Lohnt sich Pathfinder: Wrath of the Righteous? Beta-Preview

Pathfinder: Wrath of the Righteous soll erneut ein Fest für Old School-Rollenspieler werden. Während sich Baldur’s Gate 3 und Solasta: Crown of the Magister mit der Dungeons & Dragons-Lizenz austoben, verwendet das Pathfinder-Spiel die gleichnamige Lizenz des D&D-Konkurrenten. Doch lohnt sich Pathfinder: Wrath of the Righteous?

Als leidenschaftlicher Fan von Pen & Paper-Rollenspielen habe ich mich in die 2. Beta des vermutlich im September 2021 erscheinenden Spiels gestürzt. Wie gut wird das Regelwerk umgesetzt? Holt es eher Veteranen oder Anfänger ab? Wie gut ist die Story? Dazu habe ich beim Spielen – natürlich unter Vorbehalt des Beta-Status – bereits viele Antworten erhalten.

Eine erdrückende Charaktererstellung

Die Charaktererstellung erinnert ein wenig an die erste Bestellung bei Subways: Man weiß noch gar nicht, was man genau möchte, bekommt aber eine riesige Auswahl Optionen vorgesetzt.

Die 12 verschiedenen Völker sind dabei das geringste Problem. Diese bieten ein paar spezifische Vor- und Nachteile, aber man kann weitgehend die Rasse nehmen, die einem am meisten anspricht. Neben bekannten Völkern wie Menschen, Elfen und Zwergen sind auch unüblichere Fantasy-Völker dabei. Die Kitsune – fuchsartige Gestaltwandler – oder die Dschinn-verwandten Oread bringen auch ein paar exotischere Nuancen ins Spiel. Sogar einen Halbvampir dürft ihr zu eurem Hauptcharakter machen.

Schwierig wird es mit den Klassen, welche bestimmen, welche Fähigkeiten euer Charakter beherrscht. Hier gibt es ganze 25 Klassen zur Auswahl, von der jede nochmal 4 bis 7 Abwandlungen besitzt, die einige Fähigkeiten der Basisklasse streichen und durch neue ersetzen. Das stellt mitunter die Rolle der Klasse im Kampf auf den Kopf. Zusätzlich gibt es sogenannte Prestigeklassen, die man in späterem Verlauf wählen kann, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. In Pathfinder muss man nämlich nicht bei einer Klasse bleiben, sondern kann auch Level in an anderen Klassen nehmen, um deren Fähigkeiten zu kombinieren.

Zwar habe ich eher wenig Erfahrung mit dem Pathfinder-Regelwerk, bin aber durch das Dungeons & Dragons 3.5-Regelwerk, auf dem Pathfinder basiert, trotzdem recht vertraut mit dem System. Trotzdem habe auch ich mich mit der Entscheidung schwer getan, welche Klasse ich wähle und brauchte über eine Stunde für die Charaktererstellung. Dabei habe ich aber auch einiges auf Google über die Klassen nachgeschaut. Für Neulinge muss das ganze noch überwältigender sein. Immerhin verteilt man auch selbstständig die Attribute des Charakters, wählt Talente aus einer schier endlosen Liste aus und muss sich als Magiewirker für die ersten Zauber entscheiden. Wem das zu viel ist, kann sich aber auch fertige Charaktere auswählen und direkt ins Spiel starten.

Ein epischer Start

Ich bin ja eigentlich mehr ein Freund etwas bodenständigere Geschichten. Es muss nicht immer der auserwählte Held sein, der die ganze Welt rettet. Mir reicht es schon, als Abenteurer eine lokale Berühmtheit zu erlangen.

Pathfinder: Wrath of the Righteous hält allerdings wenig von verklärter Abenteurer-Romantik. Nichts mit „Ihr befindet euch in der Taverne“ oder „Hilfe, ich habe Ratten im Keller!“. Hier geht es vom ersten Moment an richtig zur Sache. Das Abenteuer spielt an der Weltenwunde, einer riesigen Schlucht, die eine Verbindung zum Abyss ist, von dem aus Dämonen die Welt der Sterblichen ins Chaos stürzen wollen.

