Gerade der Indie-Markt hat in den letzten Jahren Unmengen großartiger City und Colony Builder hervorgebracht. Darunter auch mein derzeitiger Liebling Workers & Resources: Soviet Republic. Town to City könnte allerdings kein größerer Kontrast dazu sein. Dort gibt es nämlich mediterranes Voxel-Idyll statt Plattenbau-Brutalismus und gemütliches Wohlfühl-Bauen statt knüppelhartem Ressourcen-Management. Lohnt sich Town to City dennoch für einen abgehärteten Stadtbau-Veteran wie mich?
Der niederländische Entwickler Galaxy Grove ist mir immerhin kein unbeschriebenes Blatt. 2023 veröffentlichten sie bereits mit Station to Station einen Überraschungs-Hit. Trotz des ähnlichen Namens und eines vertrauten Looks geht man im Gameplay trotzdem neue Wege. Ich verrate euch, warum ihr neues Werk sogar für erfahrene Städtebauer interessant ist.
Am Anfang war der Bahnhof
In Station to Station ließ man eine ganze Landschaft aus Produktionsstätten und Städten erblühen, die man miteinander verband. Auch in Town to City beginnt alles mit einem Bahnhof – dieser ist nämlich der Ausgangspunkt oder eher Ankunftspunkt unserer Stadt. Hier kommen neue Bewohner an, die in freie Häuser unserer Stadt ziehen wollen.
Das ist dann auch unsere erste Aufgabe: Wir ziehen unkompliziert vom Bahnhof eine Straße und bauen unsere ersten Häuser an diese. Wenig überraschend haben unsere Bewohner auch das Bedürfnis nach Nahrung. Das bedienen wir mit verschiedenen Marktständen, die das Bedürfnis in einem sehr kleinen Radius erfüllen. Ein Lagerhaus sorgt für die Versorgung der Stände mit Waren, die automatisch über den Bahnhof kommen. Je mehr Menschen die Marktstände zu versorgen haben, desto mehr Arbeitskräfte muss ich diesen zuordnen.
Nach ein paar weiteren Häusern bauen wir dann auch ein Forschungszentrum, dessen Arbeiter Forschungspunkte generieren. Mit diesen schalten wir neue Gebäude frei. Diese erfüllen teilweise neue Bedürfnisse, geben uns aber auch eine Menge neuer Dekorationsobjekte. Diese brauchen wir um besondere Anforderungen neuer Bewohner, etwa nach Naturdekoration oder Beleuchtung, zu erfüllen. Wir können aber mit einigen Forschungen auch unsere Gebäude um neue Stockwerke erweitern. Haben wir ein bestimmtes Bevölkerungsziel erreicht, schalten wir eine neue Stadtstufen frei, die uns wieder eine Menge Gebäude, Dekorationen und Verbesserungen zum Erforschen geben.
Aber nochmal zurück zum Bahnhof: Dieser ist zwar der Ankunftspunkt unserer Bewohner, doch er ist sonst unwichtig für die Infrastruktur. Wo bei einem Cities Skylines der Verkehr das Hauptgameplay ist, ist es für Town to City komplett irrelevant. Es gibt keine Fahrzeuge, sondern alles was wir bauen ist mehr oder weniger in fußläufiger Distanz. Unser Stadtgebiet ist zudem nicht übermäßig groß.
Belohnender Flow statt Bestrafung
Im Vergleich zu vielen anderen Aufbauspielen ist Town to City geradezu wahnwitzig nett. Mir ist nicht bekannt, wie man eine Stadt finanziell gegen die Wand fahren könnte. Das Spiel limitiert sogar das maximale Geld auf einen Betrag, den wir mitunter pro (kurzem) Spieltag verdienen. Auch die Zufriedenheit der Bevölkerung ist eher leicht zu halten, da wir auch nicht jedes Bedürfnis komplett erfüllen müssen. Damit fällt eigentlich der größte Motivator eines Aufbau-Spiels weg: Die Stadt so gut planen, dass sie auch profitabel ist.
Town to City weiß trotzdem, wie man dem Spieler ständig die motivierende Karotte vor die Nase hält. Dass es in seiner Grundmechanik sehr simpel und gutmütig ist, heißt nämlich nicht, dass es nichts zu tun gibt. So sind wir eigentlich ständig dabei, neue Dinge für unsere Stadt freizuschalten. Der Umbau der bestehenden Stadtteile bleibt dabei trotzdem optional.
Das liegt auch daran, dass es mehrere Bevölkerungsstufen gibt, die mit etwas höheren Bedürfnissen einhergehen. So können wir auch neue Viertel für die neuen Bevölkerungsstufe bauen und dort ihre Bedürfnisse befriedigen.
Clever sind auch Anforderungen die manche neue Bürger haben, um einen zusätzlichen Zufriedenheitsboost zu erhalten. Es gibt auch kleine Quests wo Bürger bestimmte Orte, wie etwa ein Heckenlabyrinth von uns gebaut haben wollen, die ebenfalls stark die Dekorationsobjekte nutzen. Es gibt nur wenige Spiele, die uns so natürlich zur Nutzung von Dekorationen motivieren.
Ab bestimmten Stadtstufen schalten wir übrigens auch zwei neue Städte frei. Eine hat die Landwirtschaft, die andere den Tourismus als besonderen Twist. Darüber hinaus haben die Wohngebäude jeweils einen unterschiedlichen Look, der sich später auch mixen lässt.
Unglaublich sympathischer Voxel-Look
Optisch hält sich Galaxy Grove zum Glück an das, was sie geradezu perfektioniert haben: den Voxel Look. Die ganze Welt und ihre Bewohner sehen wie drei-dimensionales Pixel-Art aus. Das verbindet sich überraschend gut mit dem mediterranen Stil des 19. Jahrhunderts.
