So ziemlich alle Nutzer*innen des Internets haben schon einmal „gegoogelt“, also mithilfe der Suchmaschine nach Informationen im Internet gesucht. Den Satz „Ich google kurz.“ hat somit wohl jeder schon einmal selbst gesagt oder gehört. Doch wann hat man zuletzt wirklich gegoogelt und wann stattdessen TikTok, Reddit oder ChatGPT gefragt?
Dem klassischen Googeln stehen heute immer mehr Alternativen gegenüber. TikTok und Instagram werden unter anderem genutzt, um Reisetipps oder Restaurantempfehlungen zu finden. Wer nach persönlichen Erfahrungen und Meinungen sucht, landet schnell bei Reddit. Komplexere Fragen oder Aufgaben lassen sich wiederum mit der Unterstützung von ChatGPT oder anderen KI-Tools beantworten.
Damit verändert sich nicht nur, wo wir nach Informationen suchen, sondern auch, wie wir nach ihnen suchen. Wenn Social Media und KI unsere Fragen beantworten, brauchen wir die klassische Google-Suche dann überhaupt noch?
Social Media statt Google – sehen statt Lesen
Warum überhaupt auf Social Media suchen, wenn Google mit Maps, Sternebewertungen, Rezensionen und Websites zahlreiche Möglichkeiten bietet? Ein gutes Beispiel ist die Restaurantsuche im Urlaub. Statt sich durch zahlreiche Einträge und Bewertungen zu arbeiten, liefern Creator*innen auf TikTok oder Instagram innerhalb weniger Sekunden Eindrücke vom Restaurant, der Location und dem Essen.
Hinzu kommen persönliche Erfahrungen: Stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis? Handelt es sich tatsächlich um einen Geheimtipp? Welches Gericht lohnt sich? Auf Social Media suchen wir dadurch nicht mehr ausschließlich nach Informationen, sondern gleichzeitig nach den Erfahrungen und Empfehlungen anderer Menschen.
Ganz unkritisch ist diese Art der Suche allerdings nicht. Hinter vermeintlich persönlichen Empfehlungen können bezahlte Kooperationen stecken. Außerdem ist ein virales Restaurant nicht automatisch ein gutes Restaurant. Besonders ästhetische Locations eignen sich hervorragend für TikTok und Instagram. Ob sie in der Realität genauso überzeugen, ist eine andere Frage.
Außerdem entscheidet der Algorithmus mit darüber, welche Empfehlungen überhaupt auf unserem Bildschirm landen. Woher wissen wir also, ob wir gerade das beste Restaurant der Stadt gefunden haben oder einfach das Restaurant, das am besten im Feed funktioniert?
KI statt 10 Google-Tabs
Während Social Media vor allem verändert, wo wir nach Empfehlungen und Erfahrungen suchen, geht künstliche Intelligenz noch einen Schritt weiter. Sie verändert, wie wir unsere Fragen stellen und welche Art von Antwort wir erwarten.
Bei einer klassischen Google-Suche müssen wir zunächst die passenden Suchbegriffe finden. Anschließend bekommen wir eine Liste verschiedener Ergebnisse, wählen eine Website aus, suchen dort nach der gewünschten Information und wechseln gegebenenfalls zurück zu Google, wenn die Antwort nicht ausreicht. Bei ChatGPT und anderen KI-Chatbots sieht das anders aus. Statt einzelne Suchbegriffe einzutippen, können wir eine vollständige Frage stellen und bekommen direkt eine darauf zugeschnittene Antwort. Passt die Antwort noch nicht, kann direkt nachgehakt werden und statt eine komplett neue Suche zu starten, wird das Gespräch einfach weitergeführt.
Damit verändert sich eine grundlegende Erwartung an die Internetsuche. Google sollte uns lange dabei helfen die richtige Information zu finden. Von KI erwarten wir zunehmend, dass sie uns die fertige Antwort liefert. Das ist praktisch und spart Zeit. Gleichzeitig entsteht aber ein neues Problem.
Bis wohin reicht uns die KI-Antwort?
Eine Frage stellen und wenige Sekunden später eine verständliche Antwort bekommen – einfacher könnte die Informationssuche kaum sein. Doch wann reicht uns diese Antwort und wann überprüfen wir die dahinterliegenden Quellen?
Bei einfachen Alltagsfragen werden vermutlich die wenigsten jede Aussage eines KI-Chatbots überprüfen. Anders sieht es bei medizinischen, politischen, finanziellen oder wissenschaftlichen Themen aus, bei denen falsche Informationen größere Konsequenzen haben können.
Das Problem: Eine falsche KI-Antwort muss nicht unbedingt falsch klingen. Chatbots können Informationen verständlich und selbstbewusst formulieren, obwohl einzelne Aussagen nicht stimmen. Quellenangaben können zwar dabei helfen, Aussagen nachzuvollziehen. Doch nur weil Quellen verfügbar sind, bedeutet das noch lange nicht, dass wir sie tatsächlich öffnen.
