Die ersten Zähne, die ersten Schritte, der erste Wutanfall – private und persönliche Erlebnisse, die früher im internen Familienkreis geteilt wurden. Heutzutage landen sie schnell auf Instagram, TikTok oder YouTube und generieren tausende von Aufrufen. Mit dem Aufstieg der sozialen Medien brach das Zeitalter der Influencer an. Mit einer besonders erfolgreichen Gruppe, den Momfluencern, setzen wir uns heute auseinander.
Sie bieten jungen Müttern Tipps und Tricks, die früher hauptsächlich aus dem eigenen Umfeld kamen, zu jeder Zeit per Social Media. Dabei machen sie nicht selten Gebrauch von ihren Kindern, die neben ihrer Rolle als Kind, immer öfter die Rolle des Angestellten einzunehmen scheinen.
Was hinter dem Erfolg der Momfluencer steckt und welche gefährlichen Auswirkungen dieser auf die Kinder haben kann, erfahrt ihr in diesem Artikel.
Was sind Momfluencer?
Influencer kommt von „influencen“, beeinflussen. Durch ihre hohe Followerzahl haben sie eine große Reichweite und teilen regelmäßig Bilder und Videos auf den sozialen Medien. Mittlerweile ist dadurch ein Milliardenbusiness entstanden, um Reichweite und Community-Vertrauen für Werbung zu nutzen. Durch die Kommerzialisierung von Social Media, ist das Influencer-Dasein zu einem wahrhaftigen Beruf geworden. So wahrhaftig, dass rund ein Drittel der befragten Kinder in einer CNBC Studie angaben, dass es ihr Traumberuf ist. Influencer gibt es mittlerweile zu so gut wie jedem Thema: Fashion, Gaming – oder eben das Elterndasein.
Vor gut 25 Jahren waren es noch Momblogger, die auf ihren Websites Tipps und Tricks zur Kindererziehung teilten. Und das noch ganz ohne ihre Kinder zu zeigen. Heute ist das die Ausnahme, in den audio-visuell-orientierten sozialen Medien generieren süße Kindervideos eine Menge Aufrufe, Likes und Kommentare. Engagement also, die wichtigste Währung im Internet.
Der Begriff Momfluencer setzt sich aus den Worten Influencer und Mom, dem englischen Wort für Mutter, zusammen. Es gibt viele verschiedene Arten von Momfluencern, manche fokussieren sich auf aufklärende Erziehungsratschläge, andere drehen lieber Backvideos und Morgenroutinen mit ihren Kindern vor der Kamera.
Eines haben alle gemeinsam, sie präsentieren sich als digitale Vertrauensperson und nutzen parasoziale Beziehungen als ihr Erfolgsmodell.
(Un)Bezahlte Care Arbeit
Doch warum sind Momfluencer so erfolgreich? Und warum gibt es kaum Dadfluencer? Tatsächlich gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden Fragen.
Generell übernehmen Frauen noch immer einen Großteil der Care Arbeit zuhause. Zu diesem „Gender Care Gap“ kommt auch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Eine Zeitverwendungserhebung des statistischen Bundesamts beziffert den Unterschief auf über 43% mehr Zeit mit unbezahlter Sorgearbeit als Männer. Dazu kommt die Arbeitsunfähigkeit während der Schwangerschaft und nach der Geburt, die es Frauen erschwert sich und ihr Kind zu finanzieren.
Meist beginnt das Momfluencer-Dasein als Ventil oder auch einfach als Möglichkeit, die eigenen Erfahrungen zu teilen und umgekehrt auch Tipps oder Zuspruch zu erhalten. Werdende Mütter haben viele Fragen, und Momfluencer scheinen für sie die richtige Anlaufstelle zu sein. Von Mutter zu Mutter werden Geheimtipps weitergegeben und Erfahrungsberichte geteilt. Das steigende Interesse kann auch mit dem Hebammen-Mangel in Deutschland zusammenhängen.
Momfluencer können werdende und frischgebackene Mütter unterstützen. Auf ihren Accounts sprechen sie verständlich und persönlich über die Themen, um die sich Eltern Gedanken machen. Wie schläft mein Kind durch? Was kann ich tun, wenn es seine ersten Zähne bekommt? Welche Windeln sind die Besten? Mütter können sich von einer Person, die ebenfalls Mutter ist, für ihre eigene Erziehung inspirieren lassen. Gerade während der ersten Schwangerschaft suchen viele nach Tipps und Erfahrungsberichten, denn es gibt keinen allgegenwärtigen Ratgeber für die perfekte Erziehung.
