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Die Papierakte ist weg! Lang lebe die Papierakte!

Woman, man, male and female (adapted) (Image by rawpixel_com [CC0 Public Domain] via Unsplash)

Im Dezember 2017 kann also auch das Freisinger Jobcenter verkünden, man habe jetzt von Papierakten auf die elektronische Aktenführung umgestellt. Eine Nachricht, die ein fahles Licht auf die Digitalisierung der Verwaltung wirft. Das Problem stellt dabei nicht unmittelbar das Jobcenter in Freising dar, sondern der unzureichende Fortschritt der Digitalisierung in der Verwaltung im Allgemeinen.

Die Lebenswelten der Menschen im digitalen Zeitalter haben sich stark gewandelt. Friseur- und Arzttermine lassen sich im Netz buchen. Einkäufe verlagern sich immer mehr ins Internet und die sozialen Kontakte werden über digitale Plattformen gepflegt. Medien- und Bildungsangebote sind mannigfaltig im Internet zu finden. Sollte aber ein Verwaltungsanliegen anstehen, klopft das 20. Jahrhundert wieder an die Tür.

Dabei ist die unzureichende Digitalisierung am sichtbarsten für den Bürger, wenn sie ihn unmittelbar betrifft. Die Studie der Initiative D21 „eGovernance Monitor“ macht dies deutlich. Demnach haben im Jahr 2017 weniger Menschen die digitalen Angebote der Verwaltungen genutzt und auch ihre Zufriedenheit mit den Angeboten lässt deutlich nach. Und das, obwohl die Digitalisierung der Verwaltung viel versprochen hatte: schnellere Behördenbearbeitungen, effizientere Behörden, einen bequemeren Umgang für die Bürger mit ihren Anliegen und auch die Serviceangebote sollten bürgerfreundlicher werden. Mit welchen Problemen kämpft die Verwaltung eigentlich, wenn es um die Digitalisierung der Arbeitsprozesse geht? Ist der Prozess der Digitalisierung der deutschen Behörden zu intellektuellen Küchenwitzen verkommen, oder handelt es sich dabei nur um ein Vorurteil?

Das Problem mit der Usability

Die E-Governance-Angebote werden nur von etwa 41 Prozent der Deutschen genutzt. Das liegt vor allem an der schlechten Auffindbarkeit von Angeboten und dem Zurückfallen in traditionelle Formen der Verwaltung während dem Prozess. „Wenn ich online eine Dienstleitung raussuche und am Ende des Tages wieder Ausdrucken und wieder auf die Seite der Behörde gehen muss, dann ist der Vorteil von online zu gering“, so Cornelia Gottbehüt, Government & Public Sector Advisory Leader und Vorstandsmitglied der Initiative D21. Die Informationen zu Serviceangeboten sind dabei auf mehreren Unterseiten verteilt, so dass die Suche nach Informationen zum Zeitfresser werden kann. Intuitiv geht anders. Ein weiteres Problem liegt laut Cornelia Gottbehüt in der mangelnden Sicht- und Auffindbarkeit der Serviceangebote.

Die Hoffnung, dass durch die Digitalisierung die Informationen schneller und gebündelter zu finden sind und sich Verfahren mit Behörden vereinfachen, haben viele längst verworfen.

Das „Once-Only“-Prinzip beispielsweise, welches in anderen Ländern wie der Schweiz und Österreich genutzt wird, sieht eine einmalige Weitergabe von Informationen des Bürgers an die Behörden vor. Danach werden diese Informationen intern und unter den Behörden, je nach Bedarf, weitergeleitet. Das erspart die meisten zeitintensiven Behördengänge. Dieses Verfahren kann allerdings nur mit transparenten Methoden der Verwaltung und der Einhaltung strenger Datenschutzbestimmungen als positiv betrachtet werden. Immerhin sagen laut Studie 1/3 der Deutschen, dass das „Once-Only“-Prinzip für sie zu einer modernen Verwaltung dazu gehört.

Die Deutschen sind in dieser Hinsicht weitaus skeptischer, was die Weitergabe von privaten Daten der Behörden untereinander angeht als andere europäische Länder. Das Sicherheitsbedenken steht der Digitalisierung an dieser Stelle zwar im Weg, ist aber aus datenschutzrechtlichen Gründen durchaus angebracht.

Digitalisierung first, Sicherheit second?

Bei der Sicherheit der Daten, die durch staatliche Stellen gespeichert werden, liegt ein zudem intransparentes Verhalten vor mit wem sie geteilt werden. Das Bekanntwerden des Dataminings der Geheimdienste hat zumindest nicht die Bereitschaft der Deutschen gefördert, personenbezogene Daten freiwillig unter den Behörden tauschen zu lassen. Aktuell sind laut dem Bericht der Initiative D21 nur 1/3 der Bundesbürger bereit im Rahmen des „Once-Only“-Prinzips, ihre Daten zum Austausch unter den Behörden freizugeben. Dabei ist für die anderen 2/3 vor allem der Datenschutz der Grund, sich gegen eine Weitergabe der Daten auszusprechen.

Der Datenschutz hat dabei mit den Verträgen von Lissabon den Status eines europäischen Grundrechtes bekommen. Das betont Maja Smoltczyk, die Berliner Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit, in ihrem Jahresbericht. Somit wäre die einzige Möglichkeit diesen Aspekt der Digitalisierung effektiv und unter Berücksichtigung des Rechtes auf Datenschutz umzusetzen, dem Bürger transparent zu zeigen mit wem und wann seine Daten genutzt und eingesehen worden sind. Der Datenschutz spielt für die Bürger und die europäischen Institutionen eine zentrale Rolle und darf daher nicht zugunsten der überhasteten Digitalisierung geopfert werden.

Auch bei der in den Behörden und Kommunen eingesetzten Software gibt es Probleme hinsichtlich der Sicherheit. So hatte die Software „PC-Wahl“ bei der Bundestagswahl 2018 große Sicherheitsbedenken ausgelöst. Der Chaos Computer Club konnte nämlich nachweisen, wie einfach die Software zu hacken ist. Schaden hätte so nicht entstehen können, so der Bundeswahlleiter Dieter Sarreither, da Veränderungen am Wahlergebnis spätestens im endgültigen Wahlergebnis aufgefallen wären. Des Weiteren würden nur vier von 396 Kommunen die Software einsetzen. Dennoch wirft auch dieser Vorfall ein schlechtes Licht auf die Art der Umsetzung der Digitalisierung der Verwaltung. So kommt es immer wieder zu Fällen, dass eine Software auf die verschiedenen Arbeitsbereiche angepasst werden muss und dabei die Sicherheit eine zweitrangige Rolle spielt. Dies liegt zweifelsfrei auch an der geringen Aufwendung der Mittel für Software mit einem hohen Sicherheitsanspruch.

