Wutentbrannt stürmt eine menschengewordene Wassermelone im hautengen Glitzerkleid auf eine anthropomorphe Ananas zu, und schlägt ihr die Faust ins Gesicht. Die Ananas schlägt zurück, bis eine Banane mit Hawaiihemd und Sixpack dazukommt um die Beiden zu trennen.
So, oder so ähnlich, läuft der Großteil der Folgen der TikTok Hit-Serie Fruit Love Island ab. Auch das Finale endet mit einer Schlägerei. Die Serie erinnert an die Reality Dating Show Love Island, nur sind die Teilnehmenden keine Menschen, sondern Früchte. Die KI macht es möglich.
Moderiert von einer Kiwi mit Kiwischalen-Haaren, Kiwanda, suchen Früchte mit ähnlich absurden Namen in der Show nach ihrer großen Liebe. Watermelina, die Wassermelone, und Publikumsliebling Pinapina, die Ananas, trinken, streiten und flirten mit den anderen Kandidat*innen. Dazu gibt es Fruchtcocktails, Wespentaillen und Waschbrettbäuche soweit das Auge reicht.
Fruit Love Island scheint eine gut abgestimmte Mischung aus Sinn und Unsinn zu sein. Die absurden, und vielleicht gerade deshalb so fesselnden, Inhalte, gepaart mit der niedlichen Optik und satten Farben sind ein Erfolgsrezept.
Creator der KI-Serie ist der TikTok Account ai.cinema021, der stolze 2,5 Millionen Follower*innen vorweisen kann. Von Mitte bis Ende März diesen Jahres veröffentlichte er 22 ein- bis dreiminütige Fruit Love Island Folgen.
Und das mit Erfolg. Jede Folge knackte bei den Aufrufzahlen die zehn Millionen Marke, die meistgesehene Folge hat sogar beinahe vierzig Millionen Aufrufe. Von Fans der Serie werden Edits von den Charakteren erstellt, Handlungsstränge diskutiert und Lieblingspärchen deklariert – wie bei einer echten Reality TV Show.
Und das Millionenpublikum kann sogar selbst diese Handlungsstränge beeinflussen. Es kann für Favoriten abstimmen oder, wie in einer Folge, Kommentare hinterlassen, die sich die Früchte in der nächste Folge gegenseitig vorlesen. In den Kommentarspalten findet sich neben Anmerkungen zum Inhalt, allerdings auch immer mehr Kritik an der KI-Nutzung.
Die Gefahren dahinter
Mittlerweile sind nicht mehr alle Folgen auf TikTok verfügbar. Elf Episoden wurden nach Angaben des Creators von der Plattform entfernt, angeblich nachdem sie massenhaft wegen der KI-Nutzung gemeldet wurden.
Die Inhalte der Folgen sind zudem alles andere als unproblematisch. Was, gerade durch das süße Äußere, zunächst harmlos wirkt, geht des Öfteren in eine gewaltverherrlichende Richtung. Besonders körperliche Übergriffe gegenüber weiblichen Charakteren kommen regelmäßig vor – und das nicht nur in den bunten KI-Videos.
Denn auch Vertical Dramas, die durch ihre schnelle und kostengünstige Produktionsweise rasant an Aufmerksamkeit gewannen, sehen Gewalt an Frauen als essenzielle Zutat ihres Erfolgsrezeptes. Sie hilft dem Publikum eine Bindung zu den Charakteren aufzubauen und mit ihnen mitzufiebern. Unabhängig vom Inhalt, ähneln sich die beiden Formate auch vom Aufbau. Sie sind hochkant, voller schneller Handlungsstränge und in kurze Episoden zerstückelt.
Die Universität Berlin warnt vor frauenfeindlichen Inhalten im Netz, da diese ein negatives Auftreten gegenüber Frauen in der analogen Welt maßgeblich beeinflussen. Auch wenn vielen Zuschauer*innen klar ist, dass die KI-Figuren nicht als direkte Vorbilder angesehen werden sollten, können diese ihr Verhalten nichtsdestotrotz prägen. Gerade dann, wenn das Verhalten der Charaktere ins Weltbild des Publikums passt, meint Jessica Heesen, Professorin für Medienethik in Tübingen. Ähnlich wie bei echtem Reality TV, können Rollenbilder, die seit Generationen in unserer Gesellschaft existieren, durch solche Inhalte verstärkt und festgefahren werden.
