CRPG-Vergleich: Baldurs Gate 3 vs Pathfinder: WotR vs Solasta

Für Fans klassischer Rollenspielkost ist 2021 ein wahres Fest. Baldur’s Gate 3 ist in den Early Access gestartet, Pathfinder: Wrath of the Righteous wurde jüngst veröffentlicht und Solasta: Crown of the Magister bekam kürzlich gratis eine neue Klasse hinzu. Zeit für einen CRPG-Vergleich, bei dem wir uns weniger anschauen, welches Spiel das Beste ist, sondern für wen es jeweils am besten passt. Trotz ähnlicher Wurzeln sind die drei Spiele doch auch in vielen Punkten unterschiedlich.

Aktueller Entwicklungsstand, Budget und Release

Mit Baldurs Gate 3, Pathfinder: Wrath of the Righteous und Solasta: Crown of the Magister erscheinen innerhalb kurzer Zeit gleich 3 aussichtsreiche Spiele der gleichen Genre-Nische. Trotzdem Unterscheiden sie sich im verfügbaren Release und dem Umfang den man bereits spielen kann. Auch beim Preis gibt es im CRPG-Vergleich signifikante Unterschiede. Für die beiden erstgenannten Spiele haben wir übrigens auch bereits Tests / Previews geschrieben.

Zur Early Access-Preview von Baldur’s Gate 3

Zum Test von Pathfinder: Wrath of the Righteous

Baldur’s Gate 3

Das einzige der drei Spiele, das ohne Crowdfunding auskam ist Baldur’s Gate 3. Vor allem Divinity: Original Sin 2 gab Larian Studios ein ausreichendes Polster, um diesmal auf eine Kickstarter-Kampagne zu verzichten. Einen Early Access gibt es per Steam, GoG und Stadia dennoch.

Dieser beschränkt sich auf den ersten Akt mit gut 20 Stunden Spielzeit und enthält noch nicht alle Klassen, Rassen und Zauber. Die aktuell 5 möglichen Begleiter sind zudem bewusst eher auf der „bösen“ Schiene unterwegs, um den Spielern auch diese Facetten zu zeigen. Die Beta wird in größeren Abständen erweitert und ist in Sachen Vertonung und Inszenierung schon erstaunlich poliert.

Die hohe Produktionsqualität schlägt sich aber auch im Preis wieder. Auch im Early Access zahlt ihr für Baldur’s Gate 3 den Vollpreis von 59,99. Ein Ende des Early Access und damit ein Release ist aktuell noch nicht absehbar. Der finale Release dürfte erst 2022 sein.

Pathfinder: Wrath of the Righteous

Das erst zweite Spiel von Owlcat Games wurde wie sein Vorgänger über Kickstarter finanziert. Dabei 35.092 Unterstützten das Spiel dabei mit 2.054.339 US-Dollar – deutlich mehr als das Ziel von 300.000 Dollar.

Seit dem 2. September ist das Spiel offiziell erhältlich und bietet euch mit nun allen 6 Akten (in der Beta waren es nur die ersten 4) rund 100 Spielstunden epische Rollenspielkost mit hohem Wiederspielwert. Zum Release hatte das Spiel noch mit etlichen Bugs zu kämpfen, aber die Entwickler haben bereits im ersten Monat mit mehreren Patches viel verbessert.

Wrath of the Righteous bekommt ihr bei allen drei großen Gaming-Plattformen Steam, Epic Games und GOG für 49,99 Euro UVP. Sparen könnt ihr aber, wenn ihr den Key über MMOGA kauft (Provisionslink).

Solasta: Crown of the Magister

Auch Solasta: Crown of the Magister wurde durch Crowdfunding finanziert und ist seit 27. Mai auch offiziell veröffentlicht.

Der Umfang ist mit gut 40 Stunden zwischen dem Early Access-Umfang der beiden Konkurrenten, der Umfang möglicher Klassen & Rassen ist dafür aber geringer. Hier zeigt sich das schmalere Budget, aber auch der andere Fokus des Spiels.

Solasta: Crown of the Magister bekommt ihr für 39,99 Euro UVP auf fast allen üblichen Plattformen oder als Teil des Xbox Game Pass (auch am PC). Ein bisschen günstiger ist das Spiel als Key über MMOGA (Provisionslink).