Der Plan der Digitalisierung der Verwaltung- error 404

Das wohl größte Problem der Digitalisierung der Verwaltung hin zur E-Governance, liegt im Fehlen eines einheitlichen Konzeptes. Die deutsche Verwaltung ist schon seit je her bekannt für die wohlwollend formuliert „behutsame“ Anpassung bei Arbeitsprozessen an modern gewordene Standards. Dies war schon bei der Umstellung von einer inkrementellen Buchhaltung, zu einer modernen Buchhaltung mit einem Doppelhaushalt zu beobachten. In der deutschen Verwaltung werden beinahe alle föderalen Einheiten mehr oder weniger unabhängig voneinander digitalisiert. Besonders bei der Zusammenführung von Arbeitsprozessen, ist ein unterschiedlicher Standard aber hochgradig kontraproduktiv. Der Eindruck erhärtet sich zudem, dass die Digitalisierung einzelner Behörden oder Fachgruppen nur durch das Engagement einzelner Mitarbeiter vorangebracht wird.

Die Bertelsmann Stiftung hat im Mai 2017 einen Aktionsplan zur „Transformation der Verwaltung“ herausgegeben. In diesem lässt sich erkennen, wo eigentlich das Problem liegt, für das schnell Lösungen gefunden werden sollten. Schuld oder nicht Schuld, die Reform ist hier die Frage

Die Kommunen und Behörden sind im Grunde nicht das Problem. Vielmehr fehlen strategische und verbindliche Vorgaben, an denen diese sich orientieren können. Diese hätten den Vorteil, zu einer Vereinheitlichung der Digitalisierung zu führen, so dass nicht 396 Kommunen ebenso viele Konzepte zur Digitalisierung haben. Besonders bei den Entscheidungsstrukturen- und mechanismen gelingt, trotz verstärktem Einsatz von IT-Maßnahmen, zu wenig. Zudem haben die Verwaltungen mit dem massiven Problem zu kämpfen, IT-Techniker und Experten anzuwerben, die für eine Digitalisierung von Arbeitsprozessen nötig sind. So gab die Berliner IT-Staatssekretärin Sabine Smentek in einem Interview im Juni 2017 mit dem RBB an, dass besonders im Bereich der IT-Sicherheit und bei bestimmten Systemadministratoren, adäquates Personal fehlt.

Obwohl sich auf allen bundesstaatlichen Ebenen viele Akteure für das Anliegen der Digitalisierung einsetzen, so fehlt es doch an einer einheitlichen bundestaatlichen Lösung. Hier wäre eine vom Bund vorgegebene Föderale IT Architektur genauso wichtig, wie die gesonderte Bereitstellung finanzieller Mittel zur Digitalisierung der gesamten Verwaltung, von der Bundespolizei, bis zum Freisinger Jobcenter.

In dieser Hinsicht gibt der Bund bei der Digitalisierung von Verwaltung und deren Leistungsfähigkeit seine Verantwortung gerne ab. Das Ergebnis sind dann Meldungen, wie die Umstellung von Papierakten auf die elektronische Aktenführung im Jahr 2017. Dabei finden viele Konferenzen zu dem Thema statt. Viele der Akteure sind im regen Austausch miteinander und haben gute, proaktive Ideen. Es fehlt aber die Bereitschaft des Bundes, sich mit der Digitalisierung auf ein breit angelegtes, durch juristische Rahmenbedingungen gesichertes sowie vor allem gut finanziertes Konzept zu einigen. Der Prozess und dessen Umsetzung könnten zudem von einem Ministerium für Digitalisierung überwacht und auf die Einhaltung vorher festgelegter Standards überprüft werden.

Welche Parteien auch letztendlich Regierungsverantwortung übernehmen sollten, alle sollten ein Interesse an einer zukunftsorientierten, leistungsfähigen und am Bürger orientierten digitalen Verwaltung haben. Eine moderne Verwaltung sollte mit der sich rasant verändernden Lebensrealität seiner Bürger mithalten können. Wenn dafür nicht so schnell wie möglich das Fundament gelegt wird, werden sich die Probleme in der Zukunft exponentiell anstauen und daran kann niemandem gelegen sein.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Politik-Digital.de. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

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Image (adapted) „Woman, man, male and female“ by rawpixel_com (CC0 Public Domain)


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Warum wir Fremden in der Sharing Economy mehr trauen als unseren Kollegen

Vertrauen ist ein wichtiges Element in jeder Beziehung, vor allem jedoch, wenn es sich um Finanzielles dreht. Der Aufstieg von Sharing Economy-Plattformen wie Airbnb und Uber – auf denen man einen Fremden für einen bestimmten Service entlohnt – ist besonders von Vertrauen abhängig. Sind sie wirklich, was sie vorgeben, zu sein? Werden sie erfüllen, was sie versprochen haben?

Mit digitaler Hilfe wird Vertrauen zwischen Personen aufgebaut, die sich noch nie getroffen haben. Tatsächlich zeigen meine Untersuchungen, dass, wenn diese Funktionen gut konzipiert sind, die Dienste der Sharing Economy mehr Vertrauen zwischen Fremden aufbauen als man zwischen zwei  Kollegen erwarten würde.

Das waren die Erkenntnisse der jüngsten Forschung über die Nutzer von BlaBlaCar, einer Plattform für Mitfahrgelegenheiten. Dieser Dienst wird weltweit für Fahrten von einer Stadt in die andere benutzt. Er verbindet Fahrer mit Menschen, die eine Mitfahrgelegenheit brauchen und bringt so das Trampen ins digitale Zeitalter.

Die Studie wurde zusammen mit Arun Sundararajan, einem Professor der New York University, Frédéric Mazzella, CEO von BlaBlaCar, und Verena Butt D’Espous, Kommunikationschefin von BlaBlaCar, publiziert. Wir führten eine Umfrage von 18.289 BlaBlaCar-Mitgliedern in elf europäischen Ländern durch und fanden heraus, dass 88 Prozent der Befragten einem Mitglied mit einem kompletten digitalen Profil besonders vertrauen würden.

