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Wie Mainstream-Medien noch immer soziale Veränderungen bewirken

newspaper (adapted) (image by bykst [CC0] via pixabay)

Präsident Donald Trump hat seinen Kampf gegen die Nachrichten auf eine neue Ebene gebracht, als er ein bearbeitetes Video getwittert hat, in dem er jemandem gegenüber handgreiflich wird, dessen Gesicht mit dem Logo von CNN überblendet wurde. Der Sender wurde von „Cable News Network” in „FNN“ umbenannt – das „Fake News Network“.

Während es in den „postfaktischen“ Zeiten wie diesen und in einer Umgebung, die von einigen wenigen Medienkonglomeraten dominiert wird, viel an den Medien zu kritisieren gibt, brauchen wir die Presse doch, um unsere Anführer und Institutionen rechenschaftspflichtig halten zu können.

Wenn jedoch die Gelegenheit gegeben ist, sollten wir die Presse auch ab und zu loben. Die Serie “Unfounded“ der kanadischen Zeitung Globe and Mail ist ein Beispiel dafür. Die Macht der Presse sollte nicht unterschätzt werden – das gilt sowohl für den positiven als auch für den negativen Einfluss der Berichterstattung. Die “Unfounded”-Serie der Globe and Mail arbeitet in einer fortschrittlichen Art und Weise, um Themen ans Licht zu bringen, über die zu wenig berichtet wird. Die Serie konzentriert sich auf Fälle von sexuellen Übergriffen, die von der Polizei nicht verfolgt werden und demonstriert so die Macht der Presse, soziale Veränderung hervorzurufen.

Basierend auf polizeilichen Aufzeichnungen über 20 Monate hinweg hat die Serie unter der Leitung der Journalistin Robyn Doolittle herausgefunden, dass einer von fünf angezeigten Fällen bei der Polizei als unbegründet zu den Akten gelegt wird. Doolittle war in der Lage, die Daten zu sammeln, nachdem sie hunderte Anfragen zur Informationsfreiheit an Polizeidirektionen im ganzen Land verschickt hatte. Was sie zusammenstellte, ist mehr als nur eine schockierende Statistik solcher Fälle.

Daten und persönliche Geschichten = eine machtvolle Verbindung

Die Serie, die erst kürzlich den Data Journalism Award 2017 gewann, weil hier Datennutzung zur Aufdeckung von Systemversagen stattfand, stellt ein leuchtendes Beispiel für investigativen Journalismus dar. Doolittle bettete die statistische Analyse in eine Berichterstattung ein, die sie direkt von Frauen erhalten hat, die Opfer sexueller Übergriffe wurden und deren Aussagen von der Polizei schlichtweg abgetan wurden.

Allerdings sind die Berichterstattung der Serie und ihre Präsentation in den darauffolgenden Monaten nach der Untersuchung ebenfalls bemerkenswert. Anstatt die Story irgendwo auf den letzten Seiten der Zeitung zu vergraben, druckte man diese auf der Titelseite aus. Und das nicht nur einmal, sondern regelmäßig.

Ich habe jahrelang die kanadische Medienlandschaft verfolgt und glaube, dass dies im starken Gegensatz zur gewöhnlichen Berichterstattung anderer berichtenswerter Geschehnisse steht. Generell erscheinen diese ein- oder zweimal oder werden irgendwo in der restlichen Berichterstattung eingebettet. Sie verschwinden nicht nur aus den Zeitungen, sondern auch aus dem kollektiven Gedächtnis der Leser. Hier funktioniert Wiederholung, um die Story in der öffentlichen Wahrnehmung und in den Köpfen der Gesetzgebung am Leben zu halten.

Zusätzlich gab die Globe and Mail eine zwingende und persönliche Perspektive zur Berichterstattung vor. Das Blatt gab jeden Tag Neuigkeiten zu einem Fall einer Bürgerin heraus, deren Fall von der Polizei als haltlos eingestuft und zu den Akten gelegt wurde. Dieser Einschub sorgte für eine Vermenschlichung der Story. Dazu kommt, dass die tägliche Veröffentlichung derlei Berichte auch bewirkt hat, dass sie den Lesern im Gedächtnis bleiben.

Die Regelmäßigkeit der Veröffentlichungen und die strukturierte Perspektive, die sowohl durch die einzelnen Geschichten als auch durch das Bild im Ganzen gestärkt wurde, fingen die Komplexität und die Vielschichtigkeit des Themas besonders effektiv ein.

