Weblogs und Journalismus: Lernen statt ausblenden.

Was Weblogs von traditionellen Medien lernen können. Anregungen von Gastautor Jan Tißler

Viele Journalisten und alte Medien könnten von Bloggern und ihren Seiten viel lernen: Begeisterung für ihre Arbeit beispielsweise, die Lust am Berichten, Spaß an der eigenen Meinung und den Mut, einfach mal aus der Reihe zu tanzen, wenn einem danach ist. Von der „Lesernähe“ wollen mir mal gar nicht reden.
Erstaunlicherweise können Weblogs aber auch von Zeitungen und Zeitschriften einiges lernen. Jedenfalls, wenn es um eine bestimmte Art von Weblogs geht.

Weblogs spiegeln eine Lebenseinstellung, haben kaum Regeln. „Verlinke Deine Quellen“ könnte eine wichtige Regel sein, um es sich mit der Blogosphäre nicht zu verscherzen. „Spamme nicht“ eine andere.

Ansonsten sind Weblogs dazu da, mit einer Öffentlichkeit zu teilen, was einem wichtig ist.

Weblogs als Technologie können allerdings viel mehr. Problemlos ist eine Software wie WordPress einsetzbar, um ein Online-Magazin zu starten. Sie ist geradezu dafür prädestiniert. Manch einer hat sogar plötzlich ein gefragtes Weblog – und hatte es gar nicht geplant. Die Leserzahlen steigen und die ersten Einnahmen sind da. Und dann?

Dann hat manch einer vielleicht Lust, noch mehr Leser zu haben (und noch mehr Einnahmen).

Aber wie begeistert man denn Leser? Wie hebt man sich eigentlich ab von all den anderen Weblogs?

Thema 1: Verlässlichkeit

Zum Beispiel mit etwas extrem Altmodischen: Verlässlichkeit. Wer sich einmal bei den alten Medien umschaut wird feststellen, dass es nicht ohne Verlässlichkeit geht. Die Zeitung liegt morgens im Briefkasten. Die Abendausgabe der „Tagesschau“ beginnt um 20 Uhr. Der neue „Spiegel“ ist am Montag am Kiosk.

Warum machen die das? Weil viele Leute das mögen. Und weil man sich so besser in den Alltag der Menschen integriert. Regelmäßigkeit prägt sich ein. Sie erleichtert den Interessenten, sich an die Sendung, die Zeitung oder die Zeitschrift wieder zu erinnern. Außerdem gibt sie ein Gefühl von Sicherheit.

Denn nicht nur die Erscheinungsweise ist verlässlich, auch der Inhalt ist verlässlich gegliedert.

Zeitungen haben beispielsweise bestimmte Rubriken wie Politik, Wirtschaft, Lokales usw. Die erscheinen immer, meist sogar in derselben Reihenfolge. Wer sich als erstes für die Lokalseiten interessiert, schlägt die Zeitung dort auf, wo sie in der Regel zu finden sind. Das erleichtert den Medienkonsum und befriedigt die Erwartungen.

Natürlich kommt man dann in den Zwang, diese Erwartungen befriedigen zu müssen. Das ist eine Schattenseite dieses sehr regelhaften Arbeitens. Zudem ist gerade das Weblog für schrankenloses Veröffentlichen gedacht. Klar.

Es geht auch nicht darum, aus einem Weblog eine Tageszeitung zu machen. Es geht aber um die Überlegung: Kann ich meinen Lesern nicht (zusätzlich) etwas anbieten, auf das sie sich auf jeden Fall verlassen können? Jeden Tag ein Foto, immer freitags eine Bücherrezension, mittwochs der kuriose Surftipp der Woche?

Wer das macht und es gut macht, wird sich mehr und mehr in den Alltag seiner Leser schleichen. Leser werden zu Stammlesern. Stammleser werben neue Leser.

Logisch ist auch: Langweiliger Mist wird auch durch regelmäßiges Erscheinen nicht besser. Das behauptet auch keiner (hoffentlich).

Zur inhaltlichen Verlässlichkeit gehört auch ein klares Profil. Viele Blogs entstehen aus dem Bauch heraus und werden gerade deshalb von ihren Lesern gemocht. Angesichts der Vielzahl von Informationsquellen wird es aber immer schwerer, mit einem Vielfaltblog zu punkten. Wer sich ein scharfes Profil gibt und zeigt, wo er sich auskennt und worum es in dem Blog geht, hat bessere Chancen.

Nicht nur Berichte

Obwohl es sehr viele journalistische Darstellungsformen gibt, findet sich in Blogs meist eine Art kommentierender Bericht. Man könnte es als Leitartikel bezeichnen.

