Propaganda im Feed: Wie funktioniert digitale Propaganda?

Wenn man das Wort Propaganda hört, denken vermutlich viele zunächst an politische Plakate, Flugblätter, Radio oder staatlich kontrollierte Medien. Besonders in der Schule wird schließlich genau das im Geschichtsunterricht gelehrt.  

Wie sieht Propaganda aber aus, wenn sie nicht mehr als Plakat oder offensichtliche politische Botschaft daherkommt, sondern zwischen Memes, TikToks und normalen Posts im Feed auftaucht?

Soziale Netzwerke haben schließlich nicht nur verändert, wie wir miteinander kommunizieren, sondern auch, wie politische Informationen verbreitet werden. Hinzu kommen künstliche Intelligenz und Algorithmen, die neue Möglichkeiten schaffen, Inhalte zu produzieren und einem großen Publikum zugänglich zu machen.

Damit stellt sich die Frage: Wie funktioniert digitale Propaganda überhaupt und woran können wir sie erkennen?

Vom politischen Plakat zu TikTok

Ursprünglich leitet sich das Wort Propaganda von dem lateinischen propagare („ausbreiten“, „verbreiten“) ab. Erstmals wurde Propaganda im 17. Jahrhundert verwendet und beschrieb schlichtweg die christliche Missionierung und den Schutz des katholischen Glaubens gegen den Protestantismus.

Die politische Bedeutung erhielt das Wort während der Französischen Revolution. Politische Gruppierungen nutzen die gezielte Verbreitung revolutionärer Ideen und Flugblätter, um die Bevölkerung gegen die Monarchie zu mobilisieren. Der erste Weltkrieg galt dann als Start der modernen Massen-Propaganda. Die Entstehung von Massenmedien nutzten Staaten in ihrem Interesse, sodass Propaganda als zentrales Kriegsinstrument entstand. Den historischen Tiefpunkt des Wortes und die Schaffung seiner negativen Bedeutung erhielt Propaganda vor allem während des NS-Regimes. Unter dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda wurden Presse, Rundfunk, Film und Kunst vollständig kontrolliert.

Propaganda ist allerdings keineswegs mit dem Ende des Nationalsozialismus verschwunden. Vielmehr haben sich ihre Verbreitungswege und Möglichkeiten verändert. Wo früher Plakate, Zeitungen oder Radiosendungen zum Einsatz kamen, können politische Botschaften heute innerhalb weniger Sekunden über soziale Netzwerke verbreitet werden.

Was versteht man unter digitaler Propaganda

Die Äußerung politischer Meinung muss nicht automatisch Propaganda sein. Genauso muss Propaganda nicht immer Desinformationen enthalten.

Grundsätzlich beschreibt Propaganda den Versuch, die Meinungen, Gefühle oder das Verhalten von Menschen gezielt in eine bestimmte Richtung zu beeinflussen. Dafür können Informationen bewusst ausgewählt, emotional dargestellt oder aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen werden. 

Digital wird Propaganda, wenn diese Methoden über das Internet und insbesondere soziale Netzwerke verbreitet werden. Statt auf einem politischen Plakat kann die Botschaft heute beispielsweise in einem TikTok stecken. Hinzu kommen Bots, Fake-Accounts oder gezielte Kampagnen, durch die bestimmte Inhalte zusätzlich verbreitet werden können.

Gerade das kann digitale Propaganda schwer erkennbar machen. Zwischen Urlaubsfotos, Memes und Unterhaltung taucht plötzlich ein politischer Inhalt auf, ohne auf den ersten Blick wie gezielte Beeinflussung auszusehen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht immer nur: Ist diese Information wahr oder falsch? Mindestens genauso interessant ist: Wer verbreitet sie, mit welchem Ziel und welches Bild der Realität soll dadurch entstehen?

Spannend dabei ist, dass digitale Propaganda keineswegs erst durch künstliche Intelligenz entstanden ist. Schon lange vorher wurden soziale Netzwerke gezielt zur politischen Einflussnahme genutzt. Ein bekanntes Beispiel sind sogenannte „Trollfabriken“, die mithilfe zahlreicher Fake-Accounts, Kommentare und Likes versuchen, bestimmte Meinungen besonders verbreitet erscheinen zu lassen.

Heute können solche Methoden durch generative KI zusätzlich erweitert werden. Bilder, Videos und Sounds lassen sich schneller und in großen Mengen produzieren. Genau hier setzt auch das Phänomen der sogenannten „Slopaganda“ an, über das TikTok-Experte Marcus Bösch in unserem Podcast „Tech & Trara“ spricht. Der Begriff verbindet „AI-Slop“, also massenhaft produzierte KI-Inhalte, mit Propaganda. Statt einer einzelnen zentral gesteuerten Botschaft können zahlreiche Accounts ähnliche KI-Videos, Bilder oder Songs produzieren und verbreiten. Die Masse der Inhalte wird damit selbst zu einem Teil der Strategie.