Die Gesetzgebung kümmert sich

Es war keine Überraschung, die grundlegenden Veränderungen nach der Veröffentlichung der Serie zu beobachten. Nicht nur haben verschiedene Polizeikräfte versprochen, die als haltlos eingestuften und zu den Akten gelegten Fälle neu aufzurollen, auch das Statistikamt Kanadas verpflichtete sich dazu, Daten aus den verschiedenen Teilen des Landes über dieses Thema zu sammeln. Politiker versprachen, ebenfalls mehr Geld für die Ermittlung von geschlechterbasierender Gewalt bereitzustellen und neue Strategien zum Umgang mit Fällen sexueller Übergriffe zu entwickeln. Erst vor Kurzem konnte die Polizei von Ottawa eine Person aufgrund der Informationen, die sich durch die Serie ergeben hatten, festsetzen.

Die Serie “Unfounded” von der Mail and Globe zeigt die wahre Macht des investigativen Journalismus. Die aktuelle Serie der Zeitung über den Missbrauch des Gesundheitssystems durch doppelte Zahlungen verspricht genauso aufklärend zu sein und hoffentlich genauso bahnbrechend. Falls die Zeitung auch Themen wie Rassismus, Islamophobie und andere Formen der Gewalt in diesem Stil behandeln würde, würde sie auch die wahre Rolle der Nachrichten erfüllen: Die Bevölkerung zu informieren und aufzuklären.

Jedoch kann man der Realität der heutigen Medienlandschaft nicht entkommen. Mit der zunehmenden Vorherrschaft der sozialen Medien als Mittel, mit denen Nachrichten konsumiert werden, bekommen Serien wie „Unfounded“ oft nicht die Ausstrahlungszeit, die sie verdienen. Stattdessen überwiegt die häppchenartige Berichterstattung – und eine ausführliche Berichterstattung bleibt nur als Zeitvertreib einiger Weniger.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „newspaper“ by bykst (CC0 Public Domain)


The Conversation

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Apples Steuernot wird den Erfolg nicht schmälern

Apple Store Scottsdale Road (adapted) (Image by Dru Bloomfield [CC BY 2.0] via Flickr)

Apple-Panikmacher haben einen neuen Pfeil in ihrem Köcher. Dazu, dass Apples Erfolg zu sehr vom iPhone abhängt und sein Wachstum nicht mehr die historischen Höhen erreicht, kommen jetzt noch Apples Konflikte mit der EU über die irischen Steuerangelegenheiten. Das bedeutet aber nicht, dass Apple zum Scheitern verurteilt ist. Mit einer Marktkapitalisierung von rund 580 Milliarden US-Dollar ist es immer noch das wertvollste Unternehmen der Welt – und das aus gutem Grund. Die Aufregung um die neueste Produktveröffentlichung ist ein Beweis für Apples anhaltende Beliebtheit bei den Verbrauchern und Investoren gleichermaßen. Die Entscheidung der Europäischen Kommission bezüglich Apples Steuerregelung mit Irland hatte „staatliche Beihilfen“ und die Forderung, dass Apple 13 Milliarden Euro zuzüglich Zinsen zurück an die irische Regierung zahlen sollte, zum Gegenstand. Diese Entscheidung hat eine Debatte über den aktuellen Zustand des globalen Steuersystems, das Recht und Unrecht der Unternehmensbesteuerung und die gesellschaftliche Rolle von Unternehmen entfacht. Einige haben es in Frage gestellt, dass Apple und anderen Unternehmen Steuerschlupflöcher nutzen, um ihre Steuerzahlungen zu minimieren. Allerdings sollte man sich einige Dinge ins Gedächtnis rufen. Zunächst betrachte man den Fall aus einer Perspektive der sozialen Verantwortung heraus: Apple hat in Irland eine Produktionsstätte seit 1980 in Betrieb, beschäftigt dort derzeit etwa 6000 Menschen und unterstützt indirekt knapp 1,5 Millionen Arbeitsplätze in ganz Europa. Zweitens haben Apple (und Irland) betont, dass ihre Steueranordnung kein besonderes Abkommen ist, sondern auf jedes Unternehmen Anwendung finden kann, das sie nutzen möchte. Drittens haben globale Unternehmen die Pflicht, ihre eigene Rentabilität als wettbewerbsfähige Unternehmen zu unterstützen. Sie haben auch eine Pflicht gegenüber ihren Aktionären, die Einhaltung ihrer Steuerpflichten innerhalb der gesetzlich festgelegten Anforderungen zu optimieren. Jeder CEO, der entscheidet, mehr zu zahlen, als gesetzlich  verpflichtend ist, begibt sich mit dem Vorstand und dem Aktienmarkt in wilde Gewässer. Viertens wird Steuerrecht schon aus historischer Sicht innerhalb der Hoheitsgewalt der Staaten festgelegt und nicht von supranationalen Organisationen wie der EU. Die Nationalstaaten haben günstige Steuersysteme etabliert, um mit ausländischen Investitionen von globalen Konzernen zu konkurrieren. Die EU-Vorschrift hat, wenn sie den rechtlichen Herausforderungen standhält, erhebliche Auswirkungen auf das Souveränitätsprinzip.

