Vertical Dramas – Kino im Hochkantformat

Soziale Medien spielen in unserem Alltag eine immer größere Rolle – und auch auf die Filmwelt scheinen sie mittlerweile Einfluss zu nehmen. Vertical Dramas sind Filme im Hochkantformat, in kurze Episoden-Häppchen aufgeteilt und vollgepackt mit Drama. Die Seifenopern der Gen Z lassen sich bequem auf dem Handy schauen und liefern Unterhaltung von Anfang bis Ende. Sie sind also perfekt angepasst an die kurze Aufmerksamkeitsspanne der jüngeren Generation und scheinen die Filmindustrie im Sturm zu erobern. 

Vertical Dramas, oder Duǎnjùs, stammen aus China und unterhalten seit einigen Jahren Interessierte weltweit. Dabei werden die Filme im TikTok Format in viele kurze Folgen aufgeteilt und deshalb immer wieder unterbrochen. Wer einen ganzes Drama schauen möchte muss die Folgen einzeln kaufen – und das kann teuer werden. 

Wie teuer sie wirklich sind, was hinter der Erfolgsgeschichte der Vertical Dramas steckt und wie die Lage in Deutschland aussieht erfahrt ihr in diesem Artikel. 

Entstehungsgeschichte der Vertical Dramas

Auf der chinesischen Versionen von TikTok, Douyin, luden Content Creator*innen in den 2010er Jahren erstmals die Vorläufer der heutigen Vertical Dramas hoch. Die damals noch amateurhaft per Smartphone gefilmten und ohne große finanzielle Unterstützung produzierten Videos, orientierten sich an der zerstückelten Veröffentlichungstaktik sogenannter Webnovels. 
Auf Websites wie Qidian werden diese kapitelweise veröffentlich – und müssen kapitelweise bezahlt werden. So kaufen Interessierte nicht gleich das ganze Werk, sondern jedes Kapitel aufs Neue. 

Dieses Kapitel-Prinzip übernahmen die Vertical Dramas, die 2023 ihren Weg in die ganze Welt fanden. In den Jahren zuvor reagierten chinesische Firmen auf den Erfolg des Mediums, investierten in dieses und trieben so die Professionalisierung der Videos voran. Einige Firmen entwickelten sogar eigene Apps, um selbst die Früchte des Erfolgs ernten zu können. Marktführende Apps wie DramaBox oder ReelShort gehören inzwischen zu den Top-Apps im App Store. Während ReelShortAnfang 2023 noch “nur” 3,4 Millionen Downloads vorweisen konnte, wuchsen diese bis Anfang 2024 auf 37 Million. Das ist ein Anstieg von 988%, innerhalb von einem Jahr.
Profitiert haben die Vertical Dramas dabei auch von der Corona Pandemie, die diverse große Film- und Serienproduktionen lahm legte. Die Hochkantfilme stachen rasant als eine schnelle und billige Alternative heraus. 

Das Vertical Drama als eigenes Medium

2020 wurden Micro-Dramas von der Chinesischen Nationalen Radio- und Fernsehverwaltung (NRTA) offiziell als eigenes Genre anerkannt. Die NRTA beschreibt sie als Web-Serien, die Folgen in einer Länge von unter einer bis 15 Minuten haben. Mittlerweile ist sind 15-minütige Folgen jedoch eher die Ausnahme geworden, die meisten Videos pendeln sich bei ein bis drei Minuten ein. Insgesamt besteht ein komplettes Vertical Drama aus 60 bis 100 Folgen und dauert im Schnitt ein bis zwei Stunden, also ungefähr so lang wie ein Spielfilm. 

Anders als Hollywood-produzierte Spielfilme, werden Vertical Dramas schon wenige Wochen nach Drehschluss veröffentlicht – und nicht erst Monate, oder Jahre, später. Denn die Produktionsfirmen versuchen möglichst schnell möglichst viele Filme herauszubringen. Dabei wird damit gerechnet, dass ein Hit-Film die anderen nicht ganz so erfolgreichen Produktionen mitfinanziert.  
Die Produktionskosten eines Vertical Dramas starten bei etwa 130 Tausend Euro, können aber auch die 400 Tausend Euro Marke überschreiten. Dies ist abhängig von der Anzahl und Qualität der Sets, Requisiten und Schauspieler*innen. Zum Vergleich, das durchschnittliche Budget für eine Studiofilmproduktion liegt umgerechnet bei stolzen 56 Millionen Euro.

Eine Erfolgsgeschichte mit explosiver Nachfrage

Mit der Zeit und den finanziellen Entwicklungen sind Sets, Schauspieler und Filmcrew der Vertical Dramas immer professioneller geworden. Besonders in ihrem Heimatland China ist die Industrie mittlerweile so erfolgreich, dass sie im Jahr 2024 umgerechnet grob eine Milliarde Euro mehr einnahm, als das nationale Film Box Office. Dieses wird mit den Einnahmen der verkauften Kinotickets berechnet. Insgesamt ist die Vertical Drama Industrie in China über ¥50 Milliarden wert, das sind etwa 6 Milliarden Euro. Doch woher kommt dieser Erfolg? 

