers Rolle: Der Netzpiloten-Kolumnist Nico Lumma kommentiert auf seinem Blog lesenswert die aktuellsten Entwicklung des Leistungsschutzrecht für Presseverlage, das letztes Jahr unter Protest von CDU/CSU und FDP beschlossen und dann mithilfe der SPD im Bundesrat durchgebracht wurde.
  • LIBERALISMUS FAZ: Eigentum ist Macht: In der FAZ am Sonntag veröffentlicht Chefredakteur Rainer Hank seine Dankesrede von der Verleihung der Haye-Medaille an ihn, in der er über Eigentum und Macht im klassischen Liberalismus diskutiert und vor diesem Hintergrund die Machtkonzentrationen von US-Internetunternehmen einordnet. Seine These über Google, Amazon & Co.: Private wirtschaftliche Macht wird es nie schaffen, sich zur reinen Willkür emporzuschwingen.
  • WHITE SPACE TechRepublic: White Space, the next internet disruption: Auf TechRepublic stellt Lyndsey Gilpin die Technologie White Space vor, mit der Zugang zum Internet in Lücken zwischen den TV-Kanälen ermöglicht wird, da diese Lücken zur Datenübertragung genutzt werden können. Damit sollen vor allem noch unterversorgte Regionen ans Internet angeschlossen werden, aber die Veränderungen könnten weitreichender sein.
  • SOZIALE NETZWERKE Golem.de: Sächsische Polizei will per Facebook fahnden: Niedersachsen hat es vorgemacht und die sächsische Polizei wird voraussichtlich nun auch auf Facebook nach Verbrechern fahnden. Das sächsische Innen- und das Justizministerium sowie die Gewerkschaft der Polizei stehen Überlegungen dazu positiv gegenüber, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur dpa ergab.

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Vom Recht auf Vergessenwerden profitieren die Mächtigen

Never Forget by 616 (adapted) (Image by MsSaraKelly [CC BY 2.0] via Flickr)

Zuerst verstanden viele, auch Medien, die Nachricht als eine gute: Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat befunden, dass Suchmaschinen den Nutzern bestimmte Dokumente nicht den Internetsuchern anzeigen dürfen, wenn dort benannte Personen dem widersprechen. Doch nach ein paar Tagen Nachdenken „kommt nun der Kater„, meint die „Zeit“. Die Nachwirkungen könnten einige Zeit anhalten.

Unter der Maxime des Datenschutzes schreibt das EuGH vor, dass Suchmaschinen nach Aufforderung mit Namen verbundene Suchergebnisse nicht mehr präsentieren dürfen, wenn die der betreffenden Person missfallen. Kommen die Suchmaschinen dem Veto nicht nach, ist Beschwerde beim Datenschützer möglich, anschließend der Gang vor die Gerichte.

Das Urteil hat eine Menge Konsequenzen, ist aber mit seinen schwammigen Formulierungen nicht zielweisend. So nimmt es Informationen für „ausschließlich journalistische Zwecke“ aus, definiert den Begriff aber nicht, obwohl Journalist keine geschützte Berufsbezeichnung ist und die Tätigkeit durch Bloggen und „YouTuben“ inzwischen wohl weitgehender zu interpretieren ist. Forschungsinteressen genießen keine akademischen Freiheiten. „Personen der Zeitgeschichte“ können sich auch nicht wehren, aber wer zählt zu diesem Kreis? Es ist nicht einmal definiert, was „inadäquate, irrelevante oder nicht länger relevante“ Informationen sein sollen, die dem Vergessen anheimfallen dürfen.

Wie soll ein Suchmaschinenbetreiber den Anforderungen nachkommen?

Die Frage ist schon, wie ein Suchmaschinenbetreiber den Anforderungen nachkommen soll. Der Einfachheit halber alle positiv bescheiden und Links entfernen? Gar keine Suche nach Namen erlauben? Wie Journalisten und Personen der Zeitgeschichte klassifizieren? In jedem Fall wäre eine Menge Informationen im Internet ohne bestimmte Namen nicht mehr oder nur noch sehr schwer zu finden. Für die große Masse der Nutzer wäre das Internet auf jeden Fall weit weniger frei. Nicht weniger schlimm ist, dass Datenkraken wie Google nun auch noch zu Zensurämtern werden.

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales fragt: „Wann wird ein europäisches Gericht verlangen, dass Wikipedia einen Artikel mit wahren Informationen zensiert, weil er einem Individuum nicht gefällt?