Überraschenderweise ist dieser Wert höher als das Vertrauensniveau der Menschen in ihre Kollegen und Nachbarn. Tatsächlich sagten bei Nutzung des gleichen Maßstabs nur 58 Prozent der Befragten, dass sie einem Kollegen ‚vertrauen‘ würden und 42 Prozent würden einem Nachbarn ’sehr vertrauen‘. Beim Vertrauen zu vollständig ausgefüllten Profilen von Fremden auf der Seite für Mitfahrgelegenheiten lagen die Level fast genauso hoch wie für Familienmitglieder (94 Prozent) und Freunde (92 Prozent).

Dieses Vertrauen in Fremde hängt davon ab, wie sie sich online präsentieren. Die Strategie von BlaBlaCar, um Vertrauen aufzubauen, ist eine Kombination verschiedener Faktoren. Unter anderem gehören dazu kurze Biografien in Form von Selbstbeschreibungen und die Möglichkeit, persönliche Informationen wie die Telefonnummer und eine E-Mail-Adresse auf dem Profil zu hinterlegen. Außerdem sind die Profile oft mit anderen Online-Profilen der Mitglieder auf Facebook oder LinkedIn  verbunden.

Der Schlüssel zum Erfolg

Ein anderer Weg, wie Vertrauen in der Sharing Economy aufgebaut wird, liegt darin, das Vertrauen der Nutzer in die Plattform selbst zu stärken. Wenn sie dem Unternehmen dahinter oder der Marke selbst vertrauen, wirkt sich das auf die aktiven Nutzer der Plattform

Ein Faktor gilt auch als verlässlich: Der Airbnb-Versicherungsschutz (bis zu 1 Million US-Dollar) greift automatisch bei jeder Transaktion. Ein Versicherungsschutz ist demnach wohl extrem relevant. Die Vermietung der eigenen Wohnung mit dem persönlichen Hab und Gut an einen Fremden scheint extrem risikoreich, der Versicherungsschutz jedoch gibt den Nutzern das Gefühl, dass sie auf alle  Eventualitäten vorbereitet wären.

Eine weitere wichtige Eigenschaft ist der Review-Prozess, bei dem sich Gastgeber und Gast gegenseitig bewerten. Das funktioniert ähnlich wie bei anderen elektronischen Marktplätzen, wie beispielsweise Ebay. Der Unterschied bei Unternehmen wie Airbnb ist, dass die Plattform sicherstellt, dass Bewertungen nur öffentlich werden, nachdem beide Seiten diese auch eingereicht haben. Das hindert Nutzer daran, sich gegenseitig positiv zu bewerten, nur weil sie Angst haben, für eine negative Bewertung bestraft zu werden. Die Bewertungen sind somit ehrlicher und verlässlicher.

Die Plattform bietet zudem Zimmer überall auf der Welt. Das führt zu einem Netzwerk-Effekt – weil viele andere diesen Dienst weltweit nutzen, muss er zwangsläufig sicher sein. Dem Nutzer ist das bewusst, wenn er auf der Plattform ist – und es hilft, Vertrauen aufzubauen.

Mit der steigenden Zahl an Menschen, die das Internet nutzen, werden Sharing Economy-Plattformen wie Airbnb und BlaBlaCar zur Norm. Die Überlebensfähigkeit dieser Neulinge hängt an ihrem Vermögen, Vertrauen zwischen ihren Dienstleistern und den Nutzern zu sichern. Ihre Seiten müssen also digital so konzipiert sein, dass diese Vertrauen zwischen Fremden aufbauen – dieser Faktor ist unwahrscheinlich wichtig.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation” unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image „hitchhiker“ by Unsplash (CC0 Public Domain)


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Deutsche Unternehmen ohne Plattformkompetenz – Über die Silo-Politik der Hidden Champions

Roboter(image by Mixabest[CC BY-SA 3.0] via Wikimedia Commons)

Ein Produkt ohne digitale Plattform ist völlig nutzlos, oder präziser formuliert: „Ein Produkt, das über keine Plattform verfügt, wird immer ersetzt werden durch ein äquivalentes Produkt, das mit einer Plattform ausgestattet ist“, so das Credo eines Google-Mitarbeiters, der die Netzstrategien seines Unternehmens in einem langen Kommentar zerstückelte und in einem kleinen Zeitfenster öffentlich lesbar war.

Google+ sei ein Musterbeispiel eines Unternehmens, das die Signifikanz von Plattformen absolut verkannt hat. „Das Nichterkennen dieser Bedeutung zieht sich von der höchsten Hierarchieebene der Geschäftsführung (hallo Larry, Sergey, Eric, Vic, wie geht´s Euch?) bis zur untersten Unternehmensebene der Mitarbeiter (hallo Ihr!). „Wir haben es alle nicht kapiert. Die goldene Regel der Plattformen lautet: ‚Eat your own dogfood‘. Die Google+ Plattform ist eine erbärmliche ‚Nachlese'“, bemerkt der Insider.

Die ‚Hundefutter-Regel‘ ist ganz einfach zu verstehen: Führungskräfte können ihren Entwicklern nicht einfaches Hundefutter vorsetzen, während sie sich selbst mit anderen Dingen beschäftigen. Das zu machen hieße, sich selbst des langfristigen Plattform-Wertes zu berauben, um einen kurzlebigen Erfolg zu erhaschen. Bei Plattformen ist eine langfristige Planung und Investition gefragt.

Falsches Kurzzeit-Denken bei Google

Bei Google+ handelte es sich um eine spontane Reflexreaktion, um eine Erforschung im Kurzzeit-Denken, orientiert an der falschen Vorstellung, dass der Siegeszug von Facebook darauf beruhe, ein geniales Produkt erfunden zu haben. Das sei nach Auffassung des zerknirschten Google-Mitarbeiters aber nicht der Grund, weshalb sie so erfolgreich sind. Facebook habe eine komplette Produktpalette aufgebaut, indem sie anderen Leuten gestatten, ihre Arbeit zu machen. Das mache den Zuckerberg-Konzern so einmalig. „Es gibt hundert oder sogar tausend unterschiedliche, zeitaufwändige Beschäftigungsformen mit hohem Qualitätsanspruch. Da ist für jeden etwas dabei.“

Google rekrutiert Leute

Das mittlerweile aufgelöste Google+Team habe den Anschlussmarkt für Dienstleistungen analysiert und dabei festgestellt: „‚Es wäre eine gute Idee, unser Angebotsspektrum um Computerspiele zu erweitern. Lasst uns jemanden rekrutieren, der diese Spiele für uns konzipiert‘. Verstehen Sie jetzt, wie unglaublich falsch dieser Gedankengang ist, vor allem aus heutiger Sicht? Das Problem ist, dass wir versuchen, zu prognostizieren, was die Leute wollen und es ihnen dann zur Verfügung stellen.“

Wer ist so gut wie Steve Jobs?

