Anfang September vergangenen Jahres erschütterten blutige Proteste Nepals Hauptstadt Kathmandu. Das besondere daran: Sie gingen von der jungen Generation Z aus führten schließlich zum Rücktritt des Regierungschefs und Wahlen einer Übergangsregierung auf Discord.
Am 5. März waren in Nepal nun die offiziellen Neuwahlen, die so ausschlaggebend für die Zukunft der jungen Republik sein werden wie noch nie. Wie es dazu kam, erklären wir hier.
Eine junge Republik
Das kleine Land am Himalaya ist erst seit 2008 eine demokratische Republik, nachdem ein über zehn Jahre andauernder Bürgerkrieg den Weg dafür ebnete. Zuvor regierte seit dem 18. Jahrhundert ein König das Land. Dessen Macht wurde 1990 mit der Einführung einer Verfassung, und somit den ersten demokratischen Ansätzen, eingeschränkt. In der konstitutionellen Monarchie, in der sich auch der König nach der Verfassung (oder Konstitution) richten musste, wurden die Rufe der Bevölkerung nach einer Demokratie immer lauter.
Durch soziale Ungleichheit und massive Armut motiviert, organisierten sich immer mehr Rebellen um die Monarchie endgültig zu stürzen. Über 16.000 Todesopfer forderte der Krieg, der 2006 mit einem Friedensabkommen und der Abschaffung der Monarchie endete. Eine föderale Verfassung, die das Land in Bundes-, Provinz- und lokale Ebenen aufteilt, wurde 2015 verabschiedet.
Doch auch das neue Parlament schaffte es nicht die nepalesische Bevölkerung zufrieden zu stellen. Koalitionsbrüche, parteiinterne Machtkämpfe und Korruptionsvorwürfe legen einer stabilen Regierung Steine in den Weg. Dazu kommen die ökonomischen Belastungen, denn Nepals Wirtschaft leidet unter hoher Arbeitslosigkeit und einer, damit einhergehenden, Arbeitsmigration.
Geringe Löhne und mangelnde Arbeitsplätze zwingen viele Nepales*innen dazu im Ausland nach Arbeit zu suchen um ihre Familien zu unterstützen.
In Ländern wie Katar, Saudi Arabien und Malaysia arbeiten sie nicht selten bei minimalen Sicherheitsvorkehrungen auf Baustellen oder in Fabriken. Und das über zehn Stunden am Tag, für wenig Geld, in der brütenden Hitze. Um solch einen Job zu bekommen, müssen die Arbeitssuchenden oft hohe Summen an Vermittlungsagenturen zahlen. Da viele diese Summen alleine nicht stemmen können, nehmen sie Kredite auf. Trotz der schlechten Bedingungen müssen sie dann also an ihrem Arbeitsplatz bleiben, um ihre Schulden abbezahlen zu können.
Eskalation über Social Media
Gerade die junge Generation Z nutzte Social Media Plattformen um ihren Frust und Kritik am bestehenden System zu äußern. Ein System, in dem eine politische Elite zu den Top 1% der erwerbsfähigen Bevölkerung gehören, die 24% des gesamten Privatvermögens besitzen. Der, durch offizielle Gehälter nicht zu erklärende, Reichtum fließt auch an die Familien der Regierungsmitglieder.
Im Zuge dessen ging in Nepal im September 2025 der Hashtag #nepokids viral. Ein Nepo Kid ist ein Kind, das durch seine Verwandtschaftsverhältnisse von einer Vetternwirtschaft, oder Nepotismus, profitiert. Unter diesem Hashtag bündelte die Gen Z ihre Wut und versuchte mehr Aufmerksamkeit auf regierungsinterne Korruptionsvorwürfe zu lenken.
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Ein Weihnachtspost, den 2024 der Sohn eines hochrangigen Politikers auf Instagram teilte, wurde schnell zum Symbolbild der Bewegung. In diesem kniet ein junger Mann neben einem Weihnachtsbaum, der aus gestapelten Kartons diverser Luxusmarken besteht.
Über ein halbes Jahr nach seiner Veröffentlichung, brachte dieser Post nach Angaben von Mitgliedern der Protestbewegung das Fass endgültig zum Überlaufen. In einem Land, in dem jeder Fünfte in Armut lebt, sorgte er für nationale Empörung in der Bevölkerung.
Diese Empörung wurde so groß, dass die Regierung Anfang September 2025 nach immer stärker werdenden Regularien, schließlich insgesamt 26 Social Media Plattformen verbot. Eine davon war Discord.
Mobilisierung über Discord
Discord ist eine besonders bei Gamer*innen beliebte Kommunikationsplattform. Chats, Voice- und Videocalls für mehrere Personen bieten diversen Communities die Möglichkeit zur digitalen Vernetzung und Organisation. Auch eigene Server können auf Discord zu bestimmten Themen erstellt und verwaltet werden.
Die Moderatoren des Servers “Youth Against Corruption”, zum Großteil Studenten oder gerade erst aus der Schule raus, nutzten diesen zur Koordination von Protestbewegungen gegen eine lange andauernde nationale Krise.
