Wäre das MMORPG World of Warcraft eine Person, würde sie mit nun 21 Jahren in sämtlichen Ländern der Welt als volljährig gelten. Im Gaming dagegen sind 21 Jahre ein fast schon biblisches Alter. Nicht wenige Spiele schaffen es so lange populär zu bleiben. Hinzu kommt, dass klassische MMORPGs ein fast schon ausgestorbenes Genre darstellen.
Trotzdem rangierte das Spiel auf der Streaming-Plattform Twitch zum Jahreswechsel auf Rang 3 und führte in Deutschland die die meistgesehenen Spiele an. Grund für den Erfolg ist Sauercrowd, ein Projekt, das am 27. Dezember gestartet ist. Eine riesige Gemeinschaft deutscher Streamer hat sich in gleichnamiger Gilde zusammengeschlossen, um World of Warcraft Classic gemeinsam im Hardcore-Modus bis zum Molten Core durchzuspielen.
Mit World of Warcraft Classic ließ Blizzard das Spiel auch abseits von Privatservern nochmal in seinem ursprünglichen Zustand neu auferstehen. Keine Erweiterungen, weniger Komfort, einfach back to the roots. Mittlerweile ist zumindest das erste Addon Burning Crusade für WoW Classic erschienen. Mittlerweile gibt es auch für die Classic-Varianten Re-Releases der ersten Addons. Der Server Soulseeker, auf dem Sauercrowd spielt, bleibt allerdings bei der puren Classic-Version. Zudem handelt es sich um einen Hardcore-Server. Wenn der Charakter stirbt, muss man mit einem komplett neuen Charakter anfangen.
Neben vielen namhaften Streamern sind sogar einige richtige WoW-Urgesteine am Start. Ganz ohne Probleme verlief das Projekt bislang aber trotzdem nicht. Wir fassen euch einige der wichtigsten Momente zusammen.
Diese Streamer sind dabei
Initiator des Megaprojekts ist der WoW-Streamer Metashi12, der sich mit HandOfBlood und Papaplatte gleich zwei der einflussreichsten Streamer Deutschlands mit in die Organisation geholt hat. Insgesamt folgten mehr als 200 Streamer unterschiedlichster Größe dem Ruf. Mit dabei sind nicht nur WoW-Veteranen, sondern auch Streamer aus anderen Bereichen. So ist unter anderem radlerauge Teil der Sauercrowd. Diesen sieht man sonst nur im Stategiesektor mit Spielen wie Anno 117 oder Cities Skylines 2.
Ein Gewinn für das Endziel des Projekts dürfte sicherlich auch Dhalucard sein. Das Streaming-Urgestein gilt seit jeher als ein Streamer, der in Spielen auch den Anspruch hat, kompetitiv mitzuhalten. Apropos kompetitiv: Sogar Noway4u ist Teil des Megaprojekts. Noway ist ein ehemaliger Profi-Esportler und heute der größte League of Leagends-Streamer Deutschlands.
Frauenpower darf dabei natürlich auch nicht fehlen. Mit mienah, Mowky oder JenNyan mischt auch die Speerspitze der Streamerinnen an vorderster Front der Allianz mit. Auch Mahluna ist durchaus eine kompetitive Kämpferin, die auch Events in Valorant oder League of Legends gewonnen hat. Seit Beginn des Sauercrowd-Events streamt sie fast täglich mehr als 10 Stunden aus Azeroth.
Ein großes Comeback feiert zudem WoW-Urgestein Stevinho. Damals betrieb der hauptberufliche Lehrer mit wowszene.de eine der größten deutschen Fan-Communities des Spiels. Über diese produzierte er schließlich auch das humorvolle WoW-Hörspiel Allimania, das damals noch vor dem YouTube-Boom zum viralen Hit unter Gamern wurde. Jetzt ist er als Stevicules wieder zurück in seiner alten Wirkstätte und trifft auf die aktuelle Generation der Internet-Unterhalter. Zur alten Riege gehört außerdem auch Jan Hegenberg, dem eine ganz besondere Ehre zu Teil wurde.
Jan Hegenberg bringt die Kathedrale zum beben
Das erste Meeting gab es bereits am 13. Dezember, zwei Wochen vor dem eigentlichen Start, in der Kathedrale von Sturmwind. Hier sollte die wohl wichtigste Entscheidung getroffen werden: Welche Fraktion die gespielt wird, aber auch welcher Streamer welchem Volk angehört.
