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Wie Kinder Humor entwickeln

Child (adapted) (image by Bellezza87 [CC0] via pixabay)

Wer einmal versucht hat, sein Kleinkind mit Sarkasmus oder einem Wortwitz zu unterhalten, hat vermutlich nur einen entgeisterten Blick geerntet. Babys sind sogar noch schwieriger zu beeindrucken – sie ignorieren gekonnt unsere Clownsnummern und fangen stattdessen bei völlig zufälligen Ereignissen an, herzhaft zu lachen. Natürlich haben auch Kinder schon ein bisschen Humor. Aber was finden sie in verschiedenen Altersstufen lustig und ab wann können wir davon ausgehen, dass sie Dinge wie Sarkasmus und Ironie verstehen?

Mein zweijähriger Sohn hat vor kurzem damit begonnen, meine Nase zu packen und hysterisch lachend so zu tun, als würde er sie in den Mülleimer in der Küche schmeißen. Das ist zwar kein Scherz, den ich beim nächsten Abendessen mit Gästen zum Besten geben würde, aber zumindest sieht man hier, dass mein Jüngster einen gewissen Sinn für Humor entwickelt.

Die wesentliche Grundlage, die Kinder für die Entwicklung von Humor brauchen, ist die Sozialisierung. Kinder müssen verstehen, dass sie eine Erfahrung mit einem anderen Menschen teilen, bevor sie einen Sinn für Humor entwickeln können. Wir machen das üblicherweise, indem wir gemeinsam lachen und gemeinsam Reaktion teilen – ein Prozess, der bereits beim ersten Augenkontakt und Lachen eines Neugeborenen beginnt. Der Psychologe Lev Vygotsky nahm an, dass humorvolle soziale Interaktionen dieser Art die kognitive Entwicklung eines Kindes unterstützen können.

Trotzdem braucht ein Kind auch ein paar grundlegende kognitive Fähigkeiten, um überhaupt Witze machen zu können, und zwar jenseits von der Fähigkeit, lustige Grimassen zu schneiden. Die wichtigsten Fähigkeiten sind eine gewisse Vorstellungskraft, die Fähigkeit, andere Sichtweisen anzunehmen und die Sprache. Diese Fähigkeiten entwickeln sich bei jedem Kind unterschiedlich schnell und wachsen und verändern sich auch noch im Jugend- und Erwachsenenalter. Deswegen existiert kein fixes Schema, um die Humorentwicklung anhand spezifischer, altersbezogener Stadien festzulegen.

Sprache

Fast alle Arten von Humor beinhalten eine gewisse Erkenntnis von Inkongruenzen zwischen einem Konzept und einer Situation. Anders ausgedrückt: wir lachen wenn wir überrascht werden, weil wir den Eindruck haben, dass die Dinge nicht zusammenpassen. Nehmen wir als Beispiel folgenden Witz: „Ein Pferd geht in eine Bar. Der Barmensch fragt: „Warum macht du so ein langes Gesicht?“ Zum Einen ist dieser Witz amüsant, weil Pferde normalerweise nicht in eine Bar traben. Zum Anderen ist die Pointe „Warum macht du so ein langes Gesicht?“ witzig, weil wir zuerst gar nicht verstehen, warum das Pferd traurig ist. Dann erst macht es in unserem Gehirn „Klick“ und wir begreifen, dass Pferde ja buchstäblich ein „langes Gesicht“ haben.

Es scheint also, als wäre die Sprache eine Voraussetzung für Humor. Babys, die natürlich noch nicht sprechen können und Kleinkinder, die erst geringe Sprachkenntnisse besitzen, haben normalerweise mehr Spaß mit Dingen, die einen physischen Bezug haben – zum Beispiel bei einer Runde Verstecken. Trotzdem haben auch einfache Witze, die im Vergleich mit sprachbasierten Witzen weniger kognitive Fähigkeiten benötigen, mit dem Erkennen von Inkongruenzen zu tun. Hierbei geht es meist um einen gewissen Überraschungsmoment – plötzlich erschient jemand wie aus dem Nichts. Viele Forscher behaupten, dass die Kommunikation der springende Punkt ist – und in Wahrheit der Humor den Spracherwerb fördert.