Charaktererstellung

Für ein gutes CRPG gehört die Charaktererstellung einfach mit dazu. Im Gegensatz zu actionorientierten Rollenspielen sind im CRPG-Vergleich die inneren Werte noch wichtiger als die optischen Feinheiten.

Baldur’s Gate 3

Baldur’s Gate 3 hat die offizielle Dungeons & Dragons-Lizenz und versucht die Charaktererstellung so aufgeräumt wie möglich zu präsentieren. Das gelingt gut und deckt trotzdem alle wichtigen Elemente der Charaktererstellung bis hin zur Wahl des Charakterhintergrunds ab. Zu den meisten Völkern gibt es auch noch Untervölker zur Wahl, die jeweils leicht unterschiedliche Vorzüge mit sich bringen.

Trotz der Übersichtlichkeit ist die Charaktererstellung die durchgestylteste der drei Spiele und überzeugt mit liebevoll gestalteten Symbolen für Klassen, Attribute und Zauber.

Liebe dürft ihr auch in die Gestaltung eures Charakters stecken. Zwar wählen wir aus einer begrenzten Anzahl Gesichter, doch sehen diese durchweg gut gestaltet aus. Dazu haben wir eine große Auswahl Frisuren und können (unabhängig des gewählten Geschlechtes) Bärte, Makeup und männlich wie weiblich klingende Stimmen wählen.

Die 8 Völker und ihre Untervölker könnten bereits in etwa der finalen Version entsprechen, die aktuell 7 vorhandenen Klassen werden aber mit Sicherheit noch ausgebaut. Zumindest die 12 Klassen des Grundregelwerks dürften es ins Spiel schaffen.

In der finalen Version wird es übrigens auch möglich sein, die potentiellen Begleiter auch als Hauptcharakter zu spielen. Zumindest im Quasi-Vorgänger Divinity: Original Sin 2 machte das durchaus Spaß, da man ohnehin jeden Charakter für Dialoge übernehmen konnte und man so auch für den Hauptcharakter einige einzigartige Dialogoptionen erhielt.

Charaktererstellung in Baldur's Gate 3, die eine bärtige Zwergin zeigt.
Der Traum von einer bärtigen Zwergin wird wahr. Die Charaktererstellung in Baldur’s Gate 3 gibt uns auch optisch sehr viele Freiheiten. Image by Stefan Reismann.

Pathfinder: Wrath of the Righteous

In der Charaktererstellung wirkt Pathfinder: Wrath of the Rightous im CRPG-Vergleich deutlich sperriger als die Konkurrenz. Das liegt auch aber unter anderem am Pathfinder-Regelwerk, dass von Natur aus einfach komplexer ist.

Außerdem ist auch der Umfang bereits in der Betaphase des Spiels gigantisch. 12 verschiedene Völker und 25 Klassen mit jeweils 4 bis 7 Archetypen, welche die Klassen jeweils in unterschiedliche Richtungen spezialisieren. Das Problem ist hier weniger etwas zu finden, dass einem gefällt, sondern zu finden, was einem am meisten zusagt.

Gut finde ich dabei die Tabellen zu jeder Klasse, die alle Features aufzeigen, die man bis Level 20 in dieser Klasse bekommt – alles mit kurzer Erklärung beim Mouseover. Bei zusätzliche Archetypen wird außerdem gezeigt, was von der Originalklasse gestrichen wurde und was hinzugekommen ist.

Für Anfänger sind die beiden Konkurrenten oder auch das schon etwas betagte Neverwinter Nights 2 als Einstieg besser geeignet. Wer das D&D 3.5 oder Pathfinder schon kennt, oder sich einfach gerne in etwas reinfuchst, findet in Patfhinder:Wrath of the Righteous dagegen ein riesiges Schlaraffenland.

Solasta: Crown of the Magister

Die Charaktererstellung bei Solasta ist im CRPG-Vergleich dagegen der komplette Gegenentwurf zu Pathfinder. Es ist nochmal aufgeräumter als Baldur’s Gate und verzichtet auch auf große optische Spielereien.

Das liegt aber auch daran, dass die Auswahl bei Solasta: Crown of the Magister die mit Abstand geringste von den drei Spielen ist. Man wählt eines von 5 Völkern (gegebenenfalls mit 2 Untervölkern) und eine von (nach dem Sorcerer-Update) 7 Klassen. Die Völker und Klassen sind dabei als große Kacheln in der Mitte. Links sieht man die Auswirkungen auf die wichtigsten Werte rechts eine genaue Beschreibung der Features.