Dieser Ansatz sei unrealistisch und absolut nicht verlässlich. Es habe nur ein paare wenige, hochkarätige Menschen in der gesamten Welt der Computer-Geschichte gegeben, die in der Lage waren, eine zuverlässige Prognose zu erstellen. „Steve Jobs war einer von ihnen. Leider haben wir keinen Steve Jobs bei uns. Das können wir nun einmal nicht ändern.“

Larry Tesler mag Bezos überzeugt haben, dass er kein Steve Jobs sei. Bezos habe jedoch erkannt, dass es nicht zwingend eines Steve Jobs bedarf, um Konsumenten mit den richtigen Produkten zu versorgen: Wichtig sei es, Anwenderschnittstellen und Unternehmensabläufe als Workflows zu schaffen, mit denen die Benutzer gut und gerne arbeiten. Bezos musste nur externe Entwickler damit beauftragen.

Alles andere würde dann automatisch passieren. „Ich entschuldige mich bei all denjenigen dafür, die meine Ausführungen zu diesem Thema als ganz offensichtlich und auf der Hand liegend betrachten. Es ist in der Tat unglaublich evident. Und trotzdem unternehmen wir nichts dagegen. Wir schaffen weder Plattformen noch die richtigen Zugangsmöglichkeiten.“ Plattformen lösen das Problem des Zugangs und das bekommt man nur hin, wenn man selbst mit den digitalen Werkzeugen leidenschaftlich arbeitet.

Kirchturm statt Plattform

Das Notiz-Amt wünscht sich auch von deutschen Unternehmern und leitenden Angestellten in den Vorstandsetagen soviel kritischen Sachverstand, um die Logik der Digitalisierung und die Matching-Prinzipien des Netzes nicht nur zu verstehen, sondern auch in Geschäftsmodelle zu gießen. Den gleichen Sachverstand sollten Autoren wie Marc Beise und Ulrich Schäfer kultivieren, wenn sie in einem Buchprojekt mit dem Titel „Deutschland digital – Unsere Antwort auf das Silicon Valley“ Beispiele präsentieren, wie wir mit digitalen Fabriken, Robotern, Sensoren und Künstlicher Intelligenz wieder in den Angriffsmodus kommen.

Sie huldigen den üblichen Verdächtigen unter den Hidden Champions, singen das Lied von der verkannten Industrienation und beschäftigen sich nur wenig mit der Frage, wie die in ihrem Opus erwähnten Protagonisten persönlich in der Lage sind, das eigene digitale Hundefutter zu konsumieren. Etwa Till Reuter, der Chef des Robotik-Herstellers Kuka. Anstatt auf den Angriff von Google und Co. zu warten, will das Augsburger Unternehmen selber zum digitalen Angreifer werden und sein Geschäftsmodell radikal verändern.

Wenn die Roboter über die Computerwolke miteinander kommunizieren, könne Kuka künftig nicht bloß einzelne Roboter liefern, sondern gleich komplette Fabriken steuern. „Reuter will dazu eine flexible Lösung schaffen, eine Plattform, die für andere Anbieter offen ist, steuerbar auch über das Smartphone; mit Apps, die man nach Bedarf zusammenstellen kann“, schreiben Beise und Schäfer.

Meine Cloud, meine Maschinen, meine Marke

Reuter möchte die Prinzipien eines App-Stores auf den Maschinenbau übertragen und damit Geld verdienen. Bisher habe das Unternehmen seine schlauen Maschinen verkauft. Die Cloud ermögliche es nun, die Anzahl der Roboterbewegungen über das Internet exakt zu messen; es wird dadurch erstmals möglich, Roboter nach Leistung zu bezahlen.

Man werde die Maschinen deshalb künftig wohl nur noch vermieten und bekomme dann für jedes gefertigte Werkstück einen bestimmten Beitrag. Kling zunächst sehr smart. Den Knackpunkt benennen die Buchautoren unfreiwillig mit einem Reuter-Zitat: „Aber die Oberfläche wollen wir liefern, das look and feel soll Kuka sein.“ Die Marke, das Branding sei für die Augsburger entscheidend. Hat Reuter das Spiel der Vernetzung wirklich verstanden? Am Kuka-Wesen solle die Plattform-Welt genesen.

Mein digitaler Vorsprung, mein Stahlhandel

Und das ist kein Einzelfall im Opus der SZ-Autoren. So bringen sie Klöckner & Co.-Chef Gisbert Rühl ins Spiel, der zum Hoffnungsträger für den digitalen Wandel aufgehübscht wird. Er war einer der Ersten, die hierzulande nicht nur über Disruption sprachen, sondern diese Philosophie auch lebten.
Er reiste ins Silicon Valley und bekam die Empfehlung, Wetterdaten bei der Nachfrage nach Stahl zu berücksichtigen. Logik und Planung könnte man auf die Weise optimieren. Fein. Also mietete sich Rühl für eine Woche im Betahaus in Berlin-Kreuzberg ein, um neue Ideen für die Digitalisierung seiner Traditionsfirma aufzusagen. Schon mal nicht schlecht. Und was springt dabei raus. Silo-Denken: „Ob er eine Art Amazon für den Stahlhandel schaffen wolle, wird Rühl immer wieder gefragt. Ja warum nicht, antwortet er dann und fügt stolz hinzu, dass Klöckner & Co. bei der Digitalisierung weiter sei als alle Konkurrenten (jeder Bäckermeister lobt seine Brötchen); und zwar so weit, dass junge Programmierer den alten Stahlhändler mittlerweile als ziemlich hip empfinden: ein gewachsenes Traditionsunternehmen, das nun, der Plattform-Strategie von Airbnb oder Uber folgend, zur zentralen Plattform im modernen Stahlhandel aufsteigen will“, führen Beise und Schäfer aus. Am Klöckner-Wesen wird also wieder die Stahlwelt genesen. Mit Onlineshop-Weisheiten soll also ein offenes Ökosystem für die Stahlbranche entstehen? Was unterscheidet Alibaba von der Kirchturmpolitik des Klöckner-Chefs?