Vorstellungskraft

Die Vorstellungkraft spielt im Erkennen von Inkongruenzen eine große Rolle. Sie hilft den Kindern, eine andere Sichtweise anzunehmen und verschiedene soziale Rollen zu inszenieren, und sogar so zu tun, als würde sich die eigene Nase vom Körper entfernen.

Die Entwicklung der Vorstellungskraft beginnt bei Kindern ungefähr zwischen dem 12.bis zum 18. Monat. Interessanterweise ist das der exakt gleiche Zeitraum, in dem Kinder beginnen, die Witze der Eltern nachzumachen . So werden die Eltern angespornt, ihren eigenen Humor zu entwickeln. Tatsächlich können Kinder bereits im Alter von sieben Monaten willkürlich jedes Verhalten nachmachen, das Gelächter erzeugt, wie zum Beispiel ein lustiges Gesicht oder eine Runde Verstecken.

Vorstellungskraft zu entwickeln, ist für ein Kind essentiell, um später eigene Witze zu erfinden. Dieser Prozess beginnt ab einem Alter von etwa zwei Jahren, oft mit objektbasierten Witzen, etwa wenn sich ein Kind die Unterhose auf den Kopf setzt, oder konzeptuell, zum Beispiel mit der Aussage „Das Schwein macht Muuuh“.

Die Inspiration für eigene Witze bekommen Kinder meist von jenen Dingen, die sie gerade selber lernen. Darüber hinaus hilft ihnen das, um gesellschaftliche Regeln zu verstehen. Beispielsweise witzelt mein Sohn oft darüber, dass seine Freundin Lilly „auf den Fußboden gemacht hat“. Das kommt daher, weil bei ihm gerade das Töpfchentraining und Trockenwerden und Exkremente an erster Reihe stehen. Witze darüber zu machen ist eine gute Möglichkeit, die gesellschaftlichen Rituale und Gefühle zu erlernen, die mit diesem Prozess einhergehen – vor allem im Umgang mit Missgeschicken.

Perspektiven und Täuschungen

Kindern können außerdem ihr Humorverständnis entwickeln, wenn sie verstehen, wie unser Verstand funktioniert. Es ist wichtig, zu wissen, dass verschiedene Menschen einen unterschiedlichen Wissensstand oder eine unterschiedliche psychische Verfassung haben. Manche gehen auch von falschen tatsachen aus oder liegen schlichtweg auch mal falsch. Beispielsweise erkennt ein Kind, das das Konzept der Täuschung verstanden hat, wenn die Eltern nur so tun, als wären sie ahnungslos, während sich das Kind hinter ihnen anschleicht, um sie zu erschrecken.

Tatsächlich zeigen auch einige Forschungsergebnisse, dass dieses Wissen für Kinder entscheidend ist, um kompliziertere Witze mit Sarkasmus und Ironie zu verstehen. Eine Studie hat gezeigt, dass manche Kinder bereits im Alter von drei Jahren (normalerweise ungefähr fünf) in der Lage sind, einige Spielweisen der Ironie zu verstehen. In diesem Experiment wurde Kindern ein Puppentheaterstück vorgeführt. Dann wurden den Kindern Fragen gestellt, was sie denn gerade gesehen hatten. Ein Beispiel für Ironie ist eine Szene, in der eine Puppe ein Teller zerbrach. Eine zweite Puppe sagte daraufhin: „Deine Mutter wird sich aber freuen.“ Manche Kinder fingen zu lachen an und verstanden, dass der Satz nicht wörtlich gemeint war und die Mutter natürlich nicht glücklich sein würde.

Andere Wissenschaftler argumentieren, dass sich das Verständnis von Ironie erst durch die Erfahrung mit Humor an sich entwickelt, anstatt durch das Wissen um Täuschung und die Entwicklung von Vorstellungskraft. Witze sind gesellschaftlich und kulturell geprägt, ein Teil des Lernprozesses besteht daher aus sozialen Interaktionen.

