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Lost in Laos – oder wie man mit 4G Geister ruft

Laos ist weniger entwickelt als die meisten seiner Nachbarn. Da es keinen Meereszugang besitzt, wie Thailand, Kambodscha oder Vietnam, ist es bei Touristen noch wenig beliebt. Und weil ich befürchtete, dass es dort nicht so einfach sein würde zu arbeiten – Internet, Strom, nervige Insekten – hatte auch ich es bisher ausgeklammert. Bisher! Denn nach einigen Projekten, die ich in Malaysia als digitaler Nomade abgeschlossen hatte, ist das Postfach leer. Damit ist die Zeit für diese Art von Erlebnis gekommen, auf das ich schon lange Lust hatte.

Also packen meine Frau und ich die Rucksäcke und machen uns auf den Weg nach Luang Prabang, wo wir angekommen, erst einmal ein paar Tage durchatmen. Es ist die zweitgrößte Stadt des Landes mit knapp 70.000 Einwohner und mindestens genauso vielen buddhistischen Tempeln. Doch unser eigentliches Ziel liegt drei Stunden weiter nördlich.

An einem Seitenfluss des Mekong liegt von Bergen und Natur umgeben das Dorf Nong Khiaw. Hier gibt es weniger Tempel und viel weniger Menschen als im restlichen Land und auch jegliche Art von Hipstershit wie Curcuma-Latte oder cold brewed drip coffee fehlt. Das Leben hier im Norden ist einfach.

Laos Mekong Brücke
Das Leben auf den beiden Flussseiten von Nong Khiaw wird durch eine große Brücke verbunden. Früher war sie voll mit Jugendlichen. Heute gucken sie lieber Zuhause am Handy YouTube Videos. Image by Katsche Philipp Platz

Nic, der Bruder einer meiner Freunde, hat ein paar Bungalows mit einem kleinen Pool und einem Restaurant – dem besten im Ort, wie wir später feststellen müssen. Abends treffen wir ihn zum ersten Mal an der Bar. «Der Monsun hat noch Zeit», sagt er, während er eine Schale mit gerösteten Erdnüssen, frittiertem Knoblauch und Limettenblättern über den Tresen schiebt. «Und wenn es regnet, dann eher kurz und heftig. Aber keine Sorge, das werdet ihr nicht mitbekommen.»

Von hier aus könnten wir in dieser Jahreszeit mit dem Boot noch weiter nach Norden. Nach knapp einer Stunde, käme dann der Ort Muon Ngoi. Vor eineinhalb Jahren hätten sie dort die erste Straße asphaltiert und das Dorf ans Stromnetz angeschlossen. «Sagt einfach Bescheid, ich schicke denen ‘ne Whatsapp, dann holen sie euch ab.» Wir könnten noch viele Stunden weiter nach Norden fahren, fast bis nach China, sagt Nic, aber Wanderungen könne man auch gut von hier aus unternehmen. Die Wasserfälle seien schön. «Das war es dann aber auch.»

Berge schirmen gegen Touristen ab, aber nicht gegen das Internet

Ich lache: Keinen Strom, aber WhatsApp. Nic grinst. «Die Leitungen hier sind nicht gut. Durch die Berge ist das Verlegen zu aufwendig. Aber das mobile Netz ist sehr gut. Ich kann hier alles streamen und Videocalls mit meiner Mutter machen.» Sein Partner arbeitet von hier aus für seine Firma in Australien. Alles kein Problem. Also, solange Strom da sei, aber der bliebe hier höchstens mal für eine Stunde weg, wenn es ganz schlimm regnet.

Laos geröstete Erdnüsse
In bester Erinnerung, auch wenn wir sie öfter aßen als es uns recht war: geröstete Erdnüsse mit dem Aroma von Knoblauch und Limettenblätter. Image by Katsche Philipp Platz

Wir trinken aus und gehen ins Bett. Vorbei an Esmeralda, der handgroßen Spinne, die sich direkt über dem kleinen Weg zu unserem Bungalow ein Netz gebaut hat und uns die kommenden Tage wachsam halten wird. Wir freuen uns auf eine Zeit, in der wir nicht ständig am Computer sitzen und stattdessen die Natur und Einfachheit genießen. Aber erst einmal telefonieren mit den Mamas – natürlich per Videocall.

Wir schweben tagelang durch südostasiatische Idyllen, wie man sie allenfalls noch in Myanmar antrifft. Doch dann wendet sich das Blatt. Unser Ausflug an die Wasserfälle fällt ins Wasser. Die Wanderung am nächsten Tag ebenfalls: Regen. Der Tag danach … Na gut. Es hilft ja nichts. Dann an die Bar. Nein, noch kurz einen Livestream von den Wolkenbrüchen auf Instagram starten. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Hauptsache, wir hängen jetzt nicht die ganze Zeit im Internet ab oder arbeiten, oder sogar beides.

