Schwanger in Corona-Zeiten!

Mit meiner Handy-Kamera filme ich den Herzschlag unseres Kindes. Die ersten Bewegungen, das Profil, das schon ein wenig das Aussehen unseres zukünftigen Mitbewohners erahnen lässt. Unbeirrt untersucht mich die Frauenärztin weiter. Normalerweise würde ich an ihrer Mimik erkennen, ob sie irgendetwas Besorgniserregendes sieht und mich vielleicht eher auf sie als mein Handy konzentrieren. Aber durch die Maske ist ihr Gesicht ohnehin verdeckt. “Ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Sie können ruhig alles aufnehmen”, kommentiert die Ärztin während Gewicht und Maße aufgenommen werden – Ganz normal bei einer Schwangerschaft während Corona.

Schwangerschaft mitten im Ausnahmezustand

Für die ersten Untersuchungen war mein Mann noch mit im Behandlungsraum. Dann durfte er bald wegen der Corona Pandemie die Praxisräume nicht mehr betreten und musste entweder im Treppenhaus oder auf der Straße warten, da auch alles andere zu hatte. Mittlerweile haben die Cafés wieder geöffnet und er vertreibt er sich die Zeit bei einem Cappuccino nebenan, während ich das, was so besonders und einzigartig ist, versuche mit der Kamera einzufangen.

Der Lockdown hat für alle den Alltag verändert – keine Frage. Homeschooling, Home Office, Kochen bis zum Umfallen und geplatzte Urlaubsträume. Während jeder mit seiner eigenen kleinen Katastrophe zu kämpfen hat, traut man sich gar nicht, darüber lautstark zu schimpfen. Denn die wirklichen Probleme spielen sich gerade in Krankenhäusern weltweit ab, wo unfassbar Viele gegen den unsichtbaren Feind kämpfen. Nur genau dahin muss ich bald. Wie die Geburt ablaufen wird, kann ich bis heute nicht wirklich einschätzen. Wenn es keine neue Corona-Welle in Deutschland gibt, dann sind wohl Partner im Kreißsaal und für Besuche auf der Wochenstation erlaubt. Während ich am Anfang der Schwangerschaft noch überlegt habe, wen und was ich alles für die Geburt mitnehme, sind meine Ansprüche dank Corona mittlerweile auf das Wesentliche geschrumpft: Hoffentlich bin ich nicht alleine.

Distanz: Einsamkeit aber auch Schutz

Es gibt wohl kaum eine vergleichbare Situation in der das Social Distancing so deutlich wird, wie in der Schwangerschaft während Corona. Es fängt bei den Klischees an: Alle wollen auf einmal den Bauch anfassen. Ein Problem, dass ich gar nicht habe – denn im Moment darf man sich noch nicht mal die Hände schütteln. Kaum einer sieht überhaupt, dass ich ein Kind erwarte. Während der Videokonferenzen meiner Arbeit versteckt sich der Bauch unter dem Kameraausschnitt. Ein weiteres Phänomen: Alle und jeder hat eine Meinung zum Kinderkriegen und man wird allzu oft mit (Horror-) Geburtsgeschichten überschüttet. Auch das ist bei mir nicht der Fall; bin ich doch die meiste Zeit zu Hause. Der spontane Kontakt zur Außenwelt ist stark eingeschränkt und wenn dann durch Masken gehemmt. Ich muss eher mein Umfeld motivieren, mit mir zu interagieren, als mich vor zu vielen Meinungen zu schützen.

Digitale Geburtsvorbereitung

Das normalerweise breite Angebot an geburtsvorbereitenden Kursen gibt es nur noch auf Zoom oder Skype. Der Schwangerschaftsratgeber, den ich kaum noch lese, preist den wertvollen Austausch mit anderen Paaren und Müttern an. Hier können Freundschaften fürs Leben entstehen! Über eine Freundin wird mir ein Kontakt zu einer anderen Schwangeren in der Nachbarschaft vermittelt: „Sie ist genauso einsam wie du und könnte ein wenig Austausch gebrauchen.“ Wir treffen uns auf Sicherheitsabstand zum Blind Date. Erst merken wir, dass wir beide eine ganz andere, von der Gesellschaft vorgeformte Vorstellung von dieser Zeit hatten. Und dann stellen wir fest, wie gut es ist, sich mal persönlich mit einer anderen Frau auszutauschen. So intensiv die Zeit als Paar im Lockdown sein kann – komplett ersetzen kann der Partner ein soziales Umfeld eben nicht. Und das sollte auch eigentlich nicht der Anspruch sein.

Sie erzählt mir von ihrem Online-Geburtsvorbereitungskurs. Die Paare verbringen Samstag und Sonntag jeweils 6 Stunden vor dem PC. Stellen sich Snacks hin und versuchen gemütlich zu sitzen. Bei Partnerübungen rückt die Kursleiterin näher an die Kamera und versucht Haltungen zu korrigieren. Die allgemeine Stimmung ist bizarr; zum Gespräch kommt es eher selten. Alle sind bemüht, das Beste daraus zu machen, doch die Nähe und Verbindlichkeit, die diese Situation bedarf, kann ein Bildschirm nicht überbrücken. Wer fragt schon etwas Persönliches über Lautsprecher? Nicht nur beim digitalen Setup, auch bei der Vorstellungsrunde ist Corona von Anfang an präsent.