Mit der offiziellen Begründung Hassrede und die Verbreitung von Desinformationen einschränken zu wollen, sperrte die Regierung unter Premierminister Khadga Prasad Sharma Oli neben Discord auch Plattformen wie Instagram, YouTube und WhatsApp. Kritiker der Regierung sahen darin eine Einschränkung der Meinungsfreiheit, was zu weiterem Vertrauensverlust in die herrschende Partei führte.
Diese Einschränkungen hielt die Gen Z jedoch nicht davon ab, sich auch weiterhin online zu mobilisieren. VPN Dienste wurden zu einer wichtigen Grundlage der Protestbewegung.
Am 08. September 2025 verlagerte sich der Protest vom Internet auf die Straßen von Kathmandu, die Hauptstadt Nepals. Die Polizei setzte Tränengas, Wasserwerfer und zusätzlich zu Gummigeschossen auch scharfe Munition gegen die Protestierenden ein. An diesem Tag im September starben 19 Person bei den Straßenschlachten, über 300 wurden verletzt. Als Reaktion auf die hohen Opferzahlen, massiven Proteste und den immer stärker werdenden politischen Druck, trat einen Tag später, am 09. September, der derzeitige Regierungschef Oli zurück. Bereits früher am Tag hob die Regierung unter ihm das Social Media Verbot auf und verhängte Ausgangssperren.
Nepals Jugend wählt – auf Discord
Insgesamt zählten die, trotz der Ausgangssperren, knapp eine Woche andauernden Massenproteste 76 Todesopfer und über 2000 Verletzte. Anhänger der Bewegung warfen Steine auf Polizist*innen und setzten Regierungsgebäude in Brand. Neben dem Parlamentsgebäude fiel auch das Haus des Politikers, dessen Sohn mit seinem Weihnachtsbaum unfreiwillig viral gegangen war, den Flammen zum Opfer.
An den goldenen Toren des brennenden Singha Durbar Palastes, dem Verwaltungszentrum der Regierung, hängt eine Piratenflagge. Die Flagge mit grinsendem Totenkopf und Strohhut, stammt aus dem populären Manga One Piece. In diesem geht es auch um den Widerstand der rebellischen Piraten gegen die korrupte Weltregierung – ein Leitmotiv, mit dem sich viele junge Nepales*innen identifizieren können. Mittlerweile ist die Flagge bei Protesten auf der ganzen Welt zum Symbolbild geworden.
Infolge des Rücktritts des Premierministers Oli wurde auf dem Discord Server “Youth Against Corruption”, mit über 100.000 Mitgliedern, am 12.09. für eine*n Interimsnachfolger*in des Premierministers abgestimmt. Da der Server immer unübersichtlicher wurde und nicht darauf geachtet werden konnte, dass ihm nur Personen aus Nepal beitraten, drängten die Moderatoren auf eine zeitige Abstimmung. Die Wahl auf Discord wurde sogar im TV übertragen und von Nachrichten Kanälen livegestreamt.
Am Ende gaben 7.713 Nutzer*innen ihre Stimme ab, grob 50% stimmten für die ehemalige Präsidentin des obersten Gerichtshofes in Nepal, Sushila Karki. Sie gilt im Land als Kämpferin gegen die Korruption und trat am 12. September als erste Frau das Amt der Premierministerin an. Vom Präsidenten Nepals, der eher eine formelle Aufgabe bekleidet, wurde sie offiziell vereidigt und arbeitet seitdem auf die wichtigen Neuwahlen im März 2026 hin.
Die Neuwahlen
Nepal hat gewählt. Von knapp 19 Millionen registrierten Wähler*innen, gaben rund 60% am 05. März diesen Jahres ihre Stimme ab. Und die Ergebnisse sind historisch.
Bei der Wahl zeichnete sich schnell ein klarer Sieg der Rastriya Swatantra Party (RSP) ab. Sie gilt als progressiv, demokratisch und positioniert sich deutlich gegen die Korruption im Land. Balendra Shah, ehemaliger Rapper und Ex-Bürgermeister von Kathmandu, ist der Top-Kandidat für das Amt des Premierministers. Er gewann seinen Wahlkreis Jhapa-5 deutlich, mit einer Mehrheit von fast 50.000 Stimmen, gegen den ehemaligen Premierminister Oli. Insgesamt erhielt seine Partei 48,81% der Stimmen. Die zweitstärkste Partei wird die Nepali Congress Party (NCP) mit 16,51%.
Der 35-jährige unterstütze während der Proteste auf den sozialen Medien die Kernforderungen der Gen Z. Viele Anhänger*innen der Bewegung fühlten sich durch ihn nicht nur gesehen, sondern auch repräsentiert. Sie interpretieren seinen Wahlsieg als Wendepunkt in dem von Korruption gebeutelten Land.
Shah und seine Partei wollen unter anderem der Arbeitsmigration in Nepal entgegenwirken, das politische System effizient reformieren und so Nepals Zukunft sichern.
Image via ChatGPT (KI-generiert)
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