Den ersten Aufschlag machte Jan Hegenberg, eine Musiker-Legende der Gamingszene, der vor allem durch Songs rund um World of Warcraft bekannt ist. Als erste Entscheidungsgrundlage performte er daher zwei seiner bekanntesten Lieder: „Die Allianz schlägt zurück“(2012) und „Die Horde rennt“(2005). Gerade bei letzterem Song gab es kein halten mehr und die Kathedrale verwandelte sich in einen riesigen Moshpit. Mittlerweile gibt es davon auch ein Video, dass auch die Reaktion zahlreicher Streamer einfängt.
Anschließend wurde es offizieller. Die anwesenden Streamer bekamen die Möglichkeit, ihre Plädoyers für ihre bevorzugte Fraktion abzugeben. Mit 76 zu 55 Stimmen fiel die Wahl überraschend eindeutig auf die Allianz. Anschließend wurde jedem Streamer auch bekannt gegeben, welches Volk er spielt. Dafür mussten die Teilnehmer zuvor 32 Fragen beantworten. Das Sauercrowd-Volksquiz, könnt ihr übrigens auch selbst mal durchspielen. Welches Volk ihr wohl seid? Bei mir ist es der Gnom!
Die Regeln von Sauercrowd
Wo so viele Spieler zusammenkommen, braucht es auch ein paar Regeln. Das gilt besonders wenn das Projekt eine Challenge im Hardcore-Modus ist. Zudem handelt es sich um ein Event, das komplett aus Streamern besteht.
Verhalten
Das Regelwerk ruft dazu auf kein unnötiges Drama zu provozieren. Probleme sind daher entweder privat oder mit der Gildenleitung zu besprechen. Auch soll das Event nicht öffentlich runtergezogen werden. Zudem wird zur gegenseitigen Unterstützung aufgerufen
Pflichten und Organisation
Teilnehmer*innen müssen Gildenaddons aktivieren und bereits vor Login mit dem streamen beginnen. Beim Tod muss ein Clip bereitgestellt werden und bei mehr als 3 Tagen Abwesenheit ein Entschuldigungsvideo in den Schande-Channel des Discord gepostet werden.
Gameplay-Regeln
Hier finden sich einige der wichtigsten Regeln. So darf nur mit Charakteren innerhalb der Gilde gespielt und gehandelt werden. Außerdem sind Nebencharaktere verboten. Auch diverse Addons die das Leveln einfachen sind nach Level 20 ausdrücklich verboten.
Twitch & Discord
Wer nach dem Tod ein anderes Volk spielen möchte kann über den Schande-Channel im Discord einen Video-Antrag stellen. Regelverstöße können Strafen mit sich ziehen, die vom Veranstalter beschlossen werden.
Schlagzeilen der ersten Tage
Der Startschuss ist noch nicht lange her, doch da die Teilnehmer zum streamen ihres Fortschritts verpflichtet sind, gab es bereits viele denkwürdige Momente im Spiel. Dies waren einige der Ereignisse.
Regelbrüche zum Start
Für die Projektleitung gab es gleich zu Beginn schon einiges zu tun. NoWay4U tönte schon vor Beginn, dass WoW Classic für „die größten Loser der Gaming-Geschichte designt“ ist und er das im Dezember demonstriert. Sein großer Ehrgeiz machte dabei auch nicht vor den Regeln halt. So ließ er sich zum einen von Nicht-Gildenmitgliedern in eine Gruppe einladen. Durch diese konnte er den Layer wechseln um eine Waffe zu kaufen, die im ursprünglichen Layer ausverkauft war. Ein Regelverstoß.
Zudem warf er sich „allein“ in den Kampf gegen Hogger, einem Elite-Gegner, gegen den er eigentlich unterlegen gewesen wäre. Er wusste aber, dass ihm schon mehrere Stunden ein Heiler inoffiziell begleitete und verließ sich auf dessen Unterstützung. Auch ein indirekter Regelverstoß.
Die Stimmung drohte schon früh zu kippen, als NoWay sich weigerte die Strafe anzunehmen: Eine Runde angeln, um über die Vergehen nachzudenken. Erst nach einer Runde League of Legends nahm NoWay dann doch die Strafe an.
Doch selbst die Initiatoren des Events sind nicht frei von Sünde. So versuchte Papaplatte die Regel für Level-Addons humorvoll zu umgehen. Er holte einen Overheadprojektor hervor, um sich die Levelroute auf die Wand zu projezieren. Die Mitorganisatoren waren über diesen Versuch die Regeln auszuhebeln nicht begeistert, da man als Gildenleiter ein gutes Beispiel sein sollte.