Sobald Kinder Vorstellungsvermögen und ein grundlegendes Verständnis für andere entwickelt haben, können sie mit ihrem Humor tatsächliche und mögliche Emotionen erkunden. Beispielsweise können sie unsichtbares Essen herumschleudern und voll Freude herumschreien, dass sie sich bekleckert haben. Die Elternsollen dann so tun, als seinen sie verärgert. Dadurch können Kinder in einem sicheren Umfeld die Emotion Ärger erforschen.

Wenn es zum kindlichen Humor kommt, müssen wir also geduldig sein. Gott sei Dank, denn sonst wären Disney- und Pixar-Filme wohl um einiges anstrengender abzusitzen, wenn Kinder nicht über all die versteckten und teilweise recht gewagten Witze hinweggehen würden. Für’s Erste lachen wir einfach weiter über gestohlene Nasen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Child“ by Bellezza87 (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Survival of the Funniest: Die evolutionären Anfänge des Lachens

Summer Laughter (adapted) (Image by BMiz [CC BY-SA 2.0] via flickr)

Lachen spielt in jeder Kultur eine wesentliche Rolle. Allerdings ist nicht bekannt, warum man überhaupt lacht. Während es natürlich ein soziales Phänomen ist – Menschen lachen bis zu 30 Mal mehr in der Gruppe als allein – bleibt die Funktion des Lachens als eine Form der Kommunikation nach wie vor rätselhaft. Eine neue Studie, die in der Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ veröffentlicht wurde und eine große Gruppe von Forschern unter der Führung Gregory Bryants von der UCLA miteinbezog, behauptet, dass Lachen Zuhörern den Freundschaftsstatus lachender Personen anzeigt. Die Forscher baten Zuhörer, den Freundschaftsstatus von Fremden und Freunden anhand von kurzen Ausschnitten, in denen gleichzeitig gelacht wurde, zu beurteilen. Aus Stichproben von 24 verschiedenen Kulturen fanden sie heraus, dass die Zuhörer in der Lage waren, anhand von bestimmten akustischen Merkmalen während des Lachens Freunde von Fremden zu unterscheiden. Um zu enträtseln, wie das möglich ist und was die wahre Bedeutung des Lachens ist, müssen wir zurück zum Ursprung.

Die Evolution des Lachens

Spontanes Gelächter, das unbewusst durch Konversation oder Ereignisse ausgelöst wird, taucht bereits in den ersten Lebensmonaten und sogar bei tauben oder blinden Kindern, auf. Lachen ist nicht nur kulturell, sondern auch zwischen den Spezies übergreifend: es findet auch in ähnlicher Form bei anderen Menschenaffenarten statt. Der evolutionäre Ursprung des menschlichen Lachens lässt sich etwa 10 bis hin zu 16 Millionen Jahre zurückverfolgen. Auch wenn Lachen mit einer höheren Schmerztoleranz und dem Signalisieren des sozialen Status in Zusammenhang gebracht wurde, besteht seine Hauptfunktion darin, soziale Bindungen zu schaffen und zu vertiefen. Da unsere Vorfahren anfingen in größeren und komplexeren sozialen Strukturen zu leben, wurde die Qualität der Beziehungen über-lebenswichtig. Die Evolution begünstigte die Entwicklung kognitiver Strategien, die bei der Bildung und Erhaltung kooperativer Allianzen halfen. Lachen entstand wahrscheinlich aus Atmungsstörungen während spielerischer Neckereien wie Kitzeln, was das kooperative und konkurrierende Verhalten junger Säugetiere förderte. Diese Art von Ausdruck geteilter Erregung, ausgelöst durch Spiel, könnte sich beim Stärken positiver Beziehungen als effektiv erwiesen haben. Tatsächlich wurde erwiesen, dass Lachen die Länge des Spielverhaltens von Kindern und Schimpansen verlängert und sowohl bewusste als auch unbewusste positive emotionale Reaktionen bei menschlichen Zuhörern auslöst.