Viel Ego und wenig Eco

Wir könnten jetzt die führenden Köpfe der Hidden Champions von Trumpf bis Viessmann durchnudeln und würden erkennen, dass niemand auch nur in eine Richtung denkt, wie der offenherzige Google-Manager. Schaut Euch den Habitus dieser Top-Manager im Netz an und beurteilt dann, ob sie in ihrem persönlichen Verhalten auch nur ansatzweise eine digitale DNA mitbringen, um die Erkenntnis des Google-Insiders zu leben: „Ein Produkt, das über keine Plattform verfügt, wird immer ersetzt werden durch ein äquivalentes Produkt, das mit einer Plattform ausgestattet ist.“

Ist eine firmenunabhängige Plattform wie Alibaba für das industrielle Umfeld in Europa oder Deutschland in Sicht. Noch nicht einmal in Ansätzen. Die Mein-Label-Meine Marke-Mein digitaler Vorsprung-Fraktion der Industrie ist noch nicht einmal bereit, via Alibaba ins OEM-Geschäft einzusteigen.

„Original Equipment Manufacturer“ sind Unternehmen, die die Produkte des Herstellers in ihre eigenen Produkte einbauen; für den Endkunden ist nicht ohne weiteres erkennbar; welche Komponenten ein OEM in seinen Produkten verwendet. Mit deutschen Unternehmen sind solche Deals im Plattformgeschäft fast unmöglich, betont Nils Öldörp von der Agentur Minted Sourcing. Made in Germany wird heilig gesprochen. Da wird man dann irgendwann in Schönheit sterben, wie im Industrie 4.0-Konsortium.


Image „Roboter“ by Mixabest (CC BY-SA 3.0)


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Apples Steuernot wird den Erfolg nicht schmälern

Apple Store Scottsdale Road (adapted) (Image by Dru Bloomfield [CC BY 2.0] via Flickr)

Apple-Panikmacher haben einen neuen Pfeil in ihrem Köcher. Dazu, dass Apples Erfolg zu sehr vom iPhone abhängt und sein Wachstum nicht mehr die historischen Höhen erreicht, kommen jetzt noch Apples Konflikte mit der EU über die irischen Steuerangelegenheiten. Das bedeutet aber nicht, dass Apple zum Scheitern verurteilt ist. Mit einer Marktkapitalisierung von rund 580 Milliarden US-Dollar ist es immer noch das wertvollste Unternehmen der Welt – und das aus gutem Grund. Die Aufregung um die neueste Produktveröffentlichung ist ein Beweis für Apples anhaltende Beliebtheit bei den Verbrauchern und Investoren gleichermaßen. Die Entscheidung der Europäischen Kommission bezüglich Apples Steuerregelung mit Irland hatte „staatliche Beihilfen“ und die Forderung, dass Apple 13 Milliarden Euro zuzüglich Zinsen zurück an die irische Regierung zahlen sollte, zum Gegenstand. Diese Entscheidung hat eine Debatte über den aktuellen Zustand des globalen Steuersystems, das Recht und Unrecht der Unternehmensbesteuerung und die gesellschaftliche Rolle von Unternehmen entfacht. Einige haben es in Frage gestellt, dass Apple und anderen Unternehmen Steuerschlupflöcher nutzen, um ihre Steuerzahlungen zu minimieren. Allerdings sollte man sich einige Dinge ins Gedächtnis rufen. Zunächst betrachte man den Fall aus einer Perspektive der sozialen Verantwortung heraus: Apple hat in Irland eine Produktionsstätte seit 1980 in Betrieb, beschäftigt dort derzeit etwa 6000 Menschen und unterstützt indirekt knapp 1,5 Millionen Arbeitsplätze in ganz Europa. Zweitens haben Apple (und Irland) betont, dass ihre Steueranordnung kein besonderes Abkommen ist, sondern auf jedes Unternehmen Anwendung finden kann, das sie nutzen möchte. Drittens haben globale Unternehmen die Pflicht, ihre eigene Rentabilität als wettbewerbsfähige Unternehmen zu unterstützen. Sie haben auch eine Pflicht gegenüber ihren Aktionären, die Einhaltung ihrer Steuerpflichten innerhalb der gesetzlich festgelegten Anforderungen zu optimieren. Jeder CEO, der entscheidet, mehr zu zahlen, als gesetzlich  verpflichtend ist, begibt sich mit dem Vorstand und dem Aktienmarkt in wilde Gewässer. Viertens wird Steuerrecht schon aus historischer Sicht innerhalb der Hoheitsgewalt der Staaten festgelegt und nicht von supranationalen Organisationen wie der EU. Die Nationalstaaten haben günstige Steuersysteme etabliert, um mit ausländischen Investitionen von globalen Konzernen zu konkurrieren. Die EU-Vorschrift hat, wenn sie den rechtlichen Herausforderungen standhält, erhebliche Auswirkungen auf das Souveränitätsprinzip.

Entscheiden, was fair ist

All dies bedeutet aber nicht, dass Unternehmen ihren fairen Steueranteilen entgehen sollten. Aber wie stellen wir fest, was ein fairer Anteil ist? Apple ist ein US-Unternehmen; es führt fast alle Forschungs- und Entwicklungsaufgaben für seine Produkte und Dienstleistungen in den USA aus, wo es auch am meisten Steuern zahlt. Wie einige andere US-Unternehmen hat sich Apple dafür entschieden, die Rückführung der Gewinne in die USA zu verzögern, wo das Unternehmen einem effektiven Steuersatz von 40 Prozent unterliegen würde. Apple unterhält rechtliche Strukturen, die von den meisten globalen Unternehmen eingesetzt werden, um ihren Steuersatz zu optimieren – und zwar innerhalb der von den verschiedenen Rechtsordnungen festgelegten Grenzen, wo die Unternehmen tätig sind, wie es von den Aktionären und dem Aktienmarkt zu erwarten ist. Was oft ignoriert wird, ist, dass Apple der größte Steuerzahler in Irland, den USA und dem Rest der Welt ist. Die Steuerfrage um Apple wird seinem Erfolg aus einer Vielzahl von Gründen keinen wesentlichen Schaden zufügen. Es wird für seine Beschwerde gegen die EU-Entscheidung den Rechtsweg über mehrere Jahre beschreiten müssen und es könnte passieren, dass der Betrag doch nicht gezahlt werden kann, zumindest nach den derzeitigen Umständen. Sowohl Apple als auch die irische Regierung werden sich gegen die EU-Entscheidung zur Wehr setzen – Irland hat bekundet, die entsprechende Zahlung nicht zu verlangen, da Apple bis dato das irische Steuerrecht gewahrt habe und daher nichts schuldig sei. Selbst wenn der Betrag zukünftig gezahlt werden kann, ist Apple fähig,  ihn zu entrichten, ohne seine Position in finanzieller Hinsicht oder im Hinblick auf den globalen Wettbewerb einzubüßen. Es gibt Schätzungen,  nach denen sich Apples Barreserven auf rund 200 Milliarden US-Dollar  belaufen. Die Steuersumme ist hoch, egal nach welchem Maßstab, aber für Apple dürfte es ein Leichtes sein, sie zu zahlen.