Entscheiden, was fair ist

All dies bedeutet aber nicht, dass Unternehmen ihren fairen Steueranteilen entgehen sollten. Aber wie stellen wir fest, was ein fairer Anteil ist? Apple ist ein US-Unternehmen; es führt fast alle Forschungs- und Entwicklungsaufgaben für seine Produkte und Dienstleistungen in den USA aus, wo es auch am meisten Steuern zahlt. Wie einige andere US-Unternehmen hat sich Apple dafür entschieden, die Rückführung der Gewinne in die USA zu verzögern, wo das Unternehmen einem effektiven Steuersatz von 40 Prozent unterliegen würde. Apple unterhält rechtliche Strukturen, die von den meisten globalen Unternehmen eingesetzt werden, um ihren Steuersatz zu optimieren – und zwar innerhalb der von den verschiedenen Rechtsordnungen festgelegten Grenzen, wo die Unternehmen tätig sind, wie es von den Aktionären und dem Aktienmarkt zu erwarten ist. Was oft ignoriert wird, ist, dass Apple der größte Steuerzahler in Irland, den USA und dem Rest der Welt ist. Die Steuerfrage um Apple wird seinem Erfolg aus einer Vielzahl von Gründen keinen wesentlichen Schaden zufügen. Es wird für seine Beschwerde gegen die EU-Entscheidung den Rechtsweg über mehrere Jahre beschreiten müssen und es könnte passieren, dass der Betrag doch nicht gezahlt werden kann, zumindest nach den derzeitigen Umständen. Sowohl Apple als auch die irische Regierung werden sich gegen die EU-Entscheidung zur Wehr setzen – Irland hat bekundet, die entsprechende Zahlung nicht zu verlangen, da Apple bis dato das irische Steuerrecht gewahrt habe und daher nichts schuldig sei. Selbst wenn der Betrag zukünftig gezahlt werden kann, ist Apple fähig,  ihn zu entrichten, ohne seine Position in finanzieller Hinsicht oder im Hinblick auf den globalen Wettbewerb einzubüßen. Es gibt Schätzungen,  nach denen sich Apples Barreserven auf rund 200 Milliarden US-Dollar  belaufen. Die Steuersumme ist hoch, egal nach welchem Maßstab, aber für Apple dürfte es ein Leichtes sein, sie zu zahlen.

Mehr als nur das iPhone

Was die Kritiker des Unternehmens leicht vergessen, ist, dass Apple nicht nur auf Hardware aufbaut. Das iPhone steht im Zentrum eines Ecosystems, das auch Apps, Musik, Medien, Onlinespeicher, und andere Dienste als bloß Hardware mit einbezieht. Noch wurde dieses Ecosystem durch kein anderes Unternehmen übertroffen. Es macht eine Differenzierung im Wettbewerb möglich, und durch das System können Premium-Preise eingesetzt werden. Es ist zudem ein Ecosystem, das expandiert – und zwar nicht nur im Rahmen der eingesetzten Produkte und verfügbaren Dienstleistungen, sondern auch im geografischen Sinne. Der Mittelstand in aufkommenden Märkten wächst und Apple ist, was den Wettbewerb angeht, gut platziert, um von diesem Wachstum zu profitieren. Hinzu kommt die immense Leistungsfähigkeit von Apples Abläufen – die von Hauptkonkurrenten lange nicht erreicht werden – und es wird deutlich, warum Apple das wertvollste Unternehmen der Welt ist. Die Steuerdebatte ist wichtig und sie muss verfolgt werden. Es kann allerdings nicht die Lösung sein, hierzu ein Unternehmen allein aufgrund seiner Marktdominanz auszuwählen. Alle globalen Unternehmen versuchen, ihre Steuerabgaben zu verringern. Nationalstaaten wie Irland haben daher günstigere Steuersysteme etabliert, um mit ausländischen Investitionen von weltweiten Konzernen konkurrieren zu können. Auf diese wesentliche Art kann das Wirtschaftswachstum angeregt und die Gesellschaft unterstützt werden. Die Steuerfrage ist komplex und kann nicht durch bloßes Niedermachen von Unternehmen beigelegt werden. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Apple Store – Scottsdale Road“ by Dru Bloomfield (CC BY 2.0)