Lachen als soziales Instrument

Lachen und andere Urvokalisierungen waren zunächst eng mit unseren Emotionen verknüpft: Wir lachten nur, wenn wir positiv erregt waren, genauso wie wir bei Kummer weinten oder bei Wut brüllten. Die wesentliche Entwicklung trat mit der Fähigkeit ein, sich freiwillig mit Hilfe der Stimme ausdrücken zu können, ohne dass notwendigerweise Schmerz, Wut oder positive Emotionen vorliegen mussten. Diese gesteigerte Kontrolle der Stimmung, die durch eine komplexere Entwicklung des Gehirns möglich wurde, war für die Entwicklung der Sprache entscheidend. Aber es erlaubte auch die bewusste Nachahmung von Lachen (und anderen Vokalisierungen) und stellte somit ein irreführendes Werkzeug dar, soziale Beziehungen künstlich zu beschleunigen und zu erweitern und damit die Überlebenschancen zu erhöhen. Die Vorstellung, dass willentliches Lachen einen evolutionären Ursprung hat, wird durch nachahmendes Verhalten, wie es bei erwachsenen Schimpansen vorzufinden ist, bestärkt. Sie ahmen Lachen als Reaktion auf spontanes Lachen anderer nach. Das falsche Lachen von Schimpansen und Menschen entwickelt sich während der Kindheit, unterscheidet sich akustisch von seinem spontanen Gegenstück, und hat ebenso die Funktion, soziale Bindungen aufzubauen. Heutzutage ist sowohl spontanes als auch willentliches Lachen in fast jedem Aspekt menschlichen Lebens vorzufinden, sei es, dass man einen Witz mit einem Freund oder während eines höflichen Smalltalks mit einem Kollegen teilt. Dennoch klingen sie in den Ohren des Zuhörers nicht gleich. Spontanes Lachen erkennt man an der höheren Tonlage (was unverfälschte Erregung zeigt), einer geringeren Dauer und kürzeren Ausbrüchen von Spontanlachern  gekennzeichnet, als es bei künstlichen Lachern der Fall ist. Forscher bewiesen vor kurzem, dass menschliche Zuhörer zwischen diesen beiden Arten des Lachens unterscheiden können. Sie bewiesen auch, dass Zuhörer dennoch das Langsamerwerden und Anpassen des Tonfalls an den des willentlichem Lachens (um es als weniger menschlich erkenntlich zu machen) von tierischen Lauten unterscheiden können. Bei spontanem Lachen, dessen akustische Struktur der nichtmenschlichen wie der von Primaten ähnelt, konnten sie diese jedoch nicht unterscheiden.

Freund oder Fremder?

Es ist dieser hörbare Unterschied, der in dem Beitrag von Bryant und seiner Kollegen dargelegt wurde. Freunde erzeugen öfter spontanes Gelächter, während Fremde, denen es an einer erprobten emotionalen Verbindung fehlt, öfter willentlich lachen. Die Tatsache, dass wir diese Unterschiede genau wahrnehmen, bedeutet, dass Lachen bis zu einem gewissen Grad ein ehrliches Signal ist. Im nie enden wollenden evolutionären Wettrüsten neigen angepasste Täuschungsstrategien dazu, sich parallel zu Aufdeckungsstrategien von Täuschungen zu bilden. Die akustischen Merkmale aufrichtigen Lachens sind daher wertvolle Hinweise auf die Beziehungen und den Status von Gruppenmitgliedern. Das ist etwas, das das Fällen von Entscheidungen in unserer evolutionären Vergangenheit erleichtert haben könnte. Die Studie fand heraus, dass die Urteilsgenauigkeit im Schnitt nur 11 Prozent höher als die Zufallsrate war. Das könnte zum Teil daran gelegen haben, dass Fremde spontanes Lachen und Freunde willentliches Lachen erzeugt haben. Doch es steht fest, dass die Nachahmung echten emotionalen Lachens ein nützliches Täuschungsinstrument und ein soziales Schmiermittel ist. Man muss nur dem ansteckenden Effekt von eingespielten Lachern bei bestimmten Fernsehserien beiwohnen, um sich dessen bewusst zu werden. In der komplexen Realität moderner menschlicher sozialer Interaktionen ist Lachen oft eine Mischung aus vollmundigen, spontanen und tiefen, aber sanften und künstlichen Lachern, die die Grenzen noch mehr verwischen lassen. Unabhängig davon ist das Ziel dennoch dasselbe. Und höchstwahrscheinlich werden wir jemanden, mit dem wir gelegentliche Lacher teilen, einfach besser leiden können. John Cleese sagte einst: „Lachen verbindet die Leute. Es ist fast unmöglich, Distanz oder ein Gefühl sozialer Hierarchien aufrechtzuerhalten, wenn Sie vor Lachen aufheulen.“ Er scheint den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben – auch wenn es vorgetäuscht ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Summer Laughter“ by BMiz (CC BY-SA 2.0)