Propaganda und KI auf TikTok

Besonders auf Plattformen wie TikTok können politische Botschaften auf ganz unterschiedliche Weise verbreitet werden. Mithilfe generativer KI lassen sich Bilder, Videos, Stimmen oder Musik erstellen, die anschließend über soziale Netzwerke veröffentlicht werden können. Gerade bei realistisch wirkenden Inhalten kann es schwierig sein, auf den ersten Blick zu erkennen, ob eine Aufnahme tatsächlich echt ist.

Das Problem besteht allerdings nicht ausschließlich darin, dass KI-generierte Inhalte möglicherweise für echt gehalten werden. Auch offensichtlich künstlich erstellte Videos können politische Botschaften transportieren.

Besonders interessant ist dabei die Rolle von Musik. TikTok ist eine stark von Sounds geprägte Plattform. Songs werden für Trends verwendet, unterlegen kurze Videos und verbreiten sich teilweise weit über ihren ursprünglichen Kontext hinaus. Genau diese Eigenschaften können auch für politische Propaganda genutzt werden. Beispielsweise lassen sich mithilfe von künstlicher Intelligenz Lieder erstellen, die bestimmte politische Botschaften enthalten und anschließend als Hintergrundmusik für Videos dienen. Dadurch werden politische Inhalte nicht unbedingt als klassische politische Werbung wahrgenommen. Stattdessen können sie als unterhaltsamer Song oder vermeintlich harmloser Internettrend erscheinen.

Musik kann außerdem dafür sorgen, dass bestimmte Formulierungen leichter im Gedächtnis bleiben. Ein eingängiger Refrain wird möglicherweise noch Stunden später erinnert, selbst wenn man sich mit der eigentlichen Botschaft kaum beschäftigt hat oder dieser nicht zustimmen würde. Das bedeutet natürlich nicht automatisch, dass Menschen die in Musik enthaltenen politischen Aussagen übernehmen. Dennoch schafft die Musik einen Zugang zu unserem Gedächtnis und verschafft politischen Botschaften so besondere Aufmerksamkeit.

Welche Rolle spielt der Algorithmus?

Neben den Inhalten selbst spielt auch die Art ihrer Verbreitung eine wichtige Rolle. Auf TikTok entscheidet ein Empfehlungssystem mit darüber, welche Videos auf der „For You Page“ erscheinen. Dabei werden unter anderem Interaktionen und das Nutzungsverhalten berücksichtigt. Für politische Inhalte kann das besonders relevant sein.

Die Filterblase der For You Page kann beispielsweise dafür sorgen, dass Konsumenten der Videos hautsächlich den Content einer bestimmten politischen Meinung angezeigt bekommen. Das kann fälschlicherweise dazu führen, dass diese Konsumenten denken, alle Nutzer von TikTok sehen genau diesen Content und teilen eine Meinung.

Zusätzlich kann ein Video, das starke Emotionen auslöst, viele Kommentare, Likes oder Weiterleitungen erhalten. Solche Reaktionen können wiederum dazu beitragen, dass der Inhalt weiteren Nutzern angezeigt wird. Dabei muss ein Video nicht unbedingt Zustimmung hervorrufen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Auch Empörung oder Ablehnung können dazu führen, dass Menschen kommentieren und Inhalte weiterverbreiten. Einige Videos erreichen so sogar eine größere Reichweite als viele Medienhäuser.

Genau darin liegt ein möglicher Vorteil für propagandistische Inhalte. Sie müssen nicht ausschließlich Menschen erreichen, die ihre Botschaft bereits unterstützen. Unter bestimmten Umständen können sie auch durch kontroverse Reaktionen zusätzliche Sichtbarkeit erhalten.

Hinzu kommt, dass Nutzer häufig gar nicht aktiv nach politischen Informationen suchen. Die entsprechenden Inhalte tauchen einfach zwischen anderen Videos im Feed auf. So kann politische Beeinflussung Teil des alltäglichen Medienkonsums werden, ohne dass wir uns bewusst dafür entschieden haben, uns gerade mit Politik zu beschäftigen.

TikTok als politisches Wahlkampfinstrument

Dass TikTok längst nicht mehr nur eine Plattform für Tanzvideos und Unterhaltung ist, zeigte sich besonders deutlich während der Bundestagswahl 2025. Wie TikTok-Experte Marcus Bösch erklärt, waren erstmals alle damals im Bundestag vertretenen Parteien im Wahlkampf auf TikTok aktiv. Die Plattform ist damit zu einem wichtigen Bestandteil politischer Kommunikation geworden.

Wie unterschiedlich politische Inhalte dort verbreitet werden können, zeigt die ARD-Reportage „Die TikTok-Armee der AfD“ aus dem Februar 2025. Für die Recherche untersuchten Journalisten die Aktivitäten von AfD-UnterstützerInnen und offiziellen Parteivertretern auf TikTok. Dabei zeigte sich, wie versucht wurde, die Plattform mit politischen Inhalten regelrecht zu überfluten und dadurch möglichst viel Reichweite zu erzielen.