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Algorithmen können fairer sein als Menschen

code(image by geralt [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Amazon hat kürzlich damit angefangen, Lieferungen am selben Tag in ausgewählten großstädtischen Gegenden anzubieten. Das mag für viele Kunden gut sein, doch die Markteinführung zeigt auch, wie computerisierte Entscheidungsfindung eine hohes Maß an Diskriminierung fördern kann.

Sinnvollerweise begann die Firma mit ihrem Service in Gegenden, in denen die Lieferkosten am niedrigsten waren, indem sie die Postleitzahlen von dicht besiedelten Orten sowie die Anzahl existierender Amazonkunden ermittelten, deren Einkommensniveau hoch genug war, um regelmäßig Produkte, für die Lieferung am selben Tag verfügbar waren, zu erwerben. Die Firma gab eine Internetseite an, auf der Kunden ihre Postleitzahl eingeben konnten, um zu sehen, ob eine Lieferung am selben Tag bei ihnen möglich wäre. Enthüllungsjournalisten bei den Bloomberg News nutzten diese Seite zur Erstellung einer Karte, die die Gegenden mit dem Amazon-Lieferangebot am selben Tag zeigt.

Die Bloomberg-Analyse zeigte, dass viele ärmere, städtische Gegenden von diesem Service ausgeschlossen waren, während in wohlhabenderen Nachbarschaften dieser Service angeboten wurde. Viele dieser ausgeschlossenen armen Gegenden wurden vorwiegend von Minderheiten bewohnt. Beispielsweise wurde in Boston das komplette Stadtgebiet abgedeckt – bis auf den Bezirk Roxbury. Der Service deckte in New York City beinahe sämtliche Bezirke ab, während die Bronx außen vor blieb. In Chicago wurde die verarmte South Side ausgelassen, während die wohlhabenderen nördlichen und westlichen Vorstädte mit einbezogen wurden.

Man ist versucht, zu denken, dass datenbasierte Entscheidungen unvoreingenommen sind. Jedoch zeigen Forschung und wissenschaftliche Diskussionen nach und nach, dass Unfairness und Diskriminierung bestehen bleiben. In meinem Onlinekurs zu Datenethik lernen die Studenten, dass Algorithmen diskriminieren können. Allerdings gibt es einen Silberstreif am Horizont: Wie auch die Bloomberg-Studie zeigt, kann es die Tatsache, die Entscheidungsfindung auf Daten zu gründen, auch einfacher machen, aufkommende Vorurteile zu entdecken.

Voreingenommenheit kann unbeabsichtigt sein

Unfaire Szenarios, wie bei der Lieferpolitik von Amazon, können aus vielen Gründen entstehen, inklusive versteckter Verzerrungen – beispielsweise der Annahme, dass die Bevölkerung einheitlich über die Stadt verteilt ist. Die Entwickler von Algorithmen haben wahrscheinlich nicht die Absicht, zu diskriminieren, und merken es möglicherweise gar nicht, dass sich ein Problem eingeschlichen hat.

Amazon erklärte Bloomberg, dass man keine diskriminierenden Absichten verfolgte, und alles spricht dafür, dass diese Aussage wahr ist. Als Antwort auf den Bloomberg-Bericht haben Stadtbeamte und andere Politiker Amazon dazu aufgerufen, dieses Problem zu beheben. Die Firma reagierte schnell darauf und fügte die ehemals ausgeschlossenen ärmeren städtischen Postleitzahlen zu ihren vom Service abgedeckten Gegenden hinzu.