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Wie Witze helfen, die Bedeutung in Sprachen zu entschlüsseln

india laughing (adapted) (Image by anthony kelly [CC BY 2.0] via flickr)

Wieso funktionieren Witze? Die Sprachwissenschaft war sich lange uneins darüber, was in unseren Hirnen jenseits der reinen Verständnisebene passiert. Jetzt gibt es neue Erkenntnisse.

Was bekommt man, wenn man ein Känguru mit einem Elefanten kreuzt? Sie werden bis zur Pointe warten müssen, aber in Ihrem Kopf dürften bereits Bedeutungsfragmente herumfliegen. Nun, Witze müssen natürlich nicht wirklich witzig sein, aber wenn sie überhaupt funktionieren sollen, dann müssen sie hinter ihren schlichten Wörtern etwas konstruieren.

Sprache ist der Stoff, der uns in unserem täglichen Sozialleben verbindet. Wir verwenden Sprache, um zu tratschen, um uns zu bewerben und um jemanden zu feuern. Wir verwenden sie, um zu verführen und zu streiten, um einen Heiratsantrag zu machen und um sich zu scheiden und ja, auch um merkwürdige Witze zu machen. In Ermangelung von Telepathie lässt die Sprache uns mit unseren Nächsten und Liebsten interagieren und in unserer virtuellen Welt der digitalen Kommunikation auch mit Hunderten von Menschen, die wir sonst vielleicht nie getroffen hätten.

Aber während wir über eine Menge an detailliertem Wissen über die grammatischen Systeme der etwa 7.000 Sprachen dieser Welt verfügen, biss sich die Wissenschaft am geheimnisvollen Elixier der Kommunikation – der Bedeutung – bisher die Zähne aus.

Konzeptionelle Entwicklung

Wie erschaffen Menschen die alltäglichen Bedeutungen, die Dinge bewegen, uns zu Tränen rühren, zu Tode langweilen oder die uns vor Freude ganz schwindlig werden lassen? Die Frage, wie wir Bedeutung erschaffen, ist der heilige Gral vieler Disziplinen der Verhaltens- und Kognitionswissenschaft sowie der Sozialwissenschaften. Außerdem ist diese Frage für diejenigen unter uns, die nach einer Antwort suchen, eines der letzten großen Hindernisse bei der Kartierung des menschlichen Geistes.

Es ist Konsens, dass Bedeutung aus dem Zusammenfluss von Sprache und den Gedanken, die wir in unseren Köpfen umhertragen, entsteht. Aber wie genau? Eine frühe Theorie zur Konstruktion von Bedeutung besagt, dass wir von Geburt an über eine Reihe von Konzepten verfügen. Beim Erlernen unserer Muttersprache fungieren Wörter lediglich als Verweise auf diese Konzepte.

Nun wissen wir aber, unter anderem dank der Forschungen der Entwicklungspsychologin Jean Mandler, dass Konzepte, beginnend im frühen Kindesalter, aus Erfahrungen entstehen. Dabei werden ähnliche Lernmechanismen wie beim Spracherwerb genutzt. Für Kinder in der vorsprachlichen Phase bedeutet Konzeptualisierung Grundlegendes wie die Unterscheidung zwischen belebten und unbelebten Objekten. Diese Konzepte sind die Vorläufer der komplexen und abstrakten Ideen, die in unserem späteren Leben entstehen.