Für Pen & Paper-Liebhaber schön: Die zu verteilenden Attributswerte dürfen wahlweise ausgewürfelt oder mit einem Punktebudget komplett selbst verteilt werden. Für Fertigkeiten, Zauber und andere Klassenfeatures wird man gut an die Hand genommen und bekommt gesagt von was man wie viel auswählen muss. Das macht es auch Anfängern sehr einfach einen Charakter zu erstellen.

Einen interessanten Schritt über die Pen & Paper-Vorlage hinaus macht Solasta mit der Persönlichkeit. Bei der Auswahl unseres Hintergrund bestimmen wir nämlich auch die Wesenszüge unseres Charakters, die später im Spiel für die Dialoge wichtig sind. Im Gegensatz zu den beiden Konkurrenten gibt es nämlich keine richtigen Begleiter, sondern ihr erstellt eure Party zu Beginn komplett selbst.

Regelwerk / Umsetzung

Spiele, die eine Pen & Paper-Lizenz umsetzen ziehen in erster Linie auch dessen Spieler an. Wie gut schaffen es unsere drei Konkurrenten ihr jeweiliges System umzusetzen? Neben den reinen Regeln spielt hier aber auch die Umsetzung des Rollenspiel-Erlebnisses der Vorlage mit rein.

Baldur’s Gate 3

Mit der 5. Edition von Dungeons & Dragons und dessen offiziellen Kampagnenwelt „Vergessene Reiche“ hat Baldur’s Gate 3 auch vom Regelwerk die mit Abstand erfolgreichste Marke. Und Diese wird insgesamt auch wirklich gut umgesetzt.

Bei der Charaktererstellung ist eigentlich alles vorhanden, was man auch aus der Vorlage kennt. Klassen, Völker und Hintergründe sind nahezu deckungsgleich mit dem Tischrollenspiel und auch ein großer Teil der bekannten Zauber sind mit dabei. Während die fehlenden Klassen sicherlich noch nachkommen, steht hinter den zusätzlichen Klassenspezialisierungen noch ein großes Fragezeichen. Ich gehe davon aus, dass man bei den Spezialisierungen des Grundregelwerks bleibt – auch, um neue Spieler nicht zu sehr zu überfordern.

Auch die Kämpfe sind weitgehend umgesetzt wie die Vorlage. Der Kampf läuft rundenweise in der Reihenfolge der ausgewürfelten Initiative ab und es gibt unabhängig voneinander Bewegungs-, Standard- und Bonusaktionen. Die Umsetzung von Reaktionen muss aber verbessert werden. Im Gegensatz zur Vorlage muss man in Baldur’s Gate 3 vorher wissen, dass man auf eine gegnerische Aktion reagieren möchte und kann es nicht spontan entscheiden. Das wirkt sich später auch auf die sehr wichtigen Gegenzauber aus.

Gefallen tut dagegen aber, dass Charakterwerte auch viel in Dialogen genutzt werden und großen Einfluss darauf haben, wie man einen Konflikt löst oder welche Informationen man erhält. Es gibt nur wenige Spiele, in denen ich so durchgängig das Gefühl hatte, dass Dialogoptionen regelmäßig Einfluss nehmen.

Sehr schön ist auch, dass die Würfelwürfe auf Fertigkeiten nicht nur im Hintergrund berechnet werden, sondern auch in Form eines Würfels angezeigt werden. Das bringt etwas mehr Pen & Paper-Feeling und lässt euch neue Spieler besser einordnen, ob sich ein Wurf lohnt. Denn ein verpatzer Wurf auf „Überreden“ ist in der Wirkung oft schlimmer, als wenn man die Dialogoption gar nicht erst probiert hätte.

Pathfinder: Wrath of the Righteous

Man muss sich nicht immer schämen, wenn man die Frage „Was spielst du denn gerade?“ mit einem „Es ist kompliziert…“ beginnt. Pathfinder: Wrath of the Righteous besitzt nämlich mit dem Pathfinder-Regelwerk das mit Abstand komplexeste Regelwerk der drei Spiele. Und dieses setzt das Spiel auch sehr detailverliebt und konsequent um.