Mit steigender Reichweite und ersten Werbedeals lockt dann aber auch der Aufbau eines weiteres finanzielles Standbein. Doch findet diese Selbstermächtigung auf dem Rücken der eigenen Kinder statt?
Effekt auf Follower*innen
Als Follower*in bekommt man allerdings oft nur schöne, perfekt inszenierte Seiten zu sehen. Das gemeinsame Backen, der entspannte Ausflug in den Park oder das gemütliche Frühstück vor der Schule. Wenn es dann daheim nicht so perfekt läuft wie auf Instagram, kann das zu einem zusätzlichen Stressfaktor für ohnehin schon gestresste Mütter werden. Das muss allerdings nicht immer der Fall sein. Es gibt auch Momfluencer, die auch das eigene Hadern und die weniger perfekten Momente zeigen. Auch Communities wie „Echte Mamas“ geben vor allem für solche Tiefs besondere Stützen.
Das Besondere an den sozialen Medien ist, dass Fragen direkt an eine vermeintliche Vertrauensperson gestellt werden können. Mit der Kommerzialisierung eines Kanals sehen sich Momfluencer damit auch einer zusätzlichen Verantwortung gegenüber. Viele Followerinnen sind unsichere Mütter, die zum ersten Mal ein Kind großziehen. Daher sind sie besonders geneigt Produkte zu nutzen, die von dieser Vertrauensperson empfohlen werden. Influencer-Marketing funktioniert dabei bevorzugt – auch in anderen Zielgruppen – vor allem über eine sehr natürliche und somit nahtlose und persönliche Einbindung in das eigentliche Thema.
Wenn die Momfluencer wirklich hinter den beworbenen Produkten stehen, ist das zumindest noch eine echte Empfehlung. Aber auch Influencer sind mittlerweile Medienprofis und haben längst gelernt, vor der Kamera zu lächeln, selbst wenn es ihnen privat mal weniger gut geht. Das ist ähnlich wie bei Moderatoren im linearen Fernsehen halt „ihr Job“. Das macht es für Zuschauer*innen allerdings schwierig zu erkennen, wie ehrlich die Kooperation ist – vor allem, da man selbst ja aus Vertrauen heraus vielen Influencern folgt.
Auch die Kinder werden dabei oft unfreiwillig zur Werbefläche für das Produkt. Lachend sollen sie mit einem neuen Spielzeug spielen oder begeistert das neue Superfood für Heranwachsende probieren.
Laut einer Studie der Technischen Universität München von 2024, haben Videos mit Kindern grob 7% mehr Likes und fast 28% mehr Kommentare als Videos ohne. Menschen reagieren automatisch mit einer Art Fürsorgeimpuls auf Babygesichter, was zudem dazu führen kann, dass sie sich die Videos länger anschauen.
Beziehung zu den Eltern – oder ihren Arbeitgebern?
Für die Kinder von Momfluencern können die Videos immense Folgen haben. Da sie dies von klein auf erleben, kennen die Kinder es oft gar nicht anders. Erst später, im Austausch mit Klassenkamerad*innen oder bei der ersten Begegnung mit Hate-Kommentaren, entwickeln sie selbst ein Bewusstsein für ihre Rolle.
Ohne jemals so wirklich zugestimmt zu haben, sind die Kinder in einer Geschäftsbeziehung gefangen, aus der es zunächst kein Entkommen gibt. Ein Problem des Ganzen: Je jünger und süßer das Kind, desto besser für die Klicks. So kann die Zuwendung der Eltern womöglich daran gekoppelt sein, wie die Bereitschaft des Kindes ist, beim Videodreh mitzuspielen.
Dieser Übergang ist oft so fließend, dass das Kind ihn weder mitbekommt, noch nachvollziehen kann. Auch wenn das Kind eigentlich keine Lust auf einen Videodreh hatte, möchte es, wie jedes Kind, die Liebe der Eltern.
Oft wird argumentiert, dass Kinder Spaß an solchen Videos haben. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass neben der zur Gewohnheit gewordenen Drehs, Kinder die Trag- und Reichweite dieser noch nicht verstehen können. Selbst wenn die Kinder sich irgendwann von den sozialen Medien zurückziehen, die Bilder und Videos von ihnen als kleines Kind bleiben für immer im Netz.