Mehr als nur das iPhone

Was die Kritiker des Unternehmens leicht vergessen, ist, dass Apple nicht nur auf Hardware aufbaut. Das iPhone steht im Zentrum eines Ecosystems, das auch Apps, Musik, Medien, Onlinespeicher, und andere Dienste als bloß Hardware mit einbezieht. Noch wurde dieses Ecosystem durch kein anderes Unternehmen übertroffen. Es macht eine Differenzierung im Wettbewerb möglich, und durch das System können Premium-Preise eingesetzt werden. Es ist zudem ein Ecosystem, das expandiert – und zwar nicht nur im Rahmen der eingesetzten Produkte und verfügbaren Dienstleistungen, sondern auch im geografischen Sinne. Der Mittelstand in aufkommenden Märkten wächst und Apple ist, was den Wettbewerb angeht, gut platziert, um von diesem Wachstum zu profitieren. Hinzu kommt die immense Leistungsfähigkeit von Apples Abläufen – die von Hauptkonkurrenten lange nicht erreicht werden – und es wird deutlich, warum Apple das wertvollste Unternehmen der Welt ist. Die Steuerdebatte ist wichtig und sie muss verfolgt werden. Es kann allerdings nicht die Lösung sein, hierzu ein Unternehmen allein aufgrund seiner Marktdominanz auszuwählen. Alle globalen Unternehmen versuchen, ihre Steuerabgaben zu verringern. Nationalstaaten wie Irland haben daher günstigere Steuersysteme etabliert, um mit ausländischen Investitionen von weltweiten Konzernen konkurrieren zu können. Auf diese wesentliche Art kann das Wirtschaftswachstum angeregt und die Gesellschaft unterstützt werden. Die Steuerfrage ist komplex und kann nicht durch bloßes Niedermachen von Unternehmen beigelegt werden. Dieser Artikel erschien zuerst auf „The Conversation“ unter CC BY-ND 4.0. Übersetzung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.


Image (adapted) „Apple Store – Scottsdale Road“ by Dru Bloomfield (CC BY 2.0)


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Von der Sekretärin zum persönlichen Manager: Der Aufstieg der virtuellen Assistenten

laptop (Image by parthshah000 [CC0 Public Domain] via Pixabay)

Telefonate entgegennehmen, Blogeinträge schreiben, Social Media-Accounts managen, Rechnungen aufsetzen, die Finanzplanung übernehmen – und das alles auf einmal. Gibt es nicht? Gibt es doch! Während die Wissenschaft es immer noch nicht geschafft hat, die eierlegende Wollmilchsau zu erschaffen, gibt es sie in der Arbeitswelt schon längst. Sie nennen sich virtuelle Assistenten (VA) und sind so etwas wie die Schweizer Taschenmesser der digitalen Ära: Es gibt wenig, das sie nicht können und kaum etwas, das sie nicht bereit sind zu lernen. Mit ihren vielfältigen Talenten von WordPress Organisation bis Buchhaltung sind sie dabei weniger Sekretäre, sondern vielmehr persönliche Manager.

Diana Ennen und Kelly Poelker, selbst virtuelle Assistentinnen und Autorinnen der VA-Bibel Virtual Assistant. The Series definieren die virtuellen Assistenten als „hochqualifizierte und hochspezialisierte Fachleute, die Unternehmer, Manager, Verkaufsprofis und all diejenigen unterstützen, die mehr Arbeit als Zeit haben.

Von der Sekretärin zur virtuellen Assistentin

Ein virtueller Assistent ist also ein externer Fachmann, der Firmen oder Unternehmen bei gewissen Aufgaben unter die Arme greift. Je nach Qualifikation des Assistenten und Kundenwunsch umfasst der Aufgabenbereich der VA dabei so unterschiedliche Felder wie Kundenrecherche, Organisation von Reisen, Marketingberatung, das Abtippen von Protokollen, Übersetzungen oder Webseitenbetreuung. Einige virtuelle Assistenten arbeiten als Freelancer, andere nutzen spezielle Agenturen für die Kundenvermittlung, während wiederum andere eigenständige Unternehmer sind.

Während es persönliche Assistenten und Sekretäre natürlich schon seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts gibt, wurde der Begriff „virtueller Assistent“ laut Ennen und Poelker im Jahr 1997 zum ersten Mal verwendet. Demnach war es Lifecoach Thomas Leonard, der in einem Interview davon berichtete, wie eine Assistentin so ziemlich alles für ihn managte, wozu er selbst keine Zeit fand. Da er diese Assistentin allerdings noch nie persönlich getroffen hatte, nannte er sie seine virtuelle Assistentin. Ein neuer Beruf war geboren.

Trendjob Virtueller Assistent

Dennoch war der Beruf in dieser Zeit noch eine Seltenheit. Vor zehn Jahren gab es gerade mal eine Handvoll VAs, heutzutage boomt der Job – ermöglicht durch das Internet und die weltweit voranschreitende Digitalisierung. Zwar gibt es nur grobe Schätzungen über die genaue Anzahl von virtuellen Assistenten weltweit, doch der Trend zeigt klar nach oben. Mit Statistiken, die voraussagen, dass der Online-Arbeitsmarkt bis 2018 einen Wert von rund 4,4 Milliarden Euro haben wird, steigt die Nachfrage nach virtuellen Assistenten weiter.