Die Baustelle der Bedeutung

Eine weitere Herausforderung bei der Erforschung der Bedeutungskonstruktion war es, herauszufinden, was Konzepte und Sprache zur Konstruktion von Bedeutung beitragen. Erwägen Sie zum Beispiel die Bedeutung des Wortes “Rot” in den folgenden Sätzen:

Für mich bedeutet Schönheit, sich in seiner eigenen Haut wohlzufühlen. Das, oder ein verdammt guter roter Lippenstift. – (Gwyneth Paltrow)

Der rote Fuchs… ist der größte unter den echten Füchsen und das am häufigsten vorkommende, wildlebende Raubtier. – (Wikipedia-Eintrag)

In jedem Satz bedeutet das Wort “Rot” etwas Anderes: Für die meisten Menschen ist das Rot im Paltrow-Zitat ein richtig starkes Rot, das Rot im zweiten Satz hingegen matt und bräunlich. Das rührt daher, dass die Bedeutung nicht in dem Wort selbst liegt. Sprache gibt uns Anweisungen, verschiedene Teile unseres konzeptuellen Wissens in unserem Kopf zu aktivieren, woraufhin wir den richtigen Rotton von der Farbpalette nehmen.

Bedeutung dirigieren

Der Mensch braucht Konzepte zum Lernen, zum Kategorisieren und für vorsorgende Überlebensplanung. Kommunikation ist nicht der primäre Zweck von Konzepten. Anders als bei anderen Spezies, gab uns die evolutionäre Herausbildung der Sprache ein System, das mit unserem Repertoire an Konzepten interagiert und diese dahingehend umfunktioniert, dass wir im Alltag mit anderen kommunizieren können.

Es ist wie eine Symphonie, aufgeführt von einem Orchester. Das Orchester gibt das “Was” vor, der Dirigent steuert das “Wie” bei, welches die Musik zum Leben erweckt und uns mit seiner klangvollen Pracht bewegt. Konzepte, entstanden aus der Erfahrung der täglichen Interaktion, sind der Inhalt der Bedeutungskonstruktion. Sprache hingegen liefert das Know-how und ermöglicht uns, Gedanken zum Zweck der Kommunikation zu verpacken und zu verschicken.

Dies bringt uns zurück zur entscheidenden Frage, die zu Beginn gestellt wurde, und wirft Licht auf den wohl heikelsten Aspekt der Frage nach der Bedeutungskonstruktion beim Menschen: Die Natur der Vorstellungskraft und der linguistischen Kreativität. Also, was bekommt man, wenn man ein Känguru mit einem Elefanten kreuzt? Die Antwort: Tiefe Löcher in ganz Australien. Wenn Sie aufgehört haben zu lachen, bedenken Sie, was dieses profane Zeugnis menschlicher Kreativität über den Einfluss von Sprache und Konzepten offenbart.

Die Pointe inspiriert uns dazu, unsere Konzepte von Kängurus und Elefanten gezielt zu kombinieren. Ein Elefant ist riesig, während Kängurus herumspringen und in Australien leben. Indem wir diese Aspekte beider Wesen verbinden, erschaffen wir ein Fantasiebild: Ein Organismus in der Größe eines Elefanten, der herumspringt und in Australien lebt. Es wäre unausweichlich, dass eine solche Kreatur tiefe Löcher hinterlässt.

Ob der Witz lustig ist oder nicht; um ihn zu verstehen, müssen wir Sprache so einsetzen, dass nur die relevanten Teile unseres Wissens abgerufen werden. Sprache steuert den Prozess der Bedeutungskonstruktion, indem sie festlegt, auf welche Weise Konzepte verbunden werden sollten. Diese Einsicht ist eine der aufregendsten und revolutionärsten Erkenntnisse der Kognitionswissenschaft des 21. Jahrhunderts. Darüber hinaus bietet diese Einsicht wohl zum ersten Mal einen spannenden Blick darauf, wie menschliche Vorstellungskraft funktioniert und wie Sprache sich mit Konzepten verbindet, um in unseren banalen Akten täglicher Kreativität das außerordentlich vielschichtige Kunststück der Bedeutung entstehen zu lassen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) “India Laughing” by Anthony Kelly (CC BY 2.0)


 

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Ein Algorithmus analysiert Porträts eines Jahrhunderts

