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Das Digitale Denken

Unlängst finden Debatten statt, inwiefern die Digitalisierung der Gesellschaft einen Nutzen bringt. Mittlerweile haben sich unterschiedliche Disziplinen mit dem Thema befasst. Verschiedene Parteien haben sich gebildet und ihre Anhänger positionieren sich. Es wird eifrig geschrieben und hart gebattlet. Während die einen von einem neuen Zeitalter schwärmen, verkünden die anderen das Ende der zivilisierten Welt. Ganz im Sinne von Kraus´ Endzeit Epos befinden wir uns im Niedergang. Eine digitale Übermacht droht nämlich unsere geistige Existenz zu vernichten, so die Kritiker, Defätisten und Verweigerer. Neulich entdeckte ich einen Kommentar („Wir Fingerwesen- eine Kritik der Digitalisierungsideologie“) in der Neuen Zürcher Zeitung über zügellose Umtriebe digitaler Machenschaften. Es klang wie eine unheilvolle Prophezeiung, wie ein verzweifelter Aufruf an eine leblose Leserschaft. Bevor wir aber in ferne Parallelwelten vorstürmen und herumspekulieren: Pioniere der Neuzeit, Transhumanisten und Anhänger neuronaler Schaltkreise – Macht euch auf die dunkle Seite gefasst.

Digitalisierungsideologie

Im Kommentar ist nämlich die Rede von Digitalisierungsideologie und Homogenisierung. Gemeint ist damit die Epidemiologie der Gesellschaft durch künstliche Intelligenz. Den einzigen Nutzen sehen die Kritiker in praktischen und alltäglichen Dingen, während die Mär von „We make life better“  bloß eine Phantasmagorie sei, die Erleichterung mit Fortschritt verwechsle. Wir seien zu Fingerwesen verkommen, da nur noch das Tippen und Wischen mit dem Smartphone unser Handeln und Tun bestimme. Wir würden subtil gesteuert und versklavt. Der freie Wille und das Bewusstsein würden dadurch sukzessive abgeschafft, die Eigenständigkeit des Denkens und unsere Handlungsfähigkeit dezimiert. Dies führe langfristig zu einer Vereinheitlichung des Menschen und letztendlich zu seiner Abschaffung. Digitalisierung könne darüber hinaus keine gesellschaftspolitischen Lösungen anbieten. Eine ominöse Herrschaft, die er mit Intelligenzen tituliert, bemächtige sich der Vorteile und ziehe materiellen Nutzen, während der Rest der Gesellschaft in der Einfallslosigkeit monotoner Tastaturwischerei verschwinde. Die Lösung sei „natürliche“ Intelligenz zu fördern.

Das Unbehagen

Der Autor zeichnet das Bild einer debilen, vollkommen desillusionierten Menschheit nach, welche durch die zunehmende Digitalisierung allmählich in eine irreversible Schieflage gerät, bevor sie im Datensumpf undurchsichtiger Codes und Zahlen versinkt. Ziemlich düstere Aussichten und eine befremdliche Entwicklung würde ich behaupten, angesichts vieler Tatsachen die unerwähnt bleiben. Die Kritik wirkt auf mich stellenweise grotesk und einseitig, stellenweise aber auch nachvollziehbar. Es gibt Tendenzen die absolut beunruhigend sind. Geistige Amputation ist zweifellos eine schlimme Sache, manchmal vergisst man aber die Wahrheit. Ist diese Angst der Einverleibung begründet? Oder unterliegen wir wieder der maßlosen Hysterie unserer Eindrücke, die diese Ängste schüren?

Dystopien

Hybridwesen sind längst Realität. Anderes wiederum könnte in Zukunft Wirklichkeit werden. Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek etwa sinniert in einem Beitrag in der NZZ („Das Ende der Menschlichkeit“) über Formen der Symbiose als nächste Evolutionsstufe. So stelle man sich eine Maschine oder Apparatur vor, die nahezu fehlerfrei arbeitet und mehr von uns weiß als wir selbst. In diesem digitalen Hirn, so Zizeks Gedankenexperiment, wird unser komplettes Ich erfasst, selbst unsere Stimmungen, Ängste und Bedürfnisse.

Es beinhaltet jedes erfassbare Detail und ergibt ein Gesamtbild, das dem Selbstbild nicht nur ähnelt. Es ist praktisch ident mit ihm, mit dem Unterschied, dass es als Einheit besteht, während das Menschen-Selbst amorph lebt und nur eine brauchbare Fiktion darstellt, um uns zu beschreiben. Ein beunruhigender Gedanke, wie ich spontan urteile. Er sieht darin aber zuerst einmal ungeahnte Möglichkeiten. Da der Mensch in seinen Gedanken oft diffus bzw. strukturlos vorgehe, habe er oftmals keine klare Vorstellung über seine Absichten, sobald er sie artikuliert. Die Abrufgewalt ist auch nicht immer verfügbar. Zu viele Faktoren behindern ihn dabei.