VA Google Trend

Outsourcing ist also keine Modeerscheinung mehr, sondern längst Realität. Je komplexer die Aufgaben sind, je globaler Firmen arbeiten und je spezialisierter unsere Berufe werden, Firmen auf das Verlagern von Aufgaben. Callcenter in Osteuropa, Webdesigner aus Indien oder Produktionsstätten in China sind die Ausmaße von Outsourcing bei großen Konzernen. Doch auch Kleinbetriebe, Solopreneure und mittelständische Onlineunternehmer sind auf externe Hilfe angewiesen. Seitdem Tim Ferris 2007 in seinem bahnbrechendem Bestseller zur vierstündigen Arbeitswoche die Weichen für Online-Unternehmen legte und die Idee der virtuellen Assistenten ins Spiel brachte, boomt der Begriff.

Mutter + Vollzeitstelle = Virtuelle Assistentin

Es war auch zu ungefähr dieser Zeit, als Zeina Barker zum ersten Mal den BZeina Barkeregriff hörte. Sie war gerade Mutter geworden und wollte einerseits mehr Zeit mir ihrer Familie verbringen, andererseits aber auch wieder in ihren Job zurückkehren. Doch auch wenn ihre Arbeit mit internationalen Unternehmen der Londonerin viel Freude bereitete, stundenlanges Pendeln wollte sie dabei nicht mehr in Kauf nehmen. Gleichzeitig arbeiten und mehr Zeit zu Hause verbringen, schien daher zunächst nicht machbar – bis sie über die Onlinestellenbörse People per Hour stieß: „Hier beschloss ich dann, meine Erfahrung und meine Ausbildung zu nutzen, um ganz neu als virtuelle Assistentin anzufangen. Das ist nun sieben Jahre her, aber ich habe es nie bereut. Es war zwar nicht immer einfach und ist auch jetzt noch oft eine Herausforderung, aber gleichzeitig auch unglaublich erfüllend“ erklärt sie gegenüber den Netzpiloten. Barker arbeitet immer noch hin und wieder als Freelancerin, betreibt aber gleichzeitg auch ihre eigene VA-Firma vefficient.

Barkers Weg zur virtuellen Assistentin verkörpert einen weiteren Trend dieses Berufs: Nach Umfrage der Virtual Assistant Networking Association sind 96,8 Prozent der Befragten Frauen und über drei Viertel haben Kinder. Das zeigt, dass Mütter weder bei der Familie noch in ihrem Job zurückstecken wollen. Gerade in den USA entscheiden sich viele Frauen für das Arbeitsmodell der „work-at-home-Mom“, also der berufstätigen Mutter im Homeoffice.

„Ich werde für´s Lernen bezahlt“

Die Vielfalt der Aufgaben und der leichte Einstieg in den Job als virtuelle Assistentin könnten Gründe dafür sein, warum viele Frauen als Neulinge in der digitalen Arbeitswelt gerade diesen Onlineberuf wählen. „Virtueller Assistent ist ein idealer Einstiegsberuf für alle, die noch nie online gearbeitet haben“ sagt etwa Vera Ruttkowski, eine der bekanntesten deutschen virtuellen Assistentinnen, im Netzpiloten-Gespräch. Ruttkowski arbeitet seit gut zwei Jahren als virtuelle Assistentin und betreut mittlerweile als SelVera Rutkowskibstständige sechs feste Kunden. Ihre Dienstleistungen reichen unter anderem von Blogbetreuung über Finanzmanagement bis hin zur Social Media-Betreuung. Gerade diese Abwechslung, gepaart mit dem steten Lernprozess durch immer neue Aufgaben, machen den Beruf so attraktiv für sie: „Es ist unglaublich spannend, mit meinen Kunden mitzuwachsen. Ich habe die Chance, sehr viel Neues zu lernen – und werde dafür auch noch bezahlt. Was will man mehr?!“

Auch Zeina Barker, die sich auf e-Marketing, Projektmanagement und Übersetzungen (sie spricht Englisch, Französisch und Arabisch) spezialisiert hat, liebt die Vielfalt ihres Arbeitsalltags. „Alle Kunden sind sehr verschieden und bei mir gleicht wirklich kein Tag dem anderen. So wird es nie langweilig!“

Selbstverständlich erfordert eine solch freie Form der Arbeit aber auch straffe Selbstorganisation, Disziplin, Zuverlässigkeit, eine sehr gute Kommunikationsfähigkeit, Offenheit für Neues und Flexibilität. „Das schwierigste an dem Job ist für mich das Organisieren meiner Zeit“ sagt Ruttkowski. Barker wiederum glaubt, dass die virtuelle Kommunikation mit Kunden per E-Mail oder Skype manchmal mehr Zeit raubt als spart.

Dennoch lieben sowohl Barker als auch Ruttkowski ihren Beruf. Neben der eigentlichen Arbeit ist es vor allem eins, das sie an ihrer Tätigkeit schätzen – ihre Unabhängigkeit. Für Barker ist dies ein unglaublicher Ansporn: „Ich kann alles machen, was ich will, es gibt wirklich keine Grenzen für meine Fähigkeiten. Ich finde das sehr erfüllend und motivierend!“


Image „Laptop“ by partshah000 (CC0 Public Domain)


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Hirnintensive Arbeit als Konjunkturmotor

Industrie-Skyline (adapted) (Image by Nico Kaiser [CC BY-SA 2.0] via Flickr)

Ständig wird einem von Lobbyisten und Regierungspolitikern eingetrichtert, wie wichtig die Industrie sei als Stabilitätsfaktor der Konjunktur. Länder wie Frankreich hätten es da nicht so gut.Die gallische Wirtschaft sei weitgehend deindustrialisiert, produziere nichts mehr Gescheites oder müsse wie Peugeot Citroën von chinesischen Konzernen aufgefangen werden. Was da wohl noch mit VW passiert. Ein anständiger industrieller Anteil wird als Voraussetzung für eine ausgewogene ökonomische Entwicklung gesehen. Die VWL-Berater flöten es Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel ins Ohr: Es müsse wieder mehr produziert, gebaut, geschraubt werden. Das war auch nach der Finanzkrise das Allheilmittel.

Abwrack-Politik

Abwrackprämie statt Investitionen in Wissensberufe oder den Ausbau der digitalen Infrastruktur. So konnte der Industriesektor seinen Anteil an der Wertschöpfung bei 25 bis 26 Prozent stabilisieren. Gleiches gilt für die Zahl der Industriebeschäftigten. Für die globalen Märkte hat sich Deutschland auf Luxusautos, Maschinenbau und Chemie spezialisiert – allerdings mit einer sinkenden Fertigungstiefe im eigenen Land. Wird ein großer industrieller Sektor auch künftig noch von Vorteil sein, fragt sich der Wirtschaftspublizist Henrik Müller. Diese trügerischen Stärken können sich sehr schnell und gut in Schwächen umkehren.

