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betatestr.de: Karma-Punkte für Early Adopter

betatestr Release Party

Wer als Käufer eines unfertigen Produkts unfreiwillig als Beta-Tester fungiert, ärgert sich. Und das zu recht. Wer hingegen schon während der Entwicklung des Prototyps ganz eng mitwirken darf, wird später vielleicht ein umso glücklicherer Kunde. Auf diese Mechanik setzt die Crowdsourcing-Plattform betatestr.de. Die Webseite ging jetzt in überarbeiteter Form live. Die Webseite vernetzt Erfinderunternehmer, sogenannte Maker, mit potenziellen Nutzern ihrer Produkte. Und dies sowohl online als auch offline.

betatestr Release Party
Betatestr setzt auf den Crowdsourcing-Gedanken. Auf der Release-Party erklärt Geschäftsführerin Anna Gubanova die Plattform. Image by Kevin Münkel

Unter betatestr.de können Maker ihre Projekte vorstellen und von Seitenbesuchern mit schriftlichem Feedback bewerten lassen. Zugelassen wird praktisch jede Idee, die bereits als Prototyp existiert und in die Rubriken Fashion, Produktdesign, Gadget oder Social passt.

betatestr.de Webseite
Stellt der Maker seinen Prototyp an einer Teststation aus, können Nutzer ihn dort ausprobieren und ihr Feedback auf der Webseite von betatestr mitteilen. Screenshot by Berti Kolbow-Lehradt

Eine Beurteilung hinterlassen kann jeder Seitenbesucher, der die Angabenfelder für dem Namen, E-Mail-Adresse und Feedback in der Webmaske ausfüllt. Hauptsache, es ist eine echte E-Mail-Adresse, andernfalls lässt sich der Bestätigungslink nicht aktivieren. Selbst, wer also nur die Projektbeschreibung liest, kann seine Meinung dazu kundtun.

Bei betatestr gibt es Karma-Punkte als Belohnung

Für das aus ihrer Sicht hilfreichste Feedback losen die Maker eine Belohnung aus, zum Beispiel ein persönliches Exemplar des Prototyps. Als Trostpflaster liefert eine E-Mail ein gutes Gewissen frei Haus. Für mein Feedback zahlt mir betatestr „100 Punkte auf dein Karma-Konto“ ein. Für andere Nutzer vielleicht wichtiger: Trendsetter können bei dieser Form des Crowdsourcings schon früh die Zukunft eines etwaigen Kultprodukts mitgestalten. Somit ist betatestr eine Art Spielwiese für Early Adopter.

betatestr E-Mail
Screenshot by Berti Kolbow-Lehradt

Nicht kaufen, nur anfassen

Am wertvollsten für die Entwickler sind natürlich Eindrücke aus erster Hand. Daher können sie Testexemplare an „Prototype Spots“ ausstellen und Besucher diese leibhaftig ausprobieren lassen. Ihr Feedback geben die Nutzer in jedem Fall online ab. Wo die Vorab-Exemplare stehen, listet die Projektbeschreibung im Web auf.

Kaufen können die Probanden die Produkte in der Regel nicht, da es sich ja um noch nicht serienreife Modelle handelt. Eine Ausnahme ist beispielsweise Papa Türk, ein Molkenmischgetränk, das Mundgeruch nach ausgiebigem Konsum von Döner und anderen olfaktorisch intensiven Speisen neutralisieren soll. Während der Release-Party von betatestr im Coworking-Space K14 konnte ich neben Papa Türk zudem die originelle Aufbewahrungsschale Snug.Bowl in die Hand nehmen.

betatestr.de Webseite
Screenshot by Berti Kolbow-Lehradt
betatestr Release Party
Nichts geht über Feedback aus erster Hand. Auf der Release-Party von betatestr konnten Gäste eine app-gesteuerte Cocktailmaschine, ein Anti-Mundgeruch-Getränk und eine Design-Schale aus Pappe testen. Image by Kevin Münkel

Mein Feedback habe ich bereits eingetippt. Aber ich verrate es nicht. Generell veröffentlicht betatestr keine Rückmeldung, sondern macht sie nur den Entwicklern zugänglich. Das soll die Offenheit fördern.