Wo wir in Station to Station eine triste Karte mit immer mehr verbundenen Stationen in eine blühende Landschaft verwandelten, füllt unserer Stadt die Karte direkt mit Leben. Das betrifft nicht nur die liebevoll gestalteten Häuser und Dekorationsobjekte, sondern auch die Bewohner. Trotz der vergleichsweise kleinen Bevölkerung unserer Städte entsteht in diesen ein zunehmender Wuselfaktor.
Die Bewohner suchen dabei nicht nur die Einkaufsmöglichkeiten auf, sondern nutzen auch Objekte wie Parkbänke, Picknick-Decken oder Spielplätze, was auch gebaute Parks direkt mit Leben füllt. Ist ein Bürger schlecht gelaunt sieht man das sogar schon an der Art zu gehen. Die unzähligen Dekorationen können wir außerdem nicht nur in die Landschaft, sondern auch auf Balkone setzen. Pflanzen morphen an Wänden oder Fenstern sogar zu Blumenkästen oder hängenden Blumen. Ähnliches machen auch andere Objekte – Sonnenschirme werden an Fenstern etwa zur Markise. Das verleiht den Gebäuden nicht nur einen individuellen Touch, sondern erfreut auch ihre Bewohner.
Mit diesen Möglichkeiten sich eine Stadt fast schon zu malen, erinnert Town to City ein Stück weit an Tiny Glade oder Townscraper, nur dass es trotzdem auch solide Gameplay-Mechaniken jenseits des Bauens bietet.
Kleine Schwächen im Detail
Auch in Town to City ist natürlich nicht alles perfekt. Mir gefällt etwa, dass es für jede Bedürfniskategorie mehrere Gebäude gibt. Weniger mag ich jedoch, dass gerade bei der Nahrung die Abwechslung nicht die Nachfrage einer einzelnen Ware reduziert. Mein Fischstand hat nicht weniger Nachfrage, wenn ich auch andere Stände oder ein Restaurant anbiete. Das liegt aber vermutlich daran, dass es bei anderen Bedürfnissen weniger logisch wäre. Ein Bekleidungsgeschäft würde schließlich nicht dafür sorgen, dass man weniger oft zum Friseur muss.
Während das fehlende Verkehrs-Management sich verschmerzen lässt, wären zumindest Kutschen eine passende Abwechslung im Ambiente gewesen. Gerade die Lagerhäuser hätten sich für eine Upgrade-Option angeboten. Dafür upgraden wir immerhin die Straßen für einen günstigeren Transport. Während wir sonst bei den Wegen vielfältige Beläge wählen dürfen, haben wir mit dem Straßenupgrade leider keine Auswahlmöglichkeit. Hier wünsche ich mir eine Möglichkeit die alten Skins beizubehalten oder zumindest ein paar zusätzliche Plaza-Texturen für die Upgrades.
Schmerzlich vermisst wird noch der offizielle Modsupport. Zwar hat das Spiel schon richtig viele Gebäude und Dekorationen, doch die Kreationen mancher Spieler lassen erahnen, was mit Modmöglichkeiten noch alles möglich wäre. Auch ein Karteneditor würde schon einiges bringen, vor allem mit einer Möglichkeit zu etwas größeren Karten. Immerhin gibt es neben den drei Städten des Hauptspiels auch ein paar zusätzliche Maps im Sandkasten-Modus. In diesem lässt sich sogar der Schwierigkeitsgrad anpassen.
Fazit: Town to City lohnt sich nicht nur für Cozy Gamer
Town to City ist eindeutig ein Cozy Game. Obwohl der maximale Kontostand stark begrenzt wird, habt ihr nie finanzielle Probleme, es gibt wenig Management von Resourcen und Infrastruktur und auch sonst lässt das Spiel die Peitsche verschlossen und motiviert lieber durch pixeliges Zuckerbrot.
Das funktioniert so gut, weil Town to City einen überraschend organischen Flow aufbaut. Das Tempo in dem wir neue Dinge freischalten und die Art wie wir zum Schönbau motiviert werden ist einfach außergewöhnlich gut gemacht. An dieser Stelle können sich auch Genre-Schwergewichte noch etwas abschauen. Der verträumte Voxel-Look umarmt dabei perfekt das unbeschwerte Spielgefühl.
Ist Town to City ein Spiel, dass mich hunderte Stunden beschäftigen wird? Das eher nicht. Die teilweise absurd detailverliebten Städte auf Reddit zeigen aber, dass man durchaus viel Zeit in das Spiel investieren kann. Dass die zwei freischaltbaren Städte ihre eigenen Mechaniken und neue Gebäude-Skins mit sich bringen, deutet zudem auch noch ein Erweiterungspotential für künftige Updates oder DLCs an.
Ungenutzt ist aber auch noch das Modpotential des Spiels. Hier fehlt es noch an einem richtigen Support, damit die Community das Spiel um eigene Assets erweitern kann. Da Station to Station im letzten Update aber auch eine Importfunktion für eigene Zugmodelle bekam, kann hier noch einiges passieren. Für schmale 28,99 Euro bekommt ihr hier aber schon ein inhaltsstarkes Paket, das bestimmt bald auch mal im Sale ist.
Fun Fact
Mit ihrem nächsten Spiel Steam to Electric geht es zurück auf die Schiene. Statt einzelner Puzzle-Level steht diesmal aber der Aufbau eines Transport-Imperiums in einer offenen Spielwelt auf dem Fahrplan. Als Züge nutzt es dabei einige der kuriosesten realen Zug-Experimente wie die Gyro-Monorail von Louis Brennan oder das von Propellern betriebene George Bennie Railplane.
Image by Galaxy Grove, Screenshots by Stefan Reismann
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