Die Frage ist auch, wer denn künftig sein „Recht auf Vergessenwerden“ durchsetzen wird. „Sünden“ der Vergangenheit möchte jeder tilgen, besonders gerne möchten das jene Personen, deren Karrieren durch ihre Taten von gestern einen Knick bekommen haben oder könnten. Mark Stephens, britischer Anwalt und Aufsichtsratsvorsitzender der University of East London, prophezeit im „Guardian“: „Die Individuen mit der Motivation und den Ressourcen, Beschwerden einzubringen, werden wahrscheinlich jene politischen und unternehmerischen Eliten sein, über die das öffentliche Interesse ungehinderte Suchergebnisse einfordern sollte.

Es geht nicht um Vergessen, Daten werden nicht gelöscht. Informationen werden nicht mehr zugänglich.

Sascha Lobo hat in seinem Blog auf „Spiegel Online“ festgestellt, dass dieses EuGH-Urteil nur an der Oberfläche von Datenschutz kratzt.

Die Probleme liegen auf einer übergeordneten Ebene und betreffen die gesamte digitale Sphäre, Digitalkonzerne, Geheimdienste, Staaten. Die Zusammenführung und Auswertung von persönlichen Daten, insbesondere Metadaten, sind ein neuer Machtfaktor von nie gekannter Tiefe… Ein substanzieller Fortschritt hin zu mehr Datensouveränität müsste sich auf diese den Nutzern verborgene Datenverarbeitung beziehen. Und nicht nur auf die Auffindbarkeit der Ergebnisse für die Öffentlichkeit. In der Datenpolitik geht es um Macht. Und Macht hat, wer Metadaten hat – unabhängig davon, ob sie der Öffentlichkeit zugänglich sind oder nicht.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf OSB-Alliance.de.


Image (adapted) „Never Forget by 616“ by MsSaraKelly (CC BY 2.0)


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5 Lesetipps für den 16. Januar

In unseren Lesetipps geht es heute um die Debattenkultur von Trollen, die Dating-App Tinder, die Debatte um Datenschutz in der Wikipedia, die Macht von Google und interessante Nutzerzahlen von Facebook. Ergänzungen erwünscht.

  • FACEBOOK DailyFinance: Facebook’s Teen Users Down 25% During the Past 3 Years: Es ist langsam ein Fakt, dass Facebook unter Jugendlichen immer unpopulärer wird. In den letzten 3 Jahren ist der Anteil bei Teenagern um 25 Prozent gesunken, bei Studenten sogar um bis zu 60 Prozent. Doch die Aktie steigt, denn Facebook verdient mit Werbung auf dem sozialen Netzwerk sehr viel Geld und auch wenn die jungen Menschen sich abmelden, hat Facebook gesamt betrachtet über 22 Prozent Zuwachs an Mitgliedern zu verzeichnen.
  • WIKIPEDIA Hyperland: Streit über Datenschutz bei Wikipedia: Die Wikipedia-Community diskutiert über eine neue Datenschutzrichtlinie der Wikimedia Foundation. Christiane Schulzki-Haddouti erklärt auf Hyperland den Streit zwischen der deutschsprachigen und englischsprachigen Community, bei dem es vor allem darüber geht, wie mächtig Analyse-Tools sein dürfen, die die Daten angemeldeter Wikipedia-Autoren auswerten.
  • GOOGLE Techland Blog: Google Is Powerful — But Not as Powerful as an Angry Mob: Die Debatte um den Kauf von Nest durch Google geht weiter. Offensichtlich sind viele Menschen besorgt, dass in dem vernetzten Heim der Zukunft bald überall das Google-Logo auftauchen wird, ein klares Zeichen für viele Kritiker, dass ihnen dieses Heim nicht mehr gehört. Henry McCracken setzt sich mit der Kritik auseinander und fragt sich, ob auch ein so mächtiges Unternehmen wie Google sich durch eine kritische Masse ändern kann und wenn, ob das Google nicht erst wirklich mächtig macht.
  • TINDER PandoDaily: Will Tinder users put up with native advertising?: Tinder ist eine Dating-App, die für einen heraus findet, wer in deiner Nähe auf einem steht und verbindet die zwei Personen dann miteinander, wenn beide aneinander interessiert seid. Doch zuletzt kam die viel gelobte App immer mehr in Kritik, denn scheinbar ist es Teil der Monetarisierungsstrategie, manche Accounts von Marken für Werbezwecke mit menschlichen Nutzern in Kontakt zu bringen. Carmel Deamicis fragt sich auf Pando Dialy, ob dies innovative Werbung ist oder nur heimtückisch von dem Unternehmen.
  • TROLLE W&V: Troll-Psychologie: Wann der Ton im Social Web umschlägt: Werden wir im Social Web immer nörgliger? Warum das so ist, erklärt Leonard Reinecke. Er ist Psychologieprofessor an der Uni Mainz und forscht über Kommunikation im Social Web. W&V Online sprach mit ihm darüber, was User dazu bewegt, überhaupt einen Kommentar abzugeben und unter welchen Umständen der Ton abgleitet.

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