Für wen ist der Content?
Zudem stellt sich die Frage nach der Zielgruppe von Fruit Love Island. Für Kinder ist der Inhalt oftmals zu sexualisiert oder gewalttätig, für Erwachsene wirkt es fast schon zu kindlich animiert. Es scheint eher so, als ob problematische Inhalte kindgerecht verpackt, auf sozialen Medien einfach zugänglich und ohne Kontext oder Aufarbeitung angeboten werden. Der bittere Inhalt passt nicht zu der süßen Verpackung der Videos.
Nutzer*innen setzen sich mehr damit auseinander, wen Watermelina als Partner nehmen sollte, als mit den fragwürdigen Inhalten. Es scheint so, als würde auf Social Media eine gesellschaftliche Desensibilisierung, insbesondere der Jugend, passieren. Durch das Aufwachsen mit und die Nähe zu sogenanntem Brainrot-Content, fällt es Minderjährigen schwieriger, Desinformationen als solche einzuordnen. Viele hinterfragen nicht, was sie auf Social Media erzählt kommen. Ähnlich wie bei Kinderserien, nur dass beim Fernsehen oft die Eltern dabei sitzen und der Inhalt mehrere Prüfstellen durchläuft, bevor er ausgestrahlt wird.
“Brainrot”
Was ist Brainrot überhaupt? Der Begriff bedeutet übersetzt Hirnfäule und kommt überraschenderweise bereits aus dem 19. Jahrhundert. 1854 klagte der Schriftsteller Henry David Thoreau in einem Buch über den intellektuellen Verfall der Gesellschaft. Inspiriert von der zu der Zeit in den USA umhergehenden Kartoffelfäule, entstand die Hirnfäule.
Brainrot beschreibt das matschige Gefühl im Kopf, nach stundenlangem Scrollen durch Social Media Videos. Mittlerweile wird der Begriff auch selbstironisch verwendet, und wurde sogar 2024 von der Oxford English University Press zum wichtigsten Wort des Jahres gekürt.
Dank generativer KI kann jede*r heutzutage Brainrot-Content, wie die Fruit Love Island Folgen, erstellen. Und das billig und unkompliziert von Zuhause, ganz ohne Filmcrew, Cast oder andere Locations. Aus diesem Grund gibt es Brainrot in den verschiedensten Sprachen, von italienisch bis englisch und sogar deutsch.
Der Inhalt ist meist sinnbefreit, schnell und süchtig machend. Eine Prise Sensationalismus und eine Messerspitze Schock-Momente dazu, fertig ist der Brainrot-Content.
Die Creator*innen dieser KI-Videos können auf TikTok auch daran verdienen. Durch das TikTok Creator Rewards Program, kann jede Person über 18 Jahren mit mindestens 10.000 Follower*innen und 100.000 Aufrufe in den letzten dreißig Tagen, Gewinn machen. Pro tausend Views können etwa 0.40 bis 1 US-Dollar verdient werden, abhängig von Engagement, Verweilzeit und Standort des Publikums.
Laut Angaben des Influencer Marketing Hubs, verdient der Account ai.cinema021 um die 1,400 bis 2,400 US-Dollar pro Post. Bei 22 Folgen wären das insgesamt 30,800 bis 52,800 US-Dollar.
TikTok gefällt der Content
Im Fokus des Brainrot-Contents stehen Liebe, Sex und Gewalt. Gerne gesehen sind starke Gefühle, die polarisieren und das Publikum emotionalisieren.
Das passt zu der Plattformlogik von Plattformen wie TikTok, die emotionalisierende Inhalte Qualität und Kreativität vorzieht. Denn Emotionen fördern das Engagement mit den Videos, es wird mehr geliked, geteilt und kommentiert. Und die Videos von ai.cinema021 haben nicht selten über eine Million Likes, hunderttausende Shares und zehntausende Kommentare.