Das kann nicht nur die unbeschwerte Persönlichkeitsentfaltung des Kindes stören, sondern auch zu Stress führen. Da der Drehort der Videos in den meisten Fällen die eigenen vier Wände sind und der Content das Alltagsleben ist, gibt es kaum Rückzugsmöglichkeiten. Chronischer Stress ist nicht zu unterschätzen. Es schädigt das Immunsystem und kann das Herzinfarkt-Risiko so stark erhöhen, wie fünf Zigaretten pro Tag.
Die erwachsenen Kinder
Mittlerweile gibt es Momfluencer schon so lange, dass sich erste erwachsene Kinder zu Wort melden. Einige verklagen ihre Eltern sogar. In einem Video von 2022 liest die TikTokerin Caroline Easom, sonst bekannt für ihren Comedy-Content, den anonymen Brief des Kindes eines Family Channel-Kindes vor:
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Das betroffene Kind geht auch auf das Arbeitsverhältnis zwischen Eltern und Kind ein, das enorm negative Auswirkung auf die Beziehung hat. Das Vertrauen in die Eltern geht verloren, da sie dem Kind keine bedingungslose Zuneigung geben können.
Schwierig wird es vor allem, wenn intime Details und sensible Daten mit den Follower*innen geteilt werden, wie der Name des Kindes, private Orte, wie das Kinder- und Badezimmer, oder auch ein Streit.
Jordan Cheyenne
In solch einer intimen Situation zeigte die US-amerikanische Momfluencerin Jordan Cheyenne ihren jungen Sohn. Sie filmte die beiden weinend im Auto, nachdem sie gerade erfahren hatten, dass bei ihrer Hündin eine Krankheit diagnostiziert worden war.
Cheyenne wollte für ein besonders emotionales YouTube Thumbnail sorgen. Sie wies ihren Sohn an seinen Kopf an ihre Schulter zu lehnen und so zu tun, als würde er weinen. Seine Antwort: “Mom, I’m actually crying” – “Mama, ich weine wirklich”. Cheyenne schien das egal zu sein, anstelle ihren Sohn zu trösten, nötigte sie ihn weiter die perfekte Pose für das Titelbild ihres Videos einzunehmen.
Die Rechte der Kinder
Wenn das eigene Zuhause zum Arbeitsplatz wird, haben Kinder nie richtig frei.
Das verstößt gegen das deutsche Jugendarbeitsschutzgesetz, welches Kinderarbeit unter 15 Jahren generell verbietet. Zwar dürfen Kinder ab 13 Jahren leichte Beschäftigungen, wie Zeitungen austragen, ausüben – allerdings nur zwei Stunden am Tag und nur solange die Tätigkeit nicht ihre körperliche oder geistige Leistungsfähigkeit überschreitet. Kinder von Momfluencern müssen zu jeder Zeit mit einem unangekündigten Videodreh rechnen, und dürfen meist nicht selbst entscheiden, was am Ende auf Social Media landet.
Bei Kindern entscheiden bis zum 16. Lebensjahr ihre Sorgeberechtigten über ihre personenbezogenen Daten. Dabei treffen Eltern manchmal Entscheidungen die ihren Kindern nicht gefallen würden, die sie jedoch akzeptieren müssen, findet die Momfluencerin Mamaleen. Das Deutsche Kinderhilfswerk fand in einer Studie heraus, dass Kinder sehr viel weniger posten würden, als ihre Eltern es tun. Wo bleibt das Recht auf Privatsphäre und am eigenen Bild, wenn die eigenen Eltern zum Datenleck werden?
Dazu kommt die Frage was mit dem Gewinn passiert.
Momfluencerin Danica Harwardt (@getthetriplets) erzählt im interessanten „Sag’s mir“ Format von ZDFunbubble gegenüber ihrer Gesprächspartnerin, dass sie die Einnahmen aus den Videos mit ihren Kindern vor allem in Haushaltskosten steckt. Miete, Einkäufe oder auch der ein oder andere Urlaub wird durch sie finanziert. Das Kind würde ja auch davon profitieren. Sie sieht das Einkommen also mehr als ein gemeinsames Familieneinkommen, als Einnahmen von denen ein Teil dem Kind alleinig zusteht. In dem Fall kann das Kind weder entscheiden was mit seinem Geld passiert, noch bekommt es überhaupt eine finanzielle Beteiligung am Gewinn. Bei Werbungen im Video filmt sie allerdings bewusst fast nie mit den Kindern.