Eine ähnliche Frage hat sich bei Uber gestellt. Hier sah es zunächst so aus, dass in Gegenden, die eher von einer weißen Bevölkerung bewohnt wurde, ein  besserer Service angeboten wurde. Es ist wahrscheinlich, dass noch mehr Einzelhandel- und Serviceindustriebeispiele in Zukunft gefunden werden, die unabsichtlich durch Algorithmen diskriminieren.

Wird von den Algorithmen zu viel verlangt?

Wir sollten einen Moment innehalten, um zu prüfen, ob wir übermäßige Ansprüche an die Entscheidungen von Algorithmen stellen. Firmen, die stationär arbeiten, treffen ständig standortbezogene Entscheidungen und beziehen dabei Kriterien ein, die sich nicht allzu sehr von denen Amazons unterscheiden. Solche Filialen versuchen, Standorte zu finden, die für eine große Menge potenzieller Kunden mit Geld zum Ausgeben in Frage kommen.

Konsequenterweise entscheiden sich nur wenige Geschäfte dafür, sich in ärmeren innerstädtischen Nachbarschaften niederzulassen. Vor allem im Zusammenhang mit Lebensmittelgeschäften ist dieses Phänomen ausführlich erforscht worden, und der Term „food desert“ („Lebensmittelwüste“) wird benutzt, um städtische Gegenden zu beschreiben, in denen die Einwohner keinen geeigneten Zugang zu frischen Lebensmitteln haben. Diese Standortverzerrung ist weniger gut untersucht, wenn es zu Einzelhandelsgeschäften im Allgemeinen kommt.

Als ein bezeichnendes Beispiel schaute ich mir die 55 Standorte von Target, einer großen Einzelhandelskette, in Michigan an. Als ich jede Postleitzahl in Michigan danach sortierte, ob das Durchschnittseinkommen verglichen mit dem landesweiten Durchschnittseinkommen hier in der unteren oder oberen Hälfte lag, fand ich heraus, dass nur 16 der Targetläden (29 Prozent) in den Gegenden mit Postleitzahlen aus der unteren Einkommenshälfte lokalisiert waren. Mehr als zweimal so viele, 39 Läden, befanden sich in den Gegenden mit den Postleitzahlen der reicheren Hälfte.

Diskriminierung identifizieren

Darüber hinaus findet sich keine einzige Target-Filiale in Detroit, während sich in den reicheren Vorstädten von Detroit diverse Läden befinden. Trotzdem gab es noch keinen öffentlichen Aufschrei mit dem Vorwurf, dass Target durch seine Niederlassungsentscheidungen arme Menschen diskriminiert. Es gibt zwei Hauptgründe, warum die Sorge über Amazon gerechtfertigt ist: Rigidität und Dominanz.

Rigidität hat sowohl mit dem Entscheidungsfindungsprozess des Online-Einzelhändlers als auch mit dem Ergebnis zu tun. Amazon entscheidet, welche Postleitzahlgegenden in das Servicegebiet fallen. Wenn ein Kunde nur eine Straße von der Grenze, die Amazon gesetzt hat, entfernt wohnt, liegt er außerhalb der Servicegegend und kann wenig dagegen tun. Im Gegensatz dazu kann jemand, der in einer Postleitzahlgegend ohne Target-Filiale lebt, dennoch bei Target einkaufen – auch wenn er länger braucht, um dorthin zu kommen.

Es ist außerdem wichtig, wie dominant ein Einzelhändler in den Köpfen der Verbraucher ist. Während Target nur einer von vielen Sportartikelverkäufern ist, genießt Amazon als Interneteinzelhändler Marktdominanz und zieht daher mehr Aufmerksamkeit auf sich. Solch eine Dominanz ist charakteristisch für die heutigen Internetgeschäfte, die nach dem Motto „The Winner takes it all“ funktionieren.