Schon innerhalb kürzester Zeit bekommen wir die Übermacht dieses bedrohlichen Feindes zu spüren und sind selbst natürlich der Schlüssel für den mittlerweile fünften Kreuzzug gegen die Dämonen. Da diese Aufgabe jeden Normalsterblichen überfordern würden, schlagen wir im Verlauf des Spiel neben unserer Charakterklasse auch einen von 9 Mystischen Pfaden ein, die uns zusätzlich Kräfte von Engeln, Dämonen oder anderen übermenschlichen Mächten verleihen. Daher lohnt sich Pathfinder: Wrath of the Righteous vor allem, wenn ihr gerne der Retter der Welt seid und einen recht düsteren Grundton schätzt.

Diese Ausgangslage epischen Ausmaßes wurde übrigens nicht extra für das Spiel geschrieben. Wie schon beim Vorgänger Pathfinder: Kingmaker, stand eine offizielle Kampagne der Pen & Paper-Vorlage Modell für das Spiel. Die Umsetzung ist aber grandios gelungen. Gerade weil es schnell um einen herum kracht und scheppert, zieht einem die Spannungskurve gleich mit. Trotzdem kann man in den ersten Stunden auch viel Zeit damit verbringen, in Gesprächen mehr über die Welt und auch besagte Weltenwunde zu erfahren. Vor allem die Gefährten haben so einiges zu erzählen.

Aber lassen wir doch den Trailer mal für sich sprechen:

Pathfinder: Wrath of the Righteous - Combat Gameplay Trailer

6 Helden müsst ihr sein

Ganz in alter CRPG-Tradition seid ihr auch in Pathfinder: Wrath of the Righteous nicht allein. Auf eurer Reise lernt ihr zahlreiche potentielle Gefährten kennen, von denen euch immer bis zu 5 Begleiter unterstützen können. Wen ihr mitnehmt, könnt ihr von eurer Ausgangsbasis immer selbst bestimmen. Neben den wirklich gut geschriebenen Charakteren mit eigener Persönlichkeit und Motivation, dürft ihr euch bei Bedarf auch komplett eigene Begleiter erstellen.

Wer also gerne jedes Gruppenmitglied perfekt aufeinander abstimmen will, darf sich im Editor nach Herzenslust austoben. Trotzdem lohnt sich Pathfinder: Wrath of the Righteous aus meiner Sicht vor allem mit den Story-Begleitern zu spielen. Sie bringen einfach etwas mehr Persönlichkeit mit. Ich war schon beim Vorgänger ein Fan von den kleinen Dialogfetzen beim nächtlichen Rasten. Da unterhalten sich nämlich meist zwei Charaktere über Vergangenheit, Ziele oder persönliche Ansichten. Es sind zwar Dialoge in denen wir selbst nur Zuschauer sind, aber es macht Spaß, die verschiedenen Persönlichkeiten im Gespräch untereinander zu beobachten.

Aber auch ihr werdet einige Dialoge mit euren Begleitern haben, die alle möglichen Gesinnungen abdecken und auch entsprechend Erwartungen an eure Taten haben. Die eigenen Entscheidungen können daher dazu führen, dass Begleiter euch verlassen oder sich im schlimmsten Fall sogar gegen euch wenden. Das trägt natürlich erheblich zum Wiederspielwert bei.

Wie autonom eure Begleiter spielerisch agieren, dürft ihr übrigens selbst bestimmen. Beim Level-Up könnt ihr eure Gefährten (und auch euren eigenen Charakter) automatisch die Entscheidungen für neue Fähigkeiten treffen lassen oder sie für jeden Charakter selbst bestimmen. Auch im Kampf könnt ihr euch entweder nur um euren eigenen Charakter kümmern oder die Aktionen aller Charaktere persönlich übernehmen. Wer alles selbst bestimmt, kann Zauber und Fähigkeiten natürlich viel zielgerichteter einsetzen.

