Spionage am Schreibtisch: Kamera abkleben beim Mac und iPhone?

Täglich sitzen wir vor unseren Laptops, trinken unseren Kaffee, schreiben unsere Mails und starren dabei unentwegt auf den Bildschirm. Doch werden wir dabei gleichzeitig auch angestarrt? Aus dieser Angst heraus kleben immer mehr Menschen die eingebaute Webcam ihres Laptops, MacBooks oder auch die Kameras ihrer Smartphones ab. Was früher noch als paranoid galt, oder müde belächelt wurde, ist spätestens seit Edward Snowden zum Normalfall geworden: Kamera abkleben gegen Cyber-Spionage. Doch wie sinnvoll ist das wirklich und wie geht es am besten?

Die Großen machen es vor: Das FBI und Mark Zuckerberg kleben ihre Webcams ab

Sie alle tun es. Die Rede ist vom Abkleben der Kamera am Laptop und MacBook. Bereits im April 2016 hat es der damals noch amtierende FBI Direktor James Comey bei einer Konferenz im Center for Strategic and International Studies zugegeben. Er berichtete dort, dass man in jedem Büro einer US-amerikanischen Regierungseinrichtung abgeklebte Webcams sehen könne. Ferner bezeichnete er das Abkleben sogar als „sensible Sache“, die jeder machen sollte, berichtet 9to5Mac. Und er muss es schließlich wissen. Denn spätestens seit durch den Whistleblower Edward Snowden weltweit Einblicke über die Abhörmethoden von Geheimdiensten bekannt sind, ist die digitale Überwachung kein Geheimnis mehr.

Und nicht nur, dass sich der ehemalige FBI Direktor zu den Abklebern gesellt, sollte einem zu denken geben: Auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg klebt die Kamera und das Mikrofon an seinem MacBook ab. Diese Information brachte Zuckerberg höchstpersönlich, jedoch unfreiwillig, im Juni 2016 in Umlauf. Er postete auf Facebook ein Bild von sich mit einem Instagram-typischen Rahmen, zur Feier der erreichten 500 Millionen Mitglieder von Instagram. Im Hintergrund: Sein MacBook samt kleinerer Modifikationen durch Klebeband, was der Twitter-Nutzer Chris Olson bemerkte und auf Twitter teilte.

Was hat der Durchschnittsbürger zu befürchten?

Doch wie sieht die Lage nun beim Durchschnittsbürger aus? Maik Morgenstern von AV-Test sieht es im Gespräch mit TECHBOOK als „Frage des eigenen Schutzbedürfnisses und der Bequemlichkeit.“ Wenn ihr eure Webcam ohnehin selten bis gar nicht verwendet, stellt das Abkleben keinen großen Aufwand für euch dar. Trotzdem empfiehlt er, dass ihr dann auch konsequent sein solltet und das Mikrofon gleich mit abklebt. Immerhin kann darüber abgehört werden, worüber ihr mit wem redet.

Das gilt natürlich auch für Mac- und iOS-User. Mittlerweile sollte zwar klar sein, dass es durchaus Schadsoftware für Mac und iOS gibt, trotzdem sind Windows-Rechner und Android-Smartphones immer noch das beliebtere Ziel von Angreifern. Das resultiert aus der Tatsache heraus, dass beispielsweise rund 90 Prozent der Rechner mit Windows laufen und Angreifer so einen größeren Schaden anrichten können.

Apple verbaut in den Macs ein grünes LED-Lämpchen neben der Kamera, welches leuchtet, sobald die Webcam an ist. Trotzdem ist es für Hacker möglich, beides separat voneinander zu steuern. Jedoch bringt das einigen Aufwand für Angreifer mit sich: Sie müssten sich laut MacLife zunächst Zugang zum Rechner verschaffen und den Treiber modifizieren. Dabei müssten sie eine Vielzahl von Sicherheitsmaßnahmen umgehen. IT-Sicherheitsforscher sind sich sicher, dass besonders Geheimdienste die nötigen Ressourcen haben, unbemerkt auf Webcams zuzugreifen. Für Kleinkriminelle ist das weitaus schwieriger. Nichts desto trotz sagt der IT-Sicherheitsexperte Adam Kujawa der Firma Malwarebytes im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung, dass jeder die erforderliche Software problemlos kaufen könne.

Studie zeigt: Wir werden ausspioniert – und merken es nicht mal

Für das Abkleben der Webcam spricht zudem unsere Unaufmerksamkeit vor dem Laptop. Für die Studie „Somebody’s Watching Me?“ der University of California wurden 98 Personen für harmloses Schreiben und Videos gucken vor den Laptop gesetzt. Als man sie im Anschluss fragte, ob ihnen etwas aufgefallen sei, bemerkten nur 27 Personen das blaue LED-Licht der Webcam.

Das iPhone: Der Spion auf der Toilette?

