Der Digitale Euro – (K)eine europäische Bitcoin-Alternative?

Der Euro hat in den vergangenen Jahrzehnten vor allem zwei Formen angenommen: als Bargeld im Portemonnaie und als Guthaben auf dem Bankkonto. Derweil sind jedoch auch Kryptowährungen wie der Bitcoin entstanden, die dezentral über Blockchain funktionieren. Mit dem Digitalen Euro arbeitet aber auch die Europäische Zentralbank (EZB) an einer digitalen Währung. Statt sich über eine Blockchain zu regulieren, wird dieser jedoch von der EZB herausgegeben und gesteuert.

Was genau hinter dem Digitalen Euro steckt, wie er funktionieren soll, welche Chancen und Risiken mit seiner Einführung verbunden sind und warum er trotz aller Gemeinsamkeiten keine klassische Bitcoin-Alternative ist, erklärt dieser Artikel.

Was ist der Digitale Euro?

Wer heute mit Karte bezahlt, Geld per Banking-App überweist oder online einkauft, nutzt den Euro bereits digital. Was den Digitalen Euro davon unterscheidet, ist dass es sich um eine Central Bank Digital Currency (CBDC) handelt. Während das Geld auf dem Girokonto eine Forderung gegenüber der jeweiligen Geschäftsbank ist, handelt es sich beim Digitalen Euro gewissermaßen um Bargeld.

Der Digitale Euro soll allerdings nicht das Bargeld ersetzen. Vielmehr möchte die EZB den Bürgerinnen und Bürgern auch für digitale Zahlungen Zugang zu öffentlichem Zentralbankgeld ermöglichen. Banknoten und Münzen sollen weiterhin verfügbar bleiben. Gleichzeitig würden auch Bankkonten, Kreditkarten und andere bestehende Zahlungsmethoden nicht automatisch verschwinden.

Dahinter steckt auch eine Frage der europäischen Souveränität. Zwar existieren verschiedene europäische Bezahllösungen, doch keine davon deckt bislang den gesamten Euroraum für sämtliche alltäglichen digitalen Zahlungen ab. Nach Angaben der EZB sind die Menschen derzeit in 13 der 21 Euro-Länder bei Kartenzahlungen auf internationale Kartensysteme angewiesen. Unternehmen wie Visa und Mastercard spielen entsprechend eine zentrale Rolle in der europäischen Zahlungsinfrastruktur.

Der Digitale Euro soll deshalb eine europaweit verfügbare Alternative unter europäischer Kontrolle schaffen. Nach den Vorstellungen der EZB könnte eine gemeinsame öffentliche Infrastruktur zudem privaten europäischen Zahlungsdienstleistern dabei helfen, ihre Angebote leichter über Landesgrenzen hinweg anzubieten. Die Zentralbank betrachtet den Digitalen Euro damit nicht nur als neues Zahlungsmittel, sondern auch als Investition in die strategische Autonomie und Widerstandsfähigkeit Europas.

Der Digitale Euro ist dabei nicht einmal die erste Währung ihrer Art. Stablecoins wie USDT oder USDC versuchen beispielsweise, ihren Wert an klassische Währungen wie den US-Dollar zu koppeln. Anders als beim Digitalen Euro stehen hinter ihnen jedoch private Unternehmen und keine Zentralbank. Laut einer Umfrage der Bank for International Settlements (BIS), die sich auf Tätigkeiten der Zentralbanken aus 2024 bezieht ziehen über 90% der befragten Zentralbanken eine digitale Währung in Erwägung

Der Digitale Euro ist kein Einzelfall: CBDCs weltweit

Tatsächlich gibt es bereits mehrere Länder, in denen bereits Pilotprojekte zur Erprobung digitaler Währungen laufen. Zum großen Teil handelt es sich dabei (Stand Augusz 2026) um vorwiegend kleinere Länder. Die Zentralbanken der Bahamas, Jamaica, Nigeria und der ostkaribischen Währungsunion haben bereits ihre eigene CBDC auf den Weg gebracht. Diese Länder profitieren von einem überschaubareren Rahmen, sehen darin aber auch die Möglichkeit zu einem Innovationsmotor der FinTech zu werden.

Mit den Zentralbanken Brasiliens, Russland, Indien und China gibt es auf der anderen Seite aber auch schon CBDC-Piloten in deutlich größeren Ländern. Insbesondere China gilt dabei als ambitionierteste Umsetzung. Zum einen ist der chinesische Markt einer der weltweit größten und relevantesten, zum anderen wurde das Pilotprojekt bereits auf immer mehr Regionen und Anwendungsfälle ausgeweitet. China ist damit auch der wichtigste Vergleich für den digitalen Euro.

Was den digitalen Euro trotzdem zu einem Sonderfall macht, ist die geplante Konsequenz in der Umsetzung. Der digitale Euro ist nicht einfach eine Machbarkeitsstudie, sondern eine Lösung für Probleme in der europäischen Souveränität.