Die Informationssuche wird dadurch einfacher. Unsere Verantwortung, einschätzen zu können, wann wir einer Antwort vertrauen können und wann wir genauer hinschauen sollten, verschwindet allerdings nicht.
Google passt sich an
Bei all dem könnte schnell der Eindruck entstehen, dass Google von TikTok, Reddit und KI-Chatbots langsam verdrängt wird. Ganz so einfach ist es allerdings nicht, denn Google verändert seine Suche selbst.
Mit KI-generierten Zusammenfassungen und neuen KI-Suchfunktionen versucht das Unternehmen ebenfalls, Fragen direkt zu beantworten. Statt ausschließlich eine Liste mit Links anzuzeigen, soll die Suchmaschine komplexere Fragen verstehen, Informationen zusammenfassen und Folgefragen ermöglichen.
Damit nähert sich die klassische Suchmaschine den Diensten an, die ihr Konkurrenz machen. Und genau hier wird die Frage nach dem „Tod der Google-Suche“ kompliziert. Denn wenn wir weiterhin Google öffnen, dort aber keine klassische Liste aus Suchergebnissen mehr erwarten, sondern eine KI-generierte Antwort, googeln wir dann noch so, wie wir es bisher verstanden haben?
Vielleicht verschwindet Google also gar nicht. Vielleicht verändert sich vielmehr das Produkt, das hinter dem Verb „googeln“ steckt.
Was passiert mit den Websites?
Für NutzerInnen ist die Entwicklung zunächst bequem. Eine Frage stellen, eine passende Antwort bekommen und im besten Fall nicht einmal eine weitere Website öffnen müssen. Für die Betreiber genau dieser Websites kann das allerdings zum Problem werden.
Die klassische Google-Suche funktioniert vereinfacht nach einem bekannten Prinzip: Wir stellen eine Frage, Google zeigt verschiedene Ergebnisse und wir klicken auf eine Website, auf der wir die gesuchte Information finden. Dieser Klick ist für viele Seiten enorm wichtig. Medienhäuser, Blogs, Onlineshops und andere Anbieter sind darauf angewiesen, dass Menschen ihre Inhalte tatsächlich besuchen. Dort werden Artikel gelesen, Abonnements abgeschlossen, Produkte gekauft oder Werbeanzeigen gesehen.
Wenn die Suchmaschine oder ein KI-Chatbot die entscheidenden Informationen bereits zusammenfasst, entsteht ein grundlegender Widerspruch. KI-Systeme und Suchmaschinen benötigen Informationen, um Antworten liefern zu können. Wenn NutzerInnen aufgrund dieser Antworten aber immer seltener die ursprünglichen Websites besuchen, könnte genau den Anbietern Reichweite verloren gehen, die diese Informationen produzieren.
Für Medien ist das besonders relevant. Schließlich kostet guter Journalismus oft Geld. Wenn Inhalte zwar weiterhin gefunden und zusammengefasst werden, aber weniger Menschen dort ankommen, wo sie ursprünglich entstanden sind, stellt sich langfristig auch die Frage, wie diese Inhalte finanziert werden sollen.
Der Tod der Google-Suche?
TikTok wird Google vermutlich nicht ersetzen, nur weil wir dort nach dem nächsten Restaurant suchen. Genauso wenig wird jede Frage zukünftig automatisch an ChatGPT gestellt.
Vielmehr scheint sich unsere Suche auf verschiedene Plattformen zu verteilen. Für eine Adresse öffnen wir vielleicht weiterhin Google. Für den nächsten Urlaub TikTok. Für Erfahrungen mit einem Produkt Reddit. Und für eine komplizierte Frage einen KI-Chatbot. Das Interessante daran ist deshalb vielleicht gar nicht, welche Plattform am Ende gewinnt. Unsere Erwartung an die Suche selbst verändert sich.
Wir wollen nicht mehr unbedingt zehn Links bekommen und anschließend selbst herausfinden, welcher davon die richtige Antwort enthält. Wir möchten Erfahrungen sehen, Empfehlungen bekommen, Rückfragen stellen und Informationen möglichst direkt auf unsere eigene Situation zugeschnitten erhalten.
Der Tod der Google-Suche scheint zumindest vorerst nicht korrekt. Tatsächlich verdient Google durch die KI-Suche sogar mehr als je zuvor. Es sind mehr die Seiten selbst, denen Einnahmen durch weniger Traffic verloren gehen. Das klassische Googeln, wie wir es über Jahre kennengelernt haben, könnte sich dennoch tatsächlich grundlegend verändern. Vielleicht sagen wir also auch in einigen Jahren noch „Ich google kurz“. Die spannendere Frage ist, ob das, was anschließend auf unserem Bildschirm passiert, überhaupt noch viel mit dem Googeln zu tun hat, das wir heute kennen.
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