Doch auch wenn es einen Rundenmodus gibt, ist die pausierbare Echtzeit bei Wrath of the Righteous noch immer Basis für die Entwicklung. Dessen Dynamik erschwert aber gerade Zauber mit Bereichseffekten. Ein Feuerball lässt sich im Rundenmodus deutlich einfacher platzieren, weil die Gegner sich während der eigenen Aktion nicht bewegen. In Echtzeit können die Gegner zwischen Beginn des Zaubers und ankommen des Feuerballs schon ein paar Meter weiter sein.

Davon abgesehen macht das Spiel einen großartigen Job, das Regelmonstrum originalgetreu umzusetzen ohne dass man eine halbe Bibliothek an Regelwerken greifbar haben muss. Sogar die tierischen oder magischen Begleiter lassen sich wie Charaktere aufleveln inklusive der Wahl neuer Fähigkeiten.

Besonders schön ist auch die Umsetzung des Rastens. Dabei nehmen Charaktere unterschiedliche Rollen ein. So ist das Aufstellen von Wachen wichtig, um bei einer nächtlichen Begegnung nicht in einen Hinterhalt zu geraten. Das göttliche Gebet schützt uns vor der dämonischen Korruption, Camouflage senkt die Wahrscheinlichkeit von nächtlichen Begegnungen und ein Koch kann mit gutem Essen für ein paar kleine Boni sorgen.

Dialogoptionen und bestimmte Stellen der Welt bieten auch in Wrath of the Righteous Würfelproben. Diese sind im CRPG-Vergleich jedoch als einziges nicht visualisiert und haben im Vergleich zu Baldur’s Gate auch eher geringere Konsequenzen. Hier hat das Pathfinder-Spiel noch etwas Luft nach oben.

Solasta: Crown of the Magister

Im Kern unterscheidet sich Solasta: Crown of the Magister von der Regelumsetzung im CRPG-Vergleich nicht all zu viel von Baldur’s Gate 3. Auch Solasta verwendet eine Dungeons & Dragons-Lizenz. Dabei handelt es sich aber mehr um eine Light-Variante, weshalb die Umsetzung der Unterklassen auch einiges an Eigenbau enthält.

Dafür sind die Kämpfe an sich trotzdem noch etwas näher an der Originalerfahrung dran, da es auch etwa die Reaktionen – Aktionen mit denen man etwa auf gegnerische Angriffe reagieren kann – gut auch in der digitalen Variante umsetzt. Wie bei Baldur’s Gate laufen die Kämpfe rundenweise mit unabhängigen Bewegungs-, Standard- und Bonusaktionen ab. Für viele Spieler handelt es sich daher um die beste D&D-Umsetzung was das Regelwerk angeht. Auch hier fehlen trotzdem einige Zauber, die sich schwieriger digital umsetzen lassen. So zum Beispiel der beliebte Cantrip „Prestidigitation“, der im Pen & Paper viele nützliche Dinge zulässt, wie Essen erwärmen, Fackeln anzünden, Stoffe reinigen oder kleine Markierungen hinterlassen. Für Videospiele aber wenig nützlich.

Auch beim Dungeoncrawling kann sich Solasta durchaus sehen lassen. Fertigkeiten werden immer wieder abgefragt und es gibt viele Objekte mit denen man interagieren kann. Auch Dinge wie balancieren und klettern löst Solasta: Crown of the Magister sogar etwas intuitiver als Baldur’s Gate 3, wo die Sprungfähigkeit immer extra ausgewählt werden muss. Ähnlich wie Baldur’s Gate sind die Karten übrigens auch angenehm vertikal.

Ein toller Kniff für die Dungeons ist eine Gilde, die einem das looten abnimmt. Für einen eigenen Anteil, sammeln sie, sobald die Helden durch sind, alles von Wert ein. Ein interessantes Business.

Vor und Nachteil der Welt ist, dass sie direkt auf einem quadratischen Raster gebaut ist. Das ist für die taktischen Kämpfe richtig gut, die Maps sehen dadurch aber oft weniger organisch aus.

Ein Kampf in Solasta: Crown of the Magister
Ein nüchternes aber sehr aufgeräumtes Interface sorgt für einfache Bedienung in den Gefechten. Die Maps sind zwar sehr quadratisch aufgebaut, dafür aber angenehm vertikal. Image by Tactical Adventures via IGDB.