Um diese zu gewährleisten, plant die EU eine europaweit einheitliche Infrastruktur zu schaffen, welche die Mitgliedsstaaten bei Kreditkarten nicht mehr abhängig von internationalen Unternehmen macht. Diese soll dann auch schnell in der breite überall nutzbar sein. Nach einem geplanten Pilot ab 2027 ist das Ziel bereits eine Ausgabe des Digitalen Euro ab 2029.

Wie funktioniert der Digitale Euro?

Obwohl hinter dem Digitalen Euro eine neue Zahlungsinfrastruktur entsteht, soll sich seine Nutzung im Alltag möglichst vertraut anfühlen. Verbraucher sollen weder komplizierte Blockchain-Adressen benötigen noch selbst kryptografische Schlüssel verwalten müssen. Stattdessen soll der Digitale Euro über das Smartphone oder eine Karte genutzt werden können – ähnlich wie heutige digitale Zahlungsmittel.

Was den Digitalen Euro von Zahlung mit Bankkarten unterscheidet ist, dass es sich wie eine Währung verhält. Es findet keine Transaktion bei Banken statt. Stattdessen handelt es sich um eine Währung, die einzig von der Zentralbank ausgegeben wird. Sie funktioniert dadurch wie digitales Bargeld.

Wallet statt Geldbörse

Um Digitale Euro nutzen zu können, sollen Verbraucher ein entsprechendes Konto beziehungsweise eine Wallet erstellen. Das können sie dann etwa bei ihrer Bank oder bei öffentlichen Stellen wie Postfilialen. Bezahlt werden könnte anschließend beispielsweise über die Banking-App, eine eigene Digital-Euro-App oder mit einer Karte.

Die Digital-Euro-Wallet könnte dabei mit einem gewöhnlichen Bankkonto verknüpft werden. Der Digitale Euro selbst ist allerdings ausdrücklich als Zahlungsmittel und nicht als Sparanlage gedacht. Es ist das Bargeld, dass ihr direkt greifbar habt. Deshalb sollen Guthaben nicht verzinst und außerdem durch eine Obergrenze begrenzt werden. Wie hoch diese Grenze letztlich ausfallen wird, ist noch nicht entschieden.

Eine solche Begrenzung soll verhindern, dass Verbraucher große Mengen ihrer Bankeinlagen in Zentralbankgeld umwandeln. Gerade während einer Bankenkrise könnte eine theoretisch unbegrenzte CBDC ansonsten besonders attraktiv erscheinen. Doch ein solcher digitaler „Bank Run“ könnte die Krise zusätzlich verschärfen.

Die Guthabenobergrenze soll größere Einkäufe allerdings nicht verhindern. Auch deswegen ist eine enge Verknüpfung mit dem normalen Bankkonto vorgesehen. Möchte ein Nutzer beispielsweise 1.500 Digitale Euro bezahlen, obwohl sich nur 500 Digitale Euro in seiner Wallet befinden, könnte der fehlende Betrag automatisch vom verknüpften Bankkonto bezogen werden. Auch Guthaben oberhalb des festgelegten Limits könnte automatisch auf das Bankkonto weitergeleitet werden. Die Nutzungserfahrung ist bewusst nah an bisherigen digitalen Zahlungsarten gehalten.

Offline-Zahlung und Datenschutz

Eine Besonderheit des Digitalen Euro soll seine Offline-Funktion werden. Für bestimmte Zahlungen wäre damit keine aktive Internetverbindung erforderlich. Digitale Euro könnten zuvor auf einem geeigneten Gerät gespeichert und anschließend direkt zwischen zwei Geräten übertragen werden.

Das Eurosystem arbeitet dabei beispielsweise mit NFC-Technologie, wie sie bereits beim kontaktlosen Bezahlen eingesetzt wird. Bei einer Offline-Zahlung zwischen zwei Personen könnten Smartphone und Smartphone aneinandergehalten werden. Der Betrag würde direkt zwischen den Geräten übertragen und die Zahlung abgeschlossen, ohne dass eines der beiden Geräte dafür mit dem Internet verbunden sein muss.

Damit würde sich der Digitale Euro in einem wichtigen Punkt dem Bargeld annähern. Eine Banknote lässt sich schließlich ebenfalls weitergeben, ohne dass dafür eine Bank oder eine Internetverbindung erreichbar sein muss. Gerade bei Netzausfällen oder in Regionen mit schlechter Verbindung könnte eine solche Offline-Funktion den Zahlungsverkehr widerstandsfähiger machen.

Die Offline-Funktion spielt zugleich für den Datenschutz eine wichtige Rolle. Nach den Plänen der EZB sollen die Details einer solchen Zahlung nur dem Zahlenden und dem Empfänger bekannt sein. Die EZB spricht deshalb bei Offline-Zahlungen von einem Datenschutzniveau ähnlich dem von Bargeld.

Bei Online-Zahlungen wäre die Situation etwas anders. Banken und andere beteiligte Zahlungsdienstleister müssten weiterhin die Informationen verarbeiten können, die etwa zur Einhaltung von Geldwäschevorschriften erforderlich sind. Das Eurosystem selbst soll Nutzer anhand der verarbeiteten Zahlungsdaten dagegen nicht identifizieren können.

Welche Rolle spielen die Banken?