Eine wichtige Rolle spielten dabei auch KI-generierte Bilder, Videos, Lieder und Slogans. Diese wurden sowohl von offiziellen als auch von AfD-nahen Accounts verbreitet. Laut der ARD-Recherche entfernte TikTok im Jahr 2024 außerdem zwei Netzwerke, die AfD-nahe Inhalte zur verdeckten Einflussnahme verbreitet hatten.

Das Beispiel verdeutlicht, wie sich politische Kommunikation auf Social Media verändert. Politische Botschaften werden nicht mehr ausschließlich über offizielle Parteikanäle verbreitet, sondern können durch zahlreiche weitere Accounts aufgegriffen, verändert und weiterverbreitet werden.

Dabei ist allerdings wichtig, zwischen gewöhnlichem Wahlkampf und gezielter Propaganda zu unterscheiden. Nicht jedes politische TikTok ist automatisch Propaganda. Problematisch wird es insbesondere dann, wenn Inhalte bewusst täuschen, ihre Herkunft verschleiern oder durch koordinierte Kampagnen künstlich verstärkt werden.

Wenn Propaganda wie Journalismus aussieht

Digitale Propaganda findet allerdings nicht nur auf TikTok statt. Wie unterschiedlich die Methoden sein können, zeigte sich rund um die Bundestagswahl 2025 durch die russische Einflusskampagne „Storm-1516“.

Im Zuge der Kampagne wurden mehr als 100 deutschsprachige Webseiten erstellt, die wie gewöhnliche Nachrichtenportale wirkten. Darüber verbreiteten sich vor Allem Desinformation in Form von erfundenen Geschichten, manipulierten Videos und KI-generierten Inhalten über deutsche Politiker. Anschließend wurden diese Inhalte über soziale Netzwerke und weitere Accounts verbreitet.

Mit dem Ende des Bundestagswahlkampfes endete die Kampagne allerdings nicht. Nach Angaben der Bundesregierung versucht Storm-1516 weiterhin, die inneren Angelegenheiten Deutschlands zu beeinflussen und zu destabilisieren. Dabei sollen unter anderem Misstrauen geschürt und das Vertrauen in demokratische Institutionen geschwächt werden.

Bei ist Deutschland nicht das einzige Ziel solcher Einflussversuche. Storm-1516 war zuvor unter anderem im US-Präsidentschaftswahlkampf aktiv und verbreitete dort ebenfalls erfundene Geschichten und manipulierte Inhalte über politische Akteure.

Das Beispiel zeigt eine weitere Schwierigkeit digitaler Propaganda: Sie muss nicht immer wie ein auffälliges politisches TikTok aussehen. Teilweise imitiert sie genau die Quellen, denen wir normalerweise vertrauen würden. Ein professionell aussehender Artikel oder ein vermeintliches Nachrichtenportal kann dadurch den Eindruck erwecken, journalistische Informationen zu liefern, obwohl dahinter eine gezielte Einflusskampagne steckt.

Schutz vor digitaler Propaganda

Wie schützt man sich also vor digitaler Propaganda, wenn sie teilweise kaum noch als solche zu erkennen ist? Sich gegen digitale Propaganda zu immunisieren ist wohl nahezu unmöglich. Gerade wiederkehrende Sounds, Bilder und Botschaften können uns begegnen und im Gedächtnis bleiben, ohne dass wir uns bewusst dafür entschieden haben.

Umso wichtiger ist es, Inhalte nicht einfach nur hinzunehmen, sondern ihre Herkunft kritisch zu hinterfragen. Wer hat dieses Video veröffentlicht? Warum wurde es veröffentlicht? Welche Emotion soll bei mir ausgelöst werden? Und lassen sich die enthaltenen Aussagen auch bei anderen, unabhängigen Quellen finden?

Denn digitale Propaganda funktioniert nicht ausschließlich darüber, dass wir eine politische Botschaft glauben. Schon Wiederholung, Emotionalisierung und die Art, wie uns Inhalte präsentiert werden, können eine Rolle dabei spielen, welche Themen und Aussagen in unserem Gedächtnis bleiben.

Noch tiefer drin: Digitale Propaganda im Podcast

Wie digitale Propaganda funktioniert, welche Rolle TikTok, KI-generierte Inhalte und Sounds dabei spielen und warum wir uns ihrem Einfluss kaum vollständig entziehen können, lässt sich in einem Artikel natürlich nur anreißen.

Wer noch tiefer in das Thema einsteigen möchte, kann deshalb in den neuen Podcast „Propaganda made in TikTok: So manipuliert uns die Plattform – mit Marcus Bösch“ reinhören. Dort wird digitale Propaganda anhand konkreter Beispiele genauer unter die Lupe genommen und erklärt, mit welchen Methoden politische Botschaften heute über Social Media verbreitet werden und wie wir bewusster mit ihnen umgehen können.

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von open.spotify.com zu laden.

Inhalt laden


Image via Canva (KI-generiert)


Artikel per E-Mail verschicken