Story

Auch wenn Kämpfe das mechanisch interessanteste Element eines guten CRPGs ist, möchte man auch unterhalten werden. Die Kämpfe brauchen einen sinnvollen und gutgeschriebenen Rahmen. Neben der eigentlichen Hauptstory zählen auch Nebenaufgaben und die Interaktion mit anderen Gruppenmitglieder rein.

Baldur’s Gate 3

Der Storyeinstieg ist für mich etwas unelegant. Der Spieler wird gleich mit Drachen, Dämonenarchen und Gedankenschindern konfrontiert. Gerade für Neulinge nicht das zugänglichste Material, um ein Gefühl für die Welt zu bekommen. Dazu bekommen wir noch einen kleinen Parasiten eingepflanzt der uns auch ein paar besondere Fähigkeiten verleiht – erinnert etwas stark an die Quellmagie von Divinity: Original Sin 2. Inszeniert ist das aber grandios.

Nach dem Prolog wird es aber auch etwas bodenständiger und wir treffen unsere ersten möglichen Begleiter. Obwohl bislang nur eine Auswahl eher düsterer Charaktere zur Verfügung steht, sind diese so gut geschrieben, das ich mich bei der Wahl meiner Gefährten überraschend schwergetan habe. Jeder hat eine für sich starke Persönlichkeit und einen interessanten Hintergrund, über den man mehr erfahren möchte. Trotz zweifelhafter Gesinnung ist diese nie Böse aus Prinzip, sondern das Resultat der Vergangenheit.

Auch sonst ist die Welt einfach lebendig. Selbst eher unwichtige Nebencharaktere sind vertont und haben scheinbar eine gut ausgearbeitete Persönlichkeit. Die Nebenaufgaben sind dabei wunderbar verpackt und wirken nicht nur als Füllmaterial, um die Stundenzahl des Spiels künstlich hochzutreiben.

Animationen und Vertonung schießen allerdings gelegentlich über das Ziel hinaus. Baldur’s Gate 3 schafft das Kunststück, dass ich bei den digitalen Figuren gelegentlich das Gefühl habe, dass sie Overacting betreiben. Den Gesamteindruck schmälert das aber nur geringfügig. Nach dem ersten spielbaren Abschnitt bin ich optimistisch, dass Baldur’s Gate 3 sich, was Story und ihrer Umsetzung angeht, nicht hinter Blockbuster-Produktionen verstecken muss.

Pathfinder: Wrath of the Righteous

Wrath of The Righteous hält nichts von gemütlichen Einstiegen. Ihr seid ein Abenteurer, der für den Kampf gegen die Dämonen an den Rand der Weltenwunde gekommen ist. Aus dieser strömen schon seit über 100 Jahren Dämonen und bereits vier Kreuzzüge gegen die Dämonenhorden der Weltenwunde scheiterten.

Der eigene Charakter stellt sich früh als „der Auswählte“ heraus, der aufknospenden semi-göttlichen Fähigkeiten den fünften und hoffentlich letzten Kreuzzug gegen die Dämonen anführen soll. Da wundert es nicht, dass Wrath of the Righteous bereits in der ersten Spielstunde Drachen und Dämonen auf den Plan bringt.

Vorlage zum Spiel ist ein offizieller Abenteuerpfad der Pen & Paper-Vorlage, der großartig digitalisiert wurde. Zwar gibt es dabei reichlich Nebenaufgaben, aber mehr noch als bei Kingmaker hat man immer fast immer das Gefühl, dass diese Teil der eigentlichen Hauptaufgabe sind. Auch die bunte Truppe an Gefährten äußert sich nicht nur in vielen Questdialogen, sondern hat auch noch ihre eigenen mehrstufigen Quests, in denen sie sich oft ihren persönlichen Dämonen stellen. Damit wachsen einem teils Charaktere ans Herz, die man auf dem ersten Blick nicht so mochte.

Während wir viele Probleme mit unserer Gruppe selbst lösen, gibt es aber auch noch unsere Kreuzzugsarmeen, die wir separat steuern sowie wichtige politische Entscheidungen, die sich oft auch auf unsere Truppen auswirken und bei denen unsere Gefährten jeweils unterschiedliche Lösungen empfehlen.