Während ihre Rigidität und Dominanz unsere Sorge über Onlinegeschäfte vergrößern mögen, so helfen sie uns doch auch, ihre Diskrimination besser zu entdecken als bei stationären Geschäften. Bei einer traditionellen Ladenkette müssen wir schätzen, wie lang ein Anfahrtsweg für den Kunden maximal sein darf. Wir müssen uns außerdem des Zeitfaktors bewusst sein: Fünf Meilen zur nächsten Autobahnausfahrt ist nicht das gleiche wie fünf Meilen durch vollgestopfte Straßen in Richtung der anderen Seite der Stadt. Außerdem kann die Anreisezeit selbst in Abhängigkeit von der Tageszeit stark variieren. Nachdem man identifiziert hat, in welchen Gegenden ein Geschäft wahrscheinlich seinen Service anbietet, werden diese Gegenden nicht eins zu eins deckungsgleich mit den geographischen Einheiten sein, für die uns Statistiken über Rasse und Einkommen vorliegen. Zusammengefasst ist die Analyse chaotisch und bedarf eines großen Aufwands.

Im Gegensatz dazu haben Journalisten bei Bloomberg wohl nur wenige Stunden gebraucht, um eine Karte mit der Servicegegend Amazons zu erstellen und diese mit dem Einkommen oder der Rasse in Beziehung zu setzen. Wenn Amazon das betriebsintern vollzogen hätte, hätten sie dieselbe Analyse in nur wenigen Minuten durchführen können – und sie hätten vielleicht die Probleme gesehen und schon vor der Einführung des Services der Lieferung am selben Tag behoben.

Wie vergleichen Menschen?

Lassen Sie uns einen Blick auf ein ganz anderes Beispiel werfen, um zu sehen, wie die gleichen Punkte auf viele Dinge zutreffen. ProPublica hat eine exzellente Analyse von Rassendiskriminierung durch einen Algorithmus, der die Wahrscheinlichkeit, dass ein Krimineller wieder das Gesetz bricht voraussagt, veröffentlicht. Dieser Algorithmus berücksichtigt Dutzende Faktoren und kalkuliert eine Wahrscheinlichkeitseinschätzung. ProPublicas Analyse fand signifikante systematische Rassenverzerrungen, und das, obwohl Rasse nicht einmal unter den spezifischen berücksichtigten Faktoren war.

Ohne den Algorithmus würde ein menschlicher Richter eine ähnliche Einschätzung abgeben, als Teil einer Strafzumessung oder Bewährungsentscheidung. Die menschliche Entscheidung würde vielleicht ein umfassenderes Set von Faktoren berücksichtigen, so wie beispielsweise das Auftreten des Kriminellen vor Gericht. Aber wir wissen aus psychologischen Studien, dass menschliche Entscheidungsfindung voll von Verzerrung und Vorurteilen ist, selbst wenn wir versuchen, möglichst fair zu sein.

Jegliche Fehler, die aus den Verzerrungen in Entscheidungen menschlicher Richter entstehen, sind aber voraussichtlich bei verschiedenen Richtern unterschiedlich bewertet worden – und sogar bei verschiedenen Entscheidungen, die von ein und demselben Richter getroffen werden. Insgesamt mag es Rassendiskriminierung durch unterbewusste Vorurteile geben, dies aber endgültig festzustellen, ist schwierig. Eine amerikanische Studie des Justizministeriums fand deutliche Hinweise darauf, dass bei der Verurteilung weißer und schwarzer Häftlinge Unterschiede bestehen, konnte aber nicht klar bestimmen, ob die Rasse selbst ein Faktor bei diesen Entscheidungen war.

Im Gegensatz dazu wird der Algorithmus, den ProPublica überprüft hat, bei tausenden von Fällen über viele Staaten hinweg genutzt. Seine Rigidität und das hohe Volumen erleichtern die Aufgabe, eine mögliche Diskriminierung festzustellen – und kann Wege bieten, das Problem effizient zu beheben.

Das Nutzen von Informationstechnologie scheint die Unterschiede und Daten deutlicher und leichter verfügbar zu machen. Was gestern noch unter den Teppich gekehrt werden konnte, schreit heute nach Aufmerksamkeit. Während wir immer mehr Nutzen für datengelenkte Algorithmen finden, ist es noch nicht üblich, deren Fairness zu analysieren, vor allem vor der Einführung eines neuen, datenbasierten Services. Um dies zu erreichen, muss ein langer Weg des Messens und Verbesserns der Fairness dieser immer wichtiger werdenden computerisierten Kalkulationen gegangen werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image ”Algorithmen” by geralt (CC Public Domain)


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Die Trumpifizierung der US-Medien

Trump (adapted) (Image by MIH83 [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Gibt es in den USA auch Nachrichtenthemen aus der Politik, die nicht von Trump und seiner Person dominiert werden?Außerhalb der USA wird die Aussicht, dass Donald Trump zum Präsidenten gewählt werden könnte, typischerweise mit eine Mischung aus Belustigung und Beunruhigung aufgenommen. Wie kann letzten Endes ein Milliardär und Reality-TV-Star der mächtigste Mann der Welt werden? Vor allem bei Vorschlägen wie dem Bau einer riesigen Mauer, um mexikanische Immigranten daran zu hindern, in die USA zu kommen oder allen Muslimen zu verbieten das Land zu betreten?