Dass der Digitale Euro von der Zentralbank ausgegeben wird, bedeutet nicht, dass künftig jeder Bürger ein gewöhnliches Konto direkt bei der Europäischen Zentralbank erhält. Banken und andere beaufsichtigte Zahlungsdienstleister sollen weiterhin als Schnittstelle zwischen dem Eurosystem und den Verbrauchern dienen.

Sie sollen unter anderem den Zugang zum Digitalen Euro bereitstellen, die Kundenbeziehung übernehmen und die notwendigen Zahlungsdienste anbieten. Verbraucher könnten den Digitalen Euro dadurch beispielsweise direkt über die App ihrer bestehenden Bank verwenden. Die EZB stellt ausdrücklich heraus, dass Banken nicht aus dem Zahlungsverkehr verdrängt werden sollen. Auch die Guthabenobergrenzen und die fehlende Verzinsung des Digitalen Euro sollen dieses Risiko begrenzen.

Das Eurosystem würde damit vor allem die grundlegende öffentliche Infrastruktur und das Zentralbankgeld bereitstellen, während private Zahlungsdienstleister weiterhin den direkten Kontakt zu den Kunden übernehmen. Der Digitale Euro ist daher nicht als Verstaatlichung des europäischen Zahlungsverkehrs konzipiert, sondern als öffentlich-private Zahlungsinfrastruktur. Als Alternative zur Bank soll der Digitale Euro aber auch über öffentliche Stellen wie Postfilialen zugänglich gemacht werden.

Wie diese Architektur tatsächlich funktioniert, soll ab 2027 erstmals in größerem Umfang praktisch erprobt werden. Im Juli 2026 gab die EZB bekannt, dass sie 36 Zahlungsdienstleister aus dem Euroraum für das geplante Pilotprojekt ausgewählt hat. Mehr als 50 Unternehmen hatten sich um eine Teilnahme beworben.

Die Entwicklungsphase beginnt bereits im dritten Quartal 2026. Die beteiligten Zahlungsdienstleister sollen unter anderem ihre Systeme an die Digital-Euro-Plattform anbinden, Zahlungsdienste entwickeln und Nutzertests durchführen. Die eigentliche zwölfmonatige Pilotphase soll dann in der zweiten Jahreshälfte 2027 starten. Getestet werden unter anderem Online-Zahlungen zwischen Privatpersonen, Offline-Zahlungen per NFC, Zahlungen im Geschäft sowie Einkäufe im Onlinehandel.

Der Digitaler Euro ist keine Bitcoin-Alternative

Wer sich vom digitalen Euro eine europäische Alternative zum Bitcoin erhofft, wird an dieser Stelle enttäuscht. Die Funktionsweise beider Währungen ist nämlich grundlegend verschieden. Beim digitalen Euro handelt es sich um die Digitalisierung des Bargeldes. Die Zurverfügungstellung erfolgt bei einer CBDC ausschließlich über die Zentralbanken und das Geld ist im Wert identisch zum klassischen Bargeld.

Der Bitcoin ist dagegen ein Kryptowährung. Solche Kryptowährungen werden nicht durch Zentralbanken bereitgestellt, sondern durch erbrachte Rechenleistung erschaffen. Diese Währung wird geschürft, indem Rechnernetze immer komplexere werdende Rechenoperationen durchführt. Durch die steigende Komplexität, wird dafür gesorgt, dass die Währung ebenso ein Limit hat und eher an Wert dazu gewinnt – weil der erbrachte Aufwand für neues Geld immer größer wird. Entsprechend war es in der Anfangszeit des Bitcoins und anderer Währungen sehr ertragreich diese Bitcoins mit privaten Rechnern zu generieren. Heute sind Bitcoin-Farmen vor allem zu europäischen Strompreisen nicht mehr lohnenswert.

Beide Verfahren haben ihre Vorzüge. Kryptowährungen sind dezentral. Das bedeutet sie werden von keinem Kontrollorgan gesteuert und sind damit unabhängiger von der Finanzpolitik und deren Interessen. Zugleich sind sie anfälliger für Internetphänomene. So hatten in der Vergangenheit etwa Tweets von Elon Musk großen Einfluss auf die Kursentwicklung des Bitcoins. Negativ-Posts sorgten dabei für teils massive Kurs-Abstürze. Umgekehrt kurbeln Hypes die Kryptowährungen an. Die Währung verhält sich ähnlich wie Börsenkurse.

Zentralbanken handeln dagegen in den Interessen des Währungsraumes. Indem sie Zinsen anpassen oder zusätzliches Geld herausgeben, versuchen sie das Sparverhalten der Konsumenten zu beeinflussen. Im Idealfall sorgt das für Stabilität, weil versucht wird Kippbewegungen im Aktienindex entgegenzuwirken. Dafür ist man stärker den Interessen der Zentralbank ausgesetzt, die bei Krisen etwa den Bankverkehr aussetzen kann. Wenn der digitale Euro wie Bargeld funktioniert, sollte dieser aber auch in solchen Krisenzeiten funktionieren.


Image via ChatGPT (KI-generiert)

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, schreibt nun aber lieber Artikel als Code.


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