Laos Berge und Regen
Regen zieht auf. Nicht im Bild zu sehen: Ein gigantischer Schwarm Heuschrecken, der um meinen Kopf saust und laut gegen das Wellblechdach der Gipfelhütte donnert. Image by Katsche Philipp Platz

Aber es geht leider so weiter: Der kurze Schauer des nächsten Tages will einfach nicht enden. Auch der am Tag darauf nicht und so weiter. Wir sind öfter an der Bar oder versuchen hier und dort mal woanders als im Resort gut zu essen. Leider erfolglos, was unseren Bewegungsradius auf ungefähr 30 Meter beschränkt. Öfter als an der Bar sind wir auf Netflix, denn das Internet läuft wie versprochen hervorragend.

Sound of Laos: Dauerregen und Zikaden unplugged

Gelegentlich fällt der Strom aus – einmal fast 14 Stunden am Stück, weil irgendwo ein Mast umgekippt ist. Bei dem Gedanken daran, vielleicht doch schon jetzt nach Luang Prabang zurückzufahren, sackt die einzige Straße dorthin ab. Unsere Pläne liegen im Flussbett. Nach drei Wochen Dauerregen und wiederhergestellter Straße, treten wir die Flucht an. Ein neuer Job wartet im Postfach, Netflix haben wir zu Ende geguckt und meine Frau muss zum Interior Kurs in Sydney. Also reisen wir weiter.

Laos Straßenbau
Dorfbewohner packen tatkräftig an, die einzige Straße in die Stadt wiederherzustellen. Image by Katsche Philipp Platz

In Sydney sind die Straßen fest, der Himmel blau, die Supermärkte riesig und jede Art von Bedürfnis kann befriedigt werden. Hippe Hipster Cafés und Bars, und schnelle Züge für bequemes Fortkommen. Ich treffe zum Mittagessen Nic’s Bruder, der zuvor zehn Jahre lang in Laos gelebt hat. Zuletzt verbrachte er ein Jahr mit einer Feldstudie weit nördlich von Nong Khiaw in einem abgelegen Bauerndorf.

Wir reden über Laos, und dass wir wirklich Pech mit dem Wetter hatten – und über das Internet. Er zeigt mir ein Foto, auf dem ein Mann einen Altar aufbaut mit dem er böse Geister verbannen will. Die von Geistern zu befreiende Dame kniet im Hintergrund und glotzt auf ihr Handy. Sie berichtet über WhatsApp, wie die Sache vorangeht. Livestreams vom Alltag woanders.

Einer beschwert sich immer

Leider muss ich los: In unserer Wohnung wartet ein Call mit einem Kunden in Deutschland. Ich hasse Internetcafés und Workspaces. Zudem bin ich jedem öffentlichen WLan gegenüber skeptisch. Eine Fahrt mit Uber, ein paar Schritte zu Fuß, elektronische Einlasskarte am Haus, Fahrstuhl, wieder Einlasskarte. Wir können heute keinen Videocall machen, weil das DSL wieder zickt.

Das muss auch nicht sein, denn wir kennen uns und die Sache lässt sich einfach am Telefon besprechen. Nur meine Schwiegermutter beschwert sich öfter über den fehlenden Sichtkontakt, wie auch an diesem Abend: «Könnt ihr nicht wieder nach Laos? Da war wenigstens das Internet schnell!»

Sie hat wohl recht, denke ich, während ich ganz froh bin, dass sie nicht sehen kann, wie ich mir nackt ein Bier aus dem Kühlschrank hole. Schade, dass wir von diesen Nüssen mit Knobi und Limette nichts mitgenommen haben.

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Tatort Chiang Mai – Einmal pro Woche in Deutschland

Wir sind in Chiang Mai, einem der Hotspots für digitale Nomaden weltweit. Große Coworking Spaces auf den Dächern von Einkaufszentren, Dutzende kleine und mittelgroße Cafés, die sich ausgewiesen an uns digitale Nomaden und alle anderen Hipster wenden. Überall sitzen wir mit unseren Laptops, Tablets und Handys. Das WLAN ist rasend schnell, Daten flitzen durch die schwüle Luft zwischen den LTE-Sendemasten und meiner Simkarte.

Es ist die zweitgrößte Stadt Thailands aber kein Moloch wie Bangkok. Hier leben gerade einmal 150.000 Menschen. Hinzu kommen rund 5.000 digitale Nomaden und natürlich einige Tausend Touristen. Die historische Innenstadt ist gefüllt mit Tempeln und Gassen, umgeben von einem alten Burggraben und vor allem von Stau. Oder sagen wir dichtem Verkehr. Theoretisch sind es zwei bis drei Spuren. Wie fast überall in Asien werden fünfeinhalb daraus. Zwischen Lkws drängen sich Tuk Tuks, Songthaews, Motorroller und einige Fahrradfahrer. Der Verkehr erscheint chaotisch, doch er hat seine eigene Ordnung. Eine sehr undeutsche, sehr gelassene Ordnung, in der ich mit meinem Roller dort fahre, wo man mich durchlässt. Ich liebe es.