Allerdings: Der Trick wurde vor dem Start des Events vorgeführt und dürfte vor allem der Erheiterung gedient haben – und vielleicht auch als geplantes Beispiel, dass man auch nicht nach Wegen suchen darf, die Regeln zu umgehen. Auf eine zunächst diskutierte Strafzeit zum Start wurde daher am Ende auch verzichtet.
Denkwürdige Tode
Wer bei Sauercrowd stirbt muss nochmal komplett neu anfangen – das macht das virtuelle Ableben ungleich schmerzvoller. Dennoch hat es bereits zahlreiche Tode gegeben, von denen manche dramatisch, andere aber auch herrlich unglücklich gelaufen sind.
Eine hartes Lehrgeld musste die Streamerin JenNyan zahlen. Um sich einen Kaffee zu machen, stellte sie ihren Charakter vermeintlich sicher bei einem Questgeber auf einem Felsen ab. Die Rechnung hatte sie aber nicht mit dem Elite-Mob Dreschernator 4.100 gemacht, der durch einen Kampf – womöglich beabsichtigt – in ihre Nähe gezogen wurde. Zwar bemerkte sie diesen Fehler noch, hatte aber zu wenig Zeit, um sich aus der Reichweite zu bewegen. Die verlorenen 20 Level konnte sie aber durch tatkräftige Unterstützung deutlich schneller wieder aufholen.
Aus der selben Spielgemeinschaft passierte Lost Kitten ein nicht weniger unglücklicher Tod. Von einem Kampf abgelenkt bewegte sie sich zu spät in Richtung der Fahrstuhlplattform, auf der ihre Gruppe bereits wartete. Die Plattform setzte sich in Bewegung nur Augenblicke, bevor sie drauf gekommen wäre, sodass sie diese erst nach einem tödlichen freien Fall erreichte.
Die Karma-Keule bekam Streamer KubaFPS zu spüren. Dieser schaute sich den Steam von Niekheals an, als dieser gegen ein paar einfachere Monster auf Stufe 9 das zeitliche segnete. Während der noch ungläubig die Fehler des Gildenkollegen resümierte tabte er zurück in sein laufendes Spiel, nu um zu bemerken, dass er selbst dabei den AFK-Tod gefunden hatte.
Klarer Spitzenreiter was den Sensenmann angeht ist übrigens pummelfee86. Dieser „feierte“ am 6. Januar bereits seinen 10. Charaktertod, als er sich in den Höhlen des Steinsplittertals etwas verrannte und sich dabei zu viele Troggs eine seine Fersen hefteten. Das sind zu dem Zeitpunkt übrigens 4 Tode mehr als alle anderen der Sauercrowd.
Alle Tode findet ihr auf der Projekt-Seite.
Gerichtsverfahren gegen Chefstrobel
Ärger hat sich übrigens auch der Streamer Chefstrobel eingebrockt. Der hatte sich mit anderen Gildenmitgliedern nämlich in den Dungeon Zul’Farrak getraut und dort den Bossgegner Antu’sul herausgefordert. Das wäre selbst auf einem Nicht-Hardcore-Server sehr ambitioniert. Zwar konnten die Gruppe Antu’sul besiegen, waren dann aber mit den von ihn beschworenen Basilisken überfordert. Das kostete 2 40+ Charakteren das Leben, während Chefstrobel gegen Ende des Kampfes bereits das Weite suchte und die Gruppe damit offenbar im Stich ließ.
Allerdingst analysierte selbst HandOfBlood, dass der ganze Kampf ein großes Wagnis war und erkannte direkt, dass Chefstrobel mit Level 42 effektiv nichts gegen den 6 Level höheren Elitegegner ausrichten konnte. Zudem fehlten gerade im Kampf gegen die Basilisken am Ende klare Ansagen und die Gruppe befand sich in zunehmender Panik.
Trotzdem gab es am 5. Januar um 20 Uhr eine Gerichtsverhandlung, um über die Schuldigkeit Chefstrobels zu entscheiden. Die Anklage: Hochverrat. Die 2-stündige Gerichtsverhandlung hatte sowohl Ingame hohen Andrang, wurde aber auch von den Streamern inklusive Richterperücke und Hammer angemessen fiebertraum-trashig inszeniert.
Am Ende diente das Event eigentlich der Unterhaltung und entsprechend kommt der Freispruch Chefstrobels nicht überraschend. Dieser hat sich prinzipiell als WoW-Neuling gut geschlagen und hatte zunächst vieles versucht, um der Gruppe zu helfen, ehe er den Rückzug angetreten ist. Vermutlich wäre er mit seinem Level auch mehr ein dritter toter Charakter gewesen, als dass es die anderen beiden gerettet hätte.
Image by Blizzard via IGDB
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