Die Medfluencerin (medizinische Influencerin) Alina Walbrun, zeitweise auch als „Doc Alina“ bekannt, warnt ihre Follower auf Instagram vor der Krankheit „postvirale nasale Hypersensibilität“, die bei ihr kurz vor der Aufnahme der Story selbst diagnostiziert worden sein soll. Der Clou: diese Krankheit ist frei erfunden.
Alina ist in eine Falle getappt, welche speziell für medizinische Influencer aufgestellt wurde, um zu testen, wie seriös ihre Inhalte auf Social Media tatsächlich sind. Marvin Wildhage deckt die von ihm gestellte Falle auf und zeigt, wie die Influencerin falsche Informationen verbreitet. Dieser Fall wirft die Frage auf: Ist Alina ein Einzelfall oder beschäftigen wir uns hier mit einem allgemeinen Sicherheitsproblem im Influencer-Marketing?
Wer steckt hinter „Doc Alina“?
Alina ist eine Medfluencerin – ein Kürzel aus „Medical“ und „Influencer“. Auf TikTok und Instagram hat sie insgesamt um die 600.000 Follower. Ihr Content widmet sich dabei ihrem Alltag als Influencerin und Medizinstudentin, aktuellen Trends sowie Rezepten und Tipps einer angehenden Ärztin. In ihrem Profil wirbt sie mit „abgeschlossene Medizinstudentin“ und „aktuell Psychologie in Harvard (Extension School)“.
Wie viele andere Medfluencer möchte sie die Welt der Medizin und Gesundheit für ihre Follower zugänglicher machen. Im Zuge dessen ist es auch nicht unüblich, dass sie ihre Plattform nutzt, um über Krankheiten aufzuklären. Die Kontroverse um die Fake-Krankheit wirft nun natürlich die Frage auf, wie vertrauensvoll Alina und andere Medfluencer sind.
Die Falle mit der Fake-Krankheit
Der investigative Journalist und Influencer Marvin Wildhage hat auf seinem Youtube-Kanal Marvin eine Formatreihe namens „Influencer Test“ gestartet. Dieser Reihe widmet sich auch unser Artikel „Domino‘s X Gönrgy – Gewinnspiel-Eklat durch Investigativ-Video“. Marvin erstellt in dieser Reihe unter anderem Fake-Produkte und -Kampagnen, um zu testen, wie vertrauenswürdig Werbeversprechen von Influencern tatsächlich sind.
Sein neuester Test: die nicht existierende Krankheit „postvirale nasale Hypersensibilität“. Ein eigens erstelltes Pharmaunternehmen fragt Influencer an, auf ihren Plattformen für die vermeintliche Krankheit zu werben. Dabei sollen insbesondere Personen angesprochen werden die vorzugsweise ängstlich gegenüber Krankheiten eingestellt sind. Die Website und die Krankheit seien dabei so konzipiert, dass bei genauerem Hinsehen oder einer einfachen Google-Suche klar werden sollte, dass die Inhalte dieser Anfrage weder echt noch vertretbar sind.
Alina Walbrun hat diese Recherche offenbar nicht durchgeführt. Stattdessen nimmt sie die Anfrage an und erzählt in ihrer Instagram-Story von ihrer angeblichen Diagnose beim Arzt: Sie leide nach einem Infekt unter der „postviralen nasalen Hypersensibilität“. Die Medfluencerin verbreitet damit nicht nur eine nicht existierende Krankheit, sondern ergänzt diese auch noch mit frei erfundenen Symptomen und stützt das ganze auf angeblich gelerntem Wissen aus ihrem Medizinstudium.
Vom Werbedeal zum Shitstorm
Nachdem das Enthüllungsvideo von Marvin veröffentlicht wurde, erhielt Alina eine regelrechte Welle negativer Kommentare. Als Reaktion äußert sie sich zunächst noch in einem Statement. Sie erläutert, dass sie die erfundene Krankheit mit einer ähnlichen, ihr aus dem Studium bekannten Krankheit vertauscht habe und gibt zu, dass sie vor der Veröffentlichung des Videos selbst recherchieren hätte sollen. Außerdem erklärt sie, dass die E-Mails, die Marvin erhalten hat, nicht von ihr selbst, sondern von einer Assistentin verfasst worden seien. Bei genauerem Hinsehen wirft diese Aussage jedoch Fragen auf. Die konsequente Ich-Perspektive, ihr eigener Name am Ende der Nachrichten sowie die nächtlichen Versandzeiten lassen zumindest Zweifel daran aufkommen, dass tatsächlich eine Assistentin die E-Mails verfasst hat.