Öffentlicher Nahverkehr während des Laternenfestes am Ufer des Mai Nam Ping. Image by Katsche Philipp Platz

Die Stadt ist berühmt – nicht nur als Hub für digitale Nomaden, sondern auch für das jährliche Lichterfest. Die Bilder von Tausenden, aufsteigenden Laternen gehen regelmäßig um die Welt. Das Fest besteht eigentlich aus zwei Festen, die fast gleichzeitig stattfinden: Loi Krathong bedeutet “schwebendes Floß” und ist süd-thailändischen, vermutlich auch indischen Ursprungs. Yi Ping hat seine Wurzeln im Lan Na-Königreich und ist der Grund, weshalb auch in der Luft Lichter schweben. Die Laternen steigen die ganze Nacht wie ein großer Strom gen Himmel. Sogar der Flughafen schließt für dieses Ritual, das den Locals ordentlich Geld in die Kasse spült.

Zur Eröffnungszeremonie tanzen Hunderte Damen auf der Straße den berühmten Tanz der Lanna. Image by Katsche Philipp Platz

Ein lokales Ritual erobert die Instagram Welt

Meine Frau und ich sind genau während dieser Zeit in der Stadt. Nach getaner Arbeit fahren wir ins Zentrum, um mittendrin zu sein. Ich kann den Blick kaum vom Himmel lassen, was meine Frau nicht begeistert, denn ich fahre den Roller. Die Lichter wirken künstlich, CGI, wie in einem Film. Fotos fangen nicht ansatzweise die Stimmung auf. Ich versuche es weiter. Am Ufer des Mai Nam Ping bekommen wir die geballte Ladung ab: Die Straßen sind voll, wie bei uns an Silvester. Doch es herrscht Ruhe. Kaum Böller, keine Betrunkenen, keine Krankenwagen sondern eine eher spirituelle Stimmung. Je weiter wir wieder vom Fluss Abstand nehmen, desto weiter wird der Blick. Inzwischen sitze ich auf unserem Balkon. Der Strom aus lautlosen Laternen reißt nicht ab. Ich füge dem Klischee noch Hermann Hesses Siddhartha als Hörbuch hinzu und ein brühwarmes Chang Bier. Feierabend der anderen Art. Ein Moment für die Ewigkeit.

Auf das Floß legt man all seine Sorgen und lässt sie los. Ein Wunder, dass meines nicht abgesoffen ist, denn das Nomaden-Leben hat auch seine schwierigen Seiten und Zeiten. Image by Katsche Philipp Platz

Jede Woche schauen Millionen zu

Drei Abende später ist alles vorbei. Heute haben wir wieder am Rechner verbracht – Arbeit eben. Eine Rollerminute über staubige Straßen ist unser Lieblingssuppenladen entfernt. Zwei Mal bitte, mit Eiernudeln, mittelscharf. Zu Hause hole ich eine frische Kokosnuss aus dem Kühlschrank. Am Tisch schlabbern wir die Suppen in uns hinein. Der Rest des Abend ist reserviert für ein anderes Ritual – heute schauen wir Tatort! So wie jeden Sonntag eigentlich. Es ist wie früher in Deutschland: Nach dem Essen ab ins Bett, Laptop auf und schon ertönt die berühmte Musik des Vorspanns. Die lustigen, laufenden Beine, die verstörende Animation aus den 70ern, die uns immer ein Grinsen auf das Gesicht zaubert. Tiefes Ausatmen. Wer findet das erste Autokennzeichen? Wer ermittelt heute? Ach die! Die mag ich ja total gerne. Zum Glück nicht diese gestresste Tante aus Ludwigshafen … Naja. Kann man es sich ja auch nicht aussuchen.

Deutschland. Vorstadt, nichts Hübsches, viel Kälte. Ein Mensch stirbt. Der Grund ist in unserer deutschen Gesellschaft zu finden. Selten bin ich so deutsch, wie wenn ich Tatort schaue. Selten bin ich so gerne deutsch, so herrlich verlässlich. Außerdem braucht der Mensch Konstanten. Auch, oder gerade wenn ich weit weg von Zuhause bin, wenn mein Alltag ein ganz anderer ist und sich mein Umfeld ständig verändert, liebe ich Konstanten.

Der Mörder ist fast gefasst. Ich blinzle nach draußen: Da fliegen doch noch zwei Laternen am Himmel. Langsam. Ganz langsam. Ob das noch erlaubt ist? Die Klimaanlage surrt. Ein Schluck Kokosnusswasser spült die Frage hinunter. Alles wirkt wie ein Film. Gute Nacht Deutschland. Bis nächste Woche.

Nicht nur am Himmel, sondern auch am Boden beeindrucken unzählige Feuerschalen und bunte Laternen. Image by Katsche Philipp Platz
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