Was wurde eigentlich aus BeReal? Wenn der Social-Media-Hype plötzlich vorbei ist

„Time to BeReal.“ Zwei Minuten Zeit, ein Foto mit Vorder- und Rückkamera und möglichst keine Gelegenheit, vorher noch schnell das perfekte Bild für Social Media zu inszenieren. Vor einigen Jahren gehörte die tägliche BeReal-Benachrichtigung für viele plötzlich zum Alltag. Freunde, das eigene Mittagessen oder der langweilige Uni-Alltag wurden fotografiert und geteilt und zwar möglichst spontan und vor allem authentisch.

Besonders 2022 erlebte BeReal einen regelrechten Hype. Die App wurde von Apple sogar zur iPhone-App des Jahres gekürt. Das Konzept schien perfekt in eine Zeit zu passen, in der durchgestylte Instagram-Feeds und perfekt inszenierte Influencer-Posts zunehmend kritisiert wurden. BeReal versprach das Gegenteil: weniger Inszenierung, mehr Realität.

Doch wann hast du dein letztes BeReal gepostet?

Die App existiert noch immer und hat weiterhin Millionen Nutzer. Trotzdem ist von dem riesigen Hype deutlich weniger zu spüren. Damit ist BeReal kein Einzelfall. Clubhouse, Vine oder Yik Yak wurden ebenfalls innerhalb kürzester Zeit extrem populär und verschwanden anschließend wieder teilweise oder vollständig aus unserem Alltag.

Doch warum können Social-Media-Plattformen explosionsartig wachsen und genauso schnell wieder an Bedeutung verlieren? Und ist BeReal überhaupt gescheitert?

Was war BeReal nochmal?

Das Konzept hinter BeReal ist eigentlich ziemlich simpel. Einmal am Tag erhalten alle Nutzer zu einem zufälligen Zeitpunkt eine Benachrichtigung. Ab diesem Moment bleiben zwei Minuten, um ein Foto aufzunehmen. Dabei werden sowohl die Front- als auch die Rückkamera verwendet.

Die Idee dahinter: keine halbstündigen Fotoshootings, keine perfekt ausgewählte Location und möglichst wenig Vorbereitung. Stattdessen sollte gezeigt werden, was man genau in diesem Moment macht egal, ob man gerade im Urlaub am Strand liegt oder seit drei Stunden am Schreibtisch sitzt.

Genau diese Einfachheit unterschied BeReal zunächst von anderen sozialen Netzwerken. Instagram war längst zur Plattform für durchgeplanten Content, Influencer und Unternehmen geworden, während TikTok seinen Nutzern einen scheinbar endlosen Strom aus algorithmisch ausgewählten Videos präsentierte. BeReal wollte dagegen einfach nur das echte Leben zeigen. Selbst der Name machte dieses Versprechen ziemlich deutlich.

Das kam bei den Nutzern gut an. Innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich die französische App zu einem internationalen Social-Media-Phänomen. 2022 zeichnete Apple BeReal als iPhone-App des Jahres aus. Besonders unter jungen Nutzern wurde die tägliche Benachrichtigung zu einem festen Bestandteil des Alltags.

Doch der schnelle Aufstieg brachte ein Problem mit sich: Irgendwann war BeReal nicht mehr neu.

Wenn aus dem Hype Alltag wird

Der Reiz von BeReal bestand zu einem großen Teil darin, dass sich die App anders anfühlte. Wer Instagram, Snapchat und TikTok bereits kannte, bekam plötzlich ein soziales Netzwerk mit anderen Regeln. Doch was passiert, wenn aus einer neuen Idee eine Gewohnheit wird?

Die täglichen Fotos zeigten schließlich nicht nur aufregende Partys, Reisen und Treffen mit Freunden. Oft saß man beim Eintreffen der Benachrichtigung schlicht auf dem Sofa, in der Vorlesung oder bei der Arbeit. Genau das war zwar Teil des Konzepts, auf Dauer konnte die tägliche Routine dadurch allerdings auch ihren Reiz verlieren.

Auch die Downloadzahlen kühlten nach dem großen Hype deutlich ab. Das bedeutet jedoch nicht, dass BeReal einfach verschwunden ist. Im Juni 2024 wurde die Plattform vom französischen Spiele- und App-Unternehmen Voodoo für 500 Millionen Euro übernommen. Zu diesem Zeitpunkt sprach das Unternehmen von mehr als 40 Millionen aktiven Nutzern.

Aus dem vermeintlich verschwundenen Trend wurde also keineswegs eine tote App. Vielmehr verschwand BeReal vor allem aus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Damit stellt sich eine interessante Frage: Ist eine Social-Media-Plattform gescheitert, sobald niemand mehr über sie spricht?