Maker bezahlen für das Feedback zunächst einmal nichts. Im Blog von betatestr erhalten sie sogar kostenlose Tipps von Experten. Die Plattform-Betreiber setzen schließlich auf ein Freemium-Geschäftsmodell. Mittelfristig wollen sie anhand der Informationen, die sämtliche Tester hinterlassen, den Makern beispielsweise kostenpflichtige Markt- und Trendanalysen anbieten. Vorerst deckt das Start-up die Kosten durch Vermittlungsgebühren. Sie fallen an, wenn sich ein Maker entscheidet, seine Entwicklung an einer lokalen Teststation auszustellen.

Von Hannover in die weite Welt

Zunächst gibt es elf Prototype Spots bei Cafés, Einzelhändlern und auch Coworking-Spaces in Hannover. Auf sie fiel die Wahl, weil sie die Heimatstadt des betatestr-Teams ist. „Die Maker-Szene ist in Hannover sehr lebendig“, beantwortet betatestr-Sprecher Ubbo Störmer die unvermeidliche Frage, warum die Wahl für den Gründungsort nicht auf das hippe Berlin fiel. Weitere Prototype Spots plant das sechsköpfige Gründerteam um Geschäftsführerin Anna Gubanova außerdem in Osnabrück, Kiel, Hamburg und im niedersächsischen Oldenburg zu eröffnen.

Perspektivisch will betatestr aber international expandieren und nach Russland und China aufbrechen. Dort seien Maker noch viel eher als in Deutschland bereit, schon in der Produktentwicklung Einblick zu geben und von Interessierten wertvolles Feedback zu erhalten.


Images by Kevin Münkel

Screenshots by Berti Kolbow-Lehradt


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Der Siegeszug der Freemium-Apps ist unaufhaltbar

App Store (adapted) (Image by Cristiano Betta [CC BY 2.0] via Flickr)

In den großen App-Stores generieren Entwickler ihre Umsätze heute fast ausschließlich mit Freemium-Apps, für die der Nutzer trotzdem zahlen muss. Kostenlose Apps sind eine tolle Sache – für den Nutzer zumindest. Der Entwickler der App hat nichts davon, außer mit Werbebannern. Diese nerven, können aber vom Nutzer entfernt werden – gegen Bezahlung. Auch Zusatzfunktionen und -Inhalte lassen sich oft nur nach der Transaktion kleinerer Beträge nutzen. Und das Konzept geht auf. Heute werden fast alle Umsätze in den App-Stores über die kostenlosen Apps mit Premium-Bezahlinhalten generiert. Doch ist diese Entwicklung gut? Und wenn ja, für wen?

Freemium: das Erfolgsmodell

Heute findet in San Francisco die Entwicklermesse Google I/O statt, zu der Google erfahrungsgemäß auch immer die aktuellsten Wachstumszahlen von Android & Co. bekannt gibt. Gestern bereits hat der Anbieter von App-Analystics-Diensten, App Annie, zu diesem Anlass einen Report veröffentlicht, in dem man unabhängige Zahlen aus dem Google Play Store bekannt gibt. Daraus geht nicht nur hervor, dass der Google Play Store immer weiter kräftig wächst, sondern auch dass die Umsätze massiv steigen. Gute Nachrichten für Google und die App-Entwickler.

Eine Sache fällt an diesen Zahlen allerdings ganz besonders auf, nämlich dass der Großteil der erzielten Umsätze aus Freemium-Apps stammt. Um genau zu sein handelt es sich um 98 Prozent der Umsätze. Das Freemium-Modell, dessen Name sich aus den Worten Free und Premium zusammensetzt, hat sich also ganz klar durchgesetzt und beherrscht die App-Stores. Bei Apple ist der Anteil der Umsätze aus Freemium-Apps mit 92 Prozent im Dezember 2013 nur unwesentlich niedriger gewesen. Doch wieso funktioniert dieses System eigentlich so gut?


Joel Gascoigne, Gründer und CEO von Buffer, über Freemium und die Nutzererwartungen:


Was nichts kostet ist auch nichts wert

Früher war es normal, dass der Nutzer für Software einmal ein Betrag zahlt um diese nutzen zu können. In der Spielebranche hat sich dies schon vor einiger Zeit mit dem Aufkommen von Abo-Modellen und Free2Play-Spielen geändert. Mit dem Vormarsch der mobilen Endgeräte und der dafür erhältlichen Apps hat das Freemium-Modell nun auch App-Markt der Nicht-Games fest im Griff. Dabei war es anfangs üblich, dass die meisten Apps um die 2 bis 3 Euro gekostet haben. Kleine Beträge also, die die Nutzer durchaus auszugeben bereit sind. Zumindest in Apples Ökosystem – Android-Nutzer waren im Vergleich deutlich weniger bereit, Geld für eine App auszugeben. Das lag nicht zuletzt auch an den mangelhaften Bezahlmöglichkeiten, die Google bot.