Zum einen orientiert sich die Gestaltung der Vertical Dramas stark an der der sozialen Medien. Diese sind darauf ausgelegt Suchtmechanismen zu erzeugen, denn Nutzer*innen sollen möglichst viel Zeit auf ihnen verbringen. Beim Scrollen wird kurzzeitig Dopamin, ein Botenstoff der unter anderem unser internes Belohnungssystem und positive Emotionen beeinflusst, ausgeschüttet. Dieser kommt unter anderem durch die Unvorhersehbarkeit der kommenden Videos und kann süchtig machen.

Die durch soziale Medien ohnehin schon verkürzte Aufmerksamkeitsspanne der Gen Z passt perfekt zum Aufbau der Vertical Dramas. Der Großteil folgt einem inhaltlich ähnlichen Ablauf: Die Folge startet mit einem Konflikt, mit Gewalt, Mobbing oder einer Ungerechtigkeit, und endet mit einem Cliffhanger. Dazwischen kommt es zu einem emotionalen Höhepunkt, der die ungelöste Thematik der vorherigen Folge aufgreift und die Geschichte vorantreiben soll. Zuschauer*innen werden also sofort ins Geschehen geworfen und sind ständig emotional involviert. Zudem müssen sie zum Ende der kurzen Folgen selbst tätig werden, um die Nächste anzuklicken. Das Kapitel-Prinzip hält Zuschauer*innen aktiv vor ihrem Bildschirm. 

Die hohen Preise der Vertical Drama-Plattformen

Auf Apps wie ReelShort können die Folgen mit Coins erworben werden, die von echtem Geld gekauft werden müssen. Das billigste Angebot sind 500 Coins für 4,26 Euro. Nachdem die ersten paar Folgen noch gratis angeschaut werden können, müssen Nutzer*innen für die Restlichen 60 Coins pro Folge zahlen. Wer nicht jede Folge einzeln kaufen möchte, kann auch ein Abonnement abschließen. Nach der Zahlung warten über hunderte Serien und Filme darauf geschaut zu werden.

Bei ReelShort liegt der Preis für ein Monatsabo bei 12,84 Euro pro Woche. Streaming-Gigant Netflix nimmt währenddessen für sein Standard Abo-Modell 13,99 Euro für einen ganzen Monat. Und Netflix, sowie weitere klassische Streaming-Plattformen, stehen derzeit schon in der Kritik für immer mehr Geld immer weniger Inhalt zu bieten.
Auch die anderen Vertical Drama Plattformen pendeln sich bei ähnlichen Abo-Preisen wie ReelShort ein. DramaBox verlangt für je Woche etwa 11 Euro, auf NetShort müssen Nutzer*innen 22,99 Euro für eine Woche zahlen. Insgesamt gibt es mittlerweile über 200 verschiedene Plattformen, von denen viele selbst an der Produktion ihrer Inhalte beteiligt sind.

Das Erfolgsversprechen

Was also überzeugt das Publikum davon, so viel Geld auf den Vertical Drama Streaming Apps zu lassen? 
Ein großer Punkt ist der Wohlfühleffekt und die Realitätsflucht, die ihre Filme bieten. Denn diese richten sich, laut Bofan Zhang, der ausführenden Produzentin der App ReelShort, überwiegend am Interesse der Zuschauer*innen. Aus diesem Grund folgen die meisten Dramas so ähnlichen, erfolgsversprechenden Handlungssträngen: Ein Konflikt um das Publikum sofort zu fesseln, ein abruptes Ende um es vor den Bildschirmen zu halten. 
Orientiert wird sich dabei an den Statistiken und Zahlen der erfolgreichen Vertical Dramas. Was einmal gut funktionierte, wird wird wieder und wieder in verschiedensten Abwandlungen produziert. Aus diesem Grund kommt es auch so häufig zu Mobbing oder Gewalt in den Videos. Laut Autorin und Regisseurin Chrissie De Guzman gibt es Angaben von Produktionsfirmen, dass bis zur zehnten Folge ein Schlag erfolgt sein muss. Dies kann den Zuschauer*innen helfen emotionale Bindungen zu Charakteren aufzubauen und mit ihrer Geschichte mitzufiebern.

Durch die ständige emotionale Stimulation bleibt nicht viel Zeit, deshalb oft nicht gerade originellen Plot zu verarbeiten oder zu hinterfragen. Zhang erzählt auch, dass sich neben der Struktur, auch die Themen der Vertical Dramas stark an den Nutzerinteressen orientieren. Liebe, Sex, Gewalt – emotionalisierende Themen, die in den Zuschauenden etwas auslösen. 

