100 Kommentare: geprüfte Ware, Herkunftsnachweis

AOL macht sich in den Staaten zunehmend unbeliebt. Zunächst war die Übernahme der HuffPost ein Sargnagel für die Blogger-Community. Sie hatte zwar ihren Zenith allein deshalb überschritten, weil mehr als 70% des Inhalts Beiträge zweiter und dritter Ordnung waren, also Artikel über Artikel. Aber dennoch wurde die Gemeinschaft der Autoren von Arianna Huffington verschaukelt. AOL hatte auch keine besonders gute Figur gemacht. Nun werden neue Stimmen laut über den anderen Coup von „Silly AOL“: Denn bei techcrunch, einer Website über die Gerüchteküche im Silicon Valley hat man die universale Kommentarfunktion von disqus, die auch viele hiesige Blogger verwenden, damit man sich mit einem beliebigen Account eines Sozialen Netzwerks oder eben per Mailadresse registrieren kann, einfach mit der neuen facebook-Kommentarfunktion ersetzt. Alternativen? Ja klar, ein Yahoo-Account, aber wer hat sowas heutzutage?

Jetzt diskutiert Martin Weigert auf netzwertig.com, ob und wie das klappen kann, mit dem neuen Datenkraken Facebook.

Und unweigerlich kommt es wieder zu der unseligen Diskussion über anonyme Kommentare, die ja mit einem Facebook-Login gar nicht möglich wären. Jedenfalls ist seit Neueinführung der FB-Kommentare der Einbruch der Kommentarmenge dramatisch. Doch die Redaktion bei techcrunch kommuniziert diesen Einbruch als gewollte und sinnvolle Aktion gegen Trolle. Kein Wunder, wenn man ein Website mit Tausenden Kommentaren am Tag hat, dann ist die Pflege und das Aussortieren von Trollkommentaren eine Sisyphos-Arbeit. Insofern soll also der Mist („bullshit„), der sich dort ansammelte, nun verschwinden, weil Facebook nur reale Klarnamen ermöglicht, zumindest sollte das so sein, aber das könnte sich ja ändern. Es wäre also möglich, dass Facebook bald einen enormen Zuwachs an neuen aktiven Nutzern hat, die in einem zweiten Browser mit einer zweiten FB-Identität endlich wieder rumprollen können…Außerdem werden dies all diejenigen tun, die ihren FB-Account nur privat nutzen wollen. Und die ganzen Firmen auf facebook könnten mit ihren Accounts die Kommentarfelder aller großen Websites die dies einsetzen vollspammen und haben so tolle backlinks auf ihre Fanpage…

Aber das eigentliche Problem liegt natürlich tiefer: Man kann endlich gutes Profiling via Kommentaren machen. Schirrmachers Lieblinge, die Algorithmen, können dann bei Facebook viel erkennen über das Herumsurfen auf fremden Websites und die Meinungen aggregieren, die dort verbreitet werden. Dabei werden natürlich die Themen als besonders hilfreich für die Werbeindustrie sein. Denn wer zu etwas eine Meinung schreibt, der ist in diesem Thema engagiert. Und so kommt zusammen, was aus der Sicht einiger immer zusammen sollte, was Google aber als Tyrannosaurus Rex der Datenkraken nie schaffte: Das Sammeln von Persönlichen Daten, Fotos, aktuellen Lokaldaten und Kaufverhalten zusammen mit Meinungen, Webprofilen und ganzen Klickhistorien via Like-Button.

Dagegen ist Google besagter Dinosaurier kurz vor dem Einschlag des Meteoriten. Da ist mir das Problem mit den anonymen Kommentaren – gelinde gesagt – …egal.

Der Like-Button 2.0, eine Evolution des Datenmagneten. Wenn das so weiter geht, dann werde ich noch zum radikalen Datenschützer.

Jörg Wittkewitz

  ist seit 1999 als Freier Autor und Freier Journalist tätig für nationale und internationale Zeitungen und Magazine, Online-Publikationen sowie Radio- und TV-Sender. (Redaktionsleiter Netzpiloten.de von 2009 bis 2012)


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