Pokémon Schwert und Schild – Kontroverse trotz Potential

Nicht mehr lange, dann ist es wieder soweit. Endlich können Pokémon-Trainer aus aller Welt, sich wieder auf die große Reise begeben. In Pokémon Schwert und Schild wartet die britisch-angehauchte Galar-Region auf uns. Einmal mehr heißt es „Schnapp‘ sie dir alle“ – oder eben nicht. Die neuen Editionen stehen nämlich unter keinem guten Stern.

#Dexit und #GameFreakLied – eine Fanbase ist gespalten

Als Pokémon Schwert und Schild Ende Februar angekündigt wurden, war noch alles in Ordnung. Die neue Galar-Region sah sehr vielversprechend aus und auch die Starter-Pokémon Memmeon, Hopplo und Chimpep waren kreativ und niedlich designt. Wenig später wurden auch neue Gimmicks wie das neue Dynamax-Feature gezeigt. Auch wenn mir persönlich die Mega-Entwicklungen aus X und Y immer noch besser gefallen, als einfach nur „große Pokémon“. Trotzdem war noch alles in Ordnung. Bis zur E3 2019 und der Nintendo-Treehouse-Präsentation.

Was ging doch für ein Aufschrei durch die Pokémon-Community, als Producer Masuda von der Pokémon Company auf der E3 das neue Gameplay präsentierte. Alles sah in Ordnung aus, nichts revolutionäres, doch damit rechnet man bei Pokémon ja schon gar nicht mehr. Doch dann ließ er die Bombe platzen. Pokémon Schwert und Schild werden die ersten Editionen sein, in denen es kein nationalen Pokédex geben wird. Was das im Klartext bedeutet: nicht alle der mittlerweile knapp 900 Pokémon werden in den neuen Spielen nutzbar sein. Unter dem Hashtag #Dexit machten viele treue Fans der Reihe ihrem Ärger Luft (was übrigens zu kuriosen Vermischungen mit Tweets zu einem möglichen EU-Austritts Deutschlands aus der EU führte.) Ein paar Tage vor Release trendete sogar der #GameFreakLied auf Twitter.

Wir müssen leider draußen bleiben!

Das gesamte Ausmaß dieser Problematik lässt sich nun kurz vor Release bereits erkennen. Durch etwaige Leaks ist mittlerweile die Anzahl an gestrichenen Pokémon bekannt. 435 Taschenmonster haben es in die achte Generation geschafft, davon knapp 90 neue und über 300 aus den alten Teilen. Der nationale Pokédex wiederum fehlt komplett, nur der sogenannte Galar-Dex ist enthalten. Der letzte Ableger Sonne und Mond hatte ein Register von 403 Pokémon, mit insgesamt 807, also fast doppelt so viele, wie in den neuen beiden Editionen. Weniger Monster gab es zum letzten Mal in Rubin und Saphir auf dem Gameboy Advance. Dort waren es 386 an der Zahl, also auch gerade einmal 14 weniger als auf einer weitaus stärkeren Switch. Dazu fehlen auch noch mehr als 80 Attacken, die teilweise eben Signature-Moves der fehlenden Pokémon waren.

Die Debatte über den fehlenden National-Dex spaltet seit Monaten die Fanbase in Personen, die es absolut inakzeptabel finden und andere die es nicht allzu schlimm finden, das ein paar der nun einmal extrem hohen Anzahl an Pokémon fehlen. Mit mehr als der Hälfte hatten aber die wenigsten im Juli bei der E3 gerechnet. Das normale Abenteuer wird vielleicht dadurch nicht zu sehr beeinflusst, jedoch definitiv das Post-Game und die Online-Kämpfe.

Stadt in Pokémon
Die Städte sehen doch relativ hübsch aus. Das Potenzial von Pokémon Schwert und Schild ist unbestritten.

 

Pokémon Home – eine dreiste Geiselnahme

Parallel zur #Dexit-Debatte veröffentlichte Game Freak erste Informationen zum neuen, cloud-basierten Pokémon-Lagerungssystem. Hier können auch zum ersten Mal die Monster aus Pokémon Go, Schwert und Schild, Let’s Go Pikachu und Eevee und und den alten Generationen zusammenzufassen. Es handelt sich also um einen Quasi-Nachfolger der Pokémon Bank, der ebenfalls wieder kostenpflichtig ist.

Das Problem dabei: es können logischerweise nur die Pokémon übertragen werden, die auch im Galar-Dex enthalten sind. So heißt es für deine anderen Lieblingsviecher vorerst Endstation Pokémon Home. Dadurch, dass du kontinuierlich für den Dienst bezahlen musst, um deine alten Monster nicht zu verlieren, fühlt sich dies fast wie eine Geiselnahme an. Sie sind gefangen, bis sich Game Freak vielleicht doch noch dazu entschließt, den Galar-Dex zu erweitern. Auch wenn es schade ist, nicht mit seinem Lieblings-Pokémon durch Galar zu ziehen, ist es vor allem der Umgang des Entwicklestudios Game Freak aus der Pokémon Company, welcher den Fans sauer aufstößt.

Pokémon Schwert und Schild – das kenne ich doch von irgendwoher?

Laut Producer Masuda nahmen die Arbeit und die Umsetzung aller neuen Pokémon-Modelle und Animationen so viel Zeit im Anspruch, dass es kaum möglich war, alle knapp 900 Pokémon in ein Spiel zu übertragen. Dies schien im ersten Moment eine halbwegs logische Erklärung, schließlich erschien in den vergangenen Jahren, einmal abgesehen von 2015, nur ein Pokémon-Spiel und Schwert und Schild sind die ersten, komplett neuen Editionen für die Nintendo Switch. Ein großer grafischer, wie gameplay-technischer Schritt hätte daraufhin die Gemüter beruhigt. Doch spätestens mit den Veröffentlichungen der ersten Gameplay-Szenen, wurde es immer deutlicher, dass der große Schritt für die Reihe aus blieb.