Pausierbare Echtzeit oder Rundenkampf

Entwickler Owlcat Games hat offenbar auf die Community reagiert. Im Vorgänger Pathfinder: Kingmaker fanden Kämpfe ausschließlich in pausierbarer Echtzeit statt. Das bedeutet, dass alle Teilnehmer ihre Aktionen parallel in Echtzeit ausführen, wir aber jederzeit das Spiel pausieren können, um unseren Heldentruppe neue Befehle zu geben. Findige Spieler entwickelten aber eine Mod, die das Spiel komplett rundenbasiert machte und damit ein Stück weit auch an Divinity: Original Sin 2 erinnerte. Auch für mich war die Mod ein Segen, da es noch mehr den taktischen Charme der Tabletop-Vorlage versprühte.

Bei Pathfinder: Wrath of the Righteous hält der Rundenmodus offiziellen Einzug ins Spiel. Dabei dürfen wir jederzeit frei zwischen dem neuen Rundenmodus und pausierbarer Echtzeit wechseln. Bei der pausierbaren Echtzeit gibt es zudem unzählige Einstellung, bei welchen Ereignissen automatisch pausiert werden soll – etwa wenn ein Feind auftaucht oder wenn ein Gruppenmitglied Schaden erleidet. Die pausierbare Echtzeit ist auch weiterhin auch der Fokus, um den die Schwierigkeit der Begegnungen ausgelegt sind.

Anpassungsmöglichkeiten bietet auch der Schwierigkeitsgrad des Spiels. Neben vorgefertigten Schwierigkeitsgraden können wir beispielsweise einstellen, wie stark Gegnergruppen sind, ihren generellen Schadensoutput per Slider skalieren oder bestimmen, ob kritische Treffer gegen unsere Charaktere etwas abgeschwächt werden sollen. Der unbarmherzige „The Last Azlanti“-Modus ist zudem ein optionaler Permadeath-Modus, bei dem der Spielstand gelöscht wird, sobald ihr sterbt.

Ein Kampf gegen höllische Kreaturen inmitten einer Stadt
Die Welt ist oft sehr düster und wir müssen uns im Kampf immer wieder dämonischen Kreaturen stellen. Image by Owlcat Games.

Ein CRPG alter Schule, aber mit neuen Ideen

In erster Linie lohnt sich Pathfinder: Wrath of the Righteous vor allem für Liebhaber alter CRPGs. Es liegt einfach dieser Charme eines Baldur’s Gate oder Neverwinter Nights in der Luft. Wer vorher jedoch noch nie Berührung mit Pathfinder oder einem ähnlichen System hatte, läuft erst einmal gegen eine Wand.  

Die sehr genaue Umsetzung der Pen & Paper-Vorlage bedeutet ein Monstrum von System, das im Hintergrund arbeitet. Die größte Herausforderung stellt aber ausgerechnet die unglaubliche Freiheit dar. Während euch viele reine Videospiel-Systeme bewusst eingeschränkte Optionen vorgeben, habt ihr hier die volle Freiheit. Ein Magier mit einem IQ unter 70? Ein Krieger, der kaum seine eigene Waffe heben kann? All das dürft ihr machen, ist aber nicht zu empfehlen.

Das Spiel selbst setzt übrigens auch voraus, dass ihr euren Charakter halbwegs optimiert. Möchtet ihr also lieber einfach die Charaktere so entwickeln, wie ihr sie passend findet, anstatt eine Wissenschaft daraus zu machen, ist es absolut keine Schande, den Schwierigkeitsgrad runterzuschrauben. Lasst euch da nicht zu sehr von optimierten Builds im Internet abschrecken. Auf Reddit und in Foren sind oft absolute Regelnerds unterwegs. Eine gute Anregung sind die Builds daher allemal – ihr müsst sie aber nicht 1 zu 1 so umsetzen.

Neue Akzente setzt das Spiel abseits des Pathfinder-Regelwerks. Wo ihr im Vorgänger nebenher ein eigenes Königreich aufbauen musstet, führt ihr bei Pathfinder: Wrath of the Righteous eine Kreuzzugarmee an. Diese Schlachten erinnern dabei herrlich an die Kämpfe des Strategieklassikers Heroes of Might and Magic. Es ist aber eben auch nochmal ein zusätzliches System, dass sicherlich nicht jedem Spieler gefallen wird.

Taktischer Kampf in Pathfinder: Wrath of the Righteous hat was von den alten Hereos of Might and Magic-Spielen
Die Kämpfe der Kreuzzugarmee erinnern stark an den Klassiker „Heroes of Might and Magic“. Image by Owlcat Games.