Aber in den vergangene zwei Wochen, als ich als Gastgelehrter an der Universität von Texas in Austin arbeitete, hatte ich viel zu viel Zeit damit vergeudet, die Fernsehberichterstattung über die Wahlkampagne zu verfolgen. Sobald man den Fernseher einschaltete, war es schwierig, Trump zu vermeiden oder persönlich von ihm zu hören. Andere Kandidaten tun ihre Meinung über Trump kund oder es werden Politikthemen angesprochen, die durch den Spiegel von Trumps Politik betrachtet werden. In der Tat gibt es neben der Wahlberichterstattung – mit Trump als Hauptfigur – beim Umschalten zwischen den Nachrichtensendern nur wenig Angebot.

Es stimmt, wir sind im Dickicht der ersten Wahlperiode, wo das Hauptaugenmerk auf einer Berichterstattung liegt, die einem Pferderennen gleicht und genau das wohl einfach erwartet wird. Aber meine eindrücklichen Beobachtungen von Trumps Dominanz gelten für weit länger als zwei Wochen.

Wie The Economist berichtet, hat Trump zwischen Anfang 2015 und dem 26. Februar 2016 mehr als 400 Minuten Sendezeit in den Abendnachrichten von ABC, NBC und CBS erhalten, im Vergleich zu weniger als 100 Minuten für seine beiden republikanischen Hauptkontrahenten Ted Cruz und Marco Rubio. Über Hillary Clinton und Bernie Sanders zusammen wurde weniger als halb so viel Berichterstattung geführt wie Trump.

Da Trump der klare Spitzenreiter im republikanischen Rennen ist, so sei es nur richtig – so mögen manche Journalisten argumentieren – dass er die Berichterstattung dominiert und die Richtung vorgibt. Aber es sind wohl die verlässlichen Nachrichtenwerte, die bei der Planung der Wahlkampagnenagenda die Trumpifizierung der Wahlberichterstattung bestimmten.

Außer Kontrolle

Im Gegensatz dazu müssen Fernsehsender in Großbritannien strenge Vorgaben für Unparteilichkeit bei der politischen Berichterstattung befolgen. Wenn auch oftmals falsch interpretiert, hat dies nicht zur Folge, dass die Hauptparteien und –kandidaten eine gleiche Sendezeit erhalten. Auf Grund der strengen unparteilichen Richtlinien des Journalismus. Aber wenigstens fördert es eine höhere redaktionelle Sensibilität bei der Ausübung von journalistischen Urteilen, bezüglich der Erreichung von einem “Gleichgewicht” und der Bewahrung von öffentlichem Vertrauen in die Unparteilichkeit von Fernsehsendern.

Da US-Fernsehsender keinen solchen regulatorischen Verpflichtungen genügen müssen, können kommerzielle Nachrichtenwerte jedes Gebot der Unparteilichkeit beim Berichten über Spitzenkandidaten und Parteien ersetzen (oder übertrump(f)en!). Dies verzerrt die Berichterstattung zugunsten von Politikern, die die Kunst beherrschen, die Frank Essner als “Selbstmediatisierung” bezeichnet: die Fähigkeit die Medienrichtung vorzugeben, indem sie die Nachrichtenwerte von Mainstream-Journalisten beeinflussen.

Dies ist wohl Trumps erfolgreichste Kampagnenstrategie. Von provokanten Reden in Wahlkampfveranstaltungen bis hin zu billigen persönlichen Angriffen auf seine Gegner in TV-Debatten: die Trumpifizierung der Politik passt perfekt zu den kommerziellen Zielen der US-Fernsehsender. Bei der jüngsten TV-Debatte der republikanischen Spitzenkandidaten auf Fox News schalteten 17 Mio. Zuschauer ein – die höchste Zuschauerquote, die für eine der Spitzendebatten erzielt wurde. Aber anstatt die politischen Positionen der übrigen vier Kandidaten zu untersuchen, gingen die meisten Fragen an Trump oder betrafen seine Person.