Denn in der neuen wilden Overworld zum Beispiel entdeckten Fans einige Aspekte, die einer um einiges stärkeren Nintendo-Switch-Konsole nicht würdig sind. Hässliche Texturen, Pokémon, die einfach nur in der Gegend aufploppen, und Grafik-Vergleiche mit der Overworld von Ocarina of Time aus dem Jahre 1998. Aber auch die viel zitierten Models und Animationen lassen zu wünschen übrig. Die Pokémon wackeln immer noch nur etwas umher, um Attacken einzusetzen, oder schießen die Hydropumpen teilweise aus ihrer Stirn. Wirklich verbessert scheint sich hier nichts zu haben. Viel schlimmer noch: die Animationen und Models scheinen 1 zu 1 aus den Vorgängern übernommen worden zu sein. Vor allem im neuen Feature Pokémon Camp scheinen dieselben Animationen zu verwenden, die man bereits aus den vorherigen Generationen kennt. Dies sorgte für eine noch Verstärkung der Wut der Fanbase und einen weiteren Shitstorm. Denn es scheint so, als hätte Game Freak hier ganz klar gelogen.

Pokémon
In Pokémon Schwert und Schild können wir nicht mehr allzu oft den Pokéball schmeißen.

Warum lügt die Pokémon Company?

Gründe für die Ausreden gibt es viele. Zum einen hat Game Freak zum ersten Mal andere Projekte abseits der Pokémon-Reihe in Arbeit. Mit Little Town Hero erschien vor kurzem ein neues Rollenspiel des Entwicklers, welches aber nur mittelmäßige Kritiken einfahren konnte. Dass man gerade beim Wechsel auf eine neue Konsole den Fokus nicht auf die vermeintliche Hauptserie Pokémon legt, wirkt dabei etwas merkwürdig. Das ist aber nicht der einzige mögliche Grund für die Umorientierung der Pokémon Company.

Pokémon ist das größte Medienfranchise der Welt. Der Sammelhype um die Taschenmonster ist schon seit über 20 Jahren eine der beliebtesten Videospiel-Reihen. Mit Merchandise, Serien und Filmen kommt die Marke auf einen Umsatz von 95 Milliarden Dollar. Davon sind 64 Milliarden Dollar Ertrag aus dem Merchandise und „nur“ 17 Milliarden mit den eigentlichen Videospielen. Dementsprechend scheinen die Spiele an sich gar nicht mehr so essenziell wichtig für den finanziellen Erfolg der Pokémon Company.

Flemmli in Pokémon
Naaa, mögt ihr Flemmli? Schade, denn dieses Pokémon hat es leider nicht in Schwert und Schild geschafft. Image by Aisling Delaney via flikr. (CC BY-SA 2.0)

Ein weiterer großer Markt sind aber auch die Mobile-Games. War Pokémon Go noch durch das Studio Niantic entwickelt worden, so nahm sich die Pokémon Company mit Pokémon Masters in diesem Jahr das erste eigene Handyspiel vor. Wie bereits Pokémon Go zeigte, gibt es einen riesigen Markt an Pokémon-Fans, die eben nicht mehr an den Hauptspielen interessiert sind. Die Folge: Game Freak scheint ihren Fokus mehr und mehr auf den Mobile-Markt zu legen. Aus finanzieller Sicht durchaus verständlich, schließlich spülte Pokémon Masters in der ersten Woche bereits starke 26 Millionen Dollar in die Game-Freak-Kassen. All diese Faktoren scheinen dafür zu sprechen, dass die Pokémon Company die ehemalige Hauptserie nicht mehr als wichtigste Einnahmequelle betrachtet und ihre Arbeitskraft nicht in die bestmöglichen Pokémon-Editionen steckt. Viel mehr liegt der Fokus auf dem, was mehr Umsatz macht.

Pokémon Schwert und Schild: Potenzial-Verbrennung auf einem neuen Level

Im Prinzip ein logischer Ansatz, das Unternehmen will nun einmal Geld verdienen. Die Fans bleiben dabei aber auf der Strecke. Es wäre nämlich so viel mehr in dem neuen Spiel möglich gewesen. Die Open-World-Ansätze und die Welt klingen vielversprechend, scheinen aber nicht ausgereift. Das Pokémon Schwert und Schild immer noch in zwei Versionen erscheinen, obwohl durch Online-Funktionen die Serien-Exklusivität so gut wie irrelevant geworden ist, kann im Jahre 2019 auch kaum mehr begründet werden.

Und das größte Problem für den Käufer: für dieses Spiel mit den wenigsten Pokémon der ganzen Reihe, welches grafisch kaum von der besseren Technik der Nintendo Switch profitiert, darf man nun 60 statt 40 Euro ausgeben. Aber wer weiß? Vielleicht steht ja bereits für das kommende Jahr „Pokémon Superschwert und Superschild“ in den Startlöchern. Dann vielleicht sogar mit mehr als der Hälfte aller Pokémon. Für ebenfalls 60 Euro. Klingt das nicht nach einem fairen Deal?

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Images via igdb.com

Philipp Bader

ist Journalistik-Student an der Hochschule Hannover und hat seit dem unter anderem bei der N-Zone in Fürth und beim Lokalteil der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung einige Erfahrungen sammeln können. Ob Videospiele, Filme oder Serien - in diesen Bereichen fühlt er sich am wohlsten.


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