Jabez Hogg macht ein Portrait in Richard Beards Studio (1843)

Mit ihrer Studie A Century of Portraits, ein Jahrhundert voller Porträts, haben Studierende der kalifornischen Universität Berkeley einen Algorithmus entwickelt, mit dem zum ersten Mal eine große Anzahl von Fotos ganz gezielt analysiert wurde. Dafür wurden etwa 40.000 Jahrbuch-Porträts digital untersucht und dabei Spannendes zur historischen Entwicklung von Fotos herausgefunden. Ihre Erkenntnisse: Nicht nur die Veränderung von Mode und Frisuren über die Jahrzehnte lassen sich digital über die Bilder analysieren, sondern auch die Geschichte des fotogenen Lächelns.

Unser Foto-Projekt tanzt total aus der Reihe, aber wie das so ist im Leben – es ist einfach passiert.“ Das Projekt, das so spontan entstanden ist und Berkeley-Studentin Shiry Ginosar im Netzpiloten-Interview wie beiläufig beschreibt, könnte völlig verändern, wie wir mit historischem Fotomaterial umgehen.

Es gab zwar vor der Studie von Shiry Ginosar, Kate Rakelly, Sarah Sachs, Brian Yin and Alexei A. Efros einige Computerspezialisten, die Algorithmen zur Foto-Analyse entwickelt haben, aber keine dieser Studien hat bisher so viele Daten verwendet, um ganz spezifische Fragestellungen nachzugehen und somit einschneidend bewiesen, wie Computeralgorithmen und Gesellschaftswissenschaften Hand in Hand gehen können.

120 Jahre Schulgeschichte in einer Studie

Die Studie A Century of Portraits hat insgesamt 949 US-Jahrbücher aus 128 Schulen aus 27 Bundestaaten von 1905 bis 2013 untersucht. Insgesamt wurden so 154.976 Porträts aus über 100 Jahren herausgesucht – in der Welt von Shiry Ginosar ist das lächerlich wenig Analysematerial. „Wir werten normalerweise Daten mit Millionenwerten aus. Für diese Studie waren es letztendlich sogar nur etwa 40.000 Fotos, die wir mit verschiedenen Algorithmen analysiert haben.“ Dementsprechend schnell konnten die Daten verarbeitet werden.

Doch der Weg zu diesen Foto-Algorithmen war nicht ganz so leicht. Zunächst mussten Shiry Ginosar und ihr Team die Fotos vorbereiten. Im ersten Schritt wurden Porträts, in denen die Schüler nicht frontal in die Kamera schauten, aussortiert. Danach mussten alle Fotos auf eine Größe vereinheitlicht werden und in Graustufen angepasst werden. „Zum Glück haben die meisten High Schools in den USA mittlerweile all ihre Jahrbücher eingescannt, sodass es einfach war an die Fotos zu kommen. Aber manchen Jahrbüchern, die nicht im System waren, mussten wir monatelang hinterherjagen.“ Als dann aber endlich die Jahrbuch-Fotos zur Auswertung bereit standen, stellte sich die Frage: Was soll hier eigentlich untersucht werden?

Jahrbuch-Fotos aus über 100 Jahren (Image: Universität Berkely)
Jahrbuch-Fotos aus über 100 Jahren (Image: Universität Berkely)

 

Die Aussagekraft von Fotos

Wenn Historiker oder Sozialwissenschaflter Fotos oder Gemälde untersuchen, geht es ihnen oft um ganz bestimmte Aspekte. Haben sich gewisse Eigenheiten über einen Zeitraum hinweg verändert und wenn ja, warum? Kann man Unterschiede in Fotos aus dem 20. Jahrhundert in den USA und in Europa feststellen? Ein großer Teil unseres kulturellen Erbes ist nur in Bildform vorhanden, etwas, das sich natürlich heute im Zeitalter von Facebook und Instagram nur noch verstärkt. Für diese visuelle Geschichte können Geisteswissenschaftler Wörter und Begriffe finden, sie können sie beschreiben, aber wirklich verstehen, kann man sie oft nur durch die Bilder selbst.