Daten und Variablen

Diese Inkohärenz des Selbst wirke sich auf unsere Entscheidungen aus und entspreche nicht immer der äußeren Realität. Die Maschine hingegen könne die gesammelten Eindrücke und Inhalte besser eruieren, da es zunächst die Daten liest und unnötige Variablen ausschließt. Mir scheint als würde man dem Menschen hier einiges an Unvermögen attestieren. Doch lesen wir weiter. Diese Erkenntnis könnte schließlich auch auf andere Bereiche erweitert werden. Konkret spricht er von politischen Wahlen. Die Maschine würde demnach alle Faktoren ausrechnen und ein fertiges Ergebnis präsentieren. Sie sei rationaler als der Mensch.

Es sei daher auch möglich, dass die Maschine bessere Entscheidungen trifft als der Mensch. Sobald er aber die Entscheidungsmacht abgibt oder weiter delegiert, verliert er einen Teil seines Selbst. Dem Menschen entgleite damit die Kontrolle. So führe die Digitalisierung der Gesellschaft schrittweise zum Selbstverlust. Folglich diene sie auch der Menschheit nur begrenzt.

Die Mensch-ine

Vieles scheint obsolet. Mein Unmut ist davon ausgenommen. Die Mensch-ine entwickelt sich zu einem Überwesen, während die Biomasse Mensch zu einem Geisterwesen schrumpft. Wie weit ließe sich so eine Supermaschine weiterentwickeln? Wer hätte Zugriff darauf? Die Rede ist vom Homo deus, einer gottähnlichen Maschine, die unumschränkte Macht besitzt. Zizek befürchtet, dass solche Maschinen innerhalb der Gesellschaft zu Konflikten führen könnten. Auf der Suche nach Optimierung würden sie zur grenzenlosen Bedrohung ausarten.


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Die wahren Konsequenzen von Fake News

feedly (adapted) (image by Startup Stock Photos [CC0] via pexels)

Fake News, oder fehlerhafte Inhalte, die als tatsächliche Nachrichten verbreitet werden, haben seit der US-Präsidentenwahl im vergangenen Herbst viel Aufmerksamkeit erlangt. Auch wenn es kein neues Phänomen darstellt, kann durch den weltumspannenden Charakter dieser webbasierten Informationen internationaler Einfluss genommen werden. Infolgedessen ist dieses Thema nicht nur in den vereinigten Staaten, sondern auch in Frankreich, Italien und Deutschland relevant.

Auch wenn die Zunahme von Fake News in den letzten Monaten unverkennbar war, sind die Auswirkungen differenziert zu betrachten. Viele argumentieren, dass Fake News, die oft höchst parteiisch sind, Donald Trump dabei geholfen haben, gewählt zu werden. Es existieren sicherlich Beweise, dass Fake News hoch im Umlauf waren und zuweilen sogar wirkliche Nachrichten übertroffen haben. Jedoch zeigt nun eine nähere Analyse, dass die am meisten verbreiteten fehlerhaften Nachrichtenbeiträge lediglich von einer kleinen Anzahl von Amerikanern gesehen wurde. Die Überzeugungskraft dieser Beiträge wurde nicht getestet.

Es ist wahrscheinlich, dass diese vor allem geteilt wurden, um seine Unterstützung für einen der Kandidaten auszudrücken und nicht als Beweis, dass Nachrichtenkonsumenten den Inhalt des Nachrichtenbeitrags tatsächlich glauben. Dies wirft die Frage auf, ob Fake News überhaupt irgendwelche Auswirkungen haben und ob wir als Gesellschaft uns darüber Sorgen machen müssen.

Die Trennung von Fakt und Fiktion

Die wahre Auswirkung des steigenden Interesses in Fake News ist die Realisierung, dass die Öffentlichkeit nicht gut ausgestattet ist, um qualitativ hochwertige Informationen von falschen Informationen zu trennen. Tatsächlich ist eine Mehrheit der Amerikaner zuversichtlich, dass sie Fake News erkennen können. Als Buzzfeed amerikanische High-School-Schüler dazu befragte, waren diese überzeugt, dass sie in der Lage seien, Fake News online zu erkennen und zu ignorieren. In der Realität mag dies allerdings schwieriger sein, als die Leute denken.