“Osteuropäische, später asiatische Volkswirtschaften, allen voran China, industrialisierten sich im Zeitraffer. Davon profitierte Deutschland wie kein anderes Land: Weil es hierzulande noch potente Firmen gibt, die Fabriken mit Maschinen ausstatten oder gleich ganze Fabriken errichten, weil es Infrastrukturanbieter wie Siemens gibt, die etwa ganze Bahnsysteme zu installieren in der Lage sind, weil es Luxusautohersteller gibt, die die neuen Reichen in den Schwellenländern mit Statussymbolen versorgen. Kurz: Deutschland hat all das noch im Angebot, was es anderswo längst nicht mehr gibt – weil der Strukturwandel in den 1980er und 1990er Jahren hierzulande verzögert ablief.”

Wissensintensive Dienstleistungen als Wettbewerbsfaktor

Wenn sich aber der Aufholprozess in diesen Schwellenländern abschwächt, was derzeit der Fall ist, wenn ausländische Autohersteller lernen, die Bedürfnisse der neuen Mittelschichten zu befriedigen, dann fragt sich, wer denn künftig die Kunden der deutschen Industrie sein sollen. Der Niedergang des Wolfsburger Konzern könnte das im Zeitraffer beschleunigen. Generell wird die Industrie in der Massenproduktion an Bedeutung verlieren.

“Wirtschaft und Gesellschaft wachsen über das Produzieren und Konsumieren von physischen Produkten hinaus und verlegen sich aufs Dienen und später aufs Wissen. Dienstleistungen, zunehmend auch wissensintensive Dienstleistungen dominieren heute in allen entwickelten Ländern die Wirtschaftsstrukturen. Es werden nicht mehr zuvörderst physische Güter hergestellt, viel wichtiger sind Leistungen an Mensch oder Materie”, schreibt Müller in seinem Opus “Wirtschaftsirrtümer”.

Postindustrielle Arbeitsplätze

Gesundheit, Bildung, Freizeit, Ernährung, Haushaltsservices, Vernetzungskonzepte, Apps oder Cloud-Technologien werden wichtiger.

“Auch Deutschland hat diese Entwicklung seit den 1970er Jahren durchgemacht, allerdings ist sie im Zuge der Globalisierung zum Stillstand gekommen. Um 1997 hat sich die industrielle Produktion stabilisiert. Die absolute Zahl der produzierenden Beschäftigten ist dabei in den vergangenen Jahren in etwa stabil geblieben. Die beeindruckenden deutschen Beschäftigungsgewinne haben in anderen Sektoren stattgefunden. Im Jahr 1995 waren ein Viertel der Arbeitnehmer mit Produzieren beschäftigt, heute sind es nur noch ein Fünftel. Beschäftigungszuwächse konnten vor allem die Unternehmensdienstleister verbuchen, teils durch Outsourcing von Aktivitäten aus traditionellen Industriekonzernen sowie Informations-und Kommunikationsservices”, so Müller. Er sieht keinen Grund, dass die Schwellenländer einen fundamental anderen Weg gehen werden. Wir sollten uns deshalb neue Vorbilder suchen, die besser dastehen als wir selbst. Schweden zum Beispiel.

“Das skandinavische Land genießt ein höheres Wohlstandsniveau als Deutschland (eine Differenz von 2.000 US-Dollar pro Kopf). Beschäftigungsstand, Lebenserwartung und Lebenszufriedenheit sind höher, die Einkommensverteilung gleichmäßiger. Staat und Wirtschaft geben einen größeren BIP-Anteil für Forschung und Entwicklung aus als alle anderen OECD-Länder (außer Finnland): Stabil zwischen 3 und 4 Prozent des BIP. Das Vertrauen ins politische System ist hoch. Um nur einige Wohlfahrtsindikatoren zu nennen. Man muss Schweden nicht in allen Facetten als vorbildlich ansehen, aber dass das Land ökonomisch und gesellschaftlich gegenüber Deutschland einen Vorsprung hat, ist offensichtlich. Schwedens Wirtschaft ist hochgradig wettbewerbsfähig, was sich in ähnlich hohen Leistungsbilanzüberschüssen niederschlägt, wie sie Deutschland verzeichnet”, weiß Müller. Folgt man der Litanei der Industrievertreter, dürfte es das nicht geben.

Skandinavisches Wirtschaftswunder dürfte es eigentlich nicht geben

Denn Schweden habe einen vergleichsweise kleinen industriellen Sektor: 20 Prozent trägt die Industrie noch zum BIP bei, deutlich weniger als im Jahr 2000. Die Zahl der Jobs, im produzierenden Gewerbe, ist von 19 auf 15 Prozent der Gesamtbeschäftigung gefallen.

“Aber das skandinavische Land verfügt über eine große Stärke, die Deutschland nicht hat: Es verdient sehr erfolgreich im Handel mit Dienstleistungen. Mehr als 20 Milliarden US-Dollar Überschuss erwirtschaftete Schweden 2011 mit dem Verkauf von Services, Patenten und Lizenzen – viermal so viel wie noch 2004. Deutschland hingegen machte im selben Zeitraum ein Defizit im Dienstleistungshandel von knapp 32 Milliarden US-Dollar”, führt Müller aus.

Der Handel mit hirnintensiven Dienstleistungen und der Verkauf von Wissen ersetzen in Schweden zunehmend den Handel mit physischen Produkten – postindustrielle, hochproduktive Aktivitäten mit großem Input von Wissen. Dafür sind andere Qualifikationen und ein anderes Umfeld vonnöten. Mit der dualen Berufsausbildung auf IHK-Niveau kommt man nicht mehr weit. Ralf T. Kreutzer und Karl-Heinz Land sprechen gar vom digitalen Tsunamie der “Dematerialisierung”, der selbst den so hochgelobten Maschinenbau bedrängt. Wie viel Industrie wird also noch in der Netzökonomie stecken, fragt sich das Notiz-Amt.

Mit Professor Kreutzer wird es dazu in Vorbereitung der Next Economy Open in Bonn ein Bibliotheksgespräch geben.


Image (adapted) “Industrie-Skyline” by Nico Kaiser (CC BY-SA 2.0)


 

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