Eine Dämoneninvasion zu Beginn von Pathfinder: Wrath of the Righteous
Schon gleich zu Beginn bekommen wir es mit mächtigen Dämonen zu tun, deren Angriff ein friedliches Stadtfest zerstört. Image by Stefan Reismann.

Solasta: Crown of the Magister

Von den drei Spielen hat Solasta das dünnste Story-Gerüst im CRPG-Vergleich. Es beginnt auch sehr klassisch in einer Taverne, trifft damit aber auch wieder sehr den Pen & Paper-Geist. Auch dort beginnen viele Kampagnen in einer Taverne. Auch ist die Geschichte wenig neu. Um die Rückkehr eines alten Übels zu verhindern, muss die Heldengruppe sich auf die Suche nach Teilen eines alten Artefakts machen. So weit, so bekannt.

Doch auch wenn die grundlegende Geschichte der gut 40 Stunden langen Kampagne das Rad nicht neu erfindet, kann sie trotzdem unterhalten. Die politische Situation in der Spielregion ist nämlich ziemlich aufgeladen zwischen den Reichen und auch unsere Gruppe hat immer wieder Kontakt zum „Alten Rat“ als oberste Instanz. Dort können wir auch entscheiden, wen wir etwa bestimmte Artefakte geben und uns damit einige Boni sichern, wie etwa Zugriff auf besondere Waren.

Dass wir eine komplett selbst erstellte Gruppe spielen macht sich aber in Sachen Story auch bemerkbar. Es herrscht deutlich weniger Partyinteraktion in den Dialogen und es sind eben keine Charaktere mit einem fein ausgearbeiteten Hintergrund. Dennoch fühlt es sich erstaunlich natürlich an, wie die Gruppenmitglieder aufgrund gewählter Persönlichkeitsmerkmale in der Charaktererstellung Rollen in der Geschichte einnehmen. Die Charaktere wirken deutlich lebendiger, als wenn wir in Pathfinder: Wrath of the Righteous die komplette Gruppe selbst erstellen.

Atmosphärische Abzüge erhält das Spiel auch durch die mitunter sehr leer erscheinenden Städte und eher knappen Dialoge. Die Konkurrenz zieht einem deutlich mehr in die Welt, wobei vor allem Baldur’s Gate 3 auch viele Dialoge mit an sich irrelevanten Charakteren zulässt.

Welches Spiel eignet sich im CRPG-Vergleich für wen?

Baldur’s Gate 3, Pathfinder: Wrath of the Righteous und Solasta: Crown of the Magister teilen sich zwar eine Genre-Nische, sind aber doch sehr unterschiedlich. Fans des Genres könne bei allen drei Spielen ohne Bedenken zugreifen – 2021 ist für CRPG-Fans ein herausragendes Jahr. Trotzdem geben wir zum Abschluss des CRPG-Vergleichs eine kleine Kaufempfehlung, welches Spiel sich für wen am ehesten eignet

Baldur’s Gate 3

Den grafisch opulentesten Eindruck der drei Spiele macht ohne Frage Baldur’s Gate 3. Hier setzt Larian Studios gegenüber dem letzten Werk Divinity: Original Sin 2 nochmal eine ganze Menge oben drauf. Baldur’s Gate ist das erste klassische CRPG, dass sich cineastische Kameraführung in Dialogen leisten kann, weil es einfach auch aus der Nähe verdammt gut aussieht.

Hinter der schönen Fassade steckt aber trotzdem ein waschechtes und komplexes CRPG mit sehr gut umgesetzter Dungeons & Dragons-Lizenz. Dass dessen aktuelle 5. Edition selbst die mit Abstand zugänglichste Version ist, macht das Spiel durchaus auch für Einsteiger interessant.

Für Veteranen fällt die Empfehlung gemischt aus. Unsere Early-Access-Preview zeigte bereits: Für Larian wäre es vermutlich besser gewesen, aus der D&D-Lizenz eine neue Marke zu erschaffen. „Baldur’s Gate“ erweckt Erwartungen, die das Spiel nicht zwingend erfüllt.

Dabei ist es nicht negativ gemeint. Die von vielen Fans kritisierte Entscheidung auf rundenbasierten Kampf zu setzen ist eigentlich sogar noch enger am Tischrollenspiel dran, als damals. Überhaupt ist man dem Regelwerk sehr treu und nimmt sich nur einige Freiheiten, wo Aspekte für ein Videospiel weniger gut umzusetzen ist.

