Podcasts und ihre Grenzen – Welche Rolle muss ein Host einnehmen?

Podcasts haben inzwischen sich nicht nur in der Entertainment-Branche, sondern auch als politisches und wissenschaftliches Kommunikationsmedium durchgesetzt. Viele Podcasts legen dabei den Fokus auf einzelne spezifische Themenbereiche, die immer wieder mit neuen thematisch passenden Gästen diskutiert werden. 

Im Gegensatz dazu stehen hingegen Podcasts, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, ihrer Zuhörerschaft mit einem breiten Spektrum an verschiedenen Themen immer wieder neue Einblicke zu ermöglichen. Podcasts, bei denen man nie weiß, ob der nachte Gast nun gehypter Influencer, Spitzenpolitiker, renommierter Wissenschaftler oder aktueller Olympiasportler ist. Für den Zuhörer kann dies eine gute Möglichkeit darstellen, in die verschiedensten Ecken der Gesellschaft Einblicke zu erhalten, ohne viele verschiedene Formate verfolgen zu müssen. 

Persönlich und doch fachlich: Geht das?

Der Vorteil an einem Podcast: Die Gespräche finden im Gegensatz zu klassischen Interviews in entspannterer Atmosphäre statt. Es geht darum, ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen, wodurch der Gastgeber vom reinen Fragensteller zum Gesprächspartner wird. Das macht die Gäste deutlich nahbarer, da man sie etwas privater erlebt. Auch die Fragen sind näher am Alltag, als wenn sie ein Politik-Journalist stellt. Viele Zuhörer fühlen sich davon deutlich direkter angesprochen. Doch ein Host, der weniger tief in der Materie steckt, lässt sich rhetorisch von den Gesprächspartnern einfacher ausmanövrieren. Die fehlende Expertise sorgt dafür, dass weniger nachgefragt wird. Der nahbarere Umgang und der Anspruch auf Augenhöhe lässt den Host zudem eher den Aussagen der Gäste zustimmen. Ungewollt kann der Podcast so plötzlich zur Bühne für verdrehte Fakten werden und diese sogar bestätigen.

Der Fall Tim Gabel

Exemplarisch für diesen Konflikt steht im deutschen Raum unter anderem der “Tim Gabel Podcast”. Der namensgebende Host Tim Gabel machte sich in den frühen 2010ern zunächst als Fitness-Youtuber einen Namen. Inzwischen ist er der Öffentlichkeit vor allem als Unternehmer und Podcast-Host bekannt. In seinem Podcast findet sich unter den Gästen eine äußerste thematische Diversität. Durch die Reichweite des Podcasts sind immer wieder auch durchaus namenhafte Gäste zu sehen – so auch kurz vor der Bundestagswahl 2025.

Das Politiker-Podcast-Projekt

Nachdem im Dezember 2024 klar war, dass es Neuwahlen geben würde, entschied sich Tim Gabel dazu, Spitzenpolitiker aller Parteien einzuladen und eine Plattform abseits der Mainstream-Medien zu bieten. Außer CDU und AfD gingen alle größeren Parteien auf dieses Angebot ein. Vor der ersten Folge dieser Reihe, in welcher der damalige FDP-Chef Christian Lindner zu Wort kam, erklärte Gabel den Zuhörern seine bewusst unkritische Herangehensweise.

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So bewirke die politische Berichterstattung heutzutage bei vielen nur noch zunehmendes Misstrauen – sowohl untereinander, als auch in die Politik. Kritische und investigative Berichterstattung sei zwar wichtig, jedoch bereits zu genüge vorhanden. Die kompetitive Natur von beispielsweise Talkshows verhindere inhaltliche Diskussion. Gabel formulierte das Ziel, diese Form der Berichterstattung durch sein Projekt nicht ersetzen, sondern ergänzen zu wollen. Die eingeladenen Politiker sollten in seinem Podcast die Möglichkeit erhalten, die Themen ihrer Parteien ausführlicher und mit mehr Tiefe zu präsentieren – ohne Wettbewerbsgefühl oder Zwischenrufe

Die Zuhörer-Perspektive

Dennoch wurde der anschließende Lindner-Podcast stark kritisiert. In den Kommentaren warfen Zuschauer Tim Gabel unter anderem vor, sich durch seine unkritische Art als Wahlkampfmittel ausnutzen zu lassen. Teils wurde daraus auch die Forderung abgeleitet, derartige Podcasts zukünftig lieber einfach vollständig zu unterlassen.