Heute, nur wenige Wochen nach dem Erscheinen des Videos, lässt sich ihr Statement auf ihrem Profil nicht mehr finden. Zusätzlich hat sie ihre Biografie verändert. Vor dem Vorfall gab Alina an Psychologie an der renommierten Universität Harvard zu studieren. Marvin erklärt in seinem Video, dass die Medfluencerin lediglich einen kostenpflichtigen Kurs belegt, der nicht mit einem regulären Psychologiestudium in Harvard vergleichbar ist und vollständig von zu Hause aus absolviert werden kann. Als Reaktion steht nun nur noch „aktuell Psychologie in Harvard (Extension School)“ in ihrer Biografie. Die Medfluencerin hat sich außerdem seit dem Vorfall komplett aus den sozialen Medien zurückgezogen.
Vor kurzem gab Alina selbst noch an, Studentin an der Universität Harvard sowie offiziell Ärztin zu sein, wodurch sie sich online als eine vertrauenswürdige, medizinische Autorität darstellte. Alina hat zwar ihr Medizinstudium abgeschlossen, um sich in Deutschland aber Ärztin bezeichnen und den ärztlichen Beruf ausüben zu dürfen, ist jedoch grundsätzlich eine Approbation erforderlich.
Medfluencer – Wo Medizin auf Marketing trifft
Der Fall wirft damit auch rechtliche Fragen auf. Insbesondere bei gesundheitsbezogener Werbung gelten in Deutschland besondere Vorschriften. Ob und welche rechtlichen Konsequenzen im konkreten Fall tatsächlich drohen, hängt jedoch von den genauen Umständen und der rechtlichen Bewertung des Einzelfalls ab.
Darüber hinaus stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wie sollte mit medizinischen Influencern umgegangen werden, die zwar über medizinische Fachkenntnisse verfügen, aber noch keine Approbation besitzen? Zwischen medizinischer Aufklärung, persönlichem Content und gezieltem Marketing können dabei die Grenzen verschwimmen.
Diese sogenannten „Awareness-Kampagnen“, also Kampagnen, die auf bestimmte Krankheiten oder gesundheitliche Beschwerden aufmerksam machen, kommen in den Sozialen Netzwerken öfter vor als man denkt. Problematisch kann es werden, wenn es für die Nutzer nicht eindeutig erkennbar ist, welche wirtschaftliche Interessen hinter solchen Inhalten stehen. Besonders bei Medfluencern spielt Vertrauen eine zentrale Rolle: ihre tatsächliche oder vermeintliche medizinische Expertise kann dazu führen, dass Follower ihren Aussagen eine besondere Glaubwürdigkeit zuschreiben.
Damit wird dieses vertrauen auch wirtschaftlich wertvoll. Die entscheidende Frage ist deshalb, wo gesundheitliche Aufklärung endet und kommerzielles Influencer-marketing anfängt.
Die Folgen des Medfluencer-Shitstorms
Der Fall „Doc Alina“ ist kein Einzelfall. Das Thema Medfluencer hat sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Politik die Aufmerksamkeit erneut auf sich gezogen. Bereits in den vergangenen Jahren hat sich beispielsweise die ARD immer wieder mit dem Thema auseinandergesetzt. Des Weiteren greifen auch die Apotheken Umschau und das Deutsche Ärzteblatt das Thema auf und berichten von Medfluencern. Im Bundestag ist außerdem die Sorge rund um Verbreitung gesundheitsbezogener Fehl- und Desinformationen durch Medfluencer angekommen. Dabei wird sich nach regulatorischem Handlungsbedarf zum Schutz von Verbraucherinnen und Verbrauchern erkundigt.
Schlussendlich zeigt der Fall „postvirale nasale Hypersensibilität“ erneut, wie wichtig es ist, den eigenen Social-Media-Konsum und insbesondere gesundheitsbezogene Inhalte stehts kritisch zu hinterfragen. Gleichzeitig macht er deutlich, welche Verantwortung Influencer tragen, wenn sie aufgrund ihrer Ausbildung oder ihres Auftretens als medizinische Autorität wahrgenommen werden.
Dabei geht es nicht nur um die Verantwortung einzelner Medfluencer. Der Fall wirft auch die Frage auf, ob bestehende Regelungen ausreichen oder ob Deutschland und die EU mehr Sicherheit und strengere Standards für gesundheitsbezogenes Influencer-Marketing benötigen?
Image via Canva (KI-generiert)
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