Wenn die Konkurrenz einfach mitmacht

Ein weiteres Problem erfolgreicher neuer Social-Media-Apps: Eine gute Idee bleibt selten lange exklusiv.

Sobald ein neues Format funktioniert, dauert es meist nicht lange, bis die großen Plattformen reagieren. Instagram übernahm mit Reels beispielsweise ein Kurzvideoformat, das stark an TikTok erinnert. YouTube folgte mit Shorts.

Auch die Idee hinter BeReal blieb nicht unbemerkt. Andere Plattformen experimentierten mit ähnlichen Funktionen rund um spontane Aufnahmen und die gleichzeitige Verwendung von Vorder- und Rückkamera.

Für kleinere Plattformen kann das zum Problem werden. Schließlich muss ein Nutzer nicht unbedingt zu einer komplett neuen App wechseln, wenn ähnliche Funktionen irgendwann dort auftauchen, wo sich ohnehin schon Freunde, Follower und Lieblingscreator befinden.

BeReal musste also nicht nur beweisen, dass die ursprüngliche Idee interessant ist. Die Plattform musste einen Grund schaffen, warum Nutzer langfristig genau für diese Idee eine zusätzliche App öffnen sollten.

Kann BeReal BeReal bleiben?

Gleichzeitig steht BeReal vor einem weiteren Problem: Eine erfolgreiche Social-Media-Plattform muss irgendwann Geld verdienen.

Das ursprüngliche Konzept war extrem reduziert. Foto machen, Freunde anschauen, fertig. Genau diese Einfachheit war ein Teil des Erfolgs. Für langfristiges Wachstum und ein funktionierendes Geschäftsmodell ist ein derart reduziertes Netzwerk allerdings eine Herausforderung.

Nach der Übernahme durch Voodoo begann BeReal deshalb stärker mit Werbung, Marken und CreatorInnen zu arbeiten. Damit entwickelt sich die Plattform zwangsläufig weiter.

Genau darin steckt allerdings ein Widerspruch. BeReal wurde als Gegenentwurf zu klassischen sozialen Netzwerken populär. Weniger Influencer, weniger Inszenierung und weniger kommerzieller Content gehörten zum Reiz der App. Um langfristig erfolgreich zu sein, muss sie sich nun ausgerechnet einigen Mechanismen annähern, von denen sie sich ursprünglich abheben wollte.

Wie viel Veränderung verträgt eine App also, bevor sie das verliert, was sie überhaupt erst besonders gemacht hat?

Weitere Social-Hypes die in Vergessenheit geraten sind 

Clubhouse: Plötzlich wollte jeder zuhören

Dass ein enormer Hype keine Garantie für langfristigen Erfolg ist, zeigt nicht nur BeReal. Während der Corona-Pandemie tauchte mit Clubhouse plötzlich eine weitere App auf, über die scheinbar jeder sprach. Das Konzept basierte auf Live-Audio-Räumen. Nutzer konnten digitalen Gesprächen zuhören oder sich selbst beteiligen. Prominente, Unternehmer und andere bekannte Persönlichkeiten sorgten zusätzlich für Aufmerksamkeit.

Dazu kam eine clevere Form der Exklusivität. Zu Beginn konnte nicht einfach jeder einen Account erstellen. Für die Teilnahme benötigte man eine Einladung. Wer keinen Zugang hatte, wollte dadurch möglicherweise erst recht wissen, was hinter der App steckt.

Clubhouse traf außerdem auf einen ziemlich besonderen Moment. Veranstaltungen waren abgesagt, Menschen verbrachten viel Zeit zu Hause und persönliche Gespräche fanden zunehmend digital statt. Ein virtueller Raum voller Menschen war plötzlich deutlich interessanter, als er es vielleicht unter normalen Umständen gewesen wäre.

Mit der Rückkehr des öffentlichen Lebens verlor die App allerdings einen Teil ihrer besonderen Stellung. Gleichzeitig integrierten andere Plattformen eigene Audiofunktionen.

Clubhouse existiert zwar weiterhin, vom damaligen Hype ist im Alltag vieler Nutzer allerdings kaum noch etwas zu spüren.

Vine: Die App verschwand, ihre Idee nicht

Etwas anders verlief die Geschichte von Vine. Die 2012 gestartete und noch im selben Jahr von Twitter übernommene Plattform ermöglichte kurze Videos mit einer Länge von ursprünglich maximal sechs Sekunden. Was zunächst nach einer starken Einschränkung klingt, führte zu einer komplett eigenen Form von Internet-Humor und machte zahlreiche Creator bekannt.

2017 wurde Vine eingestellt. Rückblickend wirkt das fast schon ironisch. Denn ausgerechnet kurze Videos gehören heute zu den wichtigsten Formaten des Internets. Vine zeigt deshalb eine andere Form des Scheiterns. Eine Plattform kann verschwinden, obwohl ihre grundlegende Idee langfristig extrem erfolgreich ist.