In puncto Spionage warnt der österreichische Developer Felix Krause vor Social-Media-Apps für iOS. Denn gestattet ihr ihnen den Zugriff auf die Kamera eures iPhones oder iPads, gebt ihr diesen Apps legal Zugriff auf einige Funktionen. Laut Krause dürfen die Apps dann:

  • auf Back- und Frontkamera zugreifen, wenn die App gerade im Vordergrund läuft
  • die Aufnahmen dürfen hochgeladen und mit Hilfe von Gesichtserkennungssoftware gescannt werden
  • die Aufnahmen dürfen theoretisch live gestreamt werden

Das hat zur Folge, dass die Apps sogar unsere Stimmung erfassen können. Mit Hilfe von iOS 11 Vision Framework lassen sich Gesichtsausdrücke analysieren. Des Weiteren sehen die Apps, wo wir uns gerade befinden und ob wir allein sind. Trotzdem schätzt Maik Morgenstern von AV-Test die Spionage-Gefahr auf dem Smartphone als noch geringer ein, als am Laptop. Beide Experten raten aber dazu, in den App-Einstellungen zu schauen, welche Rechte ihr den Apps gegeben habt. Nichts desto trotz gibt es durchaus Apps wie beispielsweise Instagram, der wir natürlich gestatten auf unsere Kamera zuzugreifen. Wie sollt ihr sonst das Foto eures Kaffees am Morgen posten? Laut Felix Krause ist der einzig sichere Weg also: die Kamera abkleben.

Bitkom Umfrage: Jeder vierte deckt seine Kamera ab

Dass das Abkleben der Kamera an Computer und Smartphone längst keine Ausnahme mehr ist, zeigt eine aktuelle repräsentative Umfrage im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. Diese hat ergeben, dass knapp jeder vierte die Kamera an Laptops, Tablets und Smartphones bewusst abdeckt. Das sind immerhin 27 Prozent der Befragten. Trotzdem entscheidet sich die große Mehrheit dagegen.

Dabei sind es vor allem die 14- bis 29-jährigen, die sich vor Angriffen auf ihre Geräte und Kameras fürchten. Von ihnen bedeckt mehr als jeder Dritte die Linsen von Laptop und Co. Dagegen sind es bei den über 65-jährigen nur noch 13 Prozent. Wenn ihr auf der sicheren Seite sein wollt, rät auch der Referent für IT-Sicherheit Dr. Nabil Alsabah beim Digitalverband Bitkom dazu, dass ihr die Kamera abkleben solltet:

„Wenn Hightech-Geräte mit Schadprogrammen infiziert sind, können Cyberkriminelle die integrierten Kameras zur ungewollten Überwachung einsetzen“.

Die Kamera abkleben – geht das auch in schön?

Dass sich viele vor der Überwachung durch die Kamera an Laptop, Smartphone und Tablet fürchten, macht sich natürlich auch der Handel zu Nutze. So sind bereits viele Arten von Abdeckungen mit Schieberegler erhältlich. Diese bieten sich sehr für die Abdeckung von Smartphone-Kameras an. Mit diesen könnt ihr in Sekundenschnelle eure Kamera abkleben oder wieder nutzen. Bei Amazon findet ihr für ein paar Euro eine große Auswahl für alle Geräte, wie beispielsweise die Abdeckung mit dem Namen Snowden des Herstellers innoGadgets (Provisions-Link). Marketingtechnisch ein äußerst clever gewählter Name.

Für diejenigen von euch, die ohnehin kaum oder nie auf die Webcam des Laptops zugreifen, reicht auch einfach ein Stück Tape. Dabei solltet ihr beachten, einen Klebesteifen zu verwenden, der sich Rückstandslos entfernen lässt. Es gibt eine große farbliche Auswahl sogenannter Washi-Tapes (Provisions-Link), die sich dafür gut eigenen. So könnt ihr für euer MacBook schwarzes Tape nehmen, damit die Abdeckung der Kamera nicht sofort ins Auge springt.

Fazit: Mit Sticker ist schicker

Auch wenn ihr euch denken mögt, warum jemand gerade Interesse an euren Kaffee-Gewohnheiten vor dem Laptop haben sollte, ist die Vorstellung eines potentiellen Beobachters nicht gerade berauschend. Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit, ausspioniert zu werden nicht besonders hoch ist: Die Möglichkeit und die Gefahr bestehen. Trotzdem müsst ihr selbst entscheiden, wie präsent die Gefahr für euch ist und ob ihr eure Kamera abkleben wollt. Mich packt gerade ein wenig die Paranoia und ich klebe nun einen Sticker auf die Webcam meines MacBooks – nur zur Sicherheit.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf Netzpiloten Apple.


wollertz/stock.adobe.com


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Jessica Julia Mrzik

Jessica Julia Mrzik

Jessica ist Technikjournalistin und befasst sich leidenschaftlich mit dem Thema Nachhaltigkeit und Umwelt. Wenn sie nicht gerade erklären muss, was eine Technikjournalistin macht, bloggt sie über die neuesten plastikfreien Alternativen. Außerdem befasst sie sich gern mit Tech-Neuheiten und lustigen Gadgets rund ums iPhone und Co. Als Digital Native interessiert sie sich für alles, was mit Medien zu tun hat und probiert alles aus, was sie in die Finger bekommt.

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