Zu Beginn des zweiten Podcasts der Wahl-Reihe, in welchem BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht zu Wort kam, äußerte sich Gabel zur Kritik. Einen Wechsel zu einem kritischen, investigativen Stil hielt er allein schon aus Fairness-Gründen für unangebracht. Außerdem beteuerte Gabel erneut, dass er die Politiker ausreden lassen möchte. Durch ständige kritische Zwischenfragen drohe die Gefahr, einige interessante Punkte zu verpassen.

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Die Frage nach der Sinnhaftigkeit solcher Podcasts hängt nicht zuletzt davon ab, was der Zuhörer mit dem ganzen anfängt und überhaupt anfangen kann. Direkt darauf nahm Gabel Bezug: Hinter der Kritik stecke teils auch die Befürchtung, dass Zuhörern das eigenständige Einordnen der präsentierten Meinungen ohne kritische Gegenstimme nicht zugetraut werden könne. Genau das Gegenteil sei jedoch der Fall. Somit hielt Gabel in den anschließenden Podcasts mit Wagenknecht, Grünen-Kandidat Robert Habeck und Linkspartei-Urgestein Gregor Gysi an seiner Art der Gesprächsführung fest.

Gabels Vertrauen in die Kompetenzen seiner Hörer ist natürlich nicht völlig unberechtigt – schließlich kann einem politisch mündigen Bürger auch eigenständiges kritisches Denken zugerechnet werden. Kritik an Gabels Stil muss mit diesem Grundsatz jedoch nicht in Konflikt kommen. 

Gabel selbst formulierte den Willen, eine Diskussion auf der inhaltlichen Ebene erreichen zu wollen. Den Zuhörern wolle er dabei helfen, im Hinblick auf die Bundestagswahl so eine besser informierte Entscheidung treffen zu können. Doch ob dieses Ziel tatsächlich erreicht wird, indem Politikern im Wahlkampf ganz frei das Wort überlassen wird, ist fraglich. Zwar können sie so, anders als in klassischen Interviews oder Talkshows, weiter ausholen und ohne akuten Zeitdruck argumentieren. Dass dies jedoch nicht automatisch zu einer inhaltlich sachlichen, und somit für den Hörer informativeren Diskussion führt, zeigt sich bei genauerer Betrachtung. Denn man darf nicht vergessen, dass das primäre Interesse eines Politikers darin besteht, die Öffentlichkeit von der eigenen Meinung zu überzeugen, statt sie lediglich zu informieren.

Kritik von fachlicher Seite

Nach dem Lindner-Podcast meldete sich Ökonom Maurice Höfgen von “Geld für die Welt” mit einer fachlichen Perspektive zu Wort. Zwar lobte er das politische und demokratische Engagement Gabels mittels der politischen Podcasts zur Bundestagswahl – inhaltlich brachte er jedoch einiges an Kritik an. Lindner habe wiederholt Halbwahrheiten als Tatsachen verkauft, Themen missrepräsentiert, und all dies geschickt rhetorisch verpackt. 

So argumentiert Lindner an einer Stelle, dass das Problem nicht darin bestehe, dass dem deutschen Staat zu wenig Steuergelder zur Verfügung stehen. Vielmehr gehe es darum, wie und wo dieses Geld eingesetzt wird. Im Zuge dessen benennt Lindner, dass die deutschen Steuereinnahmen “bald eine Billionen Euro” betragen würden. 

Faktisch ist das zwar korrekt, Höfgen zufolge zeichnen derartige Aussagen jedoch ein falsches Bild. Denn bei wirtschaftlichen Zahlen geht es nicht um absolute, sondern relative Größe. Einerseits kann der absolute Wert der Steuereinnahmen durch Wirtschaftswachstum steigen. Was mit dem Geld letztlich alles finanziert werden kann, hängt zusätzlich von der Inflation ab. Denn diese beeinflusst nicht nur den Einkauf im Supermarkt, sondern auch die staatlichen Ausgaben. Mit Blick auf Lindners eigene Zeit als Finanzminister lässt sich sogar feststellen, dass das Wirtschaftswachstum eher stagnierte, während die Inflation lange weit über dem Zielwert von 2% lag.