Aus diesem Grund Nutzer*innen bekommen immer mehr solcher Inhalte in ihren Feed gespült, sie sollen möglichst lange möglichst aktiv auf der App gehalten werden. Dabei findet keine Regulierung des niedrigschwellig zugänglichen Contents statt. Nutzer*innen wissen nicht was sie auf der App erwartet, sobald sie sie öffnen, können sich also nicht mental darauf vorbereiten. Starke Emotionen, wie Wut, Trauer und Liebe, werden schnell hintereinander vermittelt, es passiert ständig etwas neues und unerwartetes. Das beeinflusst die Dopamin-Ausschüttung im Gehirn und gibt schnell ein gutes Gefühl.
Die Organisation Jugendschutz.net beobachtet den Trend seit Jahresbeginn, und warnt vor den KI-Früchten von Fruit Love Island. Denn sexistische, rassistische und homophobe Inhalte sind mittlerweile keine Ausnahme mehr. Ihr macht der unreflektierte Konsum dieser Inhalte, zu schaffen, der eine Normalisierung und Wertverschiebung zu Folgen haben könnte. Das ist besonders bei Minderjährigen gefährlich, deren Wertvorstellungen sich noch im Entwicklungsprozess befinden.
Open Source Charaktere
Diese Personengruppe lernt die niedlichen KI-Figuren als lustige und harmlose Wesen kennen, die längst Teil der Meme-Kultur im Netz geworden sind. Auch Fruit Love Island trägt mit der Parodie der bekannten Reality Show dazu bei. In Folge fünf rekreieren Kirsche Cherrita und Orange Orangelo auf ihrem Date sogar einen viralen Moment aus der echten siebten Love Island-Staffel.
Zuschauer*innen bauen emotionale Bindungen zu den Figuren auf, ähnlich wie zu etablierten Kindheitshelden, wie Mickey Mouse, Super Mario oder Pippi Langstrumpf.
Der Unterschied zwischen ihnen ist allerdings, dass jede Person Cherrita nutzen kann, um die persönlichen Ideale und Werte zu propagieren. Anders als Mickey Mouse, sind die KI-Charaktere nicht markenrechtlich geschützt und somit für jede Art von Content frei nutzbar.
Gerade extremistische Verschwörungstheorien oder Ideale, die ohnehin schon massenweise auf Social Media verbreitet werden, nutzen gerne etablierte Figuren für ihre Radikalisierungszwecke. Die Verwendung der Figuren, die Nutzer*innen in einem harmloseren Kontext kennengelernt haben, dient der Verharmlosung dieser Inhalte.
Ein Beispiel hierfür ist Bombardino Crocodilo, eine Kreuzung aus Krokodil und Kampfjet. Die bekannte Figur stammt aus der italienischen Brainrot-Szene und erzählt, auf Italienisch, dass er Bomben liebe und diese am liebsten über Kinder in Palästina abwerfe.
Ökologischer Fußabdruck der Fruit-Soap
Spricht man über generative KI, darf auch der Aspekt der Umweltauswirkungen, und insbesondere des Wasserverbrauches, nicht außer Acht gelassen werden. Beim Konsum der Fruit Love Island-Folgen ist es wichtig, ein Bewusstsein für den Ressourcenverbrauch zu entwickeln.
Denn in großen Rechenzentren, oder Data Centers, in denen die Server der KI sitzen, werden Unmengen an Wasser gebraucht um diese Server zu kühlen. Das Wasser dafür kommt zu 57% aus Trinkwasserquellen, wie Flüssen, Seen und Grundwasserleitern. Das saubere Wasser wird dabei aus dem Wasserversorgungskreislauf genommen und verunreinigt.
Bislang ist nicht belegt, dass eine Folge der Frucht-Show zwingend einen größeren ökologischen Fußabdruck hinterlässt, als eine klassisch, mit einem Team von Grafiker*innen und Animator*innen produzierte. Der Knackpunkt ist allerdings, dass mittlerweile jede*r auf generative KI zugreifen, und Inhalte wie Fruit Love Island erstellen kann. Und das ohne Kosten gemütlich in den eigenen vier Wänden.
Mit Blick auf die Zukunft stellt sich dann doch die Frage, wie viel Wasser KI-Obst noch beanspruchen darf.
Image via ChatGPT (KI-generiert)
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