Viele republikanische Wähler scheinen einen Geschäftsmann, anstatt eines Washington Insiders, als bevorzugten Kandidaten auszuwählen. Hier liegt eine wirklich große Geschichte: der demokratische Rebell Bernie Sanders verlässt sich auf die Spenden von Privatleuten, statt auf die Gelder von großen Firmen. Trumps Fähigkeit hingegen, sich selbst zu finanzieren und so dem Parteien-Establishment die Stirn zu bieten, ist eine wesentliche Anfechtung dessen, wie sich Kampagnen typischerweise finanzieren und wie sie geführt werden. Aber während dies eine erfrischende Veränderung im Vergleich zu früheren Wahlzyklen darstellen könnte, geht die Medienaufmerksamkeit auf Kosten einer Diskussion dessen, was wirklich auf dem Spiel steht.

Post-Wahrheit

Natürlich ist das Spektakel von Kandidaten, die Politikthemen ausweichen oder Wähler täuschen, nichts Neues in der modernen Politik. Der US-Wahlkampf von 2012 zeichnete sich als Vorbote einer Ära von Post-Wahrheit-Politik aus. Aber wenn ein Kandidat wie Trump aufsteigt, verwandelt sich diese sogenannte Ära der Post-Wahrheit-Politik in einen alles in allem gefährlicheren Vorschlag als das, was wir in den letzten Jahren gesehen haben.

Offensichtlich ist Trumps wütende Rhetorik mit der Angst vieler Leute vor Immigration und nationaler Sicherheit verbunden. Aber die impraktikablen Lösungen, die er vorschlägt, müssen von Journalisten gründlicher hinterfragt, geprüft und öffentlich angezweifelt werden, anstatt implizit akzeptiert und legitimiert zu werden.

Die Politik der reaktionären populistischen Angst ist kaum einzigartig für die USA. Viele europäische Demokratien sind im Zuge der sich verschärfenden Flüchtlingskrise drastisch nach rechts gerückt – zuletzt die Slowakei, wo eine offen neonazistische Partei in das Parlament eingezogen ist.

Aber worin sich die USA von den meisten anderen fortschrittlichen westlichen Demokratien unterscheidet, sind die formalen Regeln, die die Fernsehberichterstattung kontrollieren, die für viele amerikanische Wähler die Hauptinformationsquelle über die Wahl ist. Der amerikanische Ansatz der Wahlberichterstattung ist fast ausschließlich durch Verfolgung von kommerziellen Nachrichtenwerten geprägt, anstatt durch einen journalistischen Versuch, die Blickwinkel der Parteien und die Ansichten der konkurrierenden Kandidaten auszubalancieren.

Das heißt nicht, dass die Medien ganz alleine für das Phänomen Trump verantwortlich sind, das in einer angespannten Zeit und in einer stets komplizierten politischen Kultur aufgetaucht ist. Jedoch hatte das vorherrschende US-Mediensystem auch nur wenig Einfluss auf die Verringerung der Möglichkeiten, die einem Politiker wie Trump geboten werden. Wenig Einfluss darauf, dass ein Politiker mit einer solchen Missachtung für Politik die Chance hat, sich als glaubhafter Präsidentschaftskandidat zu etablieren.

Sich allein auf Nachrichtenwerte zu verlassen, scheint eine vernünftige und professionelle Strategie zu sein, um Wahlberichte in einer Branche mit starker Konkurrenz auszuwählen, aber sie ist alles andere als politisch neutral. Redaktionelle Prioritäten können die Gestaltung der Wahlkampfagenda direkt beeinflussen und die Auswahl an Themen, die diskutiert und erörtert werden, einschränken. Niemand möchte überregulierte oder unterdrückte Rundfunkmedien, aber unabhängig von der politischen Gesinnung, kann die Ausübung eines gewissen Grades an Gleichgewicht in der Wahlberichterstattung sicherlich nur gut für die Bewahrung eines demokratischen Diskurses sein – ob in den USA oder andernorts.

Dieser Artikel erschien zuerst auf “The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


 Image (adapted) „Trump“ by MIH83 (CC0 Public Domain)


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