Wenn Historiker also bisher visuelles Material analysiert haben, blieb ihnen nichts anderes übrig, als dies manuell zu tun – also mühsam Fotos durchgehen und diese selbst zu interpretieren. A Century of Portraits bietet hier möglicherweise zum ersten Mal einen ersten Ansatz, um unzähliges, bisher nicht angezapftes visuelles Material, auswerten zu können.

Für ihre Studie hat sich Shiry Ginosar zunächst auf drei Hauptpunkte konzentriert: Wie haben sich Frisuren Jahrzehnt um Jahrzehnt verändert? Wie änderte sich das Lächeln der Schüler im Laufe der Zeit? Und schließlich, welche Aussagen lassen sich über Brillenmode machen?

Die ersten zwei Punkte stellen sie in ihrer Studie A Century of Portraits vor, die Geschichte der Brillenmode wird bald in einer weiteren Arbeit des Teams veröffentlicht werden. Um diesen Fragen auf die Spur zu kommen, hat das Team im ersten Schritt ein „Durchschnittsgesicht“ für jedes Jahrzehnt aus Pixelwerten zusammengerechnet.

Berechnung von Durchschnittsgesichtern der Jahrzehnte (Image: Universität Berkely)
Berechnung von Durchschnittsgesichtern der Jahrzehnte (Image: Universität Berkely)

Im zweiten Schritt wurden dann „Frisuren-Cluster“ erstellt. Ein Algorithmus sollte errechnen, welche Frisuren nur in bestimmten Jahrzehnten vorkommen. Aus diesen Frisuren wurden dann die vier häufigsten Frisuren eines Jahrzehnts ermittelt.

Das vom Algorithmus erstellte Frisuren-Cluster (Image: Universität Berkely)
Das vom Algorithmus erstellte Frisuren-Cluster (Image: Universität Berkely)

 

Einmal lächeln bitte

Für die Entwicklung des Lächelns wurde ermittelt, inwiefern sich die Mundwinkel von Jahrzehnt zu Jahrzehnt veränderten. Das Ergebnis: Wir lächeln heute öfter und breiter als früher. Während Menschen 1903 gar nicht lächelten, werden 20013 richtig Zähne beim Lächeln gezeigt.

Heutzutage lächeln wir mehr auf Fotos als früher (Image: Universität Berkely)
Heutzutage lächeln wir mehr auf Fotos als früher (Image: Universität Berkely)

Die Historikerin Christina Kotchemidova, die sich mit dem Thema „Lächeln“ lange und intensiv beschäftigt hat, erklärt, dass es vor allem die Kodak-Werbung war, die Menschen dazu anregte, in Fotos zu lächeln. Auch die Tatsache, dass wir nicht mehr stundenlang für ein Foto posieren müssen, hat sicherlich viel damit zu tun, dass Menschen nicht mehr so ernst in die Kamera drein schauen.

Shiry Ginosar selbst hält sich mit möglichen Erklärungen zurück: „Wir selbst können nicht sagen, warum das so ist“, sagt Shiry Ginosar, „das müssen Historiker oder Psychologen analysieren. Wir stellen ihnen nur das Material zur Verfügung.

Genau das zeigt auch die Stärke der Studie von Ginosar und ihrem Team. Wissenschaften, die sich ansonsten eher feindlich gegenüber stehen, können plötzlich vom Wissen der anderen profitieren.

Mit Algorithmen Bilder für die Zukunft bewahren

Genau das haben Shiry Ginosar und ihr Team auch in Zukunft vor: „Wir arbeiten schon daran, einer Doktorantin mit ihrer Geschichtsarbeit zu helfen. Lustigerweise schreibt sie ihre Doktorarbeit zur Entwicklung von Haarmode.

An Ideen für weitere Algorithmus-Foto-Projekte fehlt es Shiry Ginosar nicht: Sie träumt von einer Haarenzyklopädie, die Frisurentrends über Jahrhunderte hinweg darstellt und sie träumt von einer Welt, in der Algorithmen es uns ermöglichen, unsere visuelle Welt zu ordnen, zu verstehen und zu bewahren.


Image „Jabez Hogg macht ein Portrait in Richard Beards Studio“ (Public Domain)


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