Es hat sich also eine Kostenloskultur im Play Store breit gemacht, sehr zum Leidwesen der Entwickler, die unter Android nur schwer Geld verdienen konnten. Allerdings nur, bis das Freemium-Modell auf der Bildfläche erschien – dies wurde zusätzlich begünstigt, nachdem Apple und Google In-App-Käufe in ihren App-Stores zugelassen haben. Interessanterweise sind Android-Nutzer nämlich nach wie vor selten bereit, für eine App einen einmaligen Betrag zu zahlen – für Inhalte innerhalb der App dafür aber schon. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sich bei Freemium-Apps die Basis-Funktionalität frei nutzen lässt. Der Nutzer kann also in aller Ruhe die App ausprobieren und wird so eher an sie gebunden. So fällt ihm oftmals dank penetranter Werbung der Entwickler auf, dass die Premium-Inhalte oder –Funktionen, an die er momentan noch nicht ran kommt eigentlich doch auch ganz praktisch oder interessant wären und ist eher bereit dafür zu zahlen.

Kleinvieh macht auch Mist

In der Spielebranche sorgt das Free2Play-Modell seit Jahren für Umsätze in Millionenhöhe. Dabei handelt es sich, bis auf einige Ausnahmen, überwiegend um geringe Beträge, die wenige Nutzer zahlen um weiterspielen zu dürfen, oder bestimmte Gegenstände freizuschalten. Games machen beim Umsatz in den App Stores zwar entsprechend den Großteil aus, aber immer mehr normale Apps adaptieren das Modell, da es unheimlich lukrativ ist. Egal ob Evernote, Feedly, Lastpass, Spotify oder die Bild-App, alle sind kostenlos nur eingeschränkt nutzbar.

Derzeit sind viele Entwickler noch dabei auszuprobieren, welche Form des Freemium-Modells sich für die Monetarisierung ihrer App am besten eignet. Aber immer mehr Entwickler wechseln nachträglich auf das Freemium-Modell, so wie zuletzt SwiftKey unter Android. Und man kann es ihnen nicht verdenken. Nicht nur sind Nutzer eher bereit in einer vertrauten App für Inhalte zu zahlen, durch das Hinzufügen von weiteren Inhalten und Zusatzfunktionen oder einem Abo-Modell lässt sich über lange Zeit mit dem Modell Geld verdienen, nicht nur einmalig.


Nils Pihl, Gründer von Mention, über die Psychologie von Freemium:


Die Politik ist am Zug

Für den Nutzer bedeutet das Freemium-Modell auf lange Sicht also, dass man tendenziell mehr für eine App ausgeben kann, als die eigentlichen 2 bis 3 Euro. Allerdings muss man dies auch nicht der Fall sein, zumindest wenn einem die Basisfunktionen ausreichen, oder man sich mit nervigen Werbeeinblendungen abfinden kann. Das Modell steht allerdings massiv unter Beschuss. Nachdem bereits die britische und italienische Regierung Apple und Google aufgefordert haben, die entsprechenden Angebote zu überprüfen, hat dieses Jahr auch die EU-Kommission unter Leitung von Verbraucherkommissar Neven Mimica, Freemium-Apps ins Visier genommen. In diesen Fällen richtet sich das Augenmerk allerdings hauptsächlich auf Free2Play-Spiele, die vor allem Kinder oftmals zur Zahlung horrender Summen verleiten. Dass sich dadurch allerdings grundlegend etwas an dem Modell ändern wird, ist nicht zu erwarten – es wird sich eher noch weiter durchsetzen, wenn mehr Entwickler Möglichkeiten finden, das Modell für ihre Zwecke zu adaptieren. Dem Nutzer bleibt also nichts Weiteres übrig, als sich mit Freemium anzufreunden, oder zu lernen, sich mit weniger Funktionen und Inhalten zufrieden zu geben.


Image (adapted) „App Store“ by Cristiano Betta (CC BY 2.0)


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