Dieser relevante Kontext wird im entscheidenden Moment weder durch Lindner selbst noch durch Gabel bereitgestellt. Wer über die ökonomischen Hintergründe sowieso informiert ist, hat Glück. Doch dies ist nicht immer der Fall. Das heißt natürlich nicht, dass kontrolliert werden muss, was die breite Masse alles hören darf. Schade ist nur, dass das ursprünglich angeprangerte Problem der fehlenden inhaltlichen Tiefe so nicht verschwindet, sondern lediglich eine andere Form annimmt. Trotz all der Vorteile des Podcast-Formats zeigen solche Situationen einen großen Nachteil auf. Dem Host mangelt es aufgrund der Natur des Formats häufig entweder an Fähigkeit oder Bereitschaft zum inhaltlichen Ergänzen und Klarstellen. 

Wie sieht es mit anderen Formaten aus?

Klassische Journalisten hingegen sind häufig auf ein Thema spezialisiert und bringen somit selbst Expertise mit. Dies gibt ihnen mehr Möglichkeit, in Interviews gezielt nachzufragen, falsche Behauptungen zu korrigieren oder, wie im Falle Höfgens, rhetorische Tricks aufzudecken und nötigen Kontext zu vermitteln. Ihnen geht es weniger darum, sich einfach mal entspannt zu unterhalten. Stattdessen soll der Gast seinen eigenen Standpunkt zwar selbst erläutern, diesen jedoch auch verteidigen und fachlich auf die Probe gestellt werden. Dabei geht natürlich der persönliche Charakter verloren – der Gast tritt nicht als Privatperson, sondern als Fachmann auf.

Letztlich haben alle Formen der Berichterstattung Vor- und Nachteile. Nur durch ein Zusammenspiel verschiedener Medien kann man sich ein vollständiges Bild machen. Wer sich im Vorfeld der Wahl die Politiker-Folgen bei Tim Gabel angeguckt hat, kann die Wahlkampfversprechen und andere gewonnene Eindrücke dann mit anderen Formaten ergänzen. Auch in unserem eigenen Podcast “Tech & Trara” haben wir mit Gästen vom Common Grounds Forum und Politik Digital einen Wahlcheck zum Thema Digitalpolitik veröffentlicht. Gerade dieses ist nämlich trotz seiner Relevanz im Wahlkampf der großen Parteien neben anderen Themen ein wenig untergegangen. 

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Ausblick – Welchen Platz nimmt das Podcast-Format ein?

Ein entspannterer Ansatz muss also nicht vollständig aufgegeben werden. Doch eventuell gibt es auch Möglichkeiten, die Methodik anzupassen, ohne die Podcast-Atmosphäre zu verlieren. Dass der Host eines solchen Podcasts nicht immer über die nötige Expertise verfügen kann, ist verständlich. Wirklich problematisch wird dies aber vor allem dann, wenn der Host seine Rolle nicht klarmacht und zum Ja-Sager wird. Eine entspannte Unterhaltung ist aber auch möglich, ohne gleich allem zuzustimmen. So wird zwar immer noch eine Plattform verboten, jedoch nimmt der Host selbst dann keine aktiv befürwortende Position ein. Außerdem beugt dies den Authentizitätsverlust vor, der entsteht, wenn der Host bei sich völlig widersprechenden Gästen anscheinend gleichermaßen die Meinung teilt. 

Außerdem bietet solch ein Format auch die lange undenkbare Möglichkeit, namenhafte Politiker auch einmal in einem ruhigen, persönlichen Setting zu erleben. Der Podcast als Medium kann es so schaffen, eine menschliche Brücke zwischen namenhaften Fachleuten aller Art und der breiten Öffentlichkeit zu bauen. Vor allem in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung können so gerade Podcasts, in denen Gäste unterschiedlicher politischer Ausrichtung auftreten, ein wichtiges Gegenstück zu ideologischen Online-Filterblasen darstellen. 


image via ChatGPT (KI-generiert)

studiert Philosophie und VWL. Bei den Netzpiloten verbindet er dies mit seinem Interesse an digitalen Entwicklungen.


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