Das Fast Food der Filmwelt bewirbt seine Dramas dabei bewusst primär auf sozialen Medien wie TikTok. Dabei wirken die beworbenen Ausschnitte zunächst nicht wie Werbung, sondern vielmehr wie eins von vielen viralen Videos. Der Cliffhanger am Ende soll Nutzer*innen dann überzeugen sich die App runterzuladen, um den Film zu Ende schauen zu können. 

Zudem suchen Personen häufig gar nicht nach komplexen Filmen, sondern vielmehr nach leichter Unterhaltung um nach einem anstrengenden Tag ihr Gehirn auszuschalten. Da am Ende eines solchen Tages das Handy sowieso des Öfteren in der Hand landet, wirkt das Schauen eines Dramas mit kurzen Episoden auf dem mobilen Handybildschirm weniger wie eine Verpflichtung, als ein einstündiger Film.  
Auch die Titel der Vertical Dramas tragen zum Erfolg dieser bei. Im Clickbait-Style und mit Schlagwörtern versehen, verraten Titel wie “Fated to My Cursed Alpha” oder “The Mute Heiress Strikes Back” deutlich worum es in dem jeweiligen Drama gehen wird. Das hilft Nutzer*innen sich auf die Filme einzulassen. 

Aus der Schauspielerperspektive

Gabe Armentano ist Schauspieler und hat bereits in über 30 Vertical Dramas, wie Fated to My Cursed Alpha”, mitgespielt. Er bemerkt den Erfolg des Mediums deutlich in seinem Berufsleben, die Hälfte der Rollenausschreibungen in seiner Heimatstadt und Filmmetropole Los Angeles sind für Vertical Dramas. In einem Interview mit dem YouTube Kanal Vertical Drama Love erklärt Armentano, dass sie einen guten und verhältnismäßig einfachen Einstieg in die Filmwelt bieten. Für Schauspieler, sowie für die gesamte Filmcrew. Vertical Dramas schaffen Jobs und helfen Beteiligten Erfahrung und Projekte für ihren Lebenslauf zu sammeln.

Trotz der Professionalisierung des Mediums, soll jedoch am Set noch nicht alles perfekt laufen. In der Pre-Produktion werden beispielsweise meist nur die Drehorte angeschaut, alles weitere – von Licht- über Kameraeinstellung, bis zur Szenengestaltung – wird vor Ort am Drehtag entschieden. Auch Skripte müssen oft in letzter Sekunde am Set angepasst werden, erzählt er. Diese werden meist in Mandarin geschrieben und eins zu eins übersetzt, was zu unauthentischen Formulierungen und, für die erweiterte westliche Zielgruppe, unbekannten Referenzen oder Wortspielen führt.  

Ausblick

Auch in Deutschland beginnen die Vertical Dramas langsam Fuß zu fassen. Produziert wird zwar überwiegend in anderen Ländern, wie den USA oder China, die Inhalte werden aber in weitere Sprachen übersetzt. Zudem gibt es auch Plattformen, die mit einer Expansion nach Europa beginnen. Dazu gehören auch DramaBox und ReelShort.  

Im April diesen Jahres, 2026, soll eines der ersten deutsch produzierten Vertical Dramas erscheinen. An diesem arbeitet die US-amerikanische Plattform Crisp Momentum gemeinsam mit der deutschen Produktionsfirma Constantin Entertainment, die auch hinter Filmen wie Fack ju Göthe oder Fünf Freunde steckt. 
Der Name des Dramas ist noch nicht bekannt, es soll aber zwei Staffeln mit jeweils 60 Episoden umfassen. 

Mit ihrer kostengünstigen und schnellen Produktion, möchten Vertical Dramas eine Alternative zu den großen Kinofilmproduktionen darstellen. Besonders ihr Fokus auf Trendthemen, die Handlunsgsstränge mehr beeinflussen als künstlerische Elemente, machen sie zu einem rasant wachsenden Wirtschaftszweig.  
Durch die schnelle Produktion geht allerdings auch die Liebe zum Detail verloren, die erschaffenen Welten wirken oft flach, überspitzt und realitätsfern. Doch genau das ist es, was viele Nutzer*innen an vertikalen Filmen schätzen – eine niedrigschwellige Realitätsflucht, die sie pausenlos unterhält. 
Durch den Handybildschirm wirkt es fast so, als wäre man als Zuschauer*in Teil einer Szene und stünde neben den Charakteren.  

Vertical Dramas bringen zwar nicht unbedingt innovative Geschichten oder komplexe Universen mit sich, bieten aber einen Ort der Unterhaltung. Hierbei ähnlich sie sehr den soziale Medien.

Ob sie Kinofilme eines Tages ersetzen werden bleibt abzuwarten, vor allem da ein Handybildschirm wohl nie den selben immersiven Effekt haben wird wie eine Kinoleinwand. 


Image by Matheus Bertelli via pexels

Studiert Medien und Kommunikation in Hamburg. Interessiert sich besonders für digitale Trends und Entwicklungen und dafür, wie sie unsere Welt verändern.


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