Noch nicht alles rund in der Beta

Eine Beta macht noch kein fertiges Spiel. Der Umfang ist mit 4 von 6 Kapiteln allerdings bereits immens. Diese beschäftigen euch auch gute 50-60 Stunden, eher mehr wenn ihr den Rundenkampf nutzt.

Trotzdem benötigen auch diese vier Kapitel noch etwas Arbeit. So sind noch nicht alle Dialoge der Hauptquest vertont. Die gute Qualität der Sprecher macht einen aber bereits traurig, dass ohnehin nicht alle Gespräche des Spiels eine Vertonung bekommen. Auch manche Bilder fehlen noch und gerade in der Deutschen Übersetzung gibt es auch in den Texten auch mal kleine Probleme. Trotzdem gefällt mir bereits, dass viele Namen, Orte oder Ereignisse im Text per Mouse-Over zusätzliche Erklärungen bieten. Damit bekommt man als Spieler gut das Hintergrundwissen, dass der Charakter hat oder erinnert sich besser an bereits kennengelernte Personen.

Auch der ein oder andere Bug bleibt nicht aus. Ich kam öfter in Situationen, wo für mich und Gegner beidermaßen weder Bewegung noch sonstige Aktion möglich waren. Da musste neben dem Neuladen manchmal sogar das Spiel kurz beendet und neu gestartet werden. Diese Fehler schienen vor allem beim Runden-Kampf zu erscheinen. Bis zum Start im September sollten aber zumindest derart heftige Bugs der Vergangenheit angehören.

Fazit: Lohnt sich Pathfinder: Wrath of The Righteous im Early Access?

Auch das zweite Spiel des Entwicklers Owlcat Games ist ein Fest für CRPG-Fans des alten Schlags. Wo Dungeons & Dragons mittlerweile einige Freiheiten zugunsten der Zugänglichkeit geopfert hat, bietet das grandios umgesetzte Pathfinder-Regelwerk deutlich mehr Möglichkeiten. Trotz verbesserter Tutorials ist das Spiel damit aber nicht gerade einsteigerfreundlich. All zu klein ist die Zielgruppe aber wohl trotzdem nicht: Ganze 35.092 Unterstützer finanzierten die Kickstarter-Kampagne mit 2.054.339 US-Dollar (300.000 war das Finanzierungsziel).

Nach dem starken Erstlingswerk des Studios wusste man zumindest auch in etwa, was man bekommt. Aufbauend auf dem Vorgänger hat man aber hier und da nochmal eine Schippe draufgelegt. Gerade das Storytelling wirkt noch etwas ausgereifter. Das kann aber auch der deutlich düstereren Ausgangslage verschuldet sein. Allein deswegen macht es Sinn, dass es diesmal nicht ganz so viele Nebenschauplätze zu erkunden gibt und der Fokus somit stärker auf der Hauptstory liegt.

Die Hauptstory könnte dem ein oder anderen aber auch etwas zu over the top sein. Von Anfang an geht es mit Drachen, Dämonen und Engeln zur Sache und man selbst nimmt früh die Rolle des Auserwählten ein. Es muss aber zugegeben auch nicht jedes Abenteuer beschaulich in einer Taverne anfangen. Selbst als Fan bodenständigerer Abenteuer hat mich die Story sehr schnell gepackt. Vor allem da viele Charaktere gut geschrieben und selbst die aufrechtesten Personen ihre Blutflecken auf der Seele haben. Darum lohnt sich Pathfinder: Wrath of the Righteous auch für alle, die gute Geschichten und World Building genießen.

Vorbestellen könnt ihr Pathfinder: Wrath of the Righteous in mehreren Editionen auf der offiziellen Homepage. Wer Early Access-Zugang haben möchte, muss allerdings etwas tiefer in die Tasche greifen.


Image by Owlcat Games via IGDB

Stefan Reismann

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, entdeckte dann aber vor allem die inhaltliche Seite für sich. Nun schreibt er für die Netzpiloten und betreibt nebenher einen Let's Play-Kanal, auf dem reichlich gedaddelt wird.


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