In Frankreich verpflichtet übrigens seit 2020 ein Gesetz die Eltern zur Zahlung eines Teils der Einnahmen auf ein Treuhandkonto. Auf dieses Konto werden die Kinder erst mit 16 Jahren zugreifen können. Dasselbe Gesetz schreibt außerdem vor, dass sich Unternehmen, die die Influencer-Kinder zu Werbezwecken buchen wollen, die Einwilligung lokaler Behörden einholen muss. So liegt die Entscheidungsgewalt nicht mehr nur bei den Eltern.
Plattformverantwortung und Gefahren
Aufgrund der Nutzungsbedingungen sollte auch die Entscheidungsgewalt über den Inhalt der Posts auf den sozialen Medien nicht nur bei den Eltern liegen.
Selbst posten dürfen Kinder nichts, bis sie 13 Jahre alt sind. Wenn ihr Gesicht davor auf dem Profil der Eltern auftaucht, scheint das aber kein Problem zu sein.
Die YouTube Richtlinien verbietet es Nutzer*innen Videos hochzuladen, in denen “emotionaler Stress auf Minderjährige ausgeübt wird”. Momfluencer, wie Jordan Cheyenne, lassen sich davon allerdings nicht beirren.
Das Deutsche Kinderhilfswerk spricht sich für eine größere Plattformverantwortung aus. Sie fordern von den Plattformen Vorsorgemaßnahmen zu tragen, um das Kinderwohl zu sichern. Denn, auch wenn die Kinder selbst nicht im Internet aktiv sind, sind sie in diesen Fällen seinen Gefahren ausgesetzt.
Denn jede Person kann die Bilder der Kinder herunterladen und ihre Namen, Hobbys und in Extremfällen sogar Adressen herausfinden. Egal wie viele Follower*innen das Profil hat. Was letztlich mit den geposteten Bildern und Videos passiert, ist unmöglich nachzuvollziehen. Aus diesem Grund liegt die Entscheidung darüber ob und welches Bild hochgeladen wird eigentlich bei der darauf abgebildeten Person.
Und je mehr Informationen preisgegeben werden, desto schneller bauen erwachsene Follower*innen möglicherweise eine parasoziale Beziehung zu einem kleinen Kind auf.
Kinder können die Reichweite ihrer medialen Präsenz noch nicht verstehen, landen beim Basteln oder Backen aber trotzdem im Internet. Sie sind schutzlos Gefahren wie Grooming oder auch Hass-Kommentaren ausgesetzt, beides kann ein Kind enorm belasten und traumatisieren.
Die Studie der Technischen Universität München gibt zudem an, dass Videos, in denen Kinder in freizügigen Outfits, wie Sport- oder Badekleidung, gezeigt werden, mehr Likes generieren.
Besonders gefährlich wird es, wenn Rückschlüsse auf die Identität des Kindes gezogen werden können. Das kann Identitätsdiebstahl und Stalking zur Folge haben.
Das gesamte private Umfeld, von Klassenkamerad*innen bis später zu Arbeitgeber*innen, hat Zugriff auf eine digitale Dokumentation des Aufwachsens. Das kann bei Schulkindern zu Mobbing, im Liebesleben zu Problemen und im Berufsleben zu Voreingenommenheit führen.
Ausblick
Die Medienkompetenz der Erziehungsberechtigten zu stärken, wäre ein guter Anfang dem entgegenzuwirken – vorausgesetzt, die Eltern haben ein Interesse daran. Dafür ist es wichtig, dass dadurch geschädigte Kinder zu Wort kommen, um anderen das Schicksal zu ersparen. Wichtig ist, die eigenen finanziellen Interessen nicht über die Interessen des Kindes zu stellen. Möglicherweise wäre es, auch für Follower*innen, hilfreicher, mehr aus der Elternsicht zu berichten, als individuell über die Kinder.
Eine Abhängigkeit von Kindern gegenüber ihren Eltern ist etwas natürliches, schwierig wird es bei der Abhängigkeit von Eltern gegenüber ihren kleinen Kindern. Besonders, wenn diese Abhängigkeit finanzieller oder beruflicher Natur ist. Denn sollten Eltern nicht eigentlich einen Beruf haben, der nicht von ihrem Kind abhängig ist? Der emotionale und finanzielle Stress eines Erwachsenen wird mit auf ein Kind übertragen, das ihn überhaupt noch nicht richtig einordnen kann.
Wichtig ist deshalb die Kinderrechte im virtuellen Raum auszuformulieren, zu konkretisieren und zu stärken. Denn das Projekt Kinderschutz und Kinderrechte in der digitalen Welt weißt darauf hin, dass Kinder längst ein Teil von Social Media geworden sind, auch wenn sie keinen eigenen Account betreiben.
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