Ich begann, diese Annahme in einer aktuellen Studie, die ich mit 700 Bachelorstudenten an der University of British Columbia durchgeführt habe, zu testen. Das Muster war einfach: ich zeigte Studenten eine Anzahl von Screenshots verschiedener Banner auf Webseiten – von etablierten Nachrichtenquellen wie dem Globe and Mail, eher parteiischen Quellen wie Fox News und der Huffington Post, Online-Aggregatoren wie Yahoo! News und Portalen auf sozialen Medien wie Upworthy. Ich habe sie gebeten, die Nachrichtenquellen auf einer Skala von null bis 100 auf ihre Legitimität zu prüfen.

Ich habe auch Screenshots von echten Webseiten, die Fake News verbreiten, mit aufgenommen. Einige von ihnen wurden während der US-Wahl 2016 recht schnell sehr beliebt. Eine dieser Quellen war eine Webseite mit dem Namen ABCnews.com.co. Sie sah der Webseite des Nachrichtenportals ABC News sehr ähnlich. Einige Fake-Inhalte gingen hier ziemlich schnell durchs Netz – wie beispielsweise die, die von Eric Trump retweetet wurden. Die anderen waren News zum Boston Tribune und World True News.

Die Erkenntnisse sind besorgniserregend. Obwohl die Probengruppe nach deren eigenen Angaben hauptsächlich aus politisch informierten und engagierten Nachrichtenkonsumenten bestand, sprachen die Befragten den Quellen wie ABCnews.com.co oder dem Boston Tribute mehr Legitimität zu als Yahoo! News, einer tatsächlichen Nachrichtenorganisation. Auch wenn diese Ergebnisse nur vorläufig und ein Teil einer größeren Studie sind, ergibt sich auch im Einklang mit anderen Studien folgendes Bild: Viele Menschen, besonders junge Leute, tun sich schwer daran, gute Nachrichtenquellen von fragwürdigen zu unterscheiden und ebenso zu unterscheiden, ob ein Foto authentisch ist oder nicht.

Darüber hinaus scheint Ideologie die Bewertung der Legitimität einer Nachrichtenquelle in einem besorgniserregenden Ausmaß zu beeinträchtigen. Linksorientierte Studenten sehen keinen Unterschied zwischen extremistischen Quellen wie Breitbart und Fox News. Hier werden von rechtsorientierten parteiischen Kommentaren bis hin zu den klassischen Nachrichten alle möglichen Ereignisse auf eine bestimmte Art und Weise präsentiert, die keineswegs mit journalistischen Normen im Einklang sind.

Als Ergebnis wird etwas, das wahr aussieht und sich vertrauenswürdig anfühlt – wie beispielsweise dem Boston Tribune – mehr Legitimität zugebilligt als einer tatsächlichen Nachrichtenquelle, mit der die Studenten vertraut sind, die sie aber aus ideologischen Gründen ablehnen. Im Gegenzug dazu wird etwas, das falsch aussieht und sich falsch anfühlt, wie die World True News, weniger Legitimität zugebilligt als eine richtige Nachrichtenquelle.

Doch auch wenn wir uns hier in Kanada größtenteils glücklich schätzen können, dieser Verbreitung von Fake News nicht ausgesetzt zu sein, die die aktuellen Wahlen in anderen Ländern beeinflusst haben, bedeutet dies nicht, dass wir diesem Phänomen gegenüber immun sind. In vielen Fällen wurde das Fundament dazu bereits gelegt.

Kanadier ebenso polarisiert

Studien zufolge, die von meinem Kollegen Eric Merkley durchgeführt wurden, sind Kanadier entlang ideologischer Linien zunehmend polarisiert. Diese affektierte Polarisierung hat die Auslösung von motivierter Argumentation zur Folge – eine unbewusste, beeinflusste Art, Informationen zu verarbeiten welche dazu führt, dass sogar intelligente Menschen an Unwahrheiten glauben, weil sie ihre ideologischen und parteiischen Veranlagungen unterstützen.

Darüber hinaus ist die Fragmentierung und Digitalisierung der Nachricht kein amerikanisches Phänomen, sondern weltweit vertreten. Der aktuellsten Studie zufolge beziehen 80 Prozent der Kanadier ihre Nachrichten online und nahezu 50 Prozent beziehen ihre Nachrichten auf sozialen Netzwerken, einer Plattform, welche für die Verbreitung von Fehlinformationen in den vereinigten Staaten größten verantwortlich gemacht wird. Zusammengenommen sind die Bedingungen gegeben, dass Fake News auch in Kanada Fuß fassen.

Leider gibt es keine einfache Lösung für das Problem. Die Optimierung von Algorithmen – hier versuchen Facebook und Google gerade, damit klarzukommen – kann helfen, die wahre Lösung muss allerdings von den Nachrichtenkonsumenten kommen. Sie müssen skeptischer und ebenso besser ausgerüstet sein, um die Qualität der Information, die sie antreffen, zu bewerten.