Wer zu sehr auf die alten Tugenden der Vorgänger festhält, erleidet womöglich eine Enttäuschung. Wer dagegen bereit ist, die Nostalgie-Brille abzunehmen, bekommt ein Baldur’s Gate, dass sich zwar etwas anders anfühlt, aber eine tolle Umsetzung der aktuellen Regeln mit spannend geschriebenen Charakteren und einer herausragenden Inszenierung ist.

Pathfinder: Wrath of the Righteous

Über 100 Charakterklassen / -Archetypen, reichlich Zahlen und hohe Chancen, einen Charakter zu verskillen. Pathfinder: Wrath of the Righteous ist kein Spiel, dass ich jenanden empfehle, um das dieses Unter-Genre kennen zu lernen.

Das bedeutet keinesfalls, dass man nicht auch als Anfänger viel Spaß an Wrath of the Righteous (oder seinen Vorgänger) haben kann. Man muss nur eine gewisse Bereitschaft mitbringen, sich erstmal etwas in die Regeln reinzufuchsen oder alternativ mit vorgefertigten Charakteren vorlieb nehmen.

Dafür ist Pathfinder: Wrath of the Righteous ein Festmahl für Rollenspiel-Connaisseure. Es ist eine unglaublich detailversessene Umsetzung des Pathfinder-Systems, das noch stark an Zeiten von Baldur’s Gate, Icewind Dale und Neverwinter Nights erinnert.

Dabei geizt es auch nicht mit Umfang: Neben der erdrückenden Auswahl an Klassen wählt ihr auch noch einen Mystic Path der euch Fähigkeiten übermenschliche verleiht oder führt Schlachten ganz im Stile eines Heroes of Might an Magic an. Der Krieg gegen die Dämonen hält auch dabei locker 100 Stunden beschäftigt.

Diese 100 Stunden sind aber nicht nur Kämpfe, sondern auch gutgeschriebene Dialoge, unter anderem mit einer Riege sehr unterschiedlicher Gefährten, die jedoch der gemeinsame Kreuzzug eint. Trotz toller Gefährten dürft ihr eure Gruppe aus bis zu 6 Charakteren wahlweise komplett selbst erstellen. Es ist zudem das einzige der 3 Spiele, dass euch die für viele „traditionelle“ Party-Größe aus 6 Personen bietet.

Solasta: Crown of the Magister

Der Underdog im CRPG-Vergleich hat sowohl für Kenner als auch Anfänger große Vor- und Nachteile.

Als Einstieg gestaltet sich die reduzierte Auswahl an Charakterklassen durchaus als Pluspunkt. 4 Charaktere aus 7 Klassen zu erstellen, stellt einen vor nicht ganz so große Entscheidungsnot. Für den Einstieg fährt man übrigens mit der „klassischen“ Zusammenstellung aus Krieger, Schurke, Magier und Kleriker ganz gut. Auch das aufgeräumte Interface und gute Erklärungen helfen einem bei den ersten Schritten.

Für den Einstieg ins Genre schwieriger gestaltet sich dann aber eventuell die Grafik. Gerade wenn etwas noch nicht vertraut ist, spielt das Auge schon ein bisschen mit. Auch wenn das Spiel für ein Erstlingswerk mit deutlich geringerem Budget durchaus zu überraschen weiß – auch was Vertikalität von Karten angeht – die Schauwerte hinken hinterher.

Während Einsteiger die etwas geringere Auswahl eher begrüßen, könnte sie Veteranen dagegen zu klein sein. Es gibt einfach zu viele „Lieblingsklassen“, die es nicht ins Spiel geschafft haben. Dafür sind Kämpfe und Dungeoncrawling stellenweise noch enger an am Tischrollenspiel als Baldur’s Gate 3.


Image by Stefan Reismann

 

 

Stefan Reismann

Das Internet ist sein Zuhause, die Gaming-Welt sein Wohnzimmer. Der Multifunktions-Nerd machte eine Ausbildung zum Programmierer, entdeckte dann aber vor allem die inhaltliche Seite für sich. Nun schreibt er für die Netzpiloten und betreibt nebenher einen Let's Play-Kanal, auf dem reichlich gedaddelt wird.


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