Das ist okay. Aber das machen alle.

Tatsächlich gibt es noch sehr viel Möglichkeiten. Im Volontariat lernt man sie und übt sie und probiert damit herum. Und dann kommt der Alltagsstress und alles ist vergessen.

Ein Beispiel ist das Interview. Für den Leser ist es sehr angenehm, weil der Text automatisch gut strukturiert ist und man sich die interessantesten Themen raussuchen kann. Außerdem interessieren sich Menschen immer für andere Menschen. Für den Blogger ist es angenehm, weil er nur einen Teil des Artikels erarbeiten muss. Man erstellt den Fragenkatalog, verschickt ihn per E-Mail und bekommt den fertigen Text zurück. Sehr bequem.

Etwas unbequemer ist das Telefon-Interview. Dafür fällt es hier leichter, den Text hinterher zu gestalten. Außerdem schreiben manche Menschen wesentlich umständlicher als sie sprechen. Dann wirkt das Mail-Interview unnatürlich und gestelzt und das echte Gespräch ist besser.

Eine Rubrik wie „Fünf Fragen an…“ findet sich in vielen Zeitungen und Zeitschriften und eignet sich ebenso für Weblogs. Das eignet sich auch für Artikelserien: Interviews zu einem Thema. Dann ist es sogar sinnvoll, dass alle dieselben Fragen beantworten, was es für den Blogger noch einfacher macht. Interessant ist es auch noch.

Ein anderes Stilmittel ist die Reportage. Hier war der Autor selbst an Ort und Stelle und schreibt hinterher einen Text, der eigene Eindrücke und Fakten möglichst unterhaltsam und informativ miteinander verknüpft. Das gehört schon zur hohen Schule, liest sich dann aber auch wirklich klasse.

Die letzte Anregung ist eigentlich keine Darstellungsform: Hintergrund und Service. Der Gedanke: Nicht jeder Leser hat Zeit, immer auf dem Laufenden zu bleiben. Um so dankbarer wird es aufgenommen, wenn jemand Geschehnisse zusammenfasst, Zahlen und Fakten sammelt und Listen erstellt. Solche Artikel gehören übrigens auch immer zu denen, die am ehesten verlinkt und als Lesezeichen abgespeichert werden.

Team statt Einzelblogger

Die meisten alten Medienprodukte entstehen im Team. Blogger bloggen meist allein. Und wenn sie im Team bloggen, dann bloggen sie oftmals gemeinsam allein. Was ich damit meine: Weblogs gestalten bislang selten, was sie tun. Sie verteilen die Last nicht auf mehreren Schultern. Sie „fahren“ keine Themen.

Das wäre so, als würde eine Tageszeitung nur von lauter freien Journalisten gemacht, bei denen jeder von den Themen der anderen aus der Zeitung erfährt. Es läuft aber anders: Eine Redaktion setzt sich zusammen, bespricht Themen, sammelt Ideen und verteilt dann Aufgaben. Am Ende bekommt der interessierte Leser viele Informationen und keine Dopplungen. Das Gesamtprodukt ist nützlicher und interessanter.

Zudem findet der Leser die Artikel auch, weil sie gemeinsam auf einer Seite stehen oder der eine auf den anderen verweist und muss nicht erst mühsam danach suchen.

Blogs könnten das auch, sogar besser. Technisch geht das sowieso, inhaltlich auch: Denn im Gegensatz zu den Journalisten in den Redaktionen werden Weblogs nicht selten von Experten auf ihrem Gebiet gemacht. Wer kann schon Rechtsfragen sicher beurteilen? Lawblogger aber gibt es einige. Außerdem Selbstständige, Designer, Autoren, Firmeninhaber und und und. In der Blogosphäre gibt es so ungeheuer viel Fachwissen und wertvolle Information, dass es manchmal richtig wehtut, dass es bislang so wenig gesehen und beachtet wird.

Jan Tißler, Jahrgang 1973, ist Journalist und Blogger – beides aus Leidenschaft. Mit seinem neuesten Projekt „Upload – Magazin für digitales Publizieren“ will er beides zusammenbringen.

Thomas Gigold

Thomas Gigold

ist Journalist und Berufsblogger. Blogger ist Gigold bereits seit den letzten Dezembertagen des Jahres 2000, seit 2005 verdient er sein Geld mit Blogs und arbeitete u.a. für BMW, Auto.de und die Leipziger Messe. Selbst bloggt Gigold unter medienrauschen.de über Medienthemen.

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