Unter Tränen erklärt eine Teilnehmerin, dass ihr Partner im Ausland blockiert ist und gerade nicht nach Deutschland einreisen darf. Eine Andere kann ihren Freund gerade nicht sehen, da er in Quarantäne ist. Die Kurseinheit “Wie wichtig Berührung und Massagen für das Wohlgefühl der werdenden Mutter sind” fällt dementsprechend mäßig aus. Ich bin froh, dass ich diesen Erfahrungsbericht bekomme, um meinem Instinkt zu folgen und meine Hebamme zu bitten, den Kurs für uns in einer Einzelstunde zu machen. Sie ist unser einziger Besuch am Anfang des großen Lockdowns; bewaffnet mit Maske und Desinfektionsmitteln. Wir scherzen, dass am großen Tag der Geburt mir immerhin der Krankenhausgeruch direkt vertraut sein wird.

Krankenhaus goes Instagram

Nächstes Kapitel im Ratgeber: Die richtige Wahl des Krankenhauses. „Nutzen Sie die Besuchstermine der Kliniken, um sich ein Bild vom Personal und dem Kreißsaal zu machen.“ – Tja. Auch schwierig in der Quarantäne. Dafür bietet meine Klinik auf ihrem ​Instagram Account ​einen digitalen Rundgang an. Ich folge dem Ort, an dem ich wohl eines der einschneidendsten Erlebnisse meines Lebens haben werde, jetzt schon fleißig einige Zeit in den sozialen Netzwerken und freue mich über so viel Online-Kreativität.

Soziale Netzwerke und Online-Plattformen als alternatives Shoppen

„Sie sind jetzt im zweiten Trimester der Schwangerschaft angekommen. Besorgen Sie alles Nötige für das Kinderzimmer, solange sie körperlich fit sind.“ Auch hier bin ich vor ungeahnte Schwierigkeiten gestellt, da einfach alle Geschäfte zu dem Zeitpunkt zu haben. Klar gibt es auch die Online-Shops. Aber für alles, was auch akut in der Schwangerschaft gebraucht wird, sind die Lieferzeiten durch steigende Nachfrage viel zu lang. Auf einmal werden andere Netzwerke total wichtig. Die App Mamikreisel hilft bei der Ausstattung von
Verschickbarem; über die App „​nebenan​“ finde ich einen gebrauchten Kinderwagen im Kiez. Auf ​Ebay Kleinanzeigen​ entdecke ich dann noch eine Wickelkommode ein paar Straßen weiter. Anstatt mich mit Kriterien wie Marke, Beschaffenheit oder Ausstattung auseinanderzusetzen, schaue ich nur, was in Laufnähe zu erhalten ist, da auch die Öffentlichen oder Leihwagen in Zeiten von Corona bestenfalls zu meiden sind.

Podcasts zur mentalen Vorbereitung

Je weiter die Schwangerschaft voranschreitet, desto bewusster setze ich mich mit der aktuellen Corona-Situation auseinander. Und das mithilfe des Netzes. Im Podcast Die Friedliche Geburt ​von Kristin Graf findet diese versöhnende Worte für die aktuellen Corona-Maßnahmen. Ja, sie sind schwierig auszuhalten. Doch Sicherheitsabstand und Einschränkungen bei Arzt- und Klinikbesuchen sind wichtig, damit dies irgendwann ein Ende hat. Und unter egal welchen Umständen: wir Frauen sind dazu befähigt, diese Situation zu meistern. Ihre beruhigende Stimme gibt die Nähe, die sonst im Alltag gerade fehlt, wenn es um so ein sensibles Thema geht. Ich fange auch vermehrt an, anderen Müttern auf Instagram zu folgen, schmunzle über Hashtags wie #SSW28 (ja, jede Schwangerschaftswoche wird einzeln gefeiert!) und merke, dass es irgendwie allen so geht. Die neue digitale Verbundenheit nimmt ein wenig Seelenlast.

#ThinkPositive – Wie man den Ausnahmezustand nutzen kann

Ich lerne schon jetzt meine vier Wände zu schätzen und muss mich nicht erst im Wochenbett daran gewöhnen, erstmal zu Hause zu bleiben. Ich habe mir das Nest zu Hause bereits richtig eingerichtet und einen Online-Lieferdienst für Lebensmittel gefunden. Außerdem gibt mir  die Situation die Möglichkeit, bewusst Informationen und Einkäufe zu steuern. Ich lese und höre nur das, was mir gut tut. Besorge nur das, was ich wirklich brauche und bin nicht dem Marketing-Hype für werdende Mütter ausgesetzt. Auch jetzt, wo die Geschäfte wieder öffnen verweile ich nicht lange, da die Masken das Einkaufserlebnis nicht unbedingt einfach machen.

Ich lerne, Vorfreude online zu teilen, halte Bauchbewegungen im Video für die Ewigkeit fest, da sie sonst außer mir und meinem Partner niemand fühlen darf. Freue mich über die vielen Online-Initiativen, die ein Hauch von Normalität in den Alltag bringen. Merke, dass ich viel von Zuhause aus erledigen kann – sei es Home Office oder Alltagsorganisation. Und das alles, weil Deutschland immer digitaler wird. Ich merke schon jetzt, dass diese Entwicklung umso hilfreicher sein wird, wenn das neue Familienmitglied erstmal auf der Welt ist und meine volle Aufmerksamkeit einfordert. Ich schätze das gut funktionierende Gesundheitssystem, und vor allen Dingen die, die es am Laufen halten. Dank ihnen und der wichtigen Corona Maßnahmen kann ich höchstwahrscheinlich eine Geburt unter fast normalen Umständen erleben. Und nicht zuletzt baue ich auf Humor statt Frust: Denn wer kann schon von sich behaupten, Schwangerschaftsfotos mit Maske zu haben?


Bild von Katharina Juhl

Maren Méheust

ist Journalistin und schrieb schon aus Paris und Dubai für die Netzpiloten. Sie lebt in Berlin und arbeitet bei der globalen Digitalagentur We Are Social. Maren Méheust ist Mitglied des Netzpiloten Blogger Networks.


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