Vielleicht war Vine also nicht das falsche Konzept, sondern schlicht die richtige Idee zum falschen Zeitpunkt.

Yik Yak: Anonymität als Stärke und Problem

Auch Yik Yak zeigt, wie schnell sich das Schicksal eines sozialen Netzwerks verändern kann. Die App wurde vor allem an US-amerikanischen Universitäten populär und ermöglichte es Nutzern, anonym Beiträge von Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung zu lesen und selbst zu veröffentlichen. Gerade diese Kombination aus Lokalität und Anonymität machte die Plattform interessant.

Doch genau darin lag auch eines ihrer größten Probleme. Anonyme Plattformen können einen Raum für offene Gespräche schaffen, gleichzeitig aber auch Beleidigungen, Mobbing und problematische Inhalte begünstigen.

Nach dem schnellen Wachstum verlor Yik Yak zunehmend Nutzer. 2017 wurde die ursprüngliche App eingestellt. Einige Jahre später folgte zwar ein Comeback, die ursprüngliche Bedeutung konnte sie jedoch nicht einfach zurückholen.

Der Fall zeigt: Manchmal ist genau die Funktion, die eine Plattform besonders macht, gleichzeitig ihre größte Schwachstelle.

Vom Download zur Gewohnheit

BeReal, Clubhouse, Vine und Yik Yak hatten trotz ihrer unterschiedlichen Konzepte eine Sache gemeinsam. Sie boten Nutzern nämlich etwas, das sich zunächst neu anfühlte. Genau das kann dafür sorgen, dass eine App innerhalb kürzester Zeit viral geht. Freunde erzählen davon, Creator posten darüber, Medien greifen den Trend auf und irgendwann entsteht das Gefühl, selbst dabei sein zu müssen.

Ein Download ist allerdings noch lange keine Gewohnheit. Damit ein soziales Netzwerk langfristig funktioniert, müssen Nutzer immer wieder einen Grund haben zurückzukommen. Besonders wichtig sind dabei die anderen Menschen auf der Plattform. Wenn der gesamte Freundeskreis täglich BeReal postet, möchte man ebenfalls nachsehen, was dort passiert. Hören die ersten Freunde damit auf, wird die App gleichzeitig für die übrigen Nutzer weniger interessant.

Genau dieser Netzwerkeffekt macht Social Media so besonders. Der Wert einer Plattform hängt nicht nur von ihren Funktionen ab, sondern auch davon, wer sie benutzt. Instagram oder TikTok zu verlassen ist deshalb schwer. Dort befinden sich bereits Freunde, Creator, Unternehmen und riesige Mengen an Content. Eine neue App muss dagegen erst einmal ein eigenes Netzwerk aufbauen und dieses anschließend auch halten.

Eine originelle Idee kann also dafür sorgen, dass Millionen Menschen eine App herunterladen. Sie sorgt aber nicht automatisch dafür, dass diese Menschen Jahre später noch täglich zurückkehren.

Muss jede Social-Media-App für immer bleiben?

Vielleicht liegt das Problem allerdings auch in unserer Wahrnehmung von Erfolg. Bei Social-Media-Plattformen scheint es häufig nur zwei Möglichkeiten zu geben. Entweder eine App wird zum nächsten Instagram oder TikTok oder sie gilt irgendwann als gescheitert.

BeReal zeigt, dass es auch dazwischen etwas gibt. Die App existiert weiterhin, hat eine aktive Nutzerschaft und wurde für eine enorme Summe übernommen. Lediglich der Moment, in dem scheinbar jeder über BeReal gesprochen hat, ist vorbei.

Clubhouse wiederum zeigt, wie sehr eine Plattform von einem bestimmten gesellschaftlichen Moment profitieren kann. Yik Yak macht deutlich, dass ein besonderes Kernfeature gleichzeitig zum Problem werden kann. Und Vine beweist vielleicht am eindrucksvollsten, dass eine Plattform verschwinden kann, während ihre Idee das Internet anschließend umso stärker prägt.

Der explosionsartige Aufstieg einer App sagt deshalb noch wenig darüber aus, ob sie auch langfristig Teil unseres Alltags wird. Vielleicht ist die interessantere Frage also gar nicht, was aus BeReal geworden ist. Sondern wann eine App den Punkt erreicht, an dem wir aufhören, sie als Trend wahrzunehmen.

Denn nicht jede App, die aus unserem Feed verschwindet, ist tatsächlich verschwunden. Und nicht jede App, die für einige Monate unseren Feed beherrscht, wird deshalb das nächste Instagram.


Image via Canva (Ki-generiert)


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