Ein wichtiger Teil dieser Strategie sollte eine gewisse Medienkompetenz beinhalten. Wir müssen die Nachrichtenkonsumenten mit Werkzeugen ausrüsten, mit denen sie die Legitimität der Nachrichtenquelle messen können. Sie müssen sich aber genauso ihrer kognitiven Voreingenommeneinheit bewusst werden. Das Problem wird ohne geeignete Maßnahmen nur größer werden, weil immer mehr Menschen ihre Nachrichten online beziehen und die politischen Strömungen sich immer mehr spalten und ins Extreme gehen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Feedly“ by Startup Stock Photos (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Wie sich Fundamentalisten gegenseitig beflügeln

War (adapted) (Image by Moyan Brenn [CC BY 2.0] via flickr)

Im Kampf gegen die Jihadisten, zeigen die reaktionären Rechte in Europa eine gegenteilige Wirkung.

Die militärischen und polizeilichen Interventionen gegen den Terrorismus, der von den Ideologen des Islamischen Staates ausgeht, sind wohl unvermeidbar. Aber reicht es aus, die islamistische Bewegung zu besiegen, die sich unter dem Kampfbegriff “Jihadismus” weltweit ausbreitet?

Der algerische Schriftsteller und Friedenspreisträger Boualem Sansal warnt im Interview mit der Deutsche Welle-Redakteurin Aya Bach vor einer verkürzten Sichtweise auf das internationale Phänomen des Jihadismus:

Man bekämpft Ideen nicht mit Kanonen. Ganz im Gegenteil. Dadurch verstärkt man sie. Man muss Ideen mit Ideen bekämpfen, mit einer Lebensphilosophie, mit einem neuen Demokratiegedanken, mit neuen Überlegungen zum Laizismus und indem wir den Integrationsprozess der muslimischen Gemeinschaft in die europäischen Gesellschaften gut regeln.

Auf diesem Feld hat die westliche Gesellschaft kläglich versagt, vor allem bei der Integration muslimischer Gemeinschaften. So leben Jugendliche in den französischen Vorstädten in einer abgeschotteten Gesellschaft. Sie fühlen sich unwohl, sind arbeitslos und häufig schlecht ausgebildet.

Plädoyer für die Philosophie der Aufklärung

Sie leben zwar in Europa ohne sich mit europäischen Werten zu identifizieren. “Meiner Meinung nach ist der Westen mit seiner Philosophie der Aufklärung, die ihn die letzten Jahrhunderte ausmachte, in einen Erschöpfungszustand geraten”, kritisiert Sansal. Nach den Attentaten von Paris sollten wir uns auf das freiheitliche Fundament des westlichen Lebensgefühls besinnen.

In der muslimischen Welt gibt es ein Wort, das alle Muslime jeden Tag wiederholen und das ihnen viel Kraft gibt: Ennahda. Das heißt Renaissance. Sie wünschen sich, dass das große arabische Reich aufersteht, die arabisch-muslimische Gesellschaft, der Islam und die großen kämpferischen Werte wieder erwachen. Ich glaube, der Westen sollte einen Prozess anstoßen, den man Renaissance nennen könnte, ganz wie das im 15. und 16. Jahrhundert in Europa schon einmal geschehen ist. Die Renaissance: das wäre wieder aufbauen, erneuern, die Werte der Aufklärung wieder beleben, die Künste, die Kultu, fordert Sansal.

Der Westen schläft und ruht sich auf seinen Lorbeeren aus, auf seinem vergangenen Ruhm. Er reduziert den Konflikt auf die militärische Dimension und den Anti-Terrorkampf. Er macht zu wenig, um den Ressentiments der “besorgten Bürger” entgegenzutreten, die den Untergang des Abendlandes an die Wand zu malen und weiteren Nährboden für die Radikalisierung des Islams bieten. Die reaktionären Rechtsbewegungen in Europa treiben muslimische Jugendliche in die Arme des Jihadismus. Das wissen auch die Protagonisten des Islamischen Staates. Die Terroranschläge in Paris sollen diese Pawlowschen Reflexe und Psychosen der Alltagsrassisten weiter beflügeln.

Es ist der Humus für nationalistische Kulturpessimisten in Europa, die nach dem starken Staat schreien und den Ausnahmezustand herbeisehnen. Das Notiz-Amt verweist beispielhaft auf die Werke von Oswald Sprengler und Carl Schmitt. Die Schriften der zu kurz gekommenen und kleinwüchsigen Herrenmenschen sind noch heute ein unverzichtbarer Pornographie-Ersatz für völkische und nationalistische Bedenkenträger. So sah der junge Carl Schmitt sein Dasein als eine Kette von Demütigungen. “O Gott, was soll aus mir werden? Wovon soll ich leben? Ich armer Junge, der Zielpunkt der Pfeile des Schicksals, ich vielgeschlagener Unglücksrabe.” Er fühlt sich von der ganzen Welt betrogen, sogar von seinen Zimmerwirtinnen, die angeblich falsche Rechnungen schreiben oder Sachen unterschlagen. “Die Wäsche kam, es fehlte wieder ein Hemd. Ich wurde rasend und geriet in Wut; Ernährungssorgen, Verzweiflung, kleinmütig.

Machtbedürfnisse und Schwarze Männchen

In den Monaten vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges gehen ihm Selbstmordgedanken durch den Kopf. Schmitt will in den “Mutterschoß zurück” und seinen “Eintritt ins Leben rückgängig machen”, winselt er. Der spätere Dezisionismus-Plauderer drückt sich allerdings vor der endgültigen Entscheidung.

Von Ehrgeiz zerfressen, überreizt und fiebrig, giert er nach Anerkennung, will berühmt werden, taxiert seine Gegner und empfindet ein “großes Machtbedürfnis”. “Ich raste herum, auf dem Bett, wahnsinnig vor unsinniger, vernichtender, vernichtungssüchtiger zweckloser Gier”, sinniert der spätere Staatsrat, der sich den Nazis andiente, von einer dicken Beamtenpension träumte und nach 1945 in permanente Weinkrämpfe ob seiner verpfuschten staatlichen Laufbahn verfiel.

Vor dem Beginn seiner staatlich alimentierten Juristenkarriere fühlt er sich “müde, gedrückt, jedem unterlegen und feige und furchtsam”. Die Welt ekelt ihn an und hat sich gegen ihn verschworen. Überall schlägt ihm Feindseligkeit entgegen, die Zeitgenossen sind “wandelnde Würste und schwänzelnde Giftpilze”. Klein Schmitti macht seine ersten Gehversuche fern von Muttis Rockzipfel und sieht nur noch Schwarze Männchen. Wie viel “Neid, Wut, Hass und Eifersucht, ja Ekel die Leute voreinander empfinden; zähle das alles zusammen, die Erde ist bedeckt davon.” Und wenn Mutti und Vati den lieben Kleinen nicht mit den materiellen Mitteln ausstatten, die einem zartbesaiteten Streber und Einser-Juristen gebühren und das kleine Dickerchen mit eigenen Händen nichts aufbauen kann, geißelt man am besten die böse Ellbogengesellschaft.

Angstpsychosen der Untergangspropheten

Eine ähnliche Persönlichkeit ist Oswald Sprengler, Autor des kulturpessimistischen Bestsellers “Untergang des Abendlandes”. Der martialische Lehrer des heroischen Realismus und des zynischen Imperialismus erscheint in seinen Nachlassaufzeichnungen

als eine weichliche, ängstliche, in sich selbst abgekapselte Persönlichkeit voller Hemmungen aller Art, die sich selbst als verkrachte Existenz wahrnimmt. Das Motiv der Angst wird hundertfach heruntergeleiert. Spengler hat weit über die Kinderjahre hinaus vor allem Angst: vor den anderen, vor jedem Erwachsenen, vor Mitschülern, vor allem ‚Weiblichen‘ (maßlose lächerliche Schüchternheit‘!), vor der Öffentlichkeit, vor Beziehungen, vor dem Eintritt in einen Laden, vor der Zukunft, vor Versetzung, vor Verspätungen, vor Begegnungen, vor Verwandten, vor dem Schlaf, vor Behörden, vor Gewittern, vor dem Krieg, sogar vor der Musik (die ihn ‚zermalmt‘), vor der Welt, vor dem Leben, vor dem Tod, Angst, Angst, Angst und schließlich Angst, seine Angst zu zeigen“, schreibt Gilbert Merlio im Nachwort des Buches “Oswald Spengler, Ich beneide jeden, der lebt – Die Aufzeichnungen ‚Eis heauton‘ aus dem Nachlass.

Staatsautoritäre Dogmen der besorgten Bürger

Seine Selbstanklage wandelt sich dann im “Untergang des Abendlandes” in eine Anklage gegen die Zeitumstände. Zeitgenössische Malerei, Architektur und Literatur verabscheut er. Er sehnt sich nach der guten alten Zeit. “Mein München von 1900 schildern. Längst tot. Kunststadt, letzter Hauch von Ludwig I. Ewige Sehnsucht danach. Café Colonnette”. Spengler sieht sich als letzten Kulturmenschen in einer Zeit, die sich ihres eigenen Verfalls nicht bewusst ist. Dabei kompensiert er nur sein klägliches Versagen, mit den Umständen der Zeit fertig zu werden. Er ist neidisch auf Tatmenschen und hat einen Widerwillen gegen politisch praktisches Tun. Immerhin gelangt er zur Erkenntnis: “Ohne praktische Arbeit großen Stils kann ich nicht leben.

Schuld sind auch bei Carl Schmitt immer die anderen: Es wimmelt in seinen Albträumen von Feinden, und das Leben “ist ein Kampf und eine Belohnung für den Kampf, der zurückliegt. Der Kampf des Fötus um die Existenz, der Spermatozonen”. Das Leben, “die anderen Menschen, die Umstände, die Zeit sind wie der Stahl, der auf der Drehbank liegt”. Der Metaphysiker des Armageddon erlernt hier das Handwerk für seine staatsautoritären Dogmen. Wir sollten uns nicht nur den freiheitsfeindlichen Dogmen des Jihadismus entgegenstellen, sondern auch mit dem erzreaktionären Fundamentalismus der “besorgten Bürger” abrechnen.


Image (adapted) “War” by Moyan Brenn (CC BY 2.0)


 

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Nur Deutsche dürfen über Deutschland reden

Passentzug (adapted) (Image by Metropolico.org [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Wer keinen “deutschen” Namen hat, macht sich verdächtig, wenn er bei der Einwanderungs- und Flüchtlingsfrage nicht “deutsche” Positionen und das “deutsche Vaterland” verteidigt. Das riecht nach Interessenkonflikt. Wer nicht die richtige Abstammung hat, sollte sich doch mit seinen öffentlichen Äußerungen zurückhalten. Jedenfalls meint das eine Kölner Juristin im Disput mit meiner Frau. Ein Patriot sei der, der sein Vaterland liebt. “Vaterland hingegen ist das Land, wo die eigenen Vorfahren herkommen. Also Bitte beteilige dich an einem Sinti- und/oder Roma-Diskurs. Danke”, schreibt Frau Schmidt, also waschechter germanischer Adel, der im Zuge der Völkerwanderung aus Zentralafrika irgendwann mal in nordische Regionen vorgedrungen ist. Es kommt halt immer auf die zeitliche Einordnung der Vorfahren an. Hier empfiehlt das Notiz-Amt einen Blick in Wikipedia. Was sagt denn der Blut- und Boden-Lehrmeisterin der Name “Gunnar Sohn”? Klingt doch irgendwie ok, um von Frau Schmidt nicht aus dem “Diskurs” über Einwanderung und Flüchtlinge ausgeschlossen zu werden?

Erinnerungskultur im „Vaterland“

Wenn wir schon von Vorfahren sprechen, sollte dabei die Erinnerungskultur nicht fragmentarisch ausfallen. Die Erinnerungskultur muss an die nächste Generation weiter gegeben werden. Meine Großeltern Frieda und Wilhelm Sohn zogen 1932 nach Kuschkow/Spreewald und kauften dort eine Gast- und Landwirtschaft. Hier begann 1935 die Schulzeit meines Vaters. Da mein Opa Jude war, zwang man die Familie Sohn durch Boykottaktionen zum Verkauf des Geschäftes. 1936 zogen die Sohns nach Österreich und eröffneten auf dem Danielsberg in Kärnten eine Hotelpension – den Herkuleshof. Anfang des Jahres 1939 – also kurz nach dem “Anschluss” Österreichs – wurde das Hotel meiner Familie auf dem Wege der sogenannten Arisierung weggenommen und eine Kärntnerin als Eigentümerin eingesetzt. Mein Opa kam in das KZ Dachau – später dann in die “Heil- und Pflegeanstalt der Reichsvereinigung der Juden in Bendorf-Sayn” bei Koblenz.

Krankenmorde im „Vaterland“

Der Krankenmord an jüdischen Patienten war Teil der von Hitler befohlenen “Aktion T4”, einer Mordaktion, der von Januar 1940 bis August 1941 70.000 Insassen aus Heil- und Pflegeanstalten zum Opfer fielen. Sie wurde als geheime Reichssache von einer Bürozentrale in der Tiergartenstraße 4 in Berlin (daher die Bezeichnung “T4”) aus organisiert. Die “T4”-Zentrale selektierte anhand von “Meldebogen” vor allem die nicht arbeitsfähigen Patienten und schickte sie mit Sammeltransporten über “Zwischenanstalten” in sechs der ihr unterstehenden Tötungsanstalten. Hier wurden die Menschen meist am Tag ihrer Ankunft in einer als Duschraum getarnten Gaskammer ermordet und ihre Leichen sofort in Verbrennungsöfen eingeäschert.

Ein „vaterländischer“ Erlaß

Noch während die “T4”-Sonderaktion lief, ordnete das Reichsinnenministerium mit einem “Runderlaß” am 12. Dezember 1940 an, dass jüdische Patienten künftig nicht mehr in die staatlichen Heil- und Pflegeanstalten aufzunehmen seien, sondern nur noch in die “Heil- und Pflegeanstalt der Reichsvereinigung der Juden in Bendorf-Sayn”. Begründet wurde die Anordnung wie beim “Erlaß” vom 30. August 1940, dass “Juden mit Deutschen” nicht mehr gemeinsam untergebracht sein sollten. Der “Erlaß” vom Dezember konnte jedoch aus organisatorischen Gründen nicht im geforderten Umfang umgesetzt werden. Obwohl die Bettenzahl in Bendorf-Sayn Anfang 1940 durch Aufstellung von Baracken von 190 auf 474 erhöht worden war, blieb die Anstalt überfüllt. Allein zwischen Januar und November 1941 waren 251 Neuaufnahmen zu verzeichnen. Die Deportationen der jüdischen Bürger nach dem Osten ab Frühjahr 1942 bedeuteten das Ende von Bendorf-Sayn. Die Anstalt wurde schrittweise geräumt.

Ohne Beruf, israelitisch und mit neuem Vornamen

Waggons mit den Patienten wurden an die Züge gekoppelt, mit denen die Koblenzer Juden im März, April, Juni und Juli 1942 deportiert wurden. Mit dem 10. November 1942 hörte die jüdische Anstalt auf zu bestehen.

Mein Großvater starb unter ungeklärten Umständen kurz vor seiner Deportation nach Auschwitz am 23. Mai 1942. In der Sterbeurkunde nannte man meinen Opa übrigens Wilhelm Alfons Israel Sohn – “ohne Beruf, israelitisch”. Das war die perfide Praxis der Nazis. Ein zusätzlicher Vorname, der die Stigmatisierung schon im Ausweis kenntlich machte. Israel für Männer und Sara für Frauen. Und selbst seinen erlernten Beruf als Land- und Gastwirt hat man in der Sterbeurkunde unterschlagen.

Mein persönliches Vater- und Großvaterland

Mein Groß-Onkel konnte sich noch nach London absetzen und überlebte. Für meinen Opa reichte das Geld nicht mehr, um den Nazi-Schergen noch zu entkommen. 1939 wurden meine Oma und mein Vater aus der “Ostmark” in das “Altreich” ausgewiesen. Sie zogen nach Berlin. Mein Vater besuchte die 6. Volksschule in Berlin Mitte. Da er nach dem Rassegesetz ein Mischling I. Grades war (meine Oma war Protestantin), durfte er keine höhere Lehranstalt besuchen. Im November 1943 wurden Oma und Paps ausgebombt und zogen zu den Großeltern mütterlicherseits nach Eggersdorf. Hier wollte mein Vater eine Laufbahn als Maschinenbauer beginnen, durfte aber, da das Rassegesetz verbot, einen handwerklichen Beruf zu ergreifen, seine Lehrstelle in Müncheberg bei der Firma Paul Sellin nicht antreten.

Daraufhin wurde ihm eine Lehrstelle als Landwirtschaftslehrling beim Landwirt Kurt Ehlert in Grünberg/Neumark zugewiesen. Als im Januar 1945 dort die Russen einmarschierten, wurde mein Vater als Gefangener nach Landsberg gebracht, kam aber im Juli 1945 wieder zurück nach Berlin. Er arbeitete zunächst in einem Elektrowerk in Köpenick, bis er am 25. September 1945 einen Straßenbahn-Unfall erlitt. Die Folge davon war ein steifes Bein. Nach seiner Genesung und einem langen Aufenthalt in Schweden (daher meine “nordischen” Vornamen Gunnar Erik) bei Onkel Pelle (so nannte ich den Sohn der Gastfamilie) wurde mein Vater ab dem 22. April 1947 Fahrscheinausgeber bei der BVG. Hier gelang ihm später unter sehr großen Anstrengungen eine Karriere in der Verwaltung als Dienstzuteiler – bis zu seiner Pensionierung, die er nur ein knappes Jahr genießen konnte. Er starb nach einem Unfall im August 1990. Das ist mein “Vater- und Großvaterland”, werte Frau Schmidt.

Und ich sehe es als meine Aufgabe als Sohn und Enkel meines persönlichen “Vaterlandes” an, Blut- und Boden-Rhetorikern entgegenzutreten.

Die Ausgrenzungsideologen

Wer Individuen auf die Zugehörigkeit zu einer Gruppe reduziert, wer Menschen nur über die Einteilung in Kategorien beurteilt und über Namen selektiert, speist eine Ideologie der Abgrenzung und Ausgrenzung. Es geht um bequeme Denkhaltungen, um sich abzugrenzen und abzuschotten. Es geht um Sündenböcke, die man als Allzweckwaffe benutzt. Nur nichts zulassen, um das vorurteilsbeladene Weltbild zu erschüttern. Kritisches Denken ist anstrengend. Am Schluss stellt sich vielleicht heraus, dass ja doch alles ein wenig komplexer ist als man anfänglich dachte. Einzelne Bäume will Frau Schmidt vor lauter Wald gar nicht wahrnehmen. Darum geht es, wenn von der Nation, von Vaterland, Patriotismus oder der sogenannten nationalen Identität gesprochen wird. Es sind Feindbilder, die in einer bequemen Komfortzone kultiviert werden. Der französische Philosoph Michel Serres hat das sehr gut auf den Punkt gebracht. Es geht um die Verwechslung von Identität und Zugehörigkeit. Ich gehöre zur Gruppe der Volleyball-Vereinsspieler. Ich gehöre zur Gruppe, die sich mit Livestreaming beschäftigt. Organisieren. Ich gehöre zur Gruppe, die gerne Himbeer-Marmelade mag. Ich gehöre zur Gruppe, die in Berlin geboren wurde.

An dieser Aufzählung merkt man sehr schnell, wie wenig die Zugehörigkeit über meine Identität aussagt. Ich bin ich. Das ist es. Herkunft und Vaterland sind Chimären, die nichts, aber auch gar nichts über den einzelnen Menschen aussagen.


Image (adapted) „Passentzug“ by Metropolico.org (CC BY-SA 2.0)


 

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5 Lesetipps für den 21. März

In unseren Lesetipps geht es heute um Überwachung in den USA, das Ende konservativer Politik-Literatur, Breitband und digitale Räume in Deutschland sowie die Sperre von Twitter in der Türkei. Ergänzungen erwünscht.

  • ÜBERWACHUNG Politico: Barack Obama to meet again with tech CEOs about NSA: Präsidenten Obama will sich mit einer unbekannten Anzahl an nicht genauer genannten CEOs von Technologie-Firmen aus dem Silicon Valley treffen, um über die staatliche Überwachung seiner Geheimdienste, Technik und Privatsphäre zu sprechen. Das Treffen findet in einer politisch kritischen Phase einer Reform der Geheimdienste statt, weshalb sich Obama von der ökonomisch starken IT-Wirtschaft Rückendeckung oder Rat holen möchte.
  • KONSERVATISMUS BuzzFeed: The Shocking End Of A Publishing Gold Rush: Auf BuzzFeed ist ein lesenswertes Longread von McKay Coppins über das Ende des Goldrausch konservativer Bücher in den USA erschienen. In den letzten 15 Jahren florierte der Markt konservativer Vordenker und Politiker, die ihre ideologischen Ansichten wortstark zu Papier brachten. Doch im sechsten Jahr der Obama-Administration gib es kein Interesse mehr an den Büchern der Konservativen, die auch aufgrund des konservativen Leseverhaltens ihrer Anhänger, viel Geld damit verdienten.
  • BREITBAND Netzökonom: Deutschland fällt im Breitband-Wettbewerb zurück: Auf seinem Blog setzt sich Holger Schmidt, der seit 2012 jede Woche für das Magazin FOCUS über die digitale Wirtschaft schreibt, mit dem Breitband-Ausbau in Deutschland auseinander. Im internationalen Vergleich ist Deutschland hier weit abgeschlagen und es sieht nicht aus, als ob das in den nächsten Jahren besser werden wird. Trotz der großen Worte von Bundesminister Dobrindt.
  • INFORMATIONSTECHNIK ISPRAT: Deutschland braucht Digitale Räume: Die digitale Revolution und die fortschreitende Urbanisierung werden zu prägenden Bestimmungsfaktoren für den Wohlstand von Industrienationen. Die Informationstechnik wird dabei großen Einfluss auf Städte und geografische Räume im Allgemeinen haben, meint der Interdisziplinäre Studien zu Politik, Recht, Administration und Technologie e.V., kurz ISPRAT. In einem Whitepaper schreibt der Verein, dass Informationstechnik als neue Infrastruktur die moderne urbane Lebenswelt durchdringt und diese deutlich verändern wird.
  • TÜRKEI Logbuch des Isarmatrosen: Erdogan droht Twitter in der Türkei auszumerzen.. und blockt es dann: Gestern Abend berichtete ich auf meinem Blog Isarmatrose.com über die Drohungen des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan gegen den sozialen Kurznachrichtendienst Twitter, in der Nacht hat er den Worten Taten folgen lassen: zur Zeit ist Twitter in der Türkei geblockt. Via SMS können Tweets noch versendet werden, offen ist, ob der Bann